Wer ist Mary Sue?

Wer ist Mary Sue?

Luca Fontana
Luca Fontana
Zürich, am 29.04.2020
Ohne Schwächen, stark und von allen geliebt – ausser von Fans. Doch wer ist Mary Sue? Oder besser: Was ist Mary Sue? Klären wir das mal.

Menschen lieben gute Geschichten. Das lässt uns den grauen Alltag schnell vergessen. Aber selbst eine zu schreiben? Eine schwere Kunst. Das fängt schon bei der wichtigsten aller Fragen für jeden Geschichtenerzähler an:

Wer ist meine Hauptfigur?

Ich meine nicht Name, Vorname oder Geburtsort. Ich meine Eigenschaften und Charakterzüge. Vorlieben und Gewohnheiten. Stärken. Schwächen. Solche Dinge. Sie erwecken eine Figur zum Leben, lassen sie echt wirken. Als ob sie tatsächlich existierte und keine ausgebuffte Erfindung eines bescheidenen Autors wäre – oder schlimmer: eine selbstverwirklichende, idealisierte Projektion seiner selbst.

Eine Mary Sue eben.

Das unfehlbare Stück Scheisse, das niemand mag

Vermutlich hast du schon mal von Mary Sue gehört. In Diskussionsforen und «how to movie»-Vlogs auf Youtube. Oder in meiner Story über MacGuffins, wo Leser JTR.ch folgendes kommentiert hat:

Jetzt noch Mary Sue erklären, könnt ihr ja gut anhand der letzten paar Star-Wars-Filme.

Tatsächlich ist Mary Sue spätestens seit «Star Wars: The Force Awakens» in aller Munde. Denn eine der meistgenannten Vorwürfe am Film ist, dass Rey, die Hauptprotagonistin, eine Mary Sue sei.

Gänzlich daneben ist der Vorwurf nicht.

Schauspielerin Daisy Ridley als Rey in «Star Wars: The Force Awakens»
Schauspielerin Daisy Ridley als Rey in «Star Wars: The Force Awakens»
Lucasfilm

Also. Mary Sue ist keine Person. Mary Sue ist ein Begriff. Er steht für einen Charakter, der moralisch unfehlbar ist und von allen anderen Figuren sofort geliebt wird. Mary Sue meistert Herausforderungen ohne Mühen. Sie ist die Beste und Intelligenteste im Raum, ohne, dass je erklärt würde, wieso. Neue Fähigkeiten lernt sie im Nu. Schwächen hat sie keine. Und wenn doch, dann nur, was sie liebenswert macht. Darum entwickelt sich eine Mary Sue nie weiter. Zumindest nicht charakterlich.

Das ist nicht nur langweilig. Das ist unsympathisch.

Entsprechend der Unmut gegenüber Rey, eine einfache, aber hübsche Schrottsammlerin. Im Film wird sie von allen gemocht. Schliesslich ist sie super und kann einfach alles: Sie kämpft so gut mit ihrem Kampfstab, dass sie später dem erfahrenen Kylo Ren gar Paroli bietet – mit einem Lichtschwert. Ausserdem repariert sie den Millenium Falken, obwohl sie Schrottsammlerin ist, nicht Raumschiff-Mechanikerin. Ausser, sie ist gerade Raumschiff-Pilotin: Ihre Flugmanöver – ausgeführt ohne Co-Piloten – würden gar Han Solo imponieren. Die Macht beherrscht sie, kaum hat sie ihre erste Vision; der arme Sturmtruppler. Selbst Kylo Ren kommt nicht gegen Rey an. Und sie befreit sich selbst aus ihrer Gefangenschaft:

In anderen Worten: Rey definiert sich meistens über ihre überlegenen Fähigkeiten, nie über Schwächen oder Niederlagen, die sie überwinden muss, um daran zu wachsen. Das macht sie als Charakter so unrealistisch perfekt, dass sie nicht echt, sondern erfunden wirkt.

In Filmen und Büchern kommen solche Mary-Sue-Charaktere oft vor. Meistens in Form einer idealisierten Version des oder der Autorin selbst. Eine Selbstprojektion, sozusagen, die Erfüllung eines Wunschtraums. Entsprechend naheliegend der historische Ursprung des Begriffs «Mary Sue»: Fan Fiction.

Genauer gesagt: Star-Trek-Fan-Fiction.

Die Geschichte eines Trekkies

Es ist 1966. NBCs neue Science-Fiction-Serie ist aufregend, aber umstritten. Denn «Star Trek: The Original Series» präsentiert in einer Zeit rassistischer Spannungen ein positives Menschenbild, in dem verschiedene Rassen, Geschlechter und Kulturen – ganz zu schweigen von Aliens – konstruktiv zusammenarbeiten. Eine utopische Vision für anno dazumals.

Nicht nur die 1960er waren knallig und kunterbunt, sondern auch der Star-Trek-Cast
Nicht nur die 1960er waren knallig und kunterbunt, sondern auch der Star-Trek-Cast
«Star Trek: The Original Series»

Aber die Serie hat Fans. Nur nicht viele. «Star Trek» soll nach bloss zwei Staffeln abgesetzt werden. Was folgt, könnte der erste Shitstorm der TV-Geschichte sein: Rund eine Million Protestbriefe erreichen den Sender und fordern eine Fortführung der Serie.

NBC knickt ein. Eine dritte Staffel folgt. Danach ist aber Schluss. Dass das Franchise zehn Jahre später mit seinem ersten Kinofilm wiederbelebt würde, wissen die eingefleischten Fans noch nicht. Das von «Star Trek» hinterlassene Vakuum füllen sie dafür mit eigenen Geschichten.

Fan Fiction.

Die neuen Geschichten werden gelesen. Dann geteilt. In Fanzine Magazinen, nicht-professionellen Fan-Magazinen von Fans für Fans. Schnell gewinnen sie an Momentum. Ein Kult entsteht. Besonders weibliche Autoren malen sich Geschichten aus, in der sie sich selbst reinprojizeiren. Oft als blutjunge weibliche Kadetten, deren übermenschliches Talent sie innert kürzester Zeit zum Captain der Enterprise machen, während sie die Crew bezirzen.

Einem Star-Trek-Fan geht das besonders auf den Keks: Paula Smith.

1973 nimmt sie alle Klischees zusammen und packt sie in eine Parodie, die grotesker nicht sein könnte: «A Trekkie’s Tale». Veröffentlicht wird sie im im Fanzine-Magazin «Menagerie», Ausgabe 2, Seite 6.

Die Protagonistin dieses Kuriosums: Mary Sue.


«Meine Güte, Ohjemine, Donnerwetter», dachte Mary Sue, als sie die Brücke der Enterprise betrat. «Hier bin ich nun, der jüngste Leutnant der Flotte – und erst fünfzehneinhalb Jahre alt.»

Captain Kirk kam auf sie zu. «Oh, Lieutenant, ich liebe Sie wie verrückt. Wollen Sie mit mir schlafen?»

«Captain! So ein Mädchen bin ich nicht!»

«Sie haben Recht, und ich respektiere Sie dafür. Hier, übernehmen Sie das Schiff für eine Minute, während ich uns Kaffee besorge.»

Keine kann Captain James Tiberius Kirk so um den Finger wickeln, wie Mary Sue
Keine kann Captain James Tiberius Kirk so um den Finger wickeln, wie Mary Sue
Bild aus: «Star Trek: The Animated Series

Mr. Spock kam auf die Brücke. «Was machen Sie auf dem Stuhl des Captains, Lieutenant?»

«Der Captain hat es mir befohlen.»

«Das erscheint mir einwandfrei logisch. Ich bewundere Ihren Verstand.»

Captain Kirk, Mr. Spock, Dr. McCoy und Mr. Scott beamten mit Lieutenant Mary Sue nach Rigel XXXVII hinunter. Sie wurden von grünen Androiden angegriffen und ins Gefängnis gesteckt. In einem Moment der Schwäche enthüllte Lieutenant Mary Sue Mr. Spock, dass auch sie halb Vulkanierin sei. Nach einem kurzen Moment der Besinnung konnte sie mit Hilfe ihrer Haarnadel das Schloss des Gefängnisses knacken und alle konnten zum Schiff zurückkehren.

Aber zurück an Bord fanden Dr. McCoy und Lieutenant Mary Sue heraus, dass alle, die heruntergebeamt waren, sich mit der ernsthaften Überfallitis-Erkältung angesteckt hatten, ausser Mary Sue. Während die vier Offiziere in der Krankenstation schmachteten, führte Leutnant Mary Sue das Schiff, und zwar so gut, dass sie den Friedensnobelpreis, den Tapferkeitsorden der Vulkanier und den tralfamadorianischen Orden der Guten Manieren erhielt.

Gegen Mary Sues herrlicher Grossartigkeit ist kein Weltraum-Kraut gewachsen.
Gegen Mary Sues herrlicher Grossartigkeit ist kein Weltraum-Kraut gewachsen.
Bild aus: «Star Trek: The Animated Series

Doch schliesslich wurde auch Mary Sue tödlich krank. Bei ihrem letzten Atemzug in der Krankenstation war sie von Captain Kirk, Mr. Spock, Dr. McCoy und Mr. Scott umgeben, die alle schamlos über den Verlust der schönen Jugendlichen und jugendlichen Schönheit, ihrer Intelligenz, Fähigkeiten und Freundlichkeit weinten. Noch heute ist ihr Geburtstag ein Nationalfeiertag der Enterprise.

Ende.


Apropos: Der Begriff Mary Sue wird oft für beide Geschlechter verwendet. Wer aber explizit zwischen den Geschlechtern differenzieren will, redet von Mary Sue oder Gary Stu.

Das Mary-Sue-Problem

Alles klar: Ein Mary-Sue-Charakter zerstört die Geschichte. Immer. «Star Wars: The Force Awakens» ist also Schrott. Oder?

Jein.

Ein Mary-Sue-Charakter ist dann ein Problem, wenn er das Epizentrum der Handlung ist. Wenn alles, was passiert, sich um ihn dreht und kein Raum für andere, spannendere Charaktere bleibt.

Aber in «The Force Awakens» ist es nicht Rey, die im Mittelpunkt steht. Es ist die Suche nach Luke Skywalker, die das tut. Es ist die Bedrohung der Starkiller-Base, die unsere Helden zum Handeln zwingt. Und es ist die sinnbildliche Suche nach dem verloren geglaubten Sohn, der die alternde Legende Han Solo dazu bewegt, sich an der Seite Reys und Finns, dem desertierten Sturmtruppler, in die Höhle des Löwens zu begeben.

Ich, wie ich unten in der Kommentarspalte diskutiere, wieso «Star Wars: The Force Awakens» eben doch grossartig ist. Scherz. Das ist Han Solo.
Ich, wie ich unten in der Kommentarspalte diskutiere, wieso «Star Wars: The Force Awakens» eben doch grossartig ist. Scherz. Das ist Han Solo.
Lucasfilm

So betrachtet liesse sich gar folgendes argumentieren: Rey ist keine Mary Sue, sondern schlimmstenfalls ein schlecht, weil uninteressant geschriebener Charakter. Das alleine macht «The Force Awakens» aber nicht schlecht.

Ist das Mary-Sue-Problem also gar kein Charakter-, sondern ein Storytelling-Problem?

Mir gefällt der Gedanke. Er bedeutet, dass Mary-Sue-Charaktere keineswegs pauschal schlecht sind oder gar von schlechter Charakterzeichnung zeugen. Es kommt vielmehr darauf an, wie sie in der Story eingesetzt werden.

Ein Beispiel?

Im 1964er «Mary Poppins» bezeichnet sich die britische Nanny als «in praktisch jedweder Hinsicht perfekt». Eine Mary Sue aus dem Bilderbuch. Aber im Disney-Film stiehlt sie den anderen Charakteren keineswegs die Show. Im Gegenteil. Im Film geht’s nicht um ihre Grossartigkeit, sondern um den Einfluss ihrer Grossartigkeit auf andere. Denn an Poppins Lektionen fürs Leben wachsen nicht nur die Kinder, sondern – und das ist die eigentliche Haupthandlung – der Vater, Mr. Banks.

Ein ganz anderes Beispiel: Bella Swan aus «Twilight».

Äusserlich soll sie der Autorin der Bücher ähnlich sehen. Beschrieben wird Bella als durchschnittlich. Eigentlich. Aber die Jungs um sie herum verhalten sich so, als ob sie das hübscheste Mädchen der Schule sei. Wish Fulfillment. Erinnerst du dich? Ich meine: Alle verlieben sich in Bella. Nicht nur Edward und Jacob. Auch Mike, Eric und Tyler. Ihre einzige Schwäche? Tollpatschigkeit. Aber im Grunde ist das ja auch ganz niedlich.

Die Handlung? Sie könnte sich um den uralten Konflikt zwischen Werwölfen und Vampiren drehen. Aber eigentlich geht’s nur um Bella. Um Bella und ihre Typen, die zufälligerweise Werwölfe und Vampire sind. Zumindest im ersten Film. Die anderen habe ich nicht gesehen. Bücher habe ich keine gelesen. Ihr dürft mich also gerne korrigieren.

Was ist also «Twilights» Problem? Die schmachtende Bella oder die schmachtende Bella in einer Story, die überhaupt nichts anderes hergibt, ausser der schmachtenden Bella? Wohl letzteres.

Genau das ist es, was ich meine, wenn ich von «Mary Sue» als explizites Storytelling-Problem rede, nicht als Charakter-Problem. Die in Diskussionsforen und Youtube-Vlogs oft getroffene Annahme, dass eine Geschichte pauschal schlecht sei, wenn ein Mary-Sue-Charakter die Hauptfigur ist, ist meiner Meinung nach viel zu bequem.

Nur die halbe Wahrheit

Fassen wir zusammen: Als Mary Sues werden Charaktere beschrieben, die ohne nähere Erklärung in jedweder Hinsicht perfekt, unfehlbar und von allen geliebt sind. Sie machen keine Entwicklung durch. Und oft sind sie projizierte Wunsch-Fantasien ihrer Autorinnen und Autoren.

Ist das Mary-Sue-Problem damit erklärt? Noch nicht. Das wäre nur die halbe Wahrheit.

Ein Film wird erst dann ruiniert, wenn sich die Handlung einzig und allein um den Mary-Sue-Charakter drehte. Also wenn Nebencharaktere bestenfalls zu Statisten verkommten, die nur dazu da sind, die Grossartigkeit des Mary-Sue-Charakters festzustellen. Eben: «Mary Poppins» vs. «Twilight».

Folgen wir dieser Argumentation, kommen wir zum Schluss, dass das, was uns an Mary Sues stört, nicht die Folge schlechter Charakterzeichnung ist, sondern die Folge von schlechtem Storytelling, das zu stark auf den uninteressanten Mary-Sue-Charakter fokussiert. Das wiederum führt uns zurück zum Anfang:

Menschen lieben gute Geschichten.

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Luca Fontana
Luca Fontana

Editor, Zürich

Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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