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Diesen Gegenstand benutzt du jeden Tag, aber so hast du ihn noch nie gesehen

Pia Seidel
08.09.2022
Bilder: Pia Seidel

Designerin Disharee Mathur verwandelt beschädigte Gegenstände, die du in jedem Haushalt findest, in Vasen und Accessoires. Mit etwas Fantasie kommst du vielleicht schon beim Lesen der ersten Zeilen darauf, um welche es sich dabei handeln könnte.

Einer der besagten Gegenstände ist oval und aus glattem, weissem Porzellan. Er hat auf zwei Seiten jeweils ein Loch. An der einen Seite hat er einen Deckel dafür, auf der anderen ein Rohr, das in die Unterwelt führt. Den Deckel schlagen viele Menschen zu, wenn sie den Gegenstand nicht mehr nutzen. Solange er nicht heruntergeworfen wird, ist er ein recht robustes Objekt, das in einer Fabrik entsteht. Erst wenn er fehlt, merkst du, wie sehr du darauf angewiesen bist und wie schnell wir Bestehendes als selbstverständlich hinnehmen: eine Toilette.

Wenn ihr Porzellan beschädigt ist oder sie mit sonstigen Makeln aus der Produktion kommt, landet sie manchmal auf dem Müll, noch bevor sie benutzt wurde. Sofern sie nicht in die Hände von Disharee Mathur gerät. Für ihr Projekt «NewBlue» recycelt die Designerin mit einem Abschluss in Innenarchitektur und Innovation Design Engineering postindustrielle Sanitärabfälle. Sie macht aus dem Rohmaterial, das von defekten WCs, Waschbecken und Glasteilen stammt und sich nicht verkaufen lässt, wieder neue Keramikstücke wie stapelbare Vasen.

Die Idee, ausgerechnet WCs wiederzuverwerten, entstand während des Projekts. «Eigentlich wollte ich in erster Linie dazu beitragen, das Handwerk der Jaipur Blue Pottery Community zu erhalten und dafür mit ihnen gemeinsam ein innovatives Co-Design entwickeln,» sagt Disharee. Jaipurs blaue Keramik ist eine seltene Töpfertechnik, bei der kein Ton eingesetzt wird. Stattdessen werden Quarzpulver aus der Region, recyceltes Glas, pflanzlicher Gummi sowie Sand als Bindemittel miteinander vermischt und zu einem formbaren Teig verarbeitet. «Auf der Suche nach nachhaltigem Material, das kompatibel mit den vom Handwerk traditionell verwendeten Bio-Bindemitteln ist, bin ich schliesslich auf Abfalltoiletten gestossen.»

Dennoch dauerte es 18 Monate, bis die Designerin und die Töpfergemeinschaft ein geeignetes Rezept fanden, bei dem weder die Technik noch der Prozess des Kunsthandwerks verändert werden müssen. «Am Anfang war es schwer, den Abfall zu beschaffen. Später war es eine Herausforderung, die nötige Partikelgrösse der zerkleinerten Sanitärreste für das Rohmaterial des Jaipur Blue Pottery-Handwerks ermitteln. Nach zahlreichen Schleifrunden in der Werkstatt, Probeentnahmen und Tests im Labor haben wir schliesslich die richtige Form gefunden.» Mittlerweile stammen die Sanitärkeramikabfälle aus mehreren kleinen und grossen Quellen wie Keramikfabriken oder lokalen Einzelhändlern, die Ausschussteile mit Rissen ansammeln. Das Altglas kommt hingegen zum Beispiel von Baustellen, Bilderrahmengeschäften und Müllsortierstellen.

Die Vasen aus der Kollektion «NewBlue» setzen sich unter anderem aus zerkleinerten WCs zusammen und lassen sich aufeinander stapeln.
Die Vasen aus der Kollektion «NewBlue» setzen sich unter anderem aus zerkleinerten WCs zusammen und lassen sich aufeinander stapeln.
Foto: Pia Seidel
Die Form der Lampenschirme erinnert an die Form eines Lotus.
Die Form der Lampenschirme erinnert an die Form eines Lotus.
Schön und schlau: Diese Wandfliesen kühlen Hausfassaden dank ihres Materials.
Schön und schlau: Diese Wandfliesen kühlen Hausfassaden dank ihres Materials.
Foto: Pia Seidel

Die Vasen und Lampen sind von einer der ältesten Formen der Blauen Töpferei inspiriert: dem Lotus. Die Fliesen orientieren sich hingegen an der traditionellen Praxis, Wasser in Terrakottagefässen kalt zu halten. Sie nutzen die Stärke und Fähigkeit ihres Materials, Feuchtigkeit zu absorbieren und schützen auf diese Weise Gebäudefassaden gegen Hitze. Aktuell sind alle «NewBlue»-Keramikstücke nur auf Bestellung erhältlich. Disharee arbeitet aber in den kommenden Monaten am Aufbau ihres eigenen Onlineshops sowie diversen Kooperationen mit Galerien und Marken, bei denen auch neue Formen mit dem «neuen blauen Material» entstehen sollen. Denn die interdisziplinäre Designerin hat das Potenzial im bereits Bestehenden erkannt. Sie sieht Abfall als Reichtum und will mit der neuen Rezeptur weiterhin das Erbe des indischen Handwerks erhalten.

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Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres.
– Albert Einstein


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