SSD-Teile: Immer mehr Hersteller tricksen wegen der Halbleiterkrise
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SSD-Teile: Immer mehr Hersteller tricksen wegen der Halbleiterkrise

Kevin Hofer
Kevin Hofer
Zürich, am 27.08.2021
Crucial, Western Digital und Samsung – alles renommierte Hersteller von SSDs und weiteren PC-Komponenten. Sie alle tauschen im Nachhinein Komponenten auf diesen Produkten aus – dabei sind nicht alle gleich transparent.

Stell dir vor, du bist ein SSD-Hersteller und bringst ein neues Modell heraus. Die kommt bei der Fachpresse und den Kundinnen gut an. Top, alles gut also? Nein, denn da ist diese verdammte Halbleiterkrise. Jetzt fehlen dir wichtige Komponenten wie Controller oder NAND-Speicher für deine SSDs. Also schaust du dich nach Alternativen um, damit du dein Produkt doch weiter herstellen und unter die Leute bringen kannst.

Das ist an sich nicht verkehrt oder per se verwerflich. Schon vor der Halbleiterkrise kam es vor, dass Hersteller ihre Produkte nachträglich modifizierten. In der Krise häufen sich die Fälle jedoch, speziell bei den Herstellern von SSDs. Aber: Ob und wie sie diese Änderungen kommunizieren, ist zentral. Tun sie es nicht, ist das einfach nur eine Frechheit. Das kommt aber leider vor.

Immer länger werdende Liste

Adata machte im Februar 2021 mit der XPG SX8200 Pro den Anfang. Gemäss Tomshardware hat der Hersteller Veränderungen an der SSD vorgenommen, ohne darauf hinzuweisen. Das Produkt wurde immer unter derselben Produktnummer, in der gleichen Verpackung und mit demselben Datenblatt verkauft. Zuerst tauschte der Hersteller den Controller der SSD aus und danach mehrmals den NAND-Flash-Speicher. Insgesamt vier Versionen derselben SSD waren gemäss Tomshardware im Februar 2021 im Umlauf. Welche du beim Kauf gekriegt hast, war schlicht Zufall. Im Fall von Adata waren die auf das Original folgenden Versionen langsamer.

Anfangs Juni geriet dann PNY in die Schlagzeilen. Der amerikanische Hersteller reduzierte bei der XLR8 CS3030 die zu erwartende Lebensdauer, die Total Bytes Written (TBW), um fast 80 Prozent. PNY hatte zwar das Datenblatt aktualisiert, die Info ging aber zu den meisten Retailer nicht durch. Sie verkauften die neue Version noch unter den alten Angaben. PNY begründete die Änderung des NAND-Flash-Speichers mit dem globalen Mangel an NAND. Das habe auch zur Verringerung der angegebenen Lebensdauer geführt.

Ab dem Frühsommer häufen sich die Fälle. Mitte Juli kommt heraus, dass Patriot bei der Viper VPN100 nicht nur nachträglich den Controller ersetzt, sondern auch das DRAM auf einen Viertel des ursprünglichen gekürzt hat. Die Änderungen wurden nicht rechtzeitig kommuniziert und das aktualisierte Datenblatt erst spät veröffentlicht. Zudem wurde auch die Produktbezeichnung nicht angepasst. Gemäss Patriot ist die Leistung der VPN100 durch die neuen Komponenten jedoch nicht eingeschränkt.

Manche Hersteller tauschen den NAND-Flash, andere den Controller und wiederum andere beides aus.
Manche Hersteller tauschen den NAND-Flash, andere den Controller und wiederum andere beides aus.

Ähnliches machte Crucial mit der P2. Das Unternehmen tauschte den Triple Layer Cell (TLC) NAND gegen langsameren Quad Layer Cell (QLC) NAND, der auch noch weniger langlebig ist. Das Datenblatt aktualisierte das Unternehmen zwar, aber die Produktbezeichnung und Verpackung blieben gleich. Gemäss dem Test von Tomshardware leidet die Performance der P2 unter dem neuen NAND deutlich, obwohl laut Crucial die Leistung gleich sein sollte.

Vor wenigen Tagen kam heraus, dass Western Digital bei der Blue SN550 den NAND-Speicher ausgetauscht hat. Das Unternehmen hat zwar das Datenblatt aktualisiert, aber nicht die Produktbezeichnung. Die Leistung leidet in diesem Fall nur, wenn der Cache-Speicher aufgebraucht ist. Dafür sinkt sie dann um bis zu 50 Prozent. Western Digital hat sich in der Folge dazu entschieden, bei interner Veränderung von Produkten nicht nur das Datenblatt, sondern auch die Modellnummer zu aktualisieren.

Bereits proaktiv zu diesem Schritt entschieden hat sich jetzt Samsung. Der südkoreanische Hersteller ändert bei der 970 Evo Plus den Controller. Dazu sieht sich Samsung aus dem gleichen Grund wie die anderen Hersteller gezwungen: die Halbleiterkrise. Immerhin erhält die SSD eine neue Verpackung, Modellnummer und ein neues Datenblatt. So sollte das sein, wenn etwas am ursprünglichen Produkt verändert wird.

Was bedeutet das für dich als Kundin?

Für dich als Käuferin lautet mein Tipp: Augen auf! Selbst wenn Hersteller wie Samsung vorbildlich agieren, musst du genau hinschauen. Die meisten Reviews zu Produkten werden zu deren Launch gemacht. Obschon Samsung transparent ist, weicht das gekaufte Produkt mit der neuen Modellnummer vom getesteten ab. Du musst dir vor dem Kauf also bewusst sein, dass du im Endeffekt bei der neuen 970 Evo Plus nicht dasselbe Produkt in den Händen hältst, das die Tech-Seite deines Vertrauens empfiehlt.

Noch schwieriger ist es in den Fällen, in denen die Hersteller nicht einmal die Modellnummer anpassen. Hier weisst du effektiv erst, welche Version du gekauft hast, wenn du das Teil auseinander nimmst oder es dir mit Analyse-Tools am PC anschaust. Google also vor dem Kauf deine Wunsch-SSD, um herauszufinden, ob bei der getrickst wird und falls die Antwort Ja lautet, welchen Einfluss das auf die Leistung hat.

Da sich die Hersteller Änderungen bei den Produkten vorbehalten, ist diese Praxis nicht illegal. Aber anständig ist sie definitiv nicht. Als Kundin kannst du dir Transparenz seitens der Hersteller bestenfalls wünschen. Ansonsten gilt: Du musst genau hinschauen.

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Kevin Hofer
Kevin Hofer

Editor, Zürich

Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist meine Leidenschaft.

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