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HBO Max
Meinung

«A Knight of the Seven Kingdoms»: Westeros hat seine Seele wieder

Luca Fontana
12.2.2026

Neun Jahre lang wurde «Game of Thrones» immer grösser, lauter und leerer. Die bestbewertete Folge seitdem erzählt nun das Gegenteil: keine Drachen, kein Weltuntergang – nur ein Eid und die Frage, wer ihn noch ernst nimmt.

Dunk steht allein auf dem Feld. Um ihn herum: die versammelte Ritterschaft von Westeros. Banner, Rüstungen, Adelstitel und Blutlinien. Männer, die sich Ritter nennen – und schweigen.

Er spricht von Ser Arlan of Pennytree. Von einem Mann, den niemand mehr kennt. Von Tischen, an denen sie assen, als Dunk noch sein Knappe war. Von Hallen, in denen sie schliefen. Er spricht davon, wie Arlan ihm beibrachte, was Ritterlichkeit bedeutet: nicht bloss Schwert und Lanze, sondern vor allem Ehre, gespiegelt im Eid, die Unschuldigen zu schützen.

Dann stellt Dunk die eine Frage, die alles sprengt:

«Who will stand and fight with me?»

Niemand antwortet.

In diesem Moment ist alles gesagt über Westeros.

Vorsicht: Spoiler bis und mit Folge 4: «Seven».

Die Rückkehr der kleinen Geschichte

9.7 auf IMDb. Seit neun Jahren hat keine Folge aus dem «Game of Thrones»-Universum eine höhere Bewertung erhalten. Damals brannten Drachen die Stepstones nieder. Heute reicht ein Heckenritter der vierten Folge von «A Knight of the Seven Kingdoms». Ausgerechnet. Denn die Spin-Off-Serie wollte von Anfang an nie annähernd so gross sein wie ihre Mutter-Serie.

Wobei … gänzlich wahr ist das auch nicht.

Denn zwischen Staffel 7 von «Game of Thrones» und heute liegt eine Phase, in der Westeros vor allem eines wurde: immer mehr. Mehr Drachen. Mehr Feuer. Mehr Apokalypse. Figuren verloren ihren Charakter, verkamen zu Triggern und dienten lediglich dazu, den Plot voranzutreiben. Am Ende stand fast alles auf dem Spiel. Königreiche. Kontinente. Aber fast nichts davon fühlte sich mehr wie etwas an, das uns betrifft.

«A Knight of the Seven Kingdoms» verweigert diesen Weg radikal. Nicht bloss in einer cleveren Episode. Sondern strukturell. Vier Folgen lang arbeitet «A Knight of the Seven Kingdoms» in seinem gemächlichen Tempo auf eine einzige Frage hin: Hat Ritterlichkeit in einer korrumpierten Welt überhaupt noch Platz?

Gestellt wird diese Frage nicht mit lautem Pathos, sondern eher leise, irgendwo zwischen Dunks Andersartigkeit und dem hohlen Pomp der grossen Adelshäuser. Und so gross diese Frage auch ist: Die Geschichte, die innerhalb weniger Tage und «nur» auf einem einzigen Turniergelände erzählt wird, beginnt erstaunlich klein.

Dunk glaubt an Ehre – selbst dann, wenn niemand hinschaut.
Dunk glaubt an Ehre – selbst dann, wenn niemand hinschaut.
Quelle: HBO Max

Dunk ist nämlich kein Held im klassischen Sinn. Er ist ein frischgebackener Heckenritter ohne Titel, ohne Land und ohne antiken Namen, der ihm Türen öffnen könnte. Also tut er das Einzige, was ihm bleibt: Er meldet sich für ein Ritterturnier an. Nicht, um es zu gewinnen. Er muss nur gut genug sein, um aufzufallen. Gut genug, dass vielleicht ein Lord hinschaut. Oder – wer weiss – ihn sogar in seine Dienste nimmt.

Doch schon der erste Schritt hat seinen Preis: Um überhaupt antreten zu dürfen, braucht Dunk eine Rüstung. Die kostet Geld, das er nicht hat. Also verkauft er eines seiner drei Pferde, um sich diese Rüstung leisten zu können. Ein riskanter Tausch – denn beim Tjost gilt: Wer verliert, gibt Pferd und Rüstung an den Sieger ab und darf sie nur gegen Lösegeld zurückkaufen. Nur hat Dunk kein Lösegeld. Und von den zwei Pferden, die ihm bleiben, taugt nur eines für die Schlacht.

Verliert er also seinen ersten Tjost, verliert er alles. Gewinnt er, hat er immerhin eine Chance. Nicht zwingend auf Ruhm. Aber auf ein Leben als Ritter, das diesen Namen auch verdient. Klar, das ist kein epischer Einsatz, wie wir’s von «Game of Thrones» gewohnt sind. Es geht nicht um Thron-Intrigen oder das Schicksal der Welt. Nur um das eines einzelnen, unbedeutenden Mannes.

Und genau darin liegt die Wucht der Serie.

Die Fratze der Macht

Alles eskaliert in einem Moment, der im späten «Game of Thrones» kaum fünf Sekunden wert gewesen wäre: in einem Puppenspiel. Ein Drache aus Holz wird von einem Menschen erlegt. Roter Blütenstaub spritzt aus seinem Hals, als würde Blut fliessen. Harmlos. Lächerlich, sogar. Aber Aerion, ein Targaryen-Prinz, sieht darin Hochverrat. Er hält sich selbst für den menschgewordenen Drachen, der die Macht verkörpert, die niemals fallen darf. Aus gekränkter Arroganz lässt er der Puppenspielerin die Finger brechen.

Dunk sieht das. Und greift ein.

Aerion «Brightflame» Targaryen hält sich für den menschgewordenen Drachen der Targaryen.
Aerion «Brightflame» Targaryen hält sich für den menschgewordenen Drachen der Targaryen.
Quelle: HBO Max

«Dumm wie eine Burgmauer», pflegte Arlan of Pennytree über seinen gutmütigen Knappen zu sagen. Nun ja: Einen Prinzen zu schlagen ist tatsächlich weder klug noch strategisch. Aber es ist genau das, was ein Ritter tun soll, wenn sein Eid mehr ist als Dekoration: «Die Schwachen schützen» – selbst vor royalem Blut. Für Dunk ist Ritterlichkeit eben keine Geschichte, die man sich später schön erzählt.

Nun macht ihn diese Ritterlichkeit zum Verbrecher in den Augen jener, die denken, dass Grausamkeit ihr Recht sei. Dunks Wert steht plötzlich gegen Aerions, und ein Götterurteil scheint sein einziger Ausweg – im direkten Zweikampf mit Aerion könnte er «seine» Wahrheit vor den Göttern beweisen. Aber Aerion ist grausam, nicht dumm. Er verweigert das Duell mit dem Hünen Dunk und fordert stattdessen eine andere Form des Götterurteils: ein Urteil der Sieben.

Beim Urteil der Sieben kämpfen nicht nur Kläger und Angeklagter gegeneinander; beide müssen je sechs weitere Recken für ihre Sache gewinnen. Der folgende Kampf, Sieben gegen Sieben, ist deshalb kein Spektakel, sondern eine Masche, die Dunk zermalmen soll: Denn findet er nicht sechs Männer, die bereit sind, an seiner Seite zu kämpfen, gilt er als schuldig, noch bevor ein Schwert gezogen wurde – die Götter hätten bereits entschieden.

Und wer stellt sich schon gegen einen Prinzen des Reiches?

Genau hier wird Dunks Rede so mächtig. So entlarvend. Er bittet nicht um Gnade. Er verhandelt nicht. Er klammert sich an das Einzige, das ihm geblieben ist: den Eid. Er erinnert die versammelte Ritterschaft daran, dass Aerion noch am Vortag einen Tjost unehrenhaft gewann, indem er nicht den Mann traf, sondern dessen Pferd. Alle wissen das. Alle haben es gesehen. Das Reich weiss sehr genau, wessen Wort Gewicht hat.

Aber Wissen reicht nicht. Denn Ritterlichkeit in Westeros bedeutet längst nicht mehr, das Richtige zu tun. Sie bedeutet, auf der richtigen Seite zu stehen. Und die richtige Seite ist jene der Macht. Jene des Prinzen.

Dunk kann das nicht akzeptieren. Er stellt nicht sich selbst auf den Prüfstand, sondern das System vor ihm. Wenn diese Ritter wirklich glauben, was sie geschworen haben, dann muss jemand vortreten. Wenn niemand es tut, dann ist Ritterlichkeit nichts weiter als ein Kostüm, das Macht schützt – und alles, woran Dunk je geglaubt hat, nichts als der naive Traum eines Narren.

Das Schweigen ist verheerend. Dunk ist nicht nur rechtlich isoliert. Er ist sozial verlassen. Oder, um es mit Ser Arlans Worte zu sagen: «dumm wie eine Burgmauer.»

Das Schweigen der Ritter

«Who will stand and fight with me?»

Niemand antwortet. Kein Schwert hebt sich. Kein Ritter tritt vor. Nur Schweigen und verlegenes Gelächter. In diesem Moment scheint alles gesagt über Westeros. Über eine Welt, in der Eide nur noch Zierde sind und Ritterlichkeit ein Kostüm, das man trägt, solange es bequem ist.

Oder doch nicht?

Am Rand des Feldes sind Huftritte zu hören. Plötzlich öffnet sich das Tor zum Turniergelände, und durch dieses Tor reitet niemand geringeres als Baelor Targaryen. Ritter. Speerbrecher. Thronerbe. Und Hand des Königs.

«I will take Ser Duncan's side.»

Baelor «Breakspear» Targaryen (rechts), der zweitmächtigste Mann in Westeros, stellt sich seinem eigenen Bruder Maekar Targaryen (links) entgegen.
Baelor «Breakspear» Targaryen (rechts), der zweitmächtigste Mann in Westeros, stellt sich seinem eigenen Bruder Maekar Targaryen (links) entgegen.
Quelle: HBO Max

Der Moment wirkt wie ein Triumph und ist doch etwas anderes. Denn Baelor bricht das Schweigen nicht mit Macht, sondern mit seiner Haltung: Er weiss, was diese Entscheidung kostet. Er weiss, gegen wen er sich stellt – gegen seinen Neffen, Bruder und die eigene Familie. Aber vor allem gegen die Erwartung, dass Blut schwerer wiegt als ein Eid.

Genau deshalb tritt er vor. Denn eigentlich geht es nicht mal mehr nur um Dunk, Schuld oder Unschuld. Es geht um die Ritterlichkeit selbst. Und um die Frage, ob sie mehr ist als ein Wort, das man wie ein prächtiges, blendendes Banner vor sich herträgt, solange es nichts kostet. Baelor kämpft darum nicht für einen Heckenritter – einen Ritter ohne Lord. Er kämpft mit ihm.

Dunks verzweifelter Ruf bekommt so doch noch eine Antwort. In letzter Sekunde. Vielleicht ist das der eigentliche Trick von «A Knight of the Seven Kingdoms»: Die Serie behauptet, klein zu erzählen – und entlarvt damit erst recht, wie hohl das grosse «Game of Thrones» zuletzt geworden ist. Keine Drachen, keine Apokalypse, kein Dauerfeuer an Eskalation. Nur ein Eid. Und ein Mann, der ihn ernst nimmt.

Plötzlich fühlt sich diese «kleine» Geschichte grösser an als alles, was Westeros seit Jahren in Flammen aufgehen liess.

Titelbild: HBO Max

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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