Ob «Snappy» bald auch die Bezahlung mit Kryptowährungen bei Digitec Galaxus erleichtern wird? Bildquelle: Thomas Kunz
Ob «Snappy» bald auch die Bezahlung mit Kryptowährungen bei Digitec Galaxus erleichtern wird? Bildquelle: Thomas Kunz
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Sicher, schnell und praktisch: Die ETH will Kryptozahlungen vereinfachen

Raphael Knecht
Raphael Knecht
Zürich, am 06.05.2020
Kryptowährungen sind aus dem Finanzhandel nicht mehr wegzudenken. Bis das Bezahlen im Alltag problemlos möglich ist, dauert es aber noch eine Weile. Ein ETH-Team will diesen Prozess mit einer Eigenentwicklung beschleunigen.

Digitale Währungen sind längst zum Mainstream und damit zur Alternative fürs Anlageportfolio geworden. Die beiden grössten Player, Bitcoin und Ethereum, machen zusammen über 140 Milliarden Euro an Kryptogeldern aus, die sich im Umlauf befinden. Dass sich die Coins auch im Alltag als Zahlungsmittel durchsetzen, daran wird fleissig gearbeitet. Heute kann es beispielsweise fast eine Stunde dauern, bis eine Bitcoin-Zahlung genehmigt wird. Ether, das explizit als konventioneller Geldersatz kreiert wurde, ermöglicht dem User, den Bezahlvorgang in drei Minuten abzuschliessen. Weil niemand drei Minuten an der Migroskasse oder im Onlineshop auf eine Transaktionsbestätigung warten möchte, hat ein Team an der ETH «Snappy» erschaffen – ein System, das den Bezahlprozess von Ether im Nu abwickeln soll.

Wieso Kryptozahlungen so lange dauern

Srdjan Capkun, Professor für Informationssicherheit an der ETH Zürich, erklärt, dass dies an den Blockchains liege, auf denen alle Kryptowährungen basieren. Eine Blockchain besteht aus Informationen, die auf einem gemeinsam genutzten Datenregister gespeichert sind. Es gibt keinen zentralen Server für die Daten. Diese werden ständig auf tausend verschiedenen Servern abgeglichen, die am Blockchain-Netzwerk beteiligt sind. Aus diesem Grund braucht es sehr lange, bis eine Transaktion kommuniziert und bestätigt werden kann.

Srdjan Capkun, ETH-Professor für Informationssicherheit und der Kopf hinter «Snappy». Bildquelle: ETH Zürich Foundation
Srdjan Capkun, ETH-Professor für Informationssicherheit und der Kopf hinter «Snappy». Bildquelle: ETH Zürich Foundation

Das Positive am Ganzen? Eine der grossen Stärken von Kryptowährungen: Die Daten sind transparent und sicher. Weil alle Informationen gleichzeitig auf unzähligen Servern zwischengespeichert werden, haben alle Mitglieder des Krypto-Netzwerkes Einblick in die Daten. Sie können nicht manipuliert werden, es gelten für alle dieselben automatisierten Regeln und Institutionen wie Regierungen, Kreditkartenfirmen oder Banken können keinen Einfluss darauf nehmen.

Digitales Pfand im Hintergrund

Viele versuchten bereits, die Kryptozahlungen zu beschleunigen. Bisher war es dafür jedoch immer notwendig, den Prozess aus der Blockchain zu nehmen. Das funktionierte zwar mittels Vorher- und Nachher-Synchronisation einwandfrei, aber die Transparenz, Autoritätsfreiheit sowie Sicherheit gingen dabei verloren. Aus diesem Grund entwarfen Capkun und ein Kollege vom University College in London mit «Snappy» ein digitales Pfandsystem, das im Hintergrund der Zahlungen abläuft und sehr simpel ist. Kunden hinterlegen bei einer Zahlung ein Depot in gleicher Höhe, das solange bestehen bleibt, bis die Zahlung bestätigt worden ist – bei Bitcoins eine Stunde, bei Ether drei Minuten.

Die Komplexität der Blockchain lässt erahnen, weshalb Zahlungsbestätigungen so lange dauern. Bildquelle: Bitpanda
Die Komplexität der Blockchain lässt erahnen, weshalb Zahlungsbestätigungen so lange dauern. Bildquelle: Bitpanda

Diese drei Minuten, in welchen das Pfand bei Ether aktiv ist, fallen beispielsweise im eigenen virtuellen Portemonnaie nicht auf. Der Empfänger der Zahlung kann den Geldfluss sofort bestätigen, ohne dass er dabei potenzielle Verluste befürchten muss. Schlecht: Der Verkäufer sieht erst nach Ablauf der drei Minuten, ob der Kaufpreis gedeckt ist. Gut: Hier greift das Depot, denn falls die Zahlung nicht ordnungsgemäss durchgeführt werden konnte, bekommt der Zahlungsempfänger das Pfand in gleicher Höhe. Dank der Blockchain-Transparenz können dies zudem alle Beteiligten im Netzwerk einsehen – der Verkäufer muss die Zahlung nicht einmal aktiv einfordern.

Schutz für beide Seiten

Nebst den Kunden müssen bei «Snappy» auch die Verkäufer Pfand hinterlegen. Bei einem kleinen Kiosk sind das kleinere Beträge, bei einem grossen Anbieter ist es entsprechend mehr – denn die Depots belaufen sich gemäss Capkun «auf den Betrag aller im gleichen Zeitraum ablaufenden Geschäfte der einzelnen Verkäufer». So entsteht auch für den Kunden eine Absicherung gegen ein möglicherweise böswilliges Verhalten. Zum Beispiel, falls der Kunde seine gekaufte Ware nicht erhält. Alle Zahlungen sind abgesichert und können dank den Einlagen erst noch schnell abgewickelt werden. Ein weiteres Plus: Weder der Kunde noch der Verkäufer merkt bei der Transaktionsabwicklung etwas von den Depots. Automatisierte Smart Contracts – digitale Verträge, die von Computerprotokollen abgebildet werden – laufen bei «Snappy» im Hintergrund ab. Die Regeln und Abläufe, die Smart Contracts festlegen, sind für alle in der Blockchain dieselben.

Zahlungen mit Kryptowährungen wie Bitcoins oder Ether sind noch immer eine Seltenheit. Bildquelle: Thomas Kunz
Zahlungen mit Kryptowährungen wie Bitcoins oder Ether sind noch immer eine Seltenheit. Bildquelle: Thomas Kunz

Das Prinzip ist einfach: Die Protokolle und Algorithmen, die «Snappy» zugrunde liegen, werden über die Ethereum-Blockchain gelegt. Zumindest theoretisch, denn praktisch nutzt das System noch niemand. Capkun und sein Team stellen sich etwa Apps fürs Smartphone vor, die auf «Snappy» aufbauen, als Use Case vor. An der Kasse oder im Onlinehandel würde dann zum Beispiel – ähnlich wie bei Twint – ein QR-Code den Kundenaccount mit dem Zahlterminal verbinden. Der Bezahlvorgang liefe dann so einfach und schnell ab, wie bei kontaktloser Kartenzahlung oder anderen Bezahl-Apps.

«Snappy» ist nur der Anfang

Srdjan Capkun hat nebst dem schnelleren Bezahlsystem für Ether noch weitere Pfeile im Köcher. Er und sein Team haben sich auf die Privatsphäre und Sicherheit der Blockchain spezialisiert. Auch Forschungen zu Trusted Hardware ist ein Schwerpunkt: Er will Geräte – damit sind nicht nur Computer gemeint – entwickeln, die komplett sicherer, manipulationsfreier und vertrauenswürdiger Natur sind. So ist es für den User nicht mehr notwendig, einem Hersteller oder einer anderen dritten Partei blind vertrauen zu müssen.

Trusted Hardware soll vollständige Sicherheit und Vertrauen bieten. Bildquelle: CHIP Praxistipps
Trusted Hardware soll vollständige Sicherheit und Vertrauen bieten. Bildquelle: CHIP Praxistipps

Der Sicherheitsexperte hat sich für dieses Themengebiet entschieden, weil ihn die Aufgaben intellektuell herausfordern. Es gehe ihm nicht um die anarchistischen Ansätze, die sowohl die Blockchain als auch Trusted Hardware unausweichlich mit sich bringen. Es sind Alternativen zu den derzeit vorherrschenden Autoritäten – seien dies Regierungen, Banken oder Wirtschaftsgiganten. Zudem hat Capkun sowohl Bitcoins als auch Ether in seinem Wallet. Primär seien die Technologien dahinter spannend, die Unabhängigkeit und die Transparenz. Risiken werden auf ein Minimum beschränkt und Sicherheit gross geschrieben.

Spannend, aber wie sicher ist «sicher»?

Sollte «Snappy» auf den Markt kommen, könnte das auch für Kryptokritiker und -skeptiker eine valable Alternative bedeuten. Die lange dauernden Zahlungsbestätigungen sind zudem vielen ein Dorn im Auge, die Kryptowährungen gegenüber eine positive Einstellung haben, denen aber die Möglichkeiten im Alltag fehlen. Mit «Snappy» könnte sich das schlagartig ändern. Das Ganze macht vor allem dann Sinn, wenn es nicht um allzu grosse Beträge geht. Denn wenn ein Unternehmen mehrere Millionen Umsatz macht, dann braucht es stets den doppelten Betrag, um den Pfand decken zu können. Das könnte für den einen oder anderen Anbieter zum Problem werden, auch wenn bei Firmen dieser Grösse mehr Geld zur Verfügung steht.

Ob das Bezahlen mit Kryptos dank «Snappy» bald zum Alltag gehört, wird sich zeigen. Bildquelle: Bitcoin Kurier
Ob das Bezahlen mit Kryptos dank «Snappy» bald zum Alltag gehört, wird sich zeigen. Bildquelle: Bitcoin Kurier

Die Trusted Hardware, an der Capkun arbeitet, ist ein Streitthema. Viele fragen sich, ob da nicht etwas gar viel Utopie dahintersteckt. Dass es heutzutage völlig sichere Kommunikationssysteme geben soll, mit denen in der Praxis gleichzeitig auch noch schnell und einfach gearbeitet werden kann? Aber, wer weiss... vielleicht belehrt Capkun alle Zweifler schon bald eines besseren. Wenn du wissen willst, wie es mit «Snappy», Trusted Hardware und Co. weitergeht und rund ums Thema Kryptowährungen auf dem Laufenden bleiben möchtest, dann folge mir mit einem Klick auf den «Autor folgen»-Button.

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Raphael Knecht
Raphael Knecht

Senior Editor, Zürich

Wenn ich nicht gerade haufenweise Süsses futtere, triffst du mich in irgendeiner Turnhalle an: Ich spiele und coache leidenschaftlich gerne Unihockey. An Regentagen schraube ich an meinen selbst zusammengestellten PCs, Robotern oder sonstigem Elektro-Spielzeug, wobei die Musik mein stetiger Begleiter ist. Ohne hüglige Cyclocross-Touren und intensive Langlauf-Sessions könnte ich nur schwer leben.

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