Der Nummernblock ist das Steissbein der Tastatur – er ist überflüssig

Der Nummernblock ist das Steissbein der Tastatur – er ist überflüssig

Kevin Hofer
Kevin Hofer
Zürich, am 06.05.2021
Der Nummernblock sieht scheisse aus und ist nutzlos. Es geht auch ohne ihn wunderbar. Ein Pamphlet für dessen Abschaffung.

Wir Schweizer*innen sind immer etwas langsamer. Sei’s bei der Einführung des Frauenstimmrechts, der Digitalisierung oder der Abschaffung des Nummernblocks. Kürzlich stelle ich an einer Sitzung fest: Meine Kolleg*innen leiden an einer krankhaften Fixierung auf ihren Zahlenblock. Ich rieche bereits einen neuen Artikel von Kollege David Lee zu den Störungen unserer Redaktor*innen. Aber nein: Auch David ist ein «Nummernblöckler».

Es übersteigt ihr Vorstellungsvermögen

«Schrecklich», «wie kannst du damit arbeiten?» oder «ohne Nummernblock ist eine Tastatur keine Tastatur»: Die Reaktionen auf meine Tastatur im 60-Prozent-Format fallen eindeutig aus. Meine Kolleg*innen können sich nicht vorstellen, mit dem Ding zu arbeiten. Zur Erklärung: Eine 60-Prozent-Tastatur entspricht 60 Prozent der Grösse einer Tastatur mit Zahlenblock. Da denkt sich Schweizer*in: Schrecklich, da muss ich ja etwas abgeben. Können wir schlecht. Wir hängen an unserer Schoggi, den Bergen und dem Nummernblock.

Die Tastatur-Evolution

Der Nummernblock ist so was wie das Steissbein einer Tastatur: Vor langer Zeit erfüllte er eine Funktion, jetzt ist er unnützer Ballast. Ganz rechts aussen auf der Tastatur liegt er in all seiner überflüssigen Pracht. Gleich neben den Navigationstasten – dem Äquivalent zur männlichen Brustwarze. Immerhin erfüllen die noch einen ästhetischen Zweck. Männliche Oberkörper würden ohne Brustwarzen auch scheisse aussehen. Deshalb kann ich die Navigationstasten tolerieren. Aber den Nummernblock? Glücklicherweise schreitet die Tastatur-Evolution langsam voran und immer mehr Keyboards legen das Teil ab.

Tastaturen entwickeln sich seit Jahren weiter. Die bekannten Hersteller haben sich beim DIY-Sektor inspirieren lassen und ermöglichen mittlerweile die freie Konfiguration aller Tasten. Auch Mehrfachbelegungen sind möglich. Der Nummernblock lässt sich problemlos auf die Buchstaben verlegen. Bei meiner Anne Pro 2 fungiert die gedrückt gehaltene Caps-Lock- als Fn-Taste. Sie aktiviert eine neue Schicht. Den Zahlenblock lege ich auf, U, I, O, J, K, L, M, Komma, Punkt, Leertaste und rechte Alt-Taste.

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Mir entgeht mit dem kleinen Formfaktor nichts. Es stimmt, dass ich eine Taste mehr drücken muss, um Zahlen einzugeben. Bei einer 100-Prozent-Tastatur musst du jedoch den Arm zum Nummernblock bewegen. Ich kann ihn auf der Ausgangs-Position ruhen lassen. Ich behaupte, dass ich so schneller bin. Auch Tastenkombinationen mit der linken Alt-Taste für Sonderzeichen sind so möglich.

Es stimmt auch, dass ich mir so mehr Tastenkombinationen merken muss. Ich erachte das jedoch als die beste Alzheimer-Prophylaxe. Ich benutze sogar mehrere kurze Tastaturen mit verschiedenen Tastenkombinationen. Das hält meinen Geist fit. Und notfalls weiss ich, dass sobald ich nichts mehr weiss, etwas nicht in Ordnung ist.

In der Kürze liegt die Würze

Riesige 100-Prozent-Tastaturen stopfen mir nur das Pult voll. Zudem sehen sie einfach scheisse aus. Ich mag Tastaturen zwischen 60 und 75 Prozent Grösse. Die lassen Platz für anderes – oder einfach auch Freiraum. Es ist sonst schon eng genug in der Schweiz, da muss ich nicht auch noch meinen Arbeitsplatz vollstopfen. Dem Dichtestress entfliehe ich beim Tippen, nicht in den überlaufenen Bergregionen. Der physische Nummernblock kann mir gestohlen bleiben und hat ausgedient.

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Kevin Hofer
Kevin Hofer

Editor, Zürich

Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist meine Leidenschaft.

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