4K Upscaling: Wenn 1895 aussieht wie 2020

4K Upscaling: Wenn 1895 aussieht wie 2020

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 05.02.2020

AI Upscaling ist einer der Marketing-Begriffe, die die Fernsehwelt dominieren. Wo Samsung und Co. damit versuchen, neue Fernseher zu verkaufen, bereiten Tüftler im Netz alte Filme neu auf. So sieht ein Film von 1895 aus, als ob er heute gedreht worden wäre.

Auguste and Louis Lumière sind Pioniere der Filmgeschichte. Sie haben zu den ersten Filmemachern der Menschheitsgeschichte gehört, haben die früheste Kinotechnologie erfunden und mit «L'Arrivée d'un train en gare de La Ciotat» einen Film gedreht, der laut urbaner Legende bei der Erstaufführung Angst und Schrecken im Kinosaal verbreitet hat. Denn auf einmal – aus dem Nichts – fährt im 50sekündigen Stumm-Dokumentarfilm ein Zug in voller Grösse auf der Leinwand ein. Für das Publikum der 1890er-Jahre sei das zu viel gewesen.

Der Film ist zwar ein Klassiker, glänzt aber nicht durch berauschende Qualität. Bis dato war eine digitalisierte Version des Originalfilms die beste Version des Films. Bis zum Zeitpunkt an dem er beweist, dass AI Upscaling doch einen Nutzen hat.

Die künstliche Intelligenz legt los

Im Jahr 2020, 125 Jahre nach der Erstaufführung, hat sich Youtube User Denis Shiryaev dem Film angenommen. Er hat sich das obige Video, das nur in einer Qualität von 720p auf Youtube ist, heruntergeladen und dann die Gigapixel AI aus dem Hause Topaz Labs auf den Zug angesetzt.

Das Video erstrahlt in einer Auflösung von 3840×2160 Pixeln, je nach Marketing 4K oder UHD genannt. Dazu hat Denis es mit Depth-Aware Video Frame Interpolation geschafft, die Framerate des Videos auf 60fps zu erhöhen – die Software wurde in Zusammenarbeit von der Shanghai Jiao Tong University, der University of California und Google entwickelt.

Damit zeigt Denis auf, was AI Upscaling tatsächlich zu leisten vermag. Wenn Samsung und Co. in der Fernsehtechnologie von AI Upscaling reden, dann werden meist die neuesten Blockbuster in 4K auf 8K erhöht. Der Unterschied ist beim Blockbuster-Aufwerten klein. Doch Denis hat kurzerhand ein Stückchen Geschichte genommen und es so aufbereitet, dass das Bild wohl besser denn je ist. Wenn du das Original und die 4K60fps-Version direkt vergleichen willst, der Youtube Multiplier kann das. Das Original ist übrigens in einer Auflösung und einer Framerate gedreht worden, die nicht so genau feststellbar sind. Denn an Auflösung und Framerate haben die Gebrüder Lumière damals nicht gedacht. Die Begriffe sind erst später erfunden worden.

Dann kommt der Channel DeOldify Video daher und setzt noch einen drauf. Mithilfe des Projekts DeOldify von Jason Antic ist der Film eingefärbt worden.

Apropos Furcht und Schrecken

Eine Anmerkung zum Schluss noch: Die urbane Legende von Furcht und Schrecken ob dem Zug, der da in Lebensgrösse auf einer Leinwand im Jahre 1895 einfährt, dürfte erfunden sein. Die Legende hat Journalist und Literaturkritiker Hellmuth Karasek im Spiegel im Jahre 1994 wie folgt aufgegriffen.

«Ein Kurzfilm wirkte besonders nachhaltig, ja er erzeugte Furcht, Schrecken, sogar Panik. Panik, auch dies ist wieder ein Wort, daß das Gemeinschaftserleben beschreibt, eine Reaktion nicht einzelner, sondern des Publikums.»
Hellmuth Karasek, Spiegel, 26. Dezember 1994

Dem widerspricht Filmwissenschaftler und Historiker Martin Loiperdinger in der Filmzeitschrift The Moving Image, zehn Jahre nachdem Karasek die Legende aufgegriffen hat. Obwohl das Publikum beeindruckt war, dürfte da keine Massenpanik gewesen sein.

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ein Film laut Legende und/oder Marketing zu grausig für ein Publikum sein sollte.

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Hintergrund

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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