Diffidati con noi: Clubhouse aus der Sicht eines Ausgeschlossenen

Jan Johannsen
Hamburg, am 19.01.2021

Clubhouse ist keine neue Musikrichtung, sondern die Hype-App der Stunde. Ich kann aber einen ganz entspannten Blick auf das Audio-Tool werfen, da ich kein iPhone habe.

«Kann mich bitte jemand zu Clubhouse einladen?» Solche verzweifelten Aufrufe aber auch Invite-Angebote geistern gerade durch meine Twitter-Timeline. Denn Clubhouse ist das soziale Medium der Stunde und keiner scheint vom Hype ausgeschlossen sein zu wollen. De Facto sind es aber viele, weil die App bisher nur für iOS verfügbar ist. Alle ohne iPhone müssen draussen bleiben. So wie ich.

Die App hat es durch Prominente Nutzer*innen in den USA wie die Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey oder den Sänger Drake schnell zu einer gewissen Bekanntheit gebracht. Das Einladungssystem trug seinen Teil zum Hype bei. Denn sogar mit einem iPhone kannst du dich da nicht so einfach anmelden. Du brauchst eine Einladung. Fomo-Marketing ist hier das Stichwort. Die Abkürzung steht für «Fear of missing out» und ist die Angst etwas verpassen. Bei Clubhouse kannst du nicht einfach so mitmachen, du musst jemanden kennen, um zum erlauchten Kreis dazu zu gehören. Die Einladungen verbreiten sich gerade aber zügig, so dass du kein Geld bei den Möchtegern-Profiteuren des Hypes ausgeben musst, die Invites zum Verkauf anbieten.

Live-Podcasts und Talkrunden

Clubhouse ist eine Audio-App, aber nicht für Musik, sondern für Gespräche. Als Nutzer kannst eine von drei Rollen einnehmen: Host, Speaker oder Zuhörer*in. Also eine Talkrunde leiten und Sprecher*innen zu dieser einladen. Die können sich dann unterhalten, während die Zuhörer*innen nur stumm lauschen. Das hat etwas von einem Live-Podcast oder einer Talkrunde im Fernsehen – nur eben ohne Bild.

Das Einladungssystem ist aber nicht nur Marketinginstrument, sondern hat durchaus praktischen Nutzen. So verläuft das Nutzerwachstum in geordneten Bahnen und die Macher können nach und nach ihre Serverkapazitäten erweitern und geraten so nicht an ihre Grenzen, wie es beim Messenger Signal in den letzten Tage der Fall war, nachdem Elon Musk für ihn geworben hatte. Außerdem wird bei jeder Person angezeigt, wer sie eingeladen hat. Das verringert die Gefahr von Trollen und erhöht, wie die verschiedenen Rollen, die Chancen auf einen gesitteten Austausch.

Eine große Vorstellungsrunde von zufälligen Personen. Langweilig.
Eine große Vorstellungsrunde von zufälligen Personen. Langweilig.

Der Hype führt dazu, dass Clubhouse von vielen Menschen genauer betrachtet wird. So werden Mängel an der Programmierung gefunden – und von den Entwicklern hoffentlich behoben. Auf Nutzerseite geht es um den Datenschutz. Clubhouse will wie fast jede App, über die du mit anderen Nutzern Kontakt aufnimmst, Zugriff auf dein Adressbuch haben. Die Daten deiner Kontakte darfst du aber nicht ohne Erlaubnis herausgeben und da du nur eine begrenzte Zahl an Personen einladen kannst, bleibt die Frage, was die App mit deinem kompletten Adressbuch will.

Außerdem solltest du immer im Kopf haben, dass die Talks bei Clubhouse öffentlich sind. Jede andere Nutzer*in der App kann zuhören und die Gespräche mit wenig Aufwand mitschneiden. Für private Unterhaltungen im Freundeskreis ist die App also nichts.

Gesprächs-Netzwerk statt Challenges

Diaspora, Ello und Vero sind nur einige Apps oder Netzwerke die in den letzten Jahren nach einer kurzen Hype-Phase wieder in der Versenkung verschwunden sind. Andere wie TikTok – aka musical.ly – konnten sich dagegen durchsetzen und haben sich etabliert.

Was aus Clubhouse in den nächsten Wochen wird, weiß ich nicht. Ich kann sie ja nicht einmal selbst ausprobieren. Es klingt für mich nicht nach einer App, zu der die TikTok-Teenager in Scharen rüber rennen werden, sondern nach Business-Talks und virtuellen Wahlkampf-Runden. Das Audio-Format ist das Gegenteil der kurzweiligen Unterhaltungs-Apps wie Instagram, Snapchat oder TikTok. Wenn du dir bei Clubhouse etwas anhörst, dann erfordert das deine Aufmerksamkeit – wie bei einem Podcast und die erfreuen sich ja großer Beliebtheit. Warum soll das mit Clubhouse nicht auch so kommen?

Business-Talks sind leicht zu finden.
Business-Talks sind leicht zu finden.

Für einen Erfolg braucht Clubhouse aber aktive Nutzer*innen, die sich artikulieren können, ihre Zeit investieren und spannende oder unterhaltsame Sachen zu erzählen haben. Videoskills, Photoshop und das Aussehen spielen keine Rolle, dafür der Klang der Stimme. Was machen eigentlich Rufus Beck oder Marcus Wiebusch gerade?

Der Hype um Clubhouse wird in den nächsten Tagen oder Wochen abebben. Aber wenn die App nicht komplett in der Versenkung verschwindet, gehe ich davon aus, dass eine Android-Version folgt – Instagram war anfangs auch iOS-only – und es keine Einladungen mehr braucht. Für Facebook ist ja schließlich auch schon lange keine E-Mail-Adresse einer Ivy-League-University mehr notwendig. Spannend wird dann noch zu sehen sein, wie die Macher am Ende Geld verdienen wollen. «Alpha Exploration Co.», die Firma hinter der App, ist wohl nicht als wohltätige Organisation angetreten.

Viele offenen Fragen, auf deren Antworten ich ganz in Ruhe warte. Fomo hat mich dieses Mal nicht erwischt.

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Jan Johannsen
Content Development Editor
jan.johannsen@galaxus.de

Als Grundschüler saß ich noch mit vielen Mitschülern bei einem Freund im Wohnzimmer, um auf der Super NES zu spielen. Inzwischen bekomme ich die neueste Technik direkt in die Hände und teste sie für euch. In den letzten Jahren bei Curved, Computer Bild und Netzwelt, nun bei Galaxus.de. 


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