
«Backrooms»: Ein 4chan-Post wurde zum A24-Film – und das Internet flippt aus
Irgendwo im Internet gibt es ein Foto: Linoleumboden, gelbe Tapeten, Leuchtstoffröhren. Kein Mensch, kein Ausgang. Wer es kennt, weiss: Das ist kein Foto. Das ist ein Gefühl. «Backrooms» trifft es erschreckend genau.
Keine Angst, keine Spoiler: In meiner Filmkritik zu «Backrooms» wirst du nicht mehr erfahren, als eh schon bekannt und im Trailer zu sehen ist. Der Film läuft ab dem 18. Juni in der Schweiz im Kino.
Der Trailer zu «Backrooms» löste in mir einen Flashback aus. Eine Erinnerung an einen Traum, der mich als Kind ständig verfolgte: Ich, alleine im heruntergekommenen Wasserpark «Alpamare», umgeben von unzähligen Wasserrutschen und weit und breit kein Ausgang. Je weiter ich suchte, desto tiefer verlor ich mich im Wasserrutschen-Labyrinth. Ich erwachte verstört. Aber auf eine Art auch nostalgisch. Als läge eine düstere Aura über einem geliebten Ort.
Ein ähnliches Gefühl hatte wohl das anonyme 4chan-Mitglied, das im Mai 2019 mit einem Foto eines leerstehenden Gebäudes andere dazu aufforderte, eigene Bilder zu posten, die irgendwie «off» wirkten. So kam der Backrooms-Hype ins Rollen.

Quelle: 4chan
Die Leute fluten das Netz seither mit Bildern und Animationen von Einkaufszentren in der Nacht, leeren Tiefgaragen oder kahlen Gängen, die sich beklemmend und vertraut zugleich anfühlen. Als wäre man mutterseelenallein, gefangen in einem Irrgarten aus Linoleumböden, Deckenplatten und kühlen Leuchtstoffröhren, nur von unheilvoller Fahrstuhlmusik begleitet.
Ein Name, der daraus hervorging: Kane Pixels, dessen richtiger Name Kane Parsons ist. Nach dem viralen Erfolg seiner Youtube-Serie «Backrooms (Found Footage)» von 2022 hat sich der 21-jährige Parsons an die Regie eines Langfilms gewagt. Zusammen mit der Produktionsfirma A24 hat er den Thriller «Backrooms» gedreht, nach einem Drehbuch von Will Soodik.
Der Film
Anders als in Parsons Animationsfilmen betrete ich die Backrooms nicht in der Ego-Perspektive, sondern folge Clark (gespielt von Chiwetel Ejiofor aus «12 Years a Slave»), dessen Leben seit einer Trennung aus den Fugen geraten ist. Seine Anlaufstelle: die Therapeutin Dr. Mary Kline (Renate Reinsve), die ihre emotionale Distanz hinter Professionalität verbirgt. Monotone Stimme, leerer Blick. Ich möchte sie am liebsten durch die Leinwand wachrütteln. Und sie – versucht dasselbe mit Clark.
Das Chaos in Clarks Leben kippt endgültig, als er im Kellergeschoss seines Möbelhauses eine geheime Tür findet. Ein Portal in eine Welt aus gelben Tapeten und unsinniger Architektur – eine, die sich immer wieder neu erfindet, wie er bei seinen nächtlichen Besuchen bald herausfindet. Mit Säulen, wo es keine braucht, Wänden, die in der Hälfte aufhören, und Möbeln, die verloren in der Gegend herumstehen. Ein riesiger Komplex, der sich durch seine eigenen Erinnerungen erschafft. Und je öfter er sich ins Labyrinth begibt, desto weiter entfernt er sich von dessen Ursprung. So erklärt sich Clark das Phänomen.

Quelle: A24
Als hätte er einen Durchbruch erlebt, erzählt Clark Dr. Kline von dem eigenartigen Ort. Die Therapeutin hört zu, wie sie immer zuhört: ruhig, nickend, distanziert. Das Portal in eine andere Welt? Für sie nicht mehr als ein weiteres Symptom. Er wiederum möchte ihr beweisen, dass er nicht den Verstand verliert – und bringt seine Angestellte und deren Freund dazu, mit ihm ins Labyrinth der Backrooms einzutauchen. Mit dabei: eine Videokamera als Beweis.

Quelle: A24
Dann wechselt die Perspektive zum Found-Footage-Film. Und ich weiss seit «The Blair Witch Project» (der mir übrigens in der Primarschule im Religionsunterricht gezeigt wurde!), dass das Unheil jetzt seinen Lauf nehmen muss. Die drei tauchen tiefer ab und öffnen die Türen zu düsteren Ecken der Backrooms, wo sie sich nicht mehr im Schutz der Halogenröhren sonnen können – und wo Dr. Kline ihre letzte Hoffnung ist.
Clark glaubt. Kline zweifelt.
Chiwetel Ejiofor setzt seine Mimik so ein, dass ich seine Angst spüre, bevor überhaupt etwas passiert. Nur zu Beginn nehme ich ihm nicht alles ab – warum, verstehe ich am Schluss. Das ist kein Fehler, sondern Absicht. Auch Renate Reinsve («Sentimental Value», «Presumed Innocent») ist stark, vor allem im Zusammenspiel mit Clark. Meine Sympathie pendelt zwischen beiden. Ich hoffe für die Therapeutin, dass er endlich Einsicht zeigt, und wünsche mir gleichzeitig, dass sie Clark glaubt.

Quelle: A24
Creepypasta, Dreamcore, Uncanny Valley: Ja, ja, ja!
Ob «Backrooms» als Film funktioniert, hängt an einer einzigen Frage: Kann Parsons das Gefühl des Internetphänomens auf die Leinwand übertragen? Meine Antwort: Ja. Nicht durch Jumpscares. Nein, vielmehr durch die Atmosphäre, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Das Klimpern von Windspielen an Orten, wo es nicht windet. Das leise Surren von Glühbirnen. Oder ein latent weisses Rauschen, das an die gruseligen Dial-up-Modem-Handshakes beim Telefonieren in den frühen 2000ern erinnert.
ASMR vom Feinsten.
Der Film zieht mich mit all dem in den Bann. Ich will weiter abtauchen. Weiter mit Clark zusammen die rund 2800 Quadratmeter vom Filmset erforschen. Ich will sie wieder und wieder besuchen, diese unheimlichen Orte, um zu sehen, was sich diesmal verändert hat. Die Zusammenhänge verstehen. Den Irrsinn.
Alles.

Quelle: A24
Wer chronisch online ist, Creepypasta kennt, Weirdcore feiert und beim Uncanny Valley nicht wegschaut, wird hier viel wiedererkennen – erschreckend viel. Aber «Backrooms» setzt dieses Vorwissen nicht voraus. Der Film ist vielmehr ein Zeitzeugnis des Internets, das nicht erklärt, was es zeigt, sondern einfach zeigt. Was davon zu glauben ist, muss jede und jeder selbst herausfinden.
Wer diese Ästhetik noch nie bewusst wahrgenommen hat, bekommt hier einen ehrlichen Einblick in das, was das Internet hinter verborgenen Türen beschäftigt – und spürt trotzdem sofort, dass da etwas Echtes eingefangen wurde. Ein bisschen so, wie in Apples «Severance», wo selbst ein leerer Flur das Gefühl hinterlässt, dass irgendetwas fundamental nicht stimmt.
Die Story selbst funktioniert nach derselben Logik: Es geht immer nur weiter rein, weiter in den Wahnsinn, wie in den Backrooms selbst. Wer sich darauf einlässt, wird mit dieser unheimlichen Stimmung belohnt, die schwer zu beschreiben ist, obwohl alle sie kennen. Es ist das Gefühl um vier Uhr morgens, wenn man längst schlafen sollte und trotzdem die dunkelsten Ecken des Internets durchforstet, weil der Sog, die Neugier und der Nervenkitzel stärker sind als alles, was der gesunde Menschenverstand entgegenzusetzen hat.
Fazit
«Backrooms» holt das unheimliche Internet Phänomen auf die Leinwand
Ich habe «Backrooms» nicht nur geschaut. Ich habe den Film förmlich betreten und den Weg daraus kaum mehr gefunden. Tatsächlich macht Kane Parsons genau das, was er seit Jahren beherrscht: Er verwandelt Räume in verstörende Szenerien – und überträgt es nun erstmals auf die grosse Leinwand.
Die Atmosphäre sitzt. Die Besetzung auch. Und das Set fühlt sich grösser an als die im Film behaupteten 2800 Quadratmeter. Ich bin jedenfalls noch nicht ganz raus aus dem Labyrinth. Genau wie damals im Alpamare.
Die Wände kurz vor der Wohnungsübergabe streichen? Kimchi selber machen? Einen kaputten Raclette-Ofen löten? Geht nicht – gibts nicht. Also manchmal schon. Aber ich probiere es auf jeden Fall aus.
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