Bringt HDR Bracketing heute noch etwas?

Bringt HDR Bracketing heute noch etwas?

David Lee
David Lee
Zürich, am 17.12.2019
Dasselbe mit unterschiedlicher Helligkeit aufnehmen und die einzelnen Bilder zusammenrechnen: Das ist HDR Bracketing. Bei Smartphones gilt es als Wundermittel, wenn die Helligkeitsunterschiede zu gross sind. Doch lohnt sich das auch bei grossen Kameras?

Das menschliche Auge kommt besser mit starken Helligkeitsunterschieden zurecht als ein Fotosensor. Selbst bei Gegenlicht können wir immer noch Strukturen im Schatten erkennen. Digicams haben da Mühe. Je kleiner der Sensor, desto grösser das Problem. Auch in der Nacht sind die Helligkeitsunterschiede oft zu gross für die Kamerasensoren.

Es gibt grundsätzlich drei Tricks, um dennoch zu einem Bild zu gelangen, das sowohl in den hellen als auch in den dunklen Partien Details erkennen lässt.

Unterbelichten: Bei der Nachbearbeitung des Fotos lassen sich die dunklen Stellen recht einfach aufhellen, so dass Details zum Vorschein kommen. Das Umgekehrte ist nicht möglich: Bei absolut weissen Bildstellen fehlt jegliche Bildinformation, hier ist nichts mehr zu retten. Es ist daher empfehlenswert, in kritischen Situationen die Belichtungskorrektur leicht in den Minusbereich zu drehen.

Foto-Kurztipp: *So korrigierst du die Belichtung**
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Foto-Kurztipp: So korrigierst du die Belichtung

In RAW fotografieren: Die oben erwähnte Korrektur geht viel besser im RAW-Format. Denn dort sind mehr Farbabstufungen gespeichert. Beim Aufhellen der Schatten werden diese Farbabstufungen auseinandergezogen. Sind zu wenig Abstufungen vorhanden, führt dies zu unsanften Verläufen. Oder die Bildbearbeitung weigert sich schlichtweg, eine extreme Korrektur durchzuführen. In Photoshop oder Lightroom kannst du die Schatten eines JPEGs gar nicht so stark aufhellen wie die eines RAW-Bildes.

Belichtungsreihe (HDR Bracketing): Die dritte Methode besteht darin, mehrere Aufnahmen vom genau gleichen Motiv mit unterschiedlicher Belichtung zu machen. Zum Beispiel drei Bilder: Ein dunkles, das die hellen Stellen richtig zeigt, ein normales und ein helles, das die dunklen Partien zur Geltung bringt. Die Aufnahmen werden anschliessend zu einem einzigen Bild zusammengerechnet. Dies nennt sich Belichtungsreihe (engl. Exposure Bracketing) oder eben HDR Bracketing.

Die drei Tricks lassen sich beliebig kombinieren. Ich kann eine Belichtungsreihe aus RAW-Fotos machen und tendenziell leicht unterbelichten.

Smartphones versus grosse Kameras

Bei Smartphones ist HDR mittlerweile Standard. Das geschieht vollautomatisch. Das Gerät erkennt selbst, wenn es eine Belichtungsreihe braucht und schiesst gleich mehrere Bilder hintereinander. So schnell, dass es auch ohne Stativ funktioniert. In diesem Punkt haben die Smartphone-Hersteller in den letzten Jahren extreme Fortschritte gemacht.

iPhone X
iPhone X
iPhone Xs
iPhone Xs

Bei Smartphones ist Auto-HDR sehr sinnvoll, denn erstens haben sie kleine Sensoren mit wenig Dynamik und zweitens hat niemand Lust, RAW-Files mit dem Handy zu bearbeiten – falls das Phone überhaupt RAW liefert.

Doch wie sieht das bei grossen Kameras aus, die RAW immer beherrschen und wo es auch gerne eingesetzt wird?

Der Dynamikumfang der Sensoren wird durch den technischen Fortschritt immer besser. Laut dxomark.com hat die Sony A7R IV einen Dynamikumfang von 14,8 Belichtungsstufen. Die zehn Jahre alte Sony Alpha 850 – ebenfalls eine Vollformatkamera – kommt nur auf 12,2 Stufen. Da erreichen heute sogar Kompaktkameras mit 1-Zoll-Sensoren höhere Werte.

Auch die RAW-Konverter wie Lightroom oder CaptureOne sind in den letzten zehn Jahren nicht stehen geblieben. Sie kitzeln heute mehr aus einem Bild heraus als früher.

Das alles deutet darauf hin, dass HDR Bracketing bei den grossen Kameras gar nicht mehr nötig ist.

Testaufnahmen

Ich habe diverse Aufnahmen bei Gegenlicht und mit reflektierenden Flächen gemacht, also bei Verhältnissen mit möglichst starken Helligkeitsunterschieden. Eine Belichtungsreihe besteht jeweils aus einem leicht unterbelichteten Bild, einem 2 oder 3 Stufen dunkleren und einem 2 oder 3 Stufen helleren Bild. Zusammengesetzt habe ich die Bilder mit der HDR-Funktion in Lightroom.

In den meisten Fällen reicht ein einzelnes RAW und eine moderate Unterbelichtung bereits aus. Wichtig ist nur, dass keine entscheidenden Stellen überbelichtet sind. Mit HDR Bracketing wird es nicht sichtbar besser.

Um überhaupt den Unterschied zwischen einer Belichtungsreihe und einem Einzelbild-RAW zu sehen, muss schon eine extreme Lichtsituation vorliegen. Hier zum Beispiel habe ich direkt in die Sonne fotografiert.

RAW-Foto mit Lightroom-Standardeinstellungen
RAW-Foto mit Lightroom-Standardeinstellungen

Im RAW-File helle ich die Tiefen auf und senke die Lichter ab, um die Unterschiede auszugleichen. Dazu wird in Lightroom der Weiss-Regler etwas aufgedreht und der Schwarz-Regler etwas runter. Dies verhindert, dass das Bild einen allzu künstlichen «HDR-Look» erhält.

Optimiertes RAW-File
Optimiertes RAW-File

Dasselbe Bild mit einer RAW-Belichtungsreihe. Die Unterschiede sind vor allem im Korb auf dem Gepäckträger am oberen Bildrand sichtbar.

Belichtungsreihe aus drei RAW-Files
Belichtungsreihe aus drei RAW-Files

Da ich auch JPEGs gespeichert habe, kann ich zum Vergleich auch daraus ein HDR-Bild erstellen. Die Details beim Gepäckträger sind besser als im Einzel-RAW, aber natürlich schlechter als im zusammengesetzten RAW. Die Farbgebung ist aber schlecht und kann auch schlecht korrigiert werden.

Belichtungsreihe aus JPEGs: gute Dynamik, beschissene Farbgebung
Belichtungsreihe aus JPEGs: gute Dynamik, beschissene Farbgebung

Hier noch einmal die kritische Stelle vergrössert. Achte auf den linken Rand des Korbs unter dem Sattel.

RAW raw
RAW raw
RAW optimiert
RAW optimiert
JPEG-Belichtungsreihe
JPEG-Belichtungsreihe
RAW-Belichtungsreihe
RAW-Belichtungsreihe

Nachteile von HDR Bracketing

Bei meinen Testaufnahmen habe ich auch die Nachteile des Verfahrens bemerkt. Sobald sich etwas im Bild bewegt, kann es zu Problemen kommen. Denn die Bilder sollten bis auf die Belichtung absolut identisch sein. Bewegungen verhindern dies. Aktuelle Smartphones wie das Huawei P30 Pro oder das Google Pixel 4 sind bereits recht gut darin, diese Unterschiede herauszurechnen. Aber auch sie produzieren bei Bewegungen merkwürdige Details. Bei den grossen Kameras ist das erst recht der Fall.

Bei diesem HDR-Bild sieht von weitem alles okay aus.

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In der Vergrösserung siehst du Artefakte, wo ein Auto durchgefahren ist (rotes Licht) und bei den Wellenbewegungen im Wasser.

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Zum Vergleich das Einzelbild-RAW: Da passiert so etwas nicht.

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Je nach Kamera kämpfst du bei Belichtungsreihen mit weiteren Schwierigkeiten. Meine Nikon D7500 beherrscht automatisches Bracketing nur im JPEG-Format. Möchte ich eine RAW-Belichtungsreihe, muss ich die Einstellungen für jedes Bild der Reihe manuell ändern. Dadurch liegen die Bilder zeitlich einige Sekunden auseinander, was die Gefahr für Bewegungen vergrössert.

Die Sony Alpha 6400, mit der ich ebenfalls experimentiert habe, beherrscht RAW-Belichtungsreihen im Serienfeuer. So kann ich zum Beispiel drei Aufnahmen in einer Sekunde machen. Aber selbst dann kommt es immer noch zu seltsamen Artefakten, die durch geringfügige Bewegungen entstehen.

Das Serienfeuer nützt ausserdem nichts bei Nachtaufnahmen mit Langzeitbelichtung. Gerade hier wäre aber HDR Bracketing gefragt, denn Nachtszenen weisen extreme Helligkeitsunterschiede auf. Lampen sind fast immer überbelichtet, während unbeleuchtete Stellen viel zu dunkel sind.

Das Bracketing lässt sich bei der Sony Alpha 6400 nicht mit dem Selbstauslöser kombinieren. Der Finger muss auf dem Auslöser bleiben. Langzeitbelichtungen verwackeln dadurch auch mit Stativ sehr leicht.

Fazit: meist unnötig

HDR Bracketing kann in gewissen Fällen auch heute noch Vorteile bringen. Eine halbwegs gute Kamera auf dem heutigen technischen Stand schafft die meisten Szenerien aber problemlos auch ohne Belichtungsreihe. Das ist einfacher und funktioniert bei bewegten Motiven wesentlich besser. Für Nachtaufnahmen würde ich HDR Bracketing generell nicht empfehlen.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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