Das Apple-Arcade-Spiel «Over the Alps» ist eine britische Liebeserklärung an die Schweiz
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Das Apple-Arcade-Spiel «Over the Alps» ist eine britische Liebeserklärung an die Schweiz

Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Zürich, am 25.02.2020
«Over the Alps» ist ein Spionage-Krimi, der in der Schweiz im Jahre 1939 spielt. Das Apple-Arcade-Spiel mit seiner unverkennbaren Postkarten-Optik wurde allerdings nicht hierzulande entwickelt, sondern in England. Ich habe mit dem Chef-Entwickler gesprochen, der noch nie in der Schweiz war.

«Die Schweiz mit ihren Bergketten und himmelblauen Seen ist ein magischer, unwirklicher Ort.» Dieser Satz ist nicht dem hiesigen Tourismusbüro entsprungen, sondern Samuel Partridge. Der in London ansässige Game-Entwickler hat sich schon immer für die Schweiz und die britische Faszination für das Alpenland interessiert. Mit dem Apple-Arcade-exklusiven Spiel «Over the Alps» hat der Chef der Stave Studios seinen Traum in Realität verwandelt.

Samuel Partridge ist der Kopf von Stave Studios.
Samuel Partridge ist der Kopf von Stave Studios.

«Over the Alps» war ein Launch-Titel für Apples Game-Service, der vergangenen November gestartet ist. Das Spiel ist in der Schweiz im Jahre 1939 angesiedelt. In dem Jahr, in dem Hitler den Zweiten Weltkrieg auslöste. Eine Zeit, in der jeder jeden ausspionierte. Und genau darum geht es in «Over the Alps». Du übernimmst die Rolle von Agent Smith, einem britischen Spion, der sich seinen Weg durch die Schweiz bahnt. Auf der Flucht vor Nazis, feindlichen Spionen und der hiesigen Polizei passierst du zahlreiche Wahrzeichen. Darunter die Schlösser von Bellinzona, den Rheinfall in Schaffhausen oder das Grossmünster in Zürich. Das Spiel ist in Anlehnung an damalige Reiseprospekte mit malerischen Postkarten illustriert.

Die spinnen, die Briten

Spiele, die in der Schweiz angesiedelt sind, kannst du an einer Hand abzählen. Wie kommen britische Spieleentwickler dazu, sich unser Land als Schauplatz auszusuchen? «Ich und ein Schulfreund von mir wollten schon immer eigene Brettspiele machen. Wir fingen an, Designs zu zeichnen und Spielmechaniken zu entwerfen. Aber es stellte sich heraus, dass Brettspiele machen, verdammt schwierig ist», erinnert sich Sam lachend in unserem Discord-Interview. Die vielen bereits erstellen Illustrationen brachten die beiden aber auf die Idee, ein Game draus zu machen.

Das Postkarten-Design zieht sich durch das ganze Spiel.
Das Postkarten-Design zieht sich durch das ganze Spiel.

Das Kernteam von Stave Studios besteht neben Sam aus Joshua Callaghan und Matthew Arneil. Alle drei haben einschlägige Erfahrungen mit Spielen wie «Sunless Sea», «Astrologaster» und «80 Days» gemacht. Es war daher klar, dass ihr erstes eigenes Spiel ebenfalls einen narrativen Fokus haben sollte. «Wir waren uns einig, dass wir etwas einzigartiges schaffen wollten. Ein Stück Kunst, das du von Anfang bis Schluss ohne Internetverbindung durchspielen kannst.» Das grosse Vorbild war «80 Days». Ein textlastiges Adventure-Game, wo du versuchst, in 80 Tagen um die Welt zu reisen.

«Unsere ursprüngliche Idee war es, Parallelen zwischen dem Aufstieg der Ultrarechten in 1939 und 2019 zu ziehen», so Sam. Die Schweiz war dafür der perfekte Schauplatz. «Schweizer Reiseposter aus dieser Zeit sind einfach überwältigend.» Hinzu kam die ganze Geschichte mit der Roten Kapelle. Ein Begriff der Nazis für die Gegner des Nationalsozialismus. «Alle haben mitgemischt. Geheimdienstler, Künstler, die Briten. Die Schweiz ist der ideale Ort für dieses internationale Spionagedrama.»

Die Stave Studios bestehen aus einem bunten Haufen passionierter Briten. V. l. Simon Waserman, Claire Brooks, Joshua Callaghan, Angus Dick, Joseph Arneil, Matthew Arneil
Die Stave Studios bestehen aus einem bunten Haufen passionierter Briten. V. l. Simon Waserman, Claire Brooks, Joshua Callaghan, Angus Dick, Joseph Arneil, Matthew Arneil

Die Geschichte von «Over the alps» ist aber nur angelehnt an echte Ereignisse. Ausgedacht haben sie sich die Autoren Jon Ingold («80 Days») und Katharine Neil. «Jon hat die Hauptstory geschrieben. Sie fühlt sich an wie ein Hitchcock-Drama. Die Landschaft hat dabei natürlich geholfen. Hitchcock liebte die Union des klassischen Europas.» Hinzu kommt eine Prise James Bond und etwas Sherlock Holmes. «Ich würde gerne behaupten, dass es eine Geschichte ist, die mir mein Grossvater erzählt hat, aber in Wahrheit ist es eine Kombination verschiedener Faktoren, die gut zusammenpassen», räumt Sam ein.

Trotz seiner Faszination für unsere Heimat war Sam noch nie in der Schweiz. Wegen seiner Besessenheit wird er aber ständig gefragt, ob er Schweizer sei. Als Sam das gegenüber seinen Eltern erwähnte, verriet ihm seine Mutter – eine sehr direkte Britin – ein Stück Geschichte, das Sam lieber verborgen geblieben wäre. Sie erzählte ihm, wie sie und sein Vater früher regelmässig Ferien in der Schweiz machten. «Und dann sagt sie mir, dass ich vor 30 Jahren in einem Zelt am Fusse des Matterhorns gezeugt wurde. Um Himmels willen! Das wollte ich doch nicht wissen.» Sams Mutter ist jedenfalls überzeugt, dass seine Besessenheit für die Schweiz daher rührt.

«Der Star des Spiels ist die Schweiz»

Eine Original-Landkarte aus 1939 war das wichtigste Hilfsmittel in der Entwicklung.
Eine Original-Landkarte aus 1939 war das wichtigste Hilfsmittel in der Entwicklung.

Das Matterhorn hat es trotz allem nur aufs Logo, nicht aber ins Spiel geschafft. Vermutlich war die Geschichte zu traumatisch. Auf die Frage, wie das Team die Ortschaften ausgesucht hat, die im Spiel bereist werden können, hat Sam eine interessante Antwort: «Ich liebe diese Frage. Ich habe eine Reisekarte der Schweiz aus dem Jahr 1939. Sie ist aus Stoff und sehr empfindlich. Sie ist eine Momentaufnahme der Geschichte». Die Karte hilft aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Für detailliertere Informationen griffen sie zu moderneren Mitteln. «Dank Google Maps merkten wir, dass der Gotthardtunnel seit dem Zweiten Weltkrieg deutlich gewachsen ist.» Ein weiteres nützliches Werkzeug, um interessante Orte zu finden, waren Reiseführer. «Ich habe tonnenweise davon und dabei war ich noch kein einziges mal in dem verdammten Land», stellt Sam grinsend fest.

«Ursprünglich war geplant, die Landschaft per Zufallsgenerator zu erstellen. Aber das ist Quatsch. Die Schweiz mit ihrer Geschichte, Kultur und Geographie existiert bereits und ist viel interessanter als jede Schweiz aus dem Generator.» Was nicht heisst, dass man immer streng nach Vorlage arbeitete. Manchmal passte die eigene Interpretation besser zum Spiel als die Realität. Nicht so allerdings beim Start der Kampagne im Tessin. «Ursprünglich hatte das Design für Bellinzona einen See. Am Ende waren die drei Schlösser aber die eindeutig bessere Wahl»

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Jeder, der «Over the Alps» gespielt hat, wird aber feststellen, dass längst nicht jeder bekannte Ort auftaucht. «Ganz, ganz viele Orte haben es nicht ins Spiel geschafft. Ich habe eine Tabelle mit allen Lokalitäten und da sind noch jede Menge freie Felder.» Mindestens so ikonisch, wie das Matterhorn auf dem Cover, ist die sechstgrösste Stadt der Schweiz, behaupte ich völlig unvoreingenommen. Aber auch Winterthur fehlt im Spiel. Ob meine Wahlheimat denn wenigstens in der engeren Auswahl stand: «Mehr als das. Es gab eine Figur namens Winterthur.» Schlussendlich musste die Stadt und die Figur aber Schaffhausen (Autsch) und dem ikonischen Rheinfall weichen. Kleiner Spoiler: Dort spielt sich die finale Szene des Spiels ab. Das bedeutet, dass sie Winterthur auslassen mussten. «Es tut mir wirklich leid. Ich habe dafür im Brettspiel ‹Zug um Zug› ganz viele Strecken nach Winterthur gebaut.»

Ein geheimnisvoller Telefonanruf

«Over the Alps» ist derzeit exklusiv für Apple Arcade verfügbar. Davon wusste Stave Studios zu Beginn der Entwicklung allerdings noch nichts. «Wir wollten ein Premium-Mobile-Game machen. Aber uns wurde schnell klar, dass der Premium-Markt ein hartes Pflaster ist.» Viele rieten Sam und seinem Team auf Free-to-Play zu setzen. Doch die Jungs und Mädels von Stave Studios liessen sich von ihrem Unterfangen nicht abbringen. Dank der Hilfe eines gut vernetzten Bekannten, zahlte sich die Geduld schliesslich aus. «Felix sagte, es gäbe da ein paar Leute mit denen ich reden solle. Sie werden mich am Abend anrufen. Sehr geheimnisvoll.» Und siehe da, am Telefon war Apple, die Stave Studios ein unschlagbares Angebot unterbreiteten.

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Die Zusammenarbeit sei fantastisch gewesen und Apple habe das kleine britische Studio in jeder Hinsicht unterstützt. Dabei befürchtete Sam anfangs, dass die Politik des Spiels ein Knackpunkt werden könnte. «Wir machten uns grosse Sorgen, dass unser schräger Hitchcock angehauchter Spionage-Thriller nicht besonders in Mode ist.» Die Sorge war gänzlich unbegründet. Für gewisse Spiel-Aspekte zeigte sich Apple sogar enthusiastischer als das Team selbst. Auch in der Schweiz scheint «Over the Alps» gut anzukommen. «Ich darf keine Statistiken nennen, aber die Zahl der Schweizer Spieler ist der Wahnsinn. Prozentual machen sie den grössten Teil aus. Das macht mich sehr glücklich.»

Entsprechend begeistert ist Sam von Apple Arcade. «Es ist ein Triumph. Ich glaube, es wird Bestand haben. Für Abonnenten ist es ein grossartiger Service. Jeden Monat gibt es neue Spiele oder neue Inhalte für bestehenden Spiele.» Trotzdem schliesst Sam nicht aus, «Over the Alps» irgendwann auf anderen Plattformen zu veröffentlichen. Konkretes lässt er sich aber nicht entlocken. Auch nicht, was das nächste Projekt von Stave Studios ist. Dafür hat er zum Schluss noch einen Witz im Gepäck. «Was ist das beste an der Schweiz? Die Fahne ist ein grosses Plus.» Gut ist Sam Spieleentwickler geworden.

Update: «Over the Alps» erscheint am 31. März auch auf Steam.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg

Senior Editor, Zürich

Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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