Ode an ein Nussstängeli

Ode an ein Nussstängeli

Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Zürich, am 13.10.2021
Mitarbeit: Claudio Viecelli
Das beste Nussstängeli der Welt: Kürzlich habe ich es gegessen. Eine Liebeserklärung.

Es war an einem trüben Mittwochnachmittag, ich erinnere mich noch genau: Verschwitzt und völlig erschöpft von einer langen Bergwanderung sass ich ermattet vor der Hütte. Vor mir ein Blech mit frisch gebackenen Nussstängeli, biss ich in eines und war im nächsten Moment im siebten Himmel. Ich ass gerade das beste Nussstängeli der Welt.

Das ist so eine Sache mit den Superlativen. Man sollte sparsam mit ihnen umgehen, gerade als Schreiberling für einen Onlineshop. Denn, egal ob Velohelm, Kurzhantel oder Wanderschuh: Kein Produkt ist das beste. Irgendwo gibt es bestimmt noch ein besseres. Und schliesslich willst du dir nicht den Vorwurf gefallen lassen, Fanboy irgendeines Brands zu sein. Also immer schön Luft nach oben lassen. Trotzdem habe ich an jenem Mittwochnachmittag das beste Nussstängeli der Welt gegessen. Ach, was sage ich, es war das besteste Nussstängeli der Welt. Und ja, ich weiss: Besteste gibt's nicht, war's aber trotzdem.

Gut, besser, Nussstängeli.
Gut, besser, Nussstängeli.

Das Besteste ist gerade gut genug

Für eine Reportage begleite ich die beiden Jäger Claudio und Marco während einiger Tage in den Wäldern des Calancatals auf der Bündner Hochjagd. Bei dieser Form der Jagd sitzt der Jäger nicht neben einem Maisfeld gemütlich auf einem Hochsitz und wartet, bis ihm das Wild vor die Flinte läuft. Noch vor Tagesanbruch macht er sich in der Regel auf den Weg, ist je nach dem Stunden durch unwegsames Gelände unterwegs, wartet, beobachtet, und nimmt am Nachmittag, oft unverrichteter Dinge, den beschwerlichen Rückweg zur Hütte unter die schmerzenden Füsse.

Und so hocke ich also nach einem langen Tag erschöpft und mit leerem Blick hungrig vor der Jagdhütte. Ich habe Bärenhunger. Da steht Claudio plötzlich auf und meint: «Wir haben keine Nussstängeli mehr. Ich backe mal eine neue Ladung.» Gutes Essen hebt die Moral oder wie mein Grossvater stets zu sagen pflegte: «Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen». Recht hat er.

Den Teig der Nussstängeli hat die Mama in Chur vorbereitet.
Den Teig der Nussstängeli hat die Mama in Chur vorbereitet.

Das Rezept von Andreas Caminada ...

Das Rezept für die besten Nussstängeli der Welt stammt ursprünglich von Andreas Caminada, dem Bündner Drei-Sterne-Koch mit 19 Gault-Millau-Punkten vom Schloss Schauenstein in Fürstenau. Die Bündner und Essen, das scheint zu passen.

Den Teig für das Gebäck hatte Claudios Mutter bereits zu Hause in Chur vorbereitet. Als das erste Blech mit den Stängeli im Ofen ist, stehen wir vor der Hütte und geniessen die prächtige Aussicht. Nach exakt elf Minuten bimmelt es in der Küche und Claudio sprintet zum Ofen, um das Gebäck zu wenden und es nochmals exakt sieben Minuten fertigzubacken.

Jede Seite wird exakt gebacken: einmal während elf, einmal während sieben Minuten.
Jede Seite wird exakt gebacken: einmal während elf, einmal während sieben Minuten.

... das gewisse Etwas von Mama

Dann steht das Backblech mit den noch warmen Nussstängeli verführerisch duftend vor mir. In der Küche riecht es unterdessen wie in einer Weihnachtsbäckerei und draussen drückt die Sonne durch die Wolkendecke. Es hat etwas Kitschiges und ist dennoch sauschön.

Da schlägt nicht nur das Bündner Herz höher.
Da schlägt nicht nur das Bündner Herz höher.

Ich beisse in dieses Rechteck, das auch Totenbeinli genannt wird und muss mich beinahe hinsetzen, so überwältigt mich sein Geschmack. Wer ist bloss auf die Idee gekommen, diese Fanfare des Lebens mit dem Tod in Verbindung zu bringen? Lebensbeinli müsste es heissen. In der Küchentüre steht Claudio und hat ein breites Grinsen im Gesicht. Ich glaube, er hat mich draussen wohlig grunzen gehört und schaut, ob mit mir alles okay ist. Es ist.

«Meine Mama hat das Rezept dieser Nussstängeli von Caminada noch ein wenig abgeändert», lässt er mich wissen. Er will nicht sagen, verbessert. Aber das hat sie wohl, ganz ohne Sterne und Punkte. Als ich nachfrage, was sie denn verändert habe, brummelt er irgendwas vor sich hin. «Dieses oder jenes», und verschwindet in der Hütte. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, was das gewisse Etwas der Mama in diesen Nussstängeli ist. Man gibt seine Rezepte aber auch nicht einfach so preis. Ich hoffe jedoch, dass ich das Geheimnis irgendwann lüften kann. Ich will sie nämlich wieder kosten, die bestesten Nussstängeli der Welt, dank des Upgrades von Claudios Mama. Denn es war Liebe auf den ersten Biss.

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli

Senior Editor, Zürich

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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