HintergrundSexualität

Wenn’s ohne Pornos nicht mehr geht

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 24.02.2022
Bilder: Thomas Kunz

Wenn der Pornokonsum ausser Kontrolle gerät, ziehen sich Betroffene immer mehr zurück. Sie schämen sich. Im Interview erklärt die Expertin, wie es überhaupt so weit kommen kann und weshalb es wichtig ist, sich Hilfe zu suchen.

Im Schnitt waren es genau neun Minuten und 55 Sekunden. So lange verweilten Besucherinnen und Besucher vergangenes Jahr pro Sitzung auf dem Erwachsenenportal Pornhub. Klingt nicht nach sonderlich viel. Doch was, wenn der Pornokonsum ein Eigenleben entwickelt? Menschen, die sich exzessiv Sexfilme anschauen, bewegen sich langfristig weit jenseits dieser knapp zehn Minuten. Mit Folgen. Sexologin und Psychotherapeutin Dania Schiftan erklärt, welche Dynamiken bei einer Pornosucht am Werk sind und wie wir den Grundstein für einen gesunden Umgang mit der Pornografie legen.

Dania, du sagst, Pornos können Spass machen, Abwechslung in die Sexualität bringen und zur Erregung beitragen. Da bin ich ganz bei dir. Wie kommt es aber, dass der Pornokonsum bei manchen Menschen problematische Züge annimmt?
Dania Schiftan: Das Problem liegt in der uneingeschränkten Verfügbarkeit. Sie erschwert uns den Umgang mit Pornos und kann einen negativen Einfluss auf uns haben. Die meisten Formen von pornografischen Inhalten sind heute kostenlos und mit nur einem Klick im Internet verfügbar. Dieser barrierefreie Zugang führt dazu, dass immer mehr Jugendliche, die ihre Sexualität gerade erst entwickeln, bereits von Beginn an mit solchen Bildern und Filmen konfrontiert werden und so unbewusst ihre Selbstbefriedigung an diese Pornos koppeln. Aus sexualtherapeutischer Sicht – das heisst, wir lassen ethische und rechtliche Fragen hier mal aussen vor – kann das zu Schwierigkeiten führen.

Wie sehen diese Schwierigkeiten konkret aus?
Wer seine Sexualität immer nur in Kombination mit Pornos erlebt, macht eine eindimensionale Erfahrung. Ich mache ein Beispiel: Nehmen wir mal einen Mann und nennen ihn Ben – es könnte genauso gut eine Frau sein. Ben hängt in einer sehr passiven Haltung auf seinem Stuhl und starrt auf den Bildschirm, während er eine bestimmte Stelle an seinem Penis rubbelt. Sein gesamter Fokus gilt dem Sexfilm auf seinem Bildschirm. Ben hat auch die Möglichkeit, das Video bei Bedarf vor- und zurückzuspulen oder mit wenig Aufwand zu wechseln.

Zu Zeiten des VHS war das wohl noch ein bisschen anders.
Das Ganze wäre viel mühsamer gewesen. Ben wäre sicherlich nicht fünfmal aufgestanden, um die Kassette zu wechseln. Ben ist es in der heutigen Zeit also möglich, mit wenigen Klicks Jagd auf die Highlights im Porno zu machen. Über die Zeit hinweg müssen diese Highlights krasser werden, damit Ben auf dasselbe Level an Erregung kommt. Er stumpft in gewisser Hinsicht ab.

Woran liegt das?
Liegt die gesamte Aufmerksamkeit ausserhalb des Körpers, also auf einem Porno, fehlt diese dem eigenen Körper. Was in ihm geschieht, wird als immer weniger spektakulär wahrgenommen, weil der Kick über die Augen an Bedeutung gewinnt. Die Folge: Menschen wie Ben müssen immer länger suchen, bis sie pornografisches Material finden, das sie reizt. Oft werden auch die Inhalte der rezipierten Pornos mit der Zeit krasser. Das alles führt zu einem Kontrollverlust, sodass sexuelle Fantasien und Verhaltensweisen nicht mehr ausreichend gesteuert werden können.

Ich vermute, wenn jemand wie Ben in einer Beziehung lebt, wirkt sich das auf den Sex aus?
In der Paarsexualität, inbesondere in Langzeitbeziehungen, fehlt dieser angewöhnte Kick aus den Pornos. Viele beobachten dann, dass sie es ohne die Pornos gar nicht in einen Zustand der Erregung schaffen. Das kann eine Beziehung belasten.

Welche inneren Kämpfe tragen Betroffene mit sich aus?
Sind Menschen nicht mehr in der Lage, sich ohne die Hilfe von Pornos zu erregen, verwenden sie immer mehr Zeit und Energie darauf, um zu dieser Erregung zu gelangen. Erfüllt der Kick aus den Pornos die Erwartungen nicht mehr – ist er also nicht mehr stark genug oder fällt weg – beginnt der Stress. Diese Menschen konsumieren dann mehr und länger, um sich diesen Kick zurückzuholen. Manche geraten dann sogar in rechtliche Konflikte, weil sie den Firmencomputer benutzen oder sich illegales Material anschauen. Auch Schule, Beruf, Finanzen, Gesundheit und soziale Kontakte können auf der Strecke bleiben.

Sprechen wir in so einem Fall von einer Sucht im klassischen Sinne?
Es gibt die Hypothese, dass Süchte in unserem Hirn zu Veränderungen führen. Ob das auch bei Pornos der Fall ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Aus der Forschung kenne ich Ergebnisse, die dafür und dagegen sprechen. Die Frage, wie man dieses Verhalten einordnet, also ob als Sucht im klassischen Sinne oder als eine Gewöhnung, spielt für meine Arbeit als Sexualtherapeutin eine untergeordnete Rolle. Der Effekt ist schlussendlich derselbe: Betroffene leiden unter ihrem Nutzungsverhalten und deren Folgen.

Ist eine spezifische Gruppe besonders gefährdet?
Lange hiess es, dass ausschliesslich Männer von diesem Phänomen betroffen sind. Das stimmt so nicht mehr. Zumal es immer mehr pornografische Angebote gibt, die spezifisch für eine weibliche Zielgruppe produziert werden. Dennoch sind junge Männer tendenziell gefährdeter – nicht zuletzt, weil sie für visuelle Reize besonders empfänglich sind.

Gibt es für Aussenstehende Anzeichen, die darauf hindeuten, dass jemand eine Pornosucht entwickelt hat?
Gerade zu Zeiten des Homeoffice, in der soziale Kontakte stark eingeschränkt sind, ist es für aussenstehende Personen besonders schwierig, so etwas zu erkennen. Zumal Betroffene zunehmend ein zurückgezogenes Leben führen. Wer bei seinem Partner oder seiner Partnerin einen Verdacht hegt, sollte das Thema ansprechen und die betroffene Person bitten, in eine Therapiesitzung oder Beratungsstunde zu gehen. Leider wissen viele überhaupt nicht, dass es im Bereich der Pornosucht Hilfe für sie gibt. Es gibt Unterstützung. Man darf das Thema ernst nehmen und an sich arbeiten. Daran ist nichts peinlich.

Inwiefern lässt sich die Pornosucht mit Süchten wie Alkoholismus oder Drogen- und Spielsucht vergleichen?
Die Sexualität ist ein Bedürfnis, das naturgegeben ist. Das kann man sich in dem Sinne nicht abgewöhnen. Der Körper arbeitet auf seine Weise. Was ich aber häufig beobachte: Menschen koppeln ihre Sexualität an diese Süchte. Zum Beispiel gibt es Menschen, die nur dann Sex haben können, wenn sie leicht oder voll betrunken sind – weil sie sich sonst zu fest schämen oder andere Schwierigkeiten haben. Oder es gibt Menschen, die Drogen nehmen, um eine Erektion zu bekommen oder den Sex intensiver wahrzunehmen.

Was passiert mit der Sexualität, wenn man die Drogen wegstreicht?
Kommen Menschen durch eine Therapie von ihren Süchten weg, kann dabei auch die Sexualität «abhanden» kommen, weil der Kick aus der Sucht fehlt. So ist es auch bei der Pornosucht. Deshalb ist Abstinenz keine Lösung. Das Bedürfnis nach einer Sexualität löst sich nämlich nicht in Luft auf, sobald das Suchtmittel gestrichen ist. Betroffene verlieren durch so eine Massnahme lediglich den Zugang zu ihrer Sexualität.

Welchen Ansatz verfolgst du stattdessen in einer Therapie?
Betroffene müssen in erster Linie lernen, ihre Sexualität wieder anders zu erleben. Sie müssen lernen, wie sie ihre Erregung auslösen und wahrnehmen können, ohne auf ein Suchtmittel oder den Porno zurückzugreifen. Es ist ein Umlernen und Erweitern der Sexualität, sodass Pornosüchtige allmählich davon wegkommen, auf ein Video angewiesen zu sein. So, dass Betroffene an einen Punkt gelangen, an dem sie sich selbst berühren und auf die Reaktionen des eigenen Körpers Acht geben können. Irgendwann genügt man sich dann wieder selbst und entwickelt Freude an einer Sexualität ohne diesen externen visuellen Reiz.

Wie kann ich mir so einen Umgewöhnungsprozess vorstellen?
Ich nehme den Menschen den Porno nie ganz weg. Denn er fungiert für sie als eine verlässliche Erregungsquelle. Ich empfehle meinen Patient:innen aber, den Porno nach einer gewissen Zeit mal für zehn Sekunden zu pausieren und dann ihre Erregung zu beobachten. Mit der Zeit werden die eingebauten Pausen länger. Werden ihnen die Filmchen zu langweilig, rate ich, den Clip nicht gleich zu wechseln, sondern weiterlaufen zu lassen. Auch eine Möglichkeit: Den Bildschirm mal wegdrehen. Es gibt unterschiedliche Wege, mit den gewohnten Verhaltensmustern im Pornokonsum zu brechen.

Es geht also nicht zwangsläufig darum, ganz von den Pornos wegzukommen?
Richtig. Vielmehr ist es das Ziel, wieder Platz für anderes zu schaffen. Wichtig ist mir, dass Betroffene verstehen: Solange die Sexfilme legal sind, sind nicht die Filme das Problem, sondern die Auswirkungen durch eine falsche Nutzungsweise. Bei Pornos habe ich generell eine einfache Regel: Sich einmal mit Pornos erregen und zwei- bis dreimal ohne. Mit dieser Routine behält man eine Art Balance und das Augenmerk langfristig auf dem eigenen Körper.

Welche präventiven Massnahmen wären deiner Meinung nach sinnvoll, um Heranwachsende vor einer potenziellen Sucht zu schützen.
Meistens reden Eltern, Lehrerschaft und Co. Pornos pauschal schlecht und raten dazu, sich so etwas gar nicht erst anzuschauen. Einige ihrer Argumente: Sie vermitteln ein falsches Frauenrollenbild und sind ethisch verwerflich. Diese Kritikpunkte sind zwar absolut berechtigt – es gibt immer noch viele Baustellen in der Mainstream-Pornobranche –, helfen Kindern und Jugendlichen aber nicht wirklich. Die Neugier bleibt. Früher oder später werden sie ohnehin in Kontakt mit pornografischem Material kommen. Zum Beispiel, wenn es ihnen aufs Handy geschickt wird. Aus meiner Sicht ist das ein Faktor, mit dem man in der heutigen Zeit einfach rechnen muss. Kinder und Jugendliche sollten deshalb im Umgang mit solchen Inhalten geschult werden. Dazu gehört auch, dass Eltern sich ebenfalls mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Nur so können sie als Ansprechperson fungieren und ihren Kindern erklären, was in diesen Filmchen passiert.

Was geht in Jugendlichen vor, die zum ersten Mal mit pornografischem Material in Kontakt kommen?
Ich habe immer wieder die Situation erlebt, dass Jugendliche mich fragen: «Uiii nein, muss man das wirklich können, was ich da in diesem Porno gesehen habe?» Solche Fragen müssen beantwortet werden. Das geht aber nicht, wenn man alles verteufelt. Auf diese Weise fühlen sich Kinder und junge Erwachsene mit dem Thema im Stich gelassen. Es wäre schön, wenn wir eine Gesellschaft schaffen könnten, in der Kinder und Jugendliche sagen dürfen: «Ich habe da was gesehen, das mich irritiert hat.» Oder: «Ich fand das, was ich gesehen habe cool, aber darf ich das überhaupt cool finden?» Mit einer gesprächsfreundlichen Kultur, die Raum für Fragen, Austausch und Auseinandersetzungen bietet, können wir die Gefahr minimieren, dass sich jemand monatelang heimlich einen starken Pornokonsum angewöhnt und nur noch schwer davon loskommt.

Du möchtest dich beraten lassen? Anlaufstellen sind die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und das Mannebüro Züri.

Dania Schiftan arbeitet seit 14 Jahren als Sexologin und Psychotherapeutin in ihrer eigener Praxis in Zürich. Zudem ist sie auch als Psychologin bei Parship tätig. Mehr über sie und ihren Job erfährst du im Interview mit ihr:

Alle weiteren Beiträge aus der Serie findest du hier:

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Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich. 


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