Samsung Galaxy Fold im Test: Misstrauen ohne Grund

Samsung Galaxy Fold im Test: Misstrauen ohne Grund

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 18.11.2019
Video: Stephanie Tresch
Bilder: Thomas Kunz

Die Zukunft ist hier. Nach einigen Nachwehen ist das Samsung Galaxy Fold endlich im Handel. Und es hat einiges drauf, selbst wenn die Welt noch hinterherhinkt.

Das Samsung Galaxy Fold soll die Zukunft sein. Ist es wahrscheinlich auch. Denn die Idee hinter dem Gerät, die Technologie, ist zu gut, als dass sie es nicht sein könnte. Denn das Fold bedient zwei Bedürfnisse:

  1. Der breite Markt will immer grössere Bildschirme
  2. Der breite Markt, vor allem Männer, haben eine begrenzte Menge Platz in Hosentaschen, will daher physisch kleinere Geräte

Faltbare Smartphones scheinen da die Lösung zu sein. Aber das Fold, so wie ich es die vergangenen Wochen benutzt habe, in dieser exakten Konfiguration, dürfte wohl nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Selbst ohne die turbulente Vorgeschichte des Geräts hat das Fold in seiner Release-Version Mängel im Design. Aber das grösste Problem ist ein anderes: der Mensch.

Ich trau dem Ding nicht über den Weg.

Fühlt sich besser an als es aussieht

«Wow, das ist ja ein Brocken» ist einer der Sätze, den ich im Laufe des Reviews oft gehört habe. Ja, das Fold ist etwa doppelt so dick wie ein normales Smartphone. Wenig überraschend in Anbetracht, dass es die Technologie eines Smartphones oder eines Tablets falten muss. Und etwas kontraproduktiv in dem Sinne, dass es in den besagten engen Hosentaschen Platz wegnimmt. Im Folgenden spreche ich über den Formfaktor wie über ein Buch, denn das macht das etwas einfacher.

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Wenn du zwei Smartphones aufeinanderlegst, dann hast du in etwa die Dicke des Fold. Nicht aber die Breite, denn aufgeklappt ist das Fold 11.79 cm breit und 16.09 cm hoch. Zusammengeklappt 6.29 cm breit und 16.09 cm hoch. Dass es nicht 5.8 cm Breite sind, liegt daran, dass der «Buchrücken» zusammengeklappt etwas hervorsteht. Dieser verschwindet beim Aufklappen zwischen den beiden «Buchdeckeln»

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Hübsch ist das Fold nicht. Wirklich nicht. Vom Grob-Design her müssen noch zwei, drei Dinge perfektioniert werden, bis da wirklich ein schönes Gerät herausschaut. Aber es liegt geschlossen überraschend gut in der Hand. Da es zusammengeklappt nicht so breit ist, wie ein normales Smartphone, können auch kleinere Hände gut damit arbeiten. In der Hosentasche stört es nicht, ist nie massig oder störend. Da stört auch das Gewicht von 263 Gramm wenig, selbst, wenn längere Telefongespräche etwas seltsam werden und das Gewicht störend wirken kann.

So weit, so gut. Der Rest der Hardware kennen wir im Grossen und Ganzen vom aktuellen Line-Up der Samsung Phones. Neue Wege muss Samsung aber bei den Kameras gehen. Wenn du dir folgende Liste ansiehst, dass kannst du nur fragend dreinblicken, aber im Kontext des faltbaren Hardware Designs blieb Samsung keine andere Wahl, als total sechs Kameras zu verbauen.

Hinten eine Triple Cam:

  • 2 MP, f/1.5-2.4, 27 mm, Weitwinkel, OIS
  • 12 MP, f/2.4, 52 mm, Telephoto, OIS, 2x optical zoom
  • 16 MP, f/2.2, 12 mm, Ultraweitwinkel

Dann vorne auf dem «Buchcover» eine Selfie Cam:

  • 10 MP, f/2.2, 26 mm, Weitwinkel

Diese Kamera dient auch als Face Unlock Cam.

Dann aufgeklappt nochmal zwei Kameras:

  • 10 MP, f/2.2, 26 mm, Weitwinkel
  • 8 MP, f/1.9, 24 mm, Weitwinkel, Tiefensensor

Der Rest? Qualcomm Snapdragon 855, 12GB RAM, 512 GB interner Speicher, Stereolautsprecher mit AKG Tuning, Support für Samsung Dex (ja, das gibt's noch) und ein 4235 mAh starker Akku mit 15W Schnellladefähigkeit.

Instagram ist spektakulär

In der Benutzung gibt mir das Galaxy Fold auch keinen Grund, ihm zu misstrauen. Denn die Software, Android mit Samsungs One UI, ist gut.

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Vor allem skaliert die Software schön auf den aufgeklappten Bildschirm, ist mit Nova Launcher kompatibel und funktioniert gut. «Gut» ist so das Wort, das sich durchzieht. Der kleine Bildschirm auf dem Cover lässt zu, dass du dein Phone auch zugeklappt uneingeschränkt nutzen kannst.

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Hier kommt der Formfaktor des aufgeklappten Phones ins Spiel, im Guten wie im Schlechten. Natürlich ist die Android-Welt noch nicht beim plusminus quadratischen Bildschirmformat angekommen. Android ist knapp, mit Ach und Krach, bei 18:9 angekommen. Youtube leidet am meisten. Denn klar, das Bild ist grösser, aber oben und unten am Bild hast du massige schwarze Streifen, wo einfach kein Video ist. Das lässt mich drauf schliessen, dass der Formfaktor so nicht der Weisheit letzter Schluss ist, wenn du im Kontext des Vollbildmodus denkst.

Ausser Instagram.

Instagram setzt seit Beginn seines mehr oder minder unerklärlichen Aufstiegs auf quadratische Bilder und Videos. Da gibt es nur ein Wort: Wow. Bisher war Instagram ein Zeitvertreib auf dem Tram. Ist es immer noch. Aber jetzt ist es ein schöner Zeitvertreib. Die Bilder sind gross, bildschirmfüllend, und die Videos hinterlassen den Eindruck, den sie sollten. Endlich mal ein Bildschirm, der Instagram-Inhalte so wirken lässt, wie sie eigentlich sollten.

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Gut, nur wegen Instagram 2000 Franken/Euro oder mehr liegen zu lassen, ist in den allermeisten Fällen absolut vermessen und rechtfertigt niemals den Kauf. Der Falz im Screen ist bei den meisten normalen Lichtverhältnissen unsichtbar für den Benutzer des Phones. Sobald du es aber anwinkelst, dann siehst du ihn.

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Wir müssen umdenken

Mit der Zeit fällt mir auf, dass ich das Phone allenfalls falsch verwende. Und wenn nicht falsch, dann nicht so effizient, wie ich könnte. Ich bin einer dieser Menschen, die immer gefühlte 50 Tabs im Browser offen haben, unten im Dock oder der Taskleiste etwa ein Dutzend Ordner und Programme. Je mehr Bildschirme ich an einen Computer anhängen kann, desto glücklicher bin ich. Lustigerweise aber ist ein Smartphone ein Ding, auf dem ich immer nur eine App gleichzeitig verwende.

Ist der Bildschirm gross genug für Split Screen, also zwei oder mehr Apps auf einem Screen?

Ja. Absolut. Grossartig.

Ich kann einen Browser und meine Mails nebeneinander anzeigen. Das geht recht einfach, wenn du den Dreh kennst.

  1. Drück □
  2. Long Press auf die erste App, die du im Split Screen willst
  3. Zieh sie per Drag and Drop an den rechten Bildschirmrand
  4. Mach dasselbe mit den anderen Apps

Das Galaxy Fold kann bis zu drei Apps simultan anzeigen. Es wird nie langsam, nie überfordert. Da zeigt sich, was die 12GB und der Snapdragon 855 bringen. Das macht einfach Freude.

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Die Freude wird etwas getrübt, da die Welt – genau wie beim quadratischen Bildformat – noch nicht ganz beim Split Screen angekommen ist. Instagram macht das partout nicht mit, zum Beispiel. Da wirft dir das Galaxy Fold einen Fehler aus von wegen «This App does not support Split Screen». Dann ist da die Sache mit der Tastatur. SwiftKey funktioniert gut, verlässlich und wenn du die Tastatur in der Mitte teilst, dann kannst du mit zwei Daumen extrem bequem tippen.

Aber: Wenn du im Split Screen links ein Video schaust und rechts etwas tippen willst, dann legt sich die Tastatur über den ganzen Bildschirm und verdeckt das halbe Video. Uncool. Sehr, sehr uncool. Dem kannst du beikommen, indem du entweder in NewPipe mit dem Popup Player arbeitest, aber dann brauchst du Split Screen nicht, oder eine dritte App unten links hast, die dein Video nach oben drückt. Und einfach eine dritte App aufmachen, nur damit eine dritte App da ist, sehe ich nicht passieren.

Ausser natürlich, das Video ist in der rechten Bildschirmhälfte. Denn dort siehst du im Split Screen Modus nicht den Home Screen, sondern ein Overlay, das eine App anzeigt. Diese Überlagerung des eigentlichen Home Screens orientiert sich in seiner Höhe und Breite nicht nur am Home Screen, sondern auch daran, ob ein anderes Overlay auf derselben Ebene eingeblendet ist, eine Tastatur zum Beispiel. Dann bewegt sich das Video. Das ist schwach. Ich erwarte von einem sauteuren Phone, das die Zukunft sein soll, dass die Coder sowas testen. Und zwar links wie auch rechts.

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Und ja, lieber User Klagebunz, Youtube Vanced geht wohl auch und dürfte dasselbe Problem haben. Ich mag NewPipe einfach besser.

Ansonsten stelle ich in der Benutzung fest, dass ich die Sache mit den Apps initial völlig falsch angegangen bin. Das Fold ist nicht dazu da, eine App auf einem Bildschirm in voller Grösse darzustellen. Klar, im Falle von Instagram sieht das richtig toll aus, aber die Frage «Und jetzt? Was bringt's?» bleibt hartnäckig unbeantwortet.

Hingegen aber im Rahmen meiner normalen Benutzung von Bildschirmen mit mehreren Bildschirmen, Fenstern und Applikationen sehe ich da massives Potenzial. Eines, das ich bei Tablets nie gesehen habe – bei der Grösse bin ich mit einem beliebigen Laptop besser unterwegs – und das ich bei einem normalen Phone vermisse. Denn sowohl Tablet wie auch Smartphone sind in erster Linie Geräte, die ich zum Konsum von Medien nutze. Okay, WhatsApp und Signal als Sendeorgane, aber mir käme selten bis nie in den Sinn, einen Tweet am Handy abzusetzen, ausser ich muss. Auf dem Fold ist das auf einmal vorstellbar.

Kurz: Wir müssen umdenken. Der Formfaktor des Folds muss sich uns nicht erklären, wir müssen einfach damit herumspielen, bis wir herausfinden, was wir damit anstellen können.

Das Misstrauen dem Neuen gegenüber

Das klingt alles hervorragend. Wieso also das Misstrauen, über das ich in der ganzen Testphase nicht hinweggekommen bin? Es hat eine Weile gedauert, bis ich dem Gefühl des «Das Ding löst sich garantiert in alle Einzelteile auf, zerbricht oder zerspringt» auf die Schliche gekommen bin. Denn die Aussenschale fühlt sich solid an, hat sogar recht zärtliche Falltests überstanden. Höher als etwa 30 cm auf Linoleumboden habe ich mich aber nicht getraut. Zu teuer und, ehrlich gesagt, zu gut in der Benutzung und zu spannend.

Einer meiner liebsten Youtuber, JerryRigEverything, hat das Fold auseinandergenommen. Auch dort: Es gibt keinen Grund, der Verarbeitung zu misstrauen. Klar, Zack – er heisst nicht Jerry – zerstört das Phone, aber ich sehe nichts, auf das ich mit dem Finger zeigen und sagen könnte: «Aha! Da ist die Bruchstelle! Da geht mir das Teil zu Bruch!»

Der Grund meines Misstrauens ist ein anderer. Ein Fieser und eigentlich total Unsinniger. Es ist das Gefühl beim Bedienen des aufgeklappten Bildschirms. Wir sind uns alle irgendeine Sorte gehärtetes Glas gewöhnt. Gorilla Glass oder ein Konkurrenzprodukt davon. Über Jahre hinweg ist uns gesagt worden, dass wir bestenfalls kugelsicheres Glas wollen. Das war schon in Zeiten vor Smartphones so. Sogar mein allererstes Handy, ein Motorola StarTac, hatte eine Glasscheibe über das Display oder eine Scheibe, die sich wie Glas angefühlt hat.

Jetzt aber das Samsung Galaxy Fold. Das faltbare Display kann logischerweise nicht aus Glas oder glasartiger Oberfläche bestehen, denn Glas – das wissen wir – ist nicht besonders flexibel, was erklärt, weshalb es trotz keinerlei Versuchen das Hobby «Bierflaschen-Origami» nicht gibt. Das Innen-Display des Folds scheint beim Kontakt mit dem Finger leicht nachzugeben. Es ist nicht so, dass ich da irgendwie könnte Dinge herumdrücken, aber es fühlt sich in etwa so an, wie wenn du auf deinem LCD-Monitor am PC oder Laptop herumdrückst. Auch wenn du mit dem Fingernagel auf das Display klopfst, dann stimmt der Ton nicht.

Die Tonwelt eines Geräts ist übrigens nicht zu unterschätzen. Vor allem bei Autos ist das eine Wissenschaft für sich. Ein Motor muss so klingen, wie er zu klingen hat. Eine Autotür muss in etwa so klingen, wie eine Autotür halt klingt, wenn du sie schliesst. Product Sound Design heisst das und arbeitet mit der instinktiven Wahrnehmungsreihenfolge des Menschen. Der Mensch hört, bevor er sieht. Daher muss der Klang eines Objekts gewisse Qualitäten erfüllen.

Wenn ich mit dem Fingernagel auf das Display komme, was je nach Länge der Fingernägel öfter passiert, dann erwarte ich einen hellen, kühlen «Takk takk»-Klang. Das Galaxy Fold aber gibt mir einen dumpfen, warmen «Tupp Tupp»-Klang. Das klingt falsch, das fühlt sich falsch an. Dem traue ich nicht.

Samsung scheint dem inneren Screen auch noch nicht recht zu vertrauen. In den USA kannst du im ersten Jahr den Screen für einen kleinen Preis ersetzen lassen. Nachher kannst du dir für den Ersatz des Screens geradesogut ein neues Flaggschiff kaufen. Weltweit hat Samsung einen Concierge Service eingerichtet. Als Fold-Besitzer kannst du da anrufen und dir Support geben lassen. Dazu kannst du in der Schweiz den Screen im ersten Jahr einmalig für 149 Franken ersetzen lassen. In Deutschland gibt es das Angebot nicht. Dort kannst du das Fold aber für Samsung Care+ anmelden und zahlst im Schadensfall eine Selbstbeteiligung von 130 Euro.

Das weckt nicht unbedingt viel Vertrauen.

Trotz all dem: Ich bin mir sicher, dass faltbare Displays noch eine längere Zukunft vor sich haben. Die Basisversion Androids hat in Android 10, API 29, Support für faltbare Phones in den Kern des Betriebssystems aufgenommen, was es Entwicklern ein Stück einfacher macht, mit dem Konzept zu arbeiten. Und ehrlich gesagt, ich mag faltbare Displays. Ich mag es, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu können, oder Bilder so richtig gross anzusehen, und das Gerät dann einfach in der Hosentasche verstauen zu können.

Das Samsung Galaxy Fold in seiner aktuellen Form dürfte nicht die Zukunft sein, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Gute Arbeit, Samsung.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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