«Loki», Episode 1: «Glorreiches Ansinnen»

«Loki», Episode 1: «Glorreiches Ansinnen»

Luca Fontana
Luca Fontana
Zürich, am 09.06.2021
Loki. Prinz von Jotunheim. Gott des Schabernacks. Bösewicht und Antiheld. Jetzt hat er seine eigene Serie gekriegt. Ihre Premiere: Ein grandioser Knall.

Eines vorweg: Das ist eine Folgenanalyse. Mit Spoilern! Schau dir also zuerst die Serienpremiere von «Loki» an, bevor du weiterliest.


Halle H, San Diego, 2013. Die internationale Comic Con, kurz SDCC, ist in vollem Gange. Kevin Feige, das Mastermind hinter dem Marvel Cinematic Universe, spricht zum Publikum. Spricht über den «Avengers»-Film. Die Menge lauscht. Plötzlich: Lichter aus. Stromausfall? Ungewiss. Ein ungutes Gefühl breitet sich aus. Dann, aus den Lautsprechern, eine tiefe, grollende Stimme.

«Erdenmenschen. Oh, wie tief ihr doch gefallen seid.»

Ein grelles Licht, da, auf der Bühne. Dann ein Mensch. Nein. Ein Gott: Loki. Tosender Applaus – das Publikum rastet aus. Ein Fan-Liebling wird geboren. Vielleicht auch die Idee einer eigenen Serie.

Bis zur eigenen Serie – «Loki» – hat’s dann trotzdem eine Weile gedauert. Sieben Jahre. Hiddleston hat inzwischen vier weitere Auftritte im MCU gehabt. Zuletzt in «Avengers: Endgame». Dort sind die Avengers ins Jahr 2012 gereist, um den Tesseract – ein Infinity Stein – zu holen. Blöd, ist er dann aber versehentlich Loki in die Hände gefallen, der sich damit kurzum wegteleportiert hat – in eine andere Zeitströmung.

Genau da fängt die Serie an.

Auftritt: Time Variance Authority

Ein Schlag in die Fresse. So sieht Lokis erster, nun ja, Zusammenprall mit der Time Variance Authority aus. Genau gesagt mit einem ihrer Schlagstöcke, die die physischen Auswirkungen des besagten Schlages in besagte Götterfresse mit dem Sechzehntel der normalen Geschwindigkeit ausführen, aber mit dem gefühlten Schmerz in Echtzeit.

Wait, what?

Ja, das tut weh.
Ja, das tut weh.
Marvel Studios

Sie Time Variance Authority. Kurz: TVA. In den Marvel Comics ist sie eine kosmische Kraft, die in Form einer unendlich grossen bürokratischen Agentur den natürlichen Fluss von Zeit und Realität überwacht. Oder besser: Realitäten. In Marvels Comic-Universum gibt’s schliesslich mehrere Realitäten – Paralleluniversen –, die friedlich nebeneinander im Fluss der Zeit vor sich hinströmen.

Die Realität, in der sich die meisten Ereignisse der Comics abspielen, ist die 616te. Darum «Earth-616» genannt. Solange sich die Realitäten nicht gegenseitig reinpfuschen, ist alles gut. Erst, wenn es zu Interferenzen kommt – und sei es nur, dass Earth-616-Loki unerlaubt in eine andere Realität reist –, sind Kohärenz und Stabilität sämtlicher Realitäten bedroht, und damit das Multiversum selbst.

Das geht nicht. Selbstverständlich.

Um solche Verstösse zu verhindern, existiert die TVA. Wer sie ursprünglich erschaffen hat, ist nicht ganz klar. Aber die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TVA sind mehr oder weniger alle gesichtslose Bürokraten, eigens gezüchtet, geboren und aufgezogen, um für die TVA zu arbeiten. Entsprechend haben alle einen Vertrag mit lebenslanger Anstellung. Soviel zur Bürokratie.

Bürokratie aus der… Hölle.
Bürokratie aus der… Hölle.
Marvel Studios

Die MCU-Version der TVA ist kein bisschen weniger bürokratisch. Loki darf im Muff einer 1970er-Büroeinrichtung jede Menge Papierkram erledigen, Dokumente unterschreiben – eine Seite für alles, was er je in seinem Leben gesagt hat, was doch ziemlich viel ist – und Nümmerchen ziehen. Herrlich.

Dann, das finde ich bemerkenswert, ein nostalgisch altmodisch animierter Zeichentrickfilm, der einfach mal so mir nichts dir nichts das Multiversum-Konzept des MCUs erklärt.

Nochmals: Das Multiversum. Im MCU. Endlich.

Das Multiversum in einem Bild.
Das Multiversum in einem Bild.
Marvel Studios

Rekapitulieren wir. Vor Äonen und Aber-Äonen kämpften unzählige Zeitströme in einem multiversalen Krieg um die Vorherrschaft, der das gesamte Gefüge von Realität, Raum und Zeit bedrohte. Dann tauchten die Time Keeper auf, allmächtige und allwissende Wesen. Zusammen strukturierten sie das Multiversum zu einem einzigen Zeitstrahl um – dem «Wahren Zeitstrahl».

Das Multiversum ward nicht mehr.

Um den Wahren Zeitstrahl und seinen von den Time Keepern festgelegten Fluss zu schützen, erschufen sie die TVA und ihr gesamtes Personal. Denn hin und wieder verursachen Individuen – etwa Loki – neue, alternative Zeitströme: Varianten. Die TVA ist da, um die Verursacher solcher Sequenzverstösse – Nexus-Verstösse – dingfest und die daraus entstandenen Varianten rückgängig zu machen. So, dass alles wieder dem Wahren Zeitstrahl folgt.

Fakt ist, so die TVA, dass wenn die Nexus-Verstösse nicht korrigiert werden, es früher oder später zum Zeitstrom-Chaos kommt, das den nächsten alles vernichtenden multiversalen Krieg verursachen könnte.

Nexus. Da klingelt was. Darauf komme ich noch.

Die Geschichte der Time Keepers

In den Comics existieren die Time Keepers auch. Erschaffen wurden sie von «He Who Remains» – dem, der übrig geblieben ist. He Who Remains ist in einer Äonen entfernten Zukunft der letzte lebende Director der TVA, der das Ende des gesamten Raum-Zeit-Gefüges miterlebt – dem Tod des Multiversums.

Für den nächsten multiversalen Zyklus erschafft er die Time Twisters, drei Wesen aus drei Kokons, die das Ende überleben und ausgestattet mit dem Wissen um die Vergangenheit eine bessere Zukunft erschaffen sollen.

Die Time Twisters in den Comics
Die Time Twisters in den Comics
Marvel Comics

Der Plan schlägt fehl. Statt in die nächste Realität überzugehen reisen die Time Twisters in die Vergangenheit des noch existierenden Multiversums. Rückwärts wandernd erscheinen sie alle 3000 Jahre und zerstören die Erde. Aber kurz, bevor sie ins 20. Jahrhundert gelangen, stellt sich ihnen Thor entgegen.

Als Thor merkt, dass er nichts gegen die Time Twisters ausrichten kann, reist er selber ans Ende der Zeit. Dort trifft er auf He Who Remains – die Twisters stecken noch in ihren Kokons – und überzeugt ihn von der zerstörerischen Natur der Twisters. Der Übriggebliebene zerstört daraufhin die Twister, bevor sie schlüpfen, aber erzeugt damit zwei neue Zeitströme.

Einen Strom, in der die Twister existieren, und einen Strom, in der sie nicht existieren.

Um die beiden Zeitströme zu schützen, erschafft He Who Remains neue, verbesserte Versionen der Twister: Time Keepers. Fortan befinden sich die Time Twister und die Time Keepers in einem ewigen Krieg.

Die Time Keepers in den Comics
Die Time Keepers in den Comics
Marvel Comics

Von da an geht’s ziemlich drunter und drüber mit den Twistern und Keepern. Spannend wird’s, als die Twister sich mit Immortus zusammentun, um Wanda Maximoff – die Scarlet Witch – zu töten.

Wanda.

In den Comics ist sie ein sogenanntes Nexus Being, also Nexus-Wesen, meist einfach nur Nexus genannt. Sie sind seltene Wesen, die die Realität und damit den Fluss der Zeit verändern können. Darüber hinaus lehren uns die Comics, dass Nexi die Grundpfeiler des Multiversums sind, die für Kohärenz und Stabilität sorgen. Pro Realität im Multiversum kann es darum nie mehr als einen Nexus gleichzeitig geben, so die Physik. Comic-Physik, versteht sich.

Kein Wunder, fürchten die Twisters die Nexi. Aber Immortus stellt sich den Twistern entgegen. Als die Twisters endlich besiegt sind, will er sich selber zum Herrscher des Multiversums machen. Besiegt wird er dann von den vereinten Kräften der Watcher – die haben wir auch schon gesehen – und der TVA. Im entstandenen Machtvakuum kehren die Time Twisters noch ein letztes Mal zurück, ehe die Time Keeper sie dann doch ein für alle mal vernichten.

Immortus in den Comics
Immortus in den Comics
Marvel Comics

So, und jetzt frage ich mich, ob so ein Nexus-Verstoss im MCU was mit den Nexus-Wesen im Comic zu tun hat. In Episode 7 von «WandaVision» gab’s ja die Werbung mit den Nexus-Kapseln. Wer weiss, ob das nicht ein Hinweis darauf war, dass das, was in «WandaVision» passiert, genau so ein Nexus-Verstoss ist, der den Wahren Zeitfluss gestört hat.

Schliesslich geht’s dort ja um die Prophezeiung der Scarlet Witch, die zurückkehrt, um die Welt zu zerstören.

Agent Mobius’ Verhör

Zurück zu Loki. Vor einem TVA-Gericht gestellt bekommt er die Wahl: Vernichtet zu werden oder sich mit dem TVA-Agenten Mobius, grandios gespielt von MCU-Neuzugang Owen Wilson, zusammenzutun, um eine andere flüchtige Variante Lokis aufzuspüren, die dem Wahren Zeitstrom entlang andere TVA-Agenten tötet.

Natürlich wählt Loki jene Option, die ihn nicht tötet.

Agent Mobius kommt natürlich auch in den Comics vor. Zum ersten Mal anno 1991 in der 353. Ausgabe des ersten «Fantastic Four» Volumes. Dort ist er zunächst ein Mitglied des Junior Managements der Time Variance Authority, der erst später dank seiner akribischen Liebe zum Detail zum Executive im Senior Management befördert wird.

Agent Mobius in den Comics
Agent Mobius in den Comics
Marvel Comics

Im «Fantastic Four»-Comic ist er den Helden wegen illegaler Zeitnutzung, Kontinuitätsdiebstahl und anderer temporalen Anklagen auf der Spur. Als die Fantastic Four unter seiner Aufsicht entkommen, droht ihm eine Rückversetzung. Später kann er sich mit Hilfe der Fantastic Four dann doch beweisen. Dafür wird er befördert.

In «Loki» ist Agent Mobius gewitzt und schlagfertig. Vor allem aber überwacht er potentiell gefährliche Individuen, die zu Varianten werden könnten.

«So wie mich», meint Loki.

«Nein, wirklich gefährliche Varianten. Sie sind nur ein Schmusekätzchen», sagt Mobius, und stellt damit die Kräfteverhältnisse der Bedrohung fest, mit der wir es in «Loki» wohl zu tun bekommen.

Auf Loki wurde Mobius bloss aufmerksam, weil ihm ein kleines, verängstigtes Mädchen im Frankreich des Jahres 1549 darauf gebracht hat. In einer Kirche, einem von sechs bekannten Tatorten, an dem die flüchtige Variante gewütet hat, zeigt das Mädchen Mobius das Glasgemälde des gehörnten Teufels.

Achtung, jetzt kommt’s. Mephisto. BÄM.

Muahaha – Lucas wilde Theorie

Mephisto. Da, ich hab’s ausgesprochen. Ich kann nicht anders. Nicht seit meinen «WandaVision»-Folgenbesprechungen. Dort habe ich gefühlt jede Woche Mephisto prophezeit. Aber nix da. Mephisto kam nie. Und wird’s wohl auch nie.

Es sei denn...

Mephisto in all seiner Glorie.
Mephisto in all seiner Glorie.
Marvel Comics

Okay, von vorn. In den Marvel-Comics ist Mephisto eines der gefährlichsten, unsterblichen dämonischen Wesen überhaupt. Vielleicht gar der Teufel selbst. Schliesslich herrscht er über eine Dimension, die manch einer als die biblische Hölle selbst bezeichnen würde. Und: Mephisto ist ein hervorragender Lügner, ständig um Seelen schachernd und mächtig genug, die Vergangenheit und Gegenwart nach seinem Willen zu formen.

Klingt das nicht verdächtig ähnlich wie Loki?

Gut, Loki kann zwar den Zeitstrom nicht bändigen. Noch nicht. Wer weiss. Loki entkommt zwischendurch Mobius Verhör. Stösst bei seiner Flucht in irgendeinem zufälligen Raum auf eine Schublade voller Infinity Steine. Ich liebe es, wie Loki in dieser Szene sowas wie eine Mini-Existenzkrise hat: Wenn die da einfach so salopp ein paar übrig gebliebene Infinity Steine aus zurückgesetzten Zeitströmungen als Briefbeschwerer benutzen – wie mächtig ist die TVA dann tatsächlich?

Unterwürfig begibt sich Loki zurück in Mobius Aufsicht. Der teilt ihm endlich mit, wer überhaupt die flüchtige Variante sei: Loki selbst.

Das Glasgemälde. Der Teufel. Mein Hirn: «Denk nicht mal daran!»
Das Glasgemälde. Der Teufel. Mein Hirn: «Denk nicht mal daran!»
Marvel Studios

Allerdings nicht derjenige Loki, der da im Verhör sitzt. Sondern ein Loki aus einem anderen Zeitstrom. Meine Theorie: Das MCU ist dafür bekannt, sich von den Comics zu inspirieren, ihnen aber nicht detailgetreu zu folgen. Die neue Variante Lokis könnte daher die MCU-Version Mephistos sein.

Ich meine, hast du diese blutroten Runen auf der Schaufel in der letzten Szene gesehen? Und wie der böse Loki sich des Feuers bedient, um die Agenten zu töten? Irgendwie recht satanisch, das Ganze. Womöglich ist das ein Loki, der sich Kräfte und Fähigkeiten angeeignet hat, die jenen Mephistos aus den Comics entsprechen. Voilà: MCU-Mephisto!

Das Gesicht von Mantel und Kapuze verhüllt. Vielleicht ja doch nicht Mephisto, sondern...
Das Gesicht von Mantel und Kapuze verhüllt. Vielleicht ja doch nicht Mephisto, sondern...
Marvel Studios

Und: Es könnte erklären, weshalb Mobius von einer «wirklich gefährlichen» Variante spricht, die nicht derjenige Loki ist, der vor ihm sitzt. Warum denn sonst ist Mobius so darauf versessen, mehr über Lokis wahre Natur zu erfahren. Was ihn antreibt. Ist es, bloss zu herrschen? Andere beim Leiden zu zusehen? Loki selbst kommt zum Schluss, dass das Angst und Leid zum Trugbild gehört, mit dem er sich und seine Unsicherheit über andere stellt.

Weiser Mann.


Ich habe aber noch eine andere Theorie. Eine, die die Brücke zum Serienfinale von «WandaVision» schlägt. Die behalte ich mir aber für die nächste Folgenbesprechung vor. Wer weiss, vielleicht errätst du sie? Schreibt’s in die Kommentare.

Kleiner Tipp: Hat mit dem Darkhold zu tun.

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Luca Fontana
Luca Fontana

Editor, Zürich

Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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