Diesen Wohntrend überspringe ich

Pia Seidel
Pia Seidel
Zürich, am 25.01.2021

Leuchtröhren mögen an manchen Orten passend sein – aber nicht zuhause. Wem gefällt das schon?

Ich bin ein Trendopfer. Wenn an einer Pariser Fachmesse für Innenarchitektur Trockenblumen hoch im Kurs sind, decke ich mich noch an Ort und Stelle in einem hippen Laden damit ein – aus Angst, der Trend sei in Zürich noch nicht angekommen. Aber selbst ich mache nicht jeden Trend mit.

Laut Pinterest ist Neon einer der wichtigsten Wohntrends 2021. Die Prognose basiert auf Suchanfragen aus dem Vorjahr. Dieses Mal kann ich aber hochoffiziell sagen: Ich war's nicht. Ich verleihe weder knallige Akzente mit Leuchtröhren, noch tanze ich im blauen Licht einer Leuchtreklame, die an meiner Wand hängt. In den meisten Berichten «Pinterest-Preditcs» erkenne ich mich in Sachen Einrichtung wieder. Ja, ich glaube sogar, dass ich die Tendenzen durch meine Suchanfragen vorantreibe. Doch dieses Mal weiss ich zu hundert Prozent, dass ich kein einziges Mal «Neon Zimmer» oder «LED Neonlicht-Zeichen» eingegeben habe.

Obwohl eine Anschaffung von Leuchtstofflampen anders als bei den Trockenblumen dieses Mal kein Problem wäre, weil es am Angebot im Galaxus Sortiment nicht mangelt, passe ich an dieser Stelle. Ich kann mir kein ungemütlicheres Licht fürs Zuhause vorstellen. Und das sage ich aus Erfahrung: Seit Jahren besitze ich eine Stehlampe, die jetzt angesagt wäre. Sie steht in meinem Esszimmer, aber ich schalte sie nie an. Ich bin nicht stolz darauf. Sie gehörte meiner Oma, bis sie ihr Haus auflöste und in eine kleinere altersgerechte Wohnung zog. Sich von all den über die Jahre angesammelten Schätzen zu trennen, fiel ihr damals schwer. Es wurde etwas leichter, als sie sah, wie ich mir Dinge aussuchte und ihnen ein neues Zuhause gab. Ich mag die Lampe – solange sie nicht brennt.

Die Einzige Lampe, die lieber ausbleiben sollte.
Die Einzige Lampe, die lieber ausbleiben sollte.

Angeschaltet gibt die Leuchtröhre ein grelles Licht ab, das den Raum in ein Terrarium verwandelt. Genau wie in den Bildern auf Pinterest wird der Raum in einen Grünton eingetaucht. Der Feigenbaum und Gummibaum drumherum machen das Ganze nicht besser und jede Lampe, die ich zum Ausgleich einsetze, betont die grüne Lichtfarbe nur noch mehr.

Keine Frage des richtigen Weissabgleichs
Keine Frage des richtigen Weissabgleichs

Das Problem mit den Leuchtstofflampen ist, dass sie mich an Orte wie U-Bahn-Stationen und Krankenhäuser erinnern, wo ich mich ungern aufhalte. Oder an solche, wo andere ungern gesehen werden: Blaulicht wird in Zürich vorzugsweisse verwendet, um Fixer zu abzuschrecken. Es kommt häufig in Unterführungen oder Garageneinfahrten vor. Des Öfteren haben mir der Leuchtstoff auch schon an Orten, wo ich gerne bin, etwas vorgemacht. Im Club zum Beispiel gibt mir das blau-violette Licht immer das Gefühl, dass die Nacht endlos ist und ich den einen Shot noch vertrage. Wie sehr ich mich getäuscht habe, merke ich am Tag danach. Warum also soll ich mir das (ent-)täuschende Licht nach Hause holen?

Aber vielleicht ist es genau das. Die letzte Partynacht ist bei den meisten fast ein Jahr her. Mit der wachsenden Sehnsucht nach einem Club – einem Ort voller Ausgelassenheit und Geschichten, die noch erzählt werden wollen – steigen möglicherweise auch die Suchanfragen nach Neonlicht. Als Haupttreiber des Trends wird die Generation Z genannt. Das erstaunt mich etwas, weil dieselbe Generation letztes Jahr die wohl stimmungsvollsten Lampen gross gemacht hat: Lichterketten. Jetzt scheint das Kontrastprogramm gefragt zu sein. Auf TikTok sind zahlreiche mit Lichterketten und LED-Streifen ausgestattete Räume zu sehen. Eine gewöhnungsbedürftige Kombination.

Zwei Trends vereint: Lichterketten und LEDs.
Zwei Trends vereint: Lichterketten und LEDs.
Im Grünen ist nicht gut munkeln.
Im Grünen ist nicht gut munkeln.

Ob auf Pinterest, Instagram oder TikTok – dieses Mal bleibe ich von all den Neonlicht-Bildern unbeeindruckt. Ich mache mir sogar die Mühe, meinen Algorithmus zum ersten Mal mit dem Button «Werbeanzeige verbergen» bewusster zu gestalten. Bis die Clubs wieder öffnen, komme ich ohne Leuchtröhren und buntes Licht ganz gut zurecht.

29 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar
Pia Seidel

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres.
– Albert Einstein


Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

  • Skeleton Loader

    Skeleton Loader

  • Skeleton Loader

    Skeleton Loader

  • Skeleton Loader

    Skeleton Loader