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Hintergrund

Artcraft: einfach mal kurz Adobe und Microsoft geklont

David Lee
27.10.2026
Bilder: David Lee

Ein Open-Source-Entwicklerteam baut mit Hilfe von KI insgesamt 13 bekannte Anwendungen nach. Die Programme sind zwar noch nicht fertig, wirken jedoch überraschend solid.

Seit kurzem gibt es Gratis-Alternativen zu sieben Adobe-Programmen: Photoshop, Illustrator, Premiere, Lightroom, After Effects, InDesign und Acrobat Pro. Nicht nur das: Die Artcraft-Suite umfasst auch Alternativen zu Word, Excel, PowerPoint, Figma, AutoCAD und Pro Tools.

Es handelt sich dabei nicht bloss um Open-Source-Alternativen, sondern um originalgetreue Nachbildungen. Sie sehen gleich aus und funktionieren gleich. Die Dateien sollen dereinst voll kompatibel zu den Dateien der Originalsoftware sein.

Artcraft besteht aus 13 Anwendungen, die für jede Plattform verfügbar sind.
Artcraft besteht aus 13 Anwendungen, die für jede Plattform verfügbar sind.

Das ist jedenfalls das Ziel von Brendan Thomas und seinem Entwicklerteam. Und der entscheidende Unterschied zu den meisten bisherigen Alternativen. Denen fehlt die vollständige Kompatibilität und sehr oft auch die Funktionalität auf dem gleichen Niveau. Viele User, die zu einer Alternative wie Libre Office wechseln, kehren wieder zurück, weil sie früher oder später auf ein Problem stossen, das sich nur mit der Originalsoftware lösen lässt. Diese Konkurrenz stellte für die Software-Riesen Adobe und Microsoft bislang kein allzu grosses Problem dar.

Das dürfte sich jetzt ändern. Thomas und seine Open-Source-Community haben 13 hochkomplexe, weitverbreitete Anwendungen auf einen Schlag veröffentlicht – für Mac, Windows und Linux. Sie waren anfangs noch sehr fehlerhaft, werden jedoch mit einer nie gesehenen Geschwindigkeit weiterentwickelt. Jeden Tag erscheinen neue Versionen mit hunderten von Änderungen.

Ein Musterbeispiel für KI-Entwicklung

Natürlich ist ein solch horrendes Tempo bei so vielen Apps nur mit Hilfe künstlicher Intelligenz möglich. Dabei handelt es sich aber um ein weit ausgeklügelteres Verfahren als Vibe Coding.

Vibe Coding heisst: Ich beschreibe einem Chatbot, was ich gern haben möchte, und er generiert mir den Code dazu. Das kann eine einzelne Funktion, aber auch eine komplette App sein. In letzterem Falle habe ich keine oder – wenn ich es spezifiziere – nur sehr eingeschränkte Kontrolle über den technischen Aufbau des Programmcodes. Zahlreiche Entwickler berichten, dass ein so generierter Code zwar in der Regel funktioniert, aber völlig schwachsinnig strukturiert und damit unwartbar ist. Das gilt im Besonderen für grosse Projekte.

Artcraft arbeitet nicht mit Vibe Coding, sondern mit KI-Agenten. Sie haben eine Reihe von technischen Vorgaben und Prinzipien. Diese Richtlinien sind so verfasst, dass sie sowohl von Menschen als auch von KI-Agenten verstanden werden. Jede App hat ihre eigenen Vorgaben; hier als Beispiel die von PhotoCraft, dem Photoshop-Nachbau.

Eine wichtige Vorgabe: Die Agenten dürfen Original-Software nur aufgrund von eigener Benutzung oder öffentlichen Dokumentationen nachbilden. Sie dürfen sie nicht dekompilieren, also den Maschinencode in lesbaren Programmcode rückübersetzen. Dies, obwohl heutzutage KI sehr gut darin ist. Das hat wahrscheinlich juristische Gründe. Das Dekompilieren ist in den Nutzungsbedingungen einer Closed-Source-Software ausdrücklich verboten. Es würde vermutlich nicht lange dauern, bis Adobe oder Microsoft das Artcraft-Projekt von der Bildfläche geklagt hätte.

Agenten müssen in Rust programmieren und dürfen kein Javascript verwenden. Rust ist eine Sprache, die zahlreiche Schwachstellen bereits beim Kompilieren verhindert. Weiter müssen die Agenten jede Änderung nach Vorgaben testen und dokumentieren. Jedes Feature muss als Befehl mit eigener ID implementiert werden. So sollen Mehrspurigkeiten verhindert werden, die den Code unübersichtlich und schlecht wartbar machen.

Nicht zuletzt gibt es klar spezifizierte Vorgaben, was die Agenten autonom entscheiden dürfen und wann sie einen Menschen fragen müssen.

Kurz zusammengefasst: Der Code wird praktisch ausschliesslich von Maschinen geschrieben. Brendan Thomas selbst gibt an, seit Februar 2026 nichts mehr von Hand programmiert zu haben. Das ganze Projektmanagement bleibt jedoch in Menschenhand. Dazu gehören auch sichere und effiziente Instruktionen für die Agenten.

Erster Eindruck: unvollständig, aber gut

Ich habe mir auf meinem Mac Mini, der mit Linux läuft, einige der Apps installiert und sie ausprobiert. Dafür, dass sie zum Testzeitpunkt als frühe Alpha-Version oder schlicht als «in Entwicklung» bezeichnet werden, sind sie erstaunlich gut. Sie laufen stabil und unglaublich schnell. Beim Starten eines Programms dachte ich anfangs mehrmals «ach so, ich habe die Anwendung schon offen», weil der Start so schnell geht, wie ein Fenster in den Vordergrund zu bringen. Die Apps benötigen auch verblüffend wenig Speicherplatz. PhotoCraft belegt auf meinem Mac OS 113 MB, während Photoshop 6,5 GB frisst.

Das Camera-RAW-Modul hat noch keine Automatik.
Das Camera-RAW-Modul hat noch keine Automatik.

Trotzdem würde ich beim jetzigen Stand der Entwicklung kein einziges Programm produktiv einsetzen. Dafür fehlen schlicht zu viele Funktionen. Wobei ich hier bereits wieder relativieren muss: Während ich diese Zeilen schreibe, ändern die KI-Agenten fleissig den Code, eliminieren Fehler oder fügen fehlende Funktionen hinzu. Jeden Tag gibt es Hunderte von Updates. Die Beschreibung fehlender Funktionen kann schon im Moment der Niederschrift veraltet sein.

Hier eine Liste mit fehlenden Features, die mir am 22. und 23. Oktober sofort aufgefallen sind.

Wordcraft (Word-Ersatz):

  • Will ich das Dokument als PDF oder als reinen Text abspeichern, behält es die .docx-Endung bei und kreiert auch eine Word-Datei. Nur wenn ich die Dateiendung von Hand ändere, klappt es.
  • Keine Rechtschreib- und Grammatikprüfung in anderen Sprachen als US-Englisch.
  • Keine Autokorrektur-Optionen und damit keine Möglichkeit, die typografisch falschen Anführungszeichen anzupassen.
WordCraft: Sieht aus wie Word, aber es fehlt noch einiges.
WordCraft: Sieht aus wie Word, aber es fehlt noch einiges.

PhotoCraft (Photoshop-Ersatz):

  • Kann RAW-File von vielen älteren Kameras nicht öffnen. Es wird stattdessen das eingebettete JPEG geöffnet.
  • Keine Automatik-Funktion im Camera RAW.
  • Beim Rückgängig-Befehl sehe ich im Menü nicht, was genau ich rückgängig mache.
Beim neuen Nikon-Rohformat fehlt die Lizenz für einen Codec.
Beim neuen Nikon-Rohformat fehlt die Lizenz für einen Codec.

LightCraft (Lightroom-Ersatz):

  • Kann ebenfalls sehr viele RAW-Dateien nicht öffnen. Teilweise wegen fehlender Lizenzen.
  • Keine automatische Objektivkorrektur (Profile fehlen).
  • KI-Rauschreduzierung ab Werk nicht vorhanden. Du kannst lokal gespeicherte KI-Modelle für diesen Zweck einbinden, das ist aber nicht das Gleiche wie die Rauschreduzierung von Adobe. Ein solches Modell musst du selbst auftreiben.
Ohne Objektivprofile sehen manche RAW-Bilder übel verzerrt aus.
Ohne Objektivprofile sehen manche RAW-Bilder übel verzerrt aus.

DesignCraft (InDesign-Ersatz):

  • Kann keine InDesign-Dateien speichern. Speichert stattdessen in einem eigenen Format. Allerdings gibt es die Möglichkeit, eine Datei als .idml zu exportieren, der Import in InDesign funktioniert grundsätzlich. Die mit Photocraft gespeicherte JPEG konnte InDesign nicht lesen (Photoshop jedoch schon).
  • Bei den Absatzformaten gibt es keine Möglichkeit, ein Tastenkürzel sowie das nächste Format zu definieren. Bei Feldern mit numerischen Angaben fehlen die Pfeile zum Erhöhen oder Verringern des Werts.
DesignCraft: Fast wie InDesign, aber mit der Dateikompatibilität hapert es noch.
DesignCraft: Fast wie InDesign, aber mit der Dateikompatibilität hapert es noch.

Die grosse Frage: Wie geht es weiter?

Auch wenn in der Zwischenzeit einige dieser Probleme bereits behoben sein sollten, ist mir der Stand der Entwicklung noch zu provisorisch. Es zeichnet sich auch ab, dass die Entwicklung nicht mehr so rasend schnell geht wie noch am Anfang. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail, und für die letzten zwei Prozent braucht man übermässig viel mehr Aufwand.

Wie lange es genau dauert, ist aber nicht so wichtig. Entscheidend wird sein, ob die Programme überhaupt fertig werden. Lizenzrechtliche Hürden wie etwa bei den Codecs können die Artcraft-Entwickler nicht einfach mit einer Armee von KI-Agenten überwinden.

Unklar ist auch, ob das Projekt rechtlich bestehen kann. Es ist zwar grundsätzlich nicht verboten, die Funktionalität einer Software nachzubauen. Diese kann jedoch auch Komponenten beinhalten, die patentrechtlich geschützt sind. Vor allem aber wird die Rechtsprechung in Zukunft kaum ignorieren können, dass sich die Umstände der Software-Entwicklung grundlegend geändert haben.

Trotz all dieser Unsicherheiten macht Artcraft eines klar: Dass KI-generierte Apps weit mehr sein können als schnelles und unsauberes Gebastel. Und das hat weitreichende Folgen – egal, ob die Macher von Artcraft ihr Ziel am Ende erreichen oder nicht.

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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