Photoshop Camera Beta im Test: «Find a Reason»

Photoshop Camera Beta im Test: «Find a Reason»

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 15.04.2020
Mitarbeit: Jeanine Meier, Stephanie Tresch

Adobe hat eine Kamera-App gemacht, die mit künstlicher Intelligenz Bildelemente analysiert, isoliert und editiert. Im Wesentlichen sind das Instagram-Filter. Aber dahinter steckt so viel mehr.

Adobes neueste Mobile App – Photoshop Camera – ist für ein limitiertes Testpublikum zugänglich. Werfen wir doch einen Blick auf die «AI-fokussierte Kamera-App, die die Magie Photoshops in deine Hand bringt». Die App ist die wohl faszinierendste, die ich im laufenden Jahr gesehen habe, selbst, wenn sie noch mit grossen Problemen zu kämpfen hat.

Zuerst das grosse Hindernis: In der aktuellen Version, die aber aus einem Dev Channel geleakt ist, brauchst du einen Adobe Creative Suite Account, um die App benutzen zu können. Das bedeutet, dass die App mindestens 11.85 CHF/11.89 Euro pro Monat kostet. Das kann sich aber bis zum finalen Release der App – voraussichtlich im Juni 2020 – noch ändern.

Neu, instabil und braucht Kraft

Photoshop Camera macht nichts anderes, als deine Bilder mit Filtern zu versehen, bevor die Aufnahme gemacht wird. Da sind drei Modi:

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  1. Landschaften: Himmel wird ausgetauscht
  2. Personen: Hintergrund wird ausgetauscht
  3. Generisch: Farbwerte werden angepasst oder Effekte hinzugefügt

Dazu sind der App 17 Filterprofile hinterlegt, die je zwischen fünf und sieben Filter liefern. Sie sind thematisch aufgeteilt. Da sind «Pop Art», «Adobe Max», «Double Expo» oder «Analog».

Die Benutzeroberfläche der App ist minimalistisch gehalten. Da ist der Auslöser und die Auswahl der Filter unten, die Filter-Library, ein Einstellungs-Button und der Wechsel von Haupt- zu Selfie-Kamera oben.

Die App ist laut Adobe nur für folgende Geräte verfügbar: Pixel3/XL, Pixel4/XL, Samsung S9/S9+, Samsung S10/S10+, Samsung Note 9, Samsung Note 10/10+ und iPhones, die jünger sind als das iPhone 6s. Aber etwa drei Minuten Experimentieren haben gezeigt, dass die App auch auf einem Huawei P30 Pro funktioniert, was sicher mal die Theorie aus dem Fenster wirft, dass nur Snapdragon oder Apple Phones mit der App kompatibel sind. Aber die App läuft nicht besonders stabil. Da und dort schmiert sie noch ab, was aber von einer App, die sich noch in der Entwicklung befindet, zu erwarten ist. Auf dem Google Pixel 3 XL läuft die App etwas stabiler, aber auch da schmiert sie dann und wann ab.

Wenn du die App aufstartest, dann merkst du schnell: Adobe Camera braucht Kraft. Viel Kraft. Da die App das Bild auf dem Bildschirm die Effekte des fertigen Bildes in Echtzeit berechnet, ruckelt das Bild sowohl bei den 4GB RAM des Google Pixel 3, den 8GB des Huawei P30 Pro und den 12GB des Samsung Galaxy Note 10+. Sie läuft auf allen Phones, aber auf keinem besonders schnell. Dafür laufen alle Phones nach längerer Benutzung der App heiss.

Ich bin schon mal beeindruckt. Endlich eine App, die wirklich Systemressourcen von Flaggschiff-Phones voll ausnutzt und diese an ihre Grenzen bringt

Die Kamera und der Himmel

In der Benutzung dann ist die App aber recht einfach. Für den Nutzer. Für die Maschine aber ist die App eine Grossleistung, die extrem viel extrem schnelles Abstraktionsvermögen und Verständnis eines Bildes erfordert. Denn die App trennt ein Foto in Ebenen auf, editiert diese noch während der Benutzung und verfeinert diesen ersten Bearbeitungsschritt beim ersten Ansehen des Bildes noch. Das alles wird von einer Maschine gemacht, die von sich aus keinerlei Verständnis von Dreidimensionalität und Abstufung hat. Einer App genau das beizubringen, ist komplex. Dass die App das dann auch noch so gut umsetzt, wie Photoshop Camera das tut, ist beeindruckend und zeigt fast so als Nebensatz, wie Smartphone-Fotografie in Zukunft aussehen könnte.

Wenn du die App startest und einen Filter auswählst, sagen wir «Night Shift» Filtervariante 3 von 5, dann fordert die App dich auf, die Kamera auf etwas mit einem Himmel zu richten. «Find a sky» heisst es auf dem Bildschirm. Sobald die Kamera etwas erkennt, das Himmel sein könnte, ersetzt sie den Himmel in der Live-Vorschau durch einen gigantischen Mond.

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Das funktioniert viel besser bei Tageslicht als bei Nacht oder Dunkelheit. Denn dann sind die Kontraste zwischen Boden und Himmel grösser. Denn, so das Sprichwort, Nachts sind alle Katzen grau. Selbst wenn die Intromelodie eines klassischen Tele-5-Animes widerspricht.

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Die EXIF-Daten des Bildes sagen mir, dass ich das Foto um 16:42 Uhr aufgenommen habe. Das obige Bild ist ein besonders gutes Resultat, denn ganz perfekt ist die App noch nicht. Vor allem mit feinen Übergängen wie Wolken hat die Kamera noch Mühe.

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Lustig ist, dass du der App beim Rechnen zusehen kannst. Bevor du auf den Auslöser-Button drückst, siehst du ziemlich genau das, was die Foto-Software später berechnet. Wo das iPhone X damals zwar ähnliche Fähigkeiten hatte und ganze Hintergründe aus dem Bild gerechnet hat, konntest du sie nicht live auf dem Bildschirm sehen. Du hast auf gut Glück ein Foto geschossen, dann hat die Kamera im Hintergrund gerechnet und du hattest dann hoffentlich ein gutes Resultat. Das iPhone hat das nur mit Gesichtern gemacht, die alle mehr oder weniger gleich aussehen. Eine Nase, zwei Augen und ein Mund, so generell in derselben Gegend angesiedelt. Ein Himmel ist da aber eine komplett andere Baustelle, die weit mehr Verständnis seitens der Maschine erfordert.

Nett auch, dass der Vordergrund angeglichen wird und so ein einigermassen überzeugender Day-For-Night Shot entsteht, also eine Aufnahme, die bei Tag aufgenommen wurde, aber die Nacht darstellen soll. In der Filmwelt ist das eine gebräuchliche Technik, da Aufnahmen bei Tag einfacher zu bewerkstelligen sind als bei Nacht.

Die Sache mit den Gesichtern

Mit Gesichtern kann die Photoshop Camera auch umgehen, denn wenn es auf dem Bildschirm nicht «Find a Sky» heisst, heisst es oft «Find a Face». Die Software sucht dann Augen, Mund, Nase. Hier ersetzt die App meist Hintergründe und editiert die Farben der Gesichter.

Das klingt nicht besonders spektakulär. Das kann Snapchat mit seinem Hundeli-Filter auch. Das kann praktisch jede App. Die Photoshop Camera macht das einfach etwas komplexer und weniger kitschig.

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Vor einem neutralen Hintergrund funktioniert das tadellos. Denn die App kann klar unterscheiden zwischen Mensch und Welt. Wenn da Hintergründe sind, dann wird das etwas schwieriger, aber in den schlimmsten Fällen ist das Resultat immer noch tolerierbar. Der Filter Pop Art 1 ist da besonders gut geeignet, denn der Filter macht das Subjekt des Bilds blau und den Hintergrund orange. So kannst du am besten beobachten, wie die Kamera denkt.

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Der bedeutungslose Rest

Die dritte Sorte Filter ist die, die einfach nur etwas Farbwerte anpasst. Die sind im Vergleich recht langweilig und beliebig. Food Filter? Ja, ne, is klar.

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Und der Vollständigkeit halber, das Originalbild.

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Das können wir ignorieren. Warum das in einer Bleeding Edge Image App, zukunftsweisend und all das, verbaut ist, weiss ich auch nicht. Da kann Instagram weiter für sich wurschteln, Adobe kann das besser.

Wo liegen die Daten?

Die Bilder der Photoshop Camera werden nicht als JPG im internen Speicher abgelegt. Sprich, deine normale Photo Backup App wie Google Photos greift die Bilder nicht auf. Das liegt daran, dass die Bilder nach der Aufnahme bearbeitet werden können. Ich vermute also, dass die Dateien irgendwo als PSD-Datei – also eine Photoshop-Datei mit Ebenen – abgelegt werden. Eine kurze Suche auf dem Phone nach «PSD» und anderen gängigen Photoshop- und Adobe-Dateiformaten findet aber keine Bilder. In die Cloud gehen die Bilder auch nicht, denn sie sind nicht in deiner Adobe Library zu finden, die sich zwischen den Geräten synchronisiert. Zudem funktioniert die App tadellos, auch ohne Netzwerkverbindung.

Das öffnet Tür und Tor, um das Datenmanagement der App anzusehen. Auch hier muss Adobe noch viel Arbeit reinstecken. Die Beta-App ist funktional, ja, aber gut ist anders.

Fassen wir zusammen: Adobe legt die Bilder, in Ebenen aufgeteilt, irgendwo ab.

Obwohl Photoshop Camera Bilder analysieren kann, kannst du keine Bilder aus anderen Apps reinladen und editieren. Schade. Dann ist da die Sache mit dem Export der Daten. Da sind zwei Arten des Exports.

  1. Share
  2. Download

Wenn du die Daten weiter bearbeiten willst, und eventuell mehrere Versionen eines Bilds generieren willst – sagen wir eines mit Night Shift 3 und eines mit Spectrum 1, aber mit dem selben Foto –, dann darfst du keinesfalls «Download» verwenden. Denn «Download» konvertiert das Ebenen-Foto in ein JPG mit den Effekten, die du gerade eingestellt hast und exportiert das Bild in Richtung normaler Phone-Galerie. Glücklicherweise wird auch das Original-JPG der Kamera exportiert. «Share» hingegen erzeugt dir eine Kopie mit den aktuellen Effekten, lässt aber das Ebenen-Foto intakt.

Vernünftiges Datenmanagement geht anders. Vor allem, wenn die App Kreative ansprechen soll. Gerade aus dem einen grossen Grund, warum die App etwas rotzig ist: Die Filter sind belanglos und nach dreimaliger Benutzung langweilig.

Die Chancen der App sind aber beinahe grenzenlos. Stell dir eine App vor, die dir Vorder- und Hintergrund schon mal sauber trennt. Eine App, die bereits Verständnis für Farbwerte mitbringt. Der Hammer, oder? Als Photoshopper musst du dann nicht mehr manuell ein Bild in Ebenen auftrennen, da die Software das bereits für dich macht. Du kannst dich auf den kreativen Aspekt der Bildbearbeitung konzentrieren und die lästige und unpräzise Handarbeit wird überflüssig.

Das Problem ist aber, dass Photoshop Camera noch arg limitiert ist und du als User nicht auf die Daten zugreifen kannst. Das führt dann zu Situationen wie der folgenden.

Ich habe ein Foto von Jeanine aufgenommen.

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Als Filter habe ich Spectrum 4 gewählt.

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Da ich versehentlich auf «Download» gedrückt habe, kann ich den Filter nicht mehr anpassen. Mist.

Trotzdem, das JPG ist in hoher Qualität da. Darum kann ich nach dem Export auf dem PC damit arbeiten. Das da ist dabei rausgekommen.

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Mit nur wenig Effort schaut da doch noch was Spannendes heraus, auch ohne zweites Bild. Aber eigentlich ist das Mist, dass ich selber habe kreative Lösungen suchen müssen, statt mich auf meine 11.85-Franken-pro-Monat-App verlassen zu können.

Eine Frage des «wenn»…

Adobe Photoshop Camera ist die wohl faszinierendste App, die mir in den vergangenen Monaten untergekommen ist. Mir ist nicht ganz klar, wer das Zielpublikum ist. Für Instagrammer oder Amateure ist sie zu teuer, für Profis zu steif, unflexibel und überflüssig. Keiner wird je 12 Franken im Monat zahlen, damit zwei, drei Filter angewendet werden können.

Aber eine App, die in der Lage ist, selbstständig und unter guten Lichtverhältnissen verlässlich Ebenen zu trennen… so etwas ist Gold wert. Denn vor allem im professionellen Kontext könnte so etwas viel Zeit und somit auch Geld sparen. Die paar vorinstallierten Filter dürfen dann auch gerne so sein. Vorausgesetzt, User kommen an die Daten ran, die von der App generiert werden und können mit dieser arbeiten. Wenn ich zum Beispiel mit Spectrum 3 in ein Projekt starten kann, dann spare ich mir pro Bild fünf Minuten Arbeit. Wenn dann die Filter noch etwas flexibler werden, sodass ich die farbigen Rechtecke nach Belieben verschieben kann, dann schafft sich das Projekt beinahe von selbst.

Also, Photoshop Camera wäre was, wenn die App...

  • günstiger wäre
  • die Filter besser wären
  • die Filter flexibler wären
  • eine bessere Benutzeroberfläche hätte
  • mehr Interaktion mit den Rohdaten erlaubt
  • die gefilterten Bilder nicht verkleinert exportiert

Aber so, wie sie jetzt auf meinen Phones installiert ist, ob Beta oder nicht, ist die App für niemanden gemacht. Dennoch: Die Tatsache, dass eine App im Beta-Stadium schon so viel leisten kann, lässt auf eine spannende Foto-Zukunft schliessen und hoffen, dass Photoshopping in Zukunft weit weniger Handarbeit braucht.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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