
Das Katzenproblem, das niemand sieht
Strassenkatzen sind nur im Süden ein Problem? Denkste. Auf einer Reise nach Hamburg habe ich Streuner aufgespürt, die sonst niemand sieht. Oder sehen will.
«10 000 Strassenkatzen allein in Hamburg? Im Ernst?!» Ich kann kaum fassen, welche Zahl mir in der Katzenausstellung entgegenspringt. Schon drei Tage bin ich auf einer Teamreise in der Hansestadt und bis jetzt habe ich keinen einzigen Streuner gesehen. Wo sind die bloss? Als ich durch die Strassen schlendere, gucke ich in jede Ecke, hinter jeden Container.
Nichts.
Meine Neugier ist geweckt. Bei einer Recherche stosse ich auf Lea Lichtner. Die 27-jährige Hamburgerin kümmert sich seit fünf Jahren beim Hamburger Tierschutzverein um Streuner. 2024 hat sie den German Pet Fluencer Award für ihr Engagement gewonnen.
Ich kontaktiere sie und verabrede mich mit ihr.
Auf der Spur der Unsichtbaren
Wir treffen uns in einem Stadtteil am Rande Hamburgs. Hier liegt einer der rund 60 Futterplätze des Tierschutzvereins. Lea hat mit ihrem kleinen, blauen Auto am Strassenrand gehalten und winkt mir fröhlich zu. In den Händen hält sie eine Kanne mit heissem Wasser, eine Flasche mit kaltem Wasser, Feucht- und Trockenfutter. Ein bis zwei Mal pro Woche kommt sie hierher – so oft es ihr Job als Lehrerin in Ausbildung zulässt.

Wir schlendern den Waldrand entlang in Richtung Futterstelle. Immer wieder kneife ich die Augen zusammen und spähe durch die Baumreihen. Vögel zwitschern, Schmetterlinge tanzen, doch von Katzen fehlt auch hier jede Spur. Lea lacht und sagt: «Genau das ist das Problem.»
«Es ist nicht wie in Spanien oder Griechenland: Bei uns sieht man die Strassenkatzen nicht. Deshalb glauben viele, dass das Problem nicht existiert. Und halten es nicht für nötig, ihre eigenen Katzen zu kastrieren.»
Lea hat den Kreislauf schon unzählige Male erlebt: Freigänger paaren sich mit Streunern, Streuner kriegen Kitten und pflanzen sich unkontrolliert fort. Viele haben Hunger und werden krank. Die meisten Menschen bekommen davon nichts mit. Sie sehnen den nächsten Kittenwurf ihrer Hauskatze herbei, während sich immer mehr Streuner draussen durchkämpfen.
Ein geheimer Treffpunkt
Lea öffnet den abgesperrten Hinterbereich eines Schuppens. In der Tür klafft eine Katzenklappe. Ich verstehe erst nicht, weshalb der Ort so versteckt liegt. Doch dann erklärt Lea:
«Es gibt immer wieder Menschen, die unsere Sachen zerstören, Futter klauen oder Katzen vergiften. Deshalb halten wir unsere Standorte geheim.»
Wir nähern uns einem alten Kaninchenstall. Auf zwei Tablaren stehen Katzennäpfe und Futterspender. Alle sind leer. Lea spült sie mit heissem Wasser aus und füllt sie neu auf. Im Sommer ist Hygiene besonders wichtig, denn Fliegen und Zecken stürzen sich auf das Futter. Im Winter darf es nicht einfrieren. Während es klappert und rasselt, huscht plötzlich ein Schatten an uns vorbei. «Das war eine!», rufe ich erfreut. Lea nickt lächelnd. Wir legen uns ein paar Minuten auf die Lauer. Doch die Katze kehrt nicht zurück.


Das erschwert Leas Arbeit. Denn nebst dem Füttern kontrolliert sie auch den Gesundheitszustand der Streuner. Blutige Nasen, Augeninfektionen, Brüche – alles kommt vor. Um die kranken Katzen im Tierheim zu behandeln und Streuner zu kastrieren und zu chippen, stellt Lea Lebendfallen auf. Sie funktionieren wie eine Mäusefalle: Tritt die Katze auf eine Platte mit Futter, fällt die Tür hinter ihr zu. Klingt simpel, ist es aber nicht immer. «Einen besonders raffinierten Streuner habe ich erst nach fünf Jahren gefangen», erzählt sie.
Ein Kampf im Stillen
Doch es gibt auch die ganz zutraulichen Strassenkatzen. Tortelloni etwa, Leas Liebling. Wir verlassen die Futterstelle und gehen ein paar Schritte. Als wir an einem Dickicht vorbeikommen, kniet sich Lea hin und ruft: «Loooooni! Loni! Bist du da?!» Nichts bewegt sich. Wir gehen etwas weiter und warten. Lea ruft erneut. Plötzlich raschelt es. Ein schwarz-weisser Kater erscheint: Es ist Tortelloni. Freudig streicht er um Leas Beine und gibt ihr Küsschen. Sie packt eine Fleischpaste aus, die er gierig aus ihren Händen leckt.

Mein Blick fällt auf sein linkes Ohr. Die Spitze fehlt. Lea verrät, dass gekappte Ohren das Erkennungsmerkmal von kastrierten Katzen sind. «So sehen wir bei scheuen Tieren schon von weitem, welches wir noch einfangen müssen.» Seit 2021 hat die Hamburgerin unzählige Katzen eingefangen und sieben – vor allem zutrauliche – vermittelt. Die ursprünglich etwa 50 bis 60 Streuner an dieser Futterstelle haben sich ungefähr um die Hälfte reduziert.
Doch das Beste aus Leas Sicht ist Anfang Jahr passiert: Hamburg hat eine Kastrationspflicht eingeführt. So wie zahlreiche weitere deutsche Gemeinden und Orte. Halter und Halterinnen von Freigängern müssen diese ab fünf Monaten kastrieren, chippen und registrieren lassen. Lea findet:
«Die Kastrationspflicht ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, um in Hamburg das Leid der Strassenkatzen endlich nachhaltig bekämpfen und verringern zu können.»
Die Streuner tauchen auf
Trotzdem ist das Problem noch nicht behoben. Die Kastrationen müssen konsequent durchgeführt und kontrolliert werden. Und die bisherigen Strassenkatzen bleiben und brauchen Leas Hilfe. Plötzlich tauchen zwei weitere Streuner hinter uns auf: Es sind Maccheroni und Fiocchi – Lea hat sie alle nach Nudelsorten benannt. Die Hamburgerin sagt: «Von denen gibt es hier etwa genauso viele.» Und das klingt auch etwas ernst.

Nebst den vereinzelten Katzen herrscht um uns herum noch immer Leere. Doch dann, kurz, bevor ich mich von Lea verabschiede, raschelt es links und knackt rechts. Ich traue kaum meinen Augen. Ein Streuner nach dem anderen erscheint und es werden mit jeder Minute mehr. Ich zähle bereits um die zehn. Versteckt im Dickicht hätte niemand mit ihrer Existenz gerechnet. Am liebsten würde ich alle Kastrationsgegner hierhin zerren und sagen: «Schaut her!» Doch dann wären die Streuner schon längst wieder verschwunden.
Und was man nicht sehen kann, kann ja unmöglich existieren, oder?!

Auch in der Schweiz gibt es schätzungsweise 100 000 bis 300 000 Streuner. Tierschutzorganisationen wie NetAP setzen sich für sie ein, auch mittels Kastrationen.
Ich liebe alles, was vier Beine oder Wurzeln hat – besonders meine Tierheimkatzen Jasper und Joy sowie meine Sukkulenten-Sammlung. Am liebsten pirsche ich auf Reportagen mit Polizeihunden und Katzencoiffeurinnen umher oder lasse in Gartenbrockis und Japangärten einfühlsame Geschichten gedeihen.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
Alle anzeigen








