Die Akku-Akkumulation

Die Akku-Akkumulation

David Lee
David Lee
Zürich, am 12.05.2021
Willkommen in der schönen neuen Welt, wo in jedem Gegenstand vom Armband bis zur Zigarette ein Akku drin ist. Mit dieser Errungenschaft vernünftig umzugehen, müssen wir erst noch lernen.

Das Erdölzeitalter neigt sich langsam dem Ende zu und gleichzeitig hat das Akkuzeitalter schon begonnen. Ein deutliches Zeichen dafür: Der reichste Mensch der Welt ist nicht mehr ein Erdölmagnat à la Rockefeller, sondern der Akkukönig Elon Musk.

Soundanlage, Kopfhörer, Fotoapparat, Telefon, Maus, Tastatur, all diese Geräte funktionierten in meiner Kindheit ohne Akku. Heute haben selbst Fahrradschaltungen einen Akku drin. Muss das wirklich sein? Braucht die Welt wirklich Turnschuhe mit USB-Anschluss und LED-Beleuchtung an den Sohlen?

Elon Musk, der erfolgreichste Kapitalakkumulator der Welt. Bild: Naresh777 / Shutterstock.com
Elon Musk, der erfolgreichste Kapitalakkumulator der Welt. Bild: Naresh777 / Shutterstock.com

Akkus machen Geräte portabel, ohne dass ein Berg von Batterien anfällt. Natürlich sind sie praktisch, sonst würden sie nicht überall eingesetzt. Aber das Akkuzeitalter bringt auch ein paar neue Probleme.

Akkus müssen ständig aufgeladen werden

Es heisst ja, wir seien durch Internet, Smartphone und Social Media in einer Art Dauer-Alarmbereitschaft und könnten nicht mehr abschalten. Was nie gesagt wird: Auch die Akkus tragen zu diesem Dauerstress bei. Immer ist an irgendeinem Gerät gerade der Akku leer. Noch vor dem Aufstehen muss mein Wecker an die Dose – ich benütze ein altes Dumbphone dafür. Wenig später steigt die Tastatur aus, weil ich nicht bemerkt habe, dass der Akku zur Neige geht. Danach schaltet sich die Kamera während einer Videoaufnahme aus. Zwischendurch bin ich ständig Drohnenakkus am Laden, am Abend ist das Smartphone an der Reihe, und der Kopfhörer wäre auch mal wieder fällig. Und wehe, du benützt ein Gerät längere Zeit nicht! Dann entlädt es sich einfach von selbst.

Kabellose Geräte, die aufgeladen werden müssen, sind nicht kabellos, sie hängen am Stromkabel. In meiner Wohnung sieht es scheusslich aus: Ich habe mehr «kabellose» Geräte und zugleich mehr Kabel denn je.

Schon klar: Es ist nicht der Fehler der Akkus, dass sie ständig aufgeladen werden müssen. Das Problem ist der Stromverbrauch, der bei heutigen elektronischen Geräten extrem viel höher ist als früher. Die Knopfbatterien eines alten Taschenrechners oder eines Nintendo-Games aus den 80er-Jahren halten ewig, ebenso die Batterien einer Filmkamera. Wenn es keine Akkus gäbe, wäre die Elektronikindustrie auch heute gezwungen, extrem energieeffiziente Geräte zu bauen. Sie tut es nicht, weil sie nicht muss.

Akkus machen Geräte kurzlebig

Mein Bose-Kopfhörer, der über 600 Franken gekostet hat, ist jetzt am Ende seiner Lebenszeit. Ich konnte ihn noch für 16 Franken verkaufen. Der Kopfhörer meines Vaters aus den 70er-Jahren funktioniert dagegen perfekt. Nicht nur, weil er ein anständiges Kabel hat und keinen brüchigen Billigmist, sondern vor allem, weil er ohne Akku läuft.

Ich in den 70er-Jahren.
Ich in den 70er-Jahren.
Ich heute, mit dem gleichen Kopfhörer.
Ich heute, mit dem gleichen Kopfhörer.

Auch hier ist nicht der Akku an sich das Problem, sondern die Tatsache, dass Akkus oft nicht ausgetauscht werden können. Und wenn doch, sind sie nicht standardisiert wie Batterien. Jede verdammte Kamera, jedes verdammte Handy hat sein eigenes Akkuformat. Würden standardisierte Akkubauformen verwendet, könnten auch uralte Geräte durch einen neuen Akku wieder zum Laufen gebracht werden.

Aber das wollen die Hersteller gar nicht. Und wir haben uns daran gewöhnt, alle paar Jahre den ganzen Gerätepark zu ersetzen. Ausser die Jungen – die mussten sich nie daran gewöhnen, weil sie es nicht anders kennen.

Obwohl das Problem seit vielen Jahren bekannt ist, geht der Trend immer mehr Richtung nicht austauschbar. Muss hier tatsächlich die Politik eingreifen? Das wäre ein elendes Armutszeugnis für die gesamte Tech-Industrie.

Akkus sind umweltschädlich

Nicht nur die Kurzlebigkeit der Geräte belastet die Umwelt, auch der Akku selbst. Seine Herstellung ist rohstoff- und energieintensiv. Es gibt zwar stetige Verbesserungen, die der Umwelt zugute kommen: Akkus halten länger als früher, enthalten weniger Kobalt, bei der Produktion kommt «sauberer» Strom zum Einsatz. Dennoch ist jedes Gerät mit Akku schädlicher als eines ohne. Vielleicht mit Ausnahme von Elektromobilen, aber selbst dort bin ich skeptisch, was die Umweltfreundlichkeit angeht. Es gab schon 2010 über eine Milliarde Autos. Tendenz stark steigend. Wird es möglich sein, Milliarden von riesengrossen Akkus umweltfreundlich herzustellen und zu rezyklieren? I don’t think so, Elon. In einem solchen Akku stecken ungefähr 10 Kilo Mangan, 11 Kilo Kobalt, 32 Kilo Nickel und 6 Kilo Lithium. Die derzeitigen Recyclingmethoden: Die Akkus werden geschreddert oder eingeschmolzen. Klingt für mich nicht nach einer sauberen Lösung.

Bitte weniger und besser

Akkus an sich sind eine gute Sache. Schlecht ist lediglich, wie sie verwendet werden. Einfach überall einen Akku reinpacken, wo es früher keinen brauchte, und dann ist das automatisch modern und innovativ? Nö. Liebe Hersteller: Bitte überlegen, ob es wirklich einen Akku braucht. Und wenn ja, macht ihn bitte austauschbar und einigt euch auf praxistaugliche Normgrössen.

Ein bisschen können wir die Sache auch mit unserem Kaufverhalten beeinflussen. Denn es ist klar: Solange es Leute gibt, die akkubetriebene singende Weihnachtsbäume kaufen, werden sie auch hergestellt. Ich würde so was nicht mal meinen ärgsten Feinden schenken. Und das mit dem Bluetooth-Lautsprecher, mit dem ich liebäugle, das überlege ich mir wirklich gut.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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