

Wenn der Weg zum Ziel wird – Auf der Bündner Hochjagd mit zwei Pulsar-Wärmebildgeräten
Auch dieses Jahr teste ich zwei Wärmebildgeräte von Pulsar – rsp. wir testen. Denn während ich das Pulsar Merger LRF XT50 dabei habe, nimmt Kollege Marco das Pulsar Oryx LRF XG35 unter die Lupe.
Mein Smartphone zeigt 04:00 Uhr an. Ich glaube nicht, dass ich besonders tief geschlafen habe. Der erste Jagdtag ist da, der Tag, auf den sich Bündner Jäger ein ganzes Jahr lang freuen. Ich stehe auf und brauche dringend Kaffee. Auch mein Jagdfreund Marco kriecht aus den Federn. Unsere Jagdrucksäcke haben wir bereits am Vorabend gepackt. Jetzt bereiten wir Kaffee und Proviant vor. Wir kochen Wasser, um in unseren Thermosflaschen heisse Bouillon mitzunehmen.
Die Zeit vergeht wie im Flug und schon ist es 05:00 Uhr, Zeit für mich loszulaufen. Ein einstündiger Fussmarsch auf ca. 1850 m ü.M. liegt vor mir. Es ist stockdunkel. Ich sehe nur so weit, wie meine Stirnlampe den Wald erhellt. Um den Hals trage ich das eingeschaltete Pulsar Merger LRF XT50. Das Gewicht meines Rucksacks und Gewehrs, der steile Aufstieg und die von mir gewählte Intensität lassen keinen Raum für grosse Gedanken. Ich blicke auf den Boden und konzentriere mich darauf, meine schweren Bergstiefel möglichst geräuschlos aufzusetzen.
Die morgendlichen Tautropfen auf Grashalmen und Pilzen glitzern im Licht der Stirnlampe, ebenso die kleinen Tropfen an Spinnfäden, die sich regelmässig vor meinem Gesicht spannen. Mühsam zwar, aber sie signalisieren mir auch, dass ich der Erste auf dem Single-Trail bin.
Der ersten Anblick
Plötzlich knackt ein Ast vor mir im Wald. Blitzschnell greife ich das Wärmebildgerät und richte es in die Richtung des Geräuschs. Zwischen den Bäumen erkenne ich eine Wärmesignatur, kann das Tier aber noch nicht genau identifizieren. Ist es eine Hirschkuh oder sogar ein Hirsch? Ich bleibe stehen, rühre mich nicht und beobachte. Zwischendurch entlaste ich Augen und Arme, doch dann verschwindet die Wärmesignatur. Bereits nach wenigen Minuten auf der Bündner Hochjagd habe ich einen ersten Anblick, ein Moment, der keineswegs selbstverständlich ist.

Etwa fünf Minuten später erreiche ich eine Lichtung, auf der ich schon öfter Wildtiere gesehen habe. Vorsichtig schalte ich meine Stirnlampe aus und nehme das Wärmebildgerät hoch. Auf dem Bildschirm erscheint etwas Rotes auf blauem Hintergrund, ein Tier liegt in der Mitte der Lichtung und ruht sich aus.

Ich beobachte es eine Minute, bis es aufsteht. Noch unschlüssig, was genau ich vor mir habe, nehme ich ein Video auf. Was ich darauf festhalte, ist mir so noch nie gelungen: ein Gamsbock beim Wasserlassen, der sich anschliessend äsend talauswärts bewegt. Ein grandioser Anblick, den ich ohne Wärmebildgerät verpasst hätte. Leider verschlechtert sich das Wetter im Tagesverlauf, sodass spätere Beobachtungen ausbleiben.
In den folgenden Tagen sehe ich immer wieder früh morgens beim Aufstieg zu meinem Lieblingsposten Wildtiere. Häufig treffe ich auf die Kombination aus Hirschkuh und Kalb, die in Graubünden geschützt ist. Dennoch sind die Beobachtungen beeindruckend.


Das Pulsar Merger LRF XT50 besticht durch eine hohe Auflösung von 1280×960 Pixel, die das Beobachten von Wildtieren zu einem Erlebnis macht. Auf dem oberen linken Foto siehst du wie scharf und hochaufgelöst das Bild ist. Es sind sogar die einzelnen Nadeln der Lärchen im linken Bildausschnitt zu erkennen.
Der integrierte und der herausnehmbare Akku ergeben zusammen 7200 mAh, was laut Hersteller eine Laufzeit von etwa sechs Stunden ermöglicht. Ich nutze das Gerät täglich zwei bis drei Stunden bis kurz vor Sonnenaufgang und der Akkuverbrauch entsprach den Angaben. Besonders in den frühen Morgenstunden, wenn der Temperaturunterschied am grössten ist, zeigt das Gerät seine Stärken. Innerhalb von Sekunden lassen sich von Wildtieren und kleinen Vögeln bis zu Kühen verschiedene Tiere auf der Alp erkennen.
Das Merger LRF XT50 verfügt ausserdem über einen integrierten Laser zur Distanzmessung bis zu 1500 Meter mit einer Messgenauigkeit von ±1 m. Ich habe die Messung mit meinem Zeiss-Feldstecher verglichen und keinen Unterschied festgestellt. Da ich mein Jagdgebiet gut kenne, nutze ich persönlich die Distanzmessung jedoch selten. Mir dient das Wärmebildgerät primär der Beobachtung und Entdeckung von Wild.
Komfort und Bedienung in der Praxis
Besonders angenehm finde ich das automatische Ein- und Ausschalten des Displays, wenn das Gerät zu oder von den Augen bewegt wird. So leuchtet das Binokular nicht ständig hell im Dunkeln und minimiert die Entdeckungsgefahr. Die ergonomische Binokularform mit 15 mm Augenabstand sorgt für komfortables Sehen und reduziert Ermüdung. Der grosse Vorteil des Merger LRF XT50: Nachtblindheit wird deutlich reduziert, da beide Augen gleich entspannt arbeiten können. Das Auge gewöhnt sich schneller wieder an die Dunkelheit, und die Beobachtung wirkt ruhiger und weniger anstrengend.
Marco geht es mit dem Oryx LRF XG35 ähnlich wie mir mit dem Merger LRF XT50. Auch er schätzt die hohe Auflösung und die klaren Wärmesignaturen. Er schätzt vor allem die Kompaktheit und das geringe Gewicht des Monokulars. Marco ist zum ersten Mal mit einem Wärmebildgerät unterwegs. Die Anordnung und Funktionen der Bedienknöpfe hat er aber sehr schnell gelernt und so gelingt auch ihm ein spektakuläres Video.
Wieso ein Wärmebildgerät auf die Jagd mitnehmen?
Für mich bedeutet die Jagd vor allem Zeit, mich mit mir selbst und der Natur auseinanderzusetzen. Es ist ein Abstand nehmen vom Alltag und der Zivilisation und ein Rückzug in die Einfachheit, der mich die menschlichen Grundbedürfnisse wieder schätzen lehrt, wenn man nach einem durchgefrorenen Jagdtag vor einen Holzofen sitzt und die Wärme spürt. Es lehrt Demut und Dankbarkeit gegenüber der Natur. Als mir auf halber Strecke mitten im Wald meine Stirnlampe ausfällt, merke ich, wie unbeholfen ich ohne künstliches Licht bin und ich nur warten kann, bis die Dämmerung eintritt, um unfallfrei meinen Weg fortzusetzen. Diese Dankbarkeit erfahre ich auch, wenn ich Wild sehe und beobachten kann. Das grazile Ziehen eines Hirschs von einem Waldstück zum anderen oder der Anblick von Hirschkuh und Kalb.
Fürs Beobachten kommt das Wärmebildgerät ins Spiel. Während der Dämmerung bietet es einen klaren Vorteil gegenüber Auge und Feldstecher, da sich Tiere durch ihre Wärme deutlich von der Umgebung abheben. So konnte ich während der Dämmerung durch Nadelbäume hindurch bereits die Augen der Tiere erkennen und deren Austritt aus dem Wald frühzeitig antizipieren. Dies erleichtert die Vorbereitung auf eine mögliche Jagdsituation, führt jedoch nicht zwangsläufig zu mehr erlegtem Wild.
Auch auf der Nachsuche, also bei der Suche nach erlegtem oder beschossenem Wild, kann ein Wärmebildgerät sehr hilfreich sein. Das zügige Auffinden von beschossenem oder verendetem Wild ist nicht nur aus hygienischen Gründen wichtig, sondern gehört auch zur moralisch-ethischen Verantwortung jedes Jägers. Die Annahme, dass man erlegtes Wild einfach und schnell findet, entspricht häufig nicht der Realität, da unwegsames Gelände, hohe Vegetation, steile Abhänge, unklare Perspektive im Gelände und Tageszeit, die Nachsuche signifikant erschweren können.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Das Pulsar Merger LRF XT50 und das Oryx LRF XG35 stammen aus derselben Gerätegeneration, richten sich jedoch an unterschiedliche Einsatzbereiche und -szenarien. Das Merger LRF XT50 setzt den Standard in der Wärmebildbeobachtung, während das Oryx LRF XG35 durch seine Kompaktheit und Robustheit überzeugt.
Einen Vergleich der Produktdaten findest du hier.
Das Merger verfügt über einen Mikrobolometer mit einer Auflösung von 1280 × 1024 Pixeln, was zu feineren Strukturen, ruhigeren Kanten bei hohen Vergrösserungen führt. Das Oryx XG35 arbeitet mit 640 × 480 Pixeln, liefert dank des modernen 12-µm-Pixelabstands jedoch immer noch ein hervorragendes Bild bei mittleren Entfernungen, erreicht aber nicht die Detailtreue des XT50.
Das Merger XT50 nutzt ein 50-mm-F1.0-Objektiv und startet bei 2.5-facher Vergrösserung, wodurch es besonders bei grossen Distanzen überzeugt. Das Oryx XG35 besitzt ein 35-mm-F1.0-Objektiv, ebenfalls mit 2.5-facher Vergrösserung, ist damit jedoch eher ein vielseitiger Allrounder mit etwas geringerer Reichweite. Entsprechend liegen die Erfassungsdistanzen bei 2300 m für das Merger und 1800 m für das Oryx.
Beide Geräte verfügen über einen integrierten Ballistikrechner, der sich über die Stream-Vision-Ballistics-App präzise konfigurieren lässt und so eine Unterstützung bei der jagdlichen Anwendung bietet.
Zwei Geräte, zwei Konzepte
Der unterschiedliche Ansatz beider Geräte zeigt sich auch beim Beobachten. Das Merger LRF XT50 folgt dem klassischen Fernglasdesign und bietet damit ein entspannteres Seherlebnis als das kompakte Monokular Oryx LRF XG35, das einhändig bedient werden kann.
Beide Geräte verfügen über einen integrierten Laserentfernungsmesser mit 1500 Metern Reichweite. Bei der Akkulaufzeit unterscheiden sich die Geräte. Das Oryx XG35 erreicht bis zu zwölf Stunden mit internem und APS5-Akku, während das Merger LRF XT50 auf sechs Stunden kommt.

Fazit
Die beiden Geräte unterscheiden sich hauptsächlich durch Formfaktor, Gewicht und Binokular- bzw. Monokularausführung. Die Tastenanordnung beim XG35 ist kompakter und auf Einhandbedienung ausgelegt. Beide Geräte kommen mit Tragtasche und Riemen. Handlicher für die Jagd ist sicherlich das Monokular: Es wiegt nur die Hälfte, was es für Gebirgsjäger attraktiver und kostengünstiger macht.
Die Anschaffung des jeweiligen Geräts hängt stark vom persönlichen Einsatzzweck ab. Das Merger LRF XT50 spielt seine Stärken vor allem dann aus, wenn man viel und lange beobachtet. Durch die binokulare Bauweise ist das Seherlebnis sehr entspannt. Kein Auge muss zugekniffen werden, und das Bild wirkt insgesamt ruhiger. Auch die Handhabung entspricht der eines klassischen Feldstechers und vermittelt dadurch sofort eine vertraute Handhabung. Für Ansitzjäger, die höchsten Beobachtungskomfort schätzen, ist das Merger daher eine ausgezeichnete Wahl. Die hohe Auflösung und der Komfort haben jedoch ihren Preis.
Für Gebirgs- oder Pirschjäger, die auf eine schnelle Entdeckung angewiesen sind, bietet das Oryx XG35 dagegen eine leichte und unkomplizierte Lösung. Das Preis-/Leistungsverhältnis ist sehr gut, und das Oryx lässt sich hervorragend als reines Arbeitsgerät nutzen. Es ist kompromisslos praktisch und darauf ausgelegt, im jagdlichen Alltag zuverlässig zu funktionieren. Aufgrund seiner Grösse passt es auch in eine Tasche einer Jagdjacke oder die Aussentasche eines Jagdrucksacks.
Die Vorteile von Wärmebildgeräten liegen auf der Hand. Dank ihnen haben sich die Beobachtungen von Wildtieren sehr früh am Morgen und in der Dämmerung deutlich erhöht. Gerade in lichtschwacher Zeit ermöglichen sie es, Tiere zu entdecken, die man von blossem Auge oder mit dem Feldstecher nicht erkennen würde. Selbst an Tagen, an denen sonst kein Wild zu sehen ist, was in Graubünden oft vorkommt. Deshalb gehe ich nicht mehr ohne Wärmebildgerät auf die Bündner Hochjagd.
Molekular- und Muskelbiologe. Forscher an der ETH Zürich. Kraftsportler.
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