Fototipp: Fliegende Objekte und herumschwirrende Ideen

Fototipp: Fliegende Objekte und herumschwirrende Ideen

David Lee
David Lee
Zürich, am 09.05.2020
Mitarbeit: Thomas Kunz
Bilder: Thomas Kunz
Uns schweben schwebende Objekte vor, stattdessen fällt Tom am Ende ins Loch. Und das ist gut so. Die Geschichte eines kreativen Prozesses.

Fotografieren in den eigenen vier Wänden. Bilder kreieren mit Dingen, die zu Hause rumliegen. Das ist das Motto der aktuellen Fotoserie.

Die neuste Idee: Dinge aus der Wohnung sollen nicht länger herumliegen, sondern schweben. Das ist das Bild, das Tom nachstellen wollte. Es stammt von Hikichi Masatou und ist an den Sony World Photography Awards 2019 in der Kategorie «Creative» in die engere Auswahl der Gewinnkandidaten gekommen.

Hikichi Masatou / Sony World Photography Awards
Hikichi Masatou / Sony World Photography Awards

Und das ist am Ende dabei herausgekommen.

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Das ist nun nicht ganz dasselbe. Um nicht zu sagen: Es hat mit der ursprünglichen Idee fast nichts mehr gemeinsam. Weshalb zeige ich dir dieses Bild anstelle von Toms Fotos mit schwebenden Küchengegenständen?

Weil es das bessere Bild ist – und weil es zeigt, wie kreative Prozesse ablaufen. Nämlich nicht gradlinig und nicht vollständig planbar. Zwischen der ursprünglichen Idee und dem Endergebnis liegt eine Reihe von nicht ganz befriedigenden Versuchen und Ideen. Diese Versuche auf dem Weg zum Ergebnis waren jedoch nötig. Ohne sie hätte das letzte Bild nicht entstehen können.

Wie die Bildmontagen funktionieren

Bei den Bildern mit schwebenden Gegenständen werden verschiedene Aufnahmen vom gleichen Ort und mit gleichen Einstellungen in Photoshop zusammengefügt. Eine Aufnahme enthält den Raum ohne Gegenstände. Die weiteren Aufnahmen enthalten einen oder mehrere schwebende Objekte, die zum Beispiel mit einem Nylonfaden in der Luft gehalten werden.

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Es ist wichtig, dass diese Gegenstände am richtigen Ort im Raum fotografiert werden. Würdest du sie bloss auf einen Tisch legen und dann ins Bild montieren, würde das Licht nicht stimmen. Das würde sofort auffallen: Helligkeit, Schatten, Farbtöne wären deutlich anders. Auch der Winkel und die Grössenverhältnisse könnten nur mit grossem Aufwand realistisch korrigiert werden.

Ausserdem ist das Hineinmontieren so viel einfacher. Das Foto mit dem Objekt hat den gleichen Hintergrund wie das Foto ohne Objekt. Daher muss der Umriss nicht haargenau ausgeschnitten werden, es genügt eine grobe Auswahl.

Erster Versuch: Gib mir den Schuh

Tom lässt als Testlauf Schuhe im Treppenhaus schweben. Die Sache mit dem Nylonfaden gibt er schon nach dem ersten Paar Schuhe auf und hält alle weiteren in der Hand. Denn die am Faden aufgehängten Schuhe drehen sich ständig.

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Sich selbst schneidet Tom natürlich heraus. Er achtet ausserdem darauf, dass er die sichtbare Seite des Schuhs nicht mit seinen Fingern verdeckt.

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Schon während des Shootings hat Tom kein gutes Gefühl und keinen Spass an der Sache. So kommt es dann auch heraus. Obwohl die Schuhe tatsächlich im Raum aufgenommen wurden, wirken sie hineinmontiert. Finde ich jedenfalls. Als mögliche Ursache benenne ich die Gegenlichtsituation und dass die Gegenstände keine Schatten werfen. Ausserdem stört das auffällige Blau des einen Schuhpaars, und ich habe den Verdacht, dass Tom aus reiner Bequemlichkeit alle Schuhe doppelt abgebildet hat.

Zweiter Versuch: Küchenmesser

Nun etwas, das vermeintlich näher am Original ist: Schwebende Messer in der Küche. Tom klebt das kleine Rüstmesser mit Patafix an ein Brotmesser. So kann er es im Raum platzieren, ohne es mit Fingern zu bedecken.

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So nimmt Tom dasselbe Messer mehrmals auf. Erst im Nachhinein merkt er, dass zumindest die unteren Messer sich im Herd spiegeln müssten. Um etwas Zeit zu sparen, schneidet er die Spiegelungen nicht aus, sondern kopiert die Messer und setzt sie als Spiegelung im Herd ein. Mit der Spiegelung rechts stimmt jedoch etwas nicht.

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Tom ist nicht zufrieden, weil die Messer nicht regelmässig ausgerichtet sind. Ich denke, da könnte man mit Photoshop ein wenig tricksen. Mich stört etwas ganz anderes. Die Gegenstände schweben zwar, aber auf eine völlig unnatürliche Weise. Selbst in einem schwerelosen Raum könnte eine solche Anordnung niemals entstehen.

Aber vielleicht tue ich mich auch nur schwer mit dem Bild, weil es so anders wirkt als das von Masatou. Dort ist alles unordentlich und schmutzig. In Toms Bild dagegen herrscht strenge Ordnung und klinische Sauberkeit.

Dritter Versuch: Duplo-Bombe

Weil ich finde, dass Unordnung besser zu schwebenden Gegenständen passt als Ordnung, bringe ich die Idee, etwas mit Kinderspielsachen im Kinderzimmer zu versuchen. Mir schwebt ein Bild vor, das so aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Tom hat mehrere Versuche mit Kinderspielzeug gemacht. Das hier gefällt uns beiden am besten:

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Hier hat Tom darauf geachtet, dass die Schatten gut zu sehen sind. Darum wurde von oben geblitzt, durch eine Softbox hindurch. Das ist für die räumliche Wirkung wichtig.

Auch hier verwendet Tom Patafix. Die grösseren Tiere werden damit an einem halbdurchsichtigen Kugelschreiber befestigt, für die kleinen Steine genügt sogar eine Büroklammer.

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Unordentlich ist das trotz aller Dynamik nicht. Ich hätte mir einen weniger cleanen Hintergrund gewünscht. Aber vielleicht bin ich einfach zu sehr auf das Ursprungsbild fixiert.

Eine Idee hebt ab

Trotz weiteren Versuchen startet Tom nicht durch. Aber da schwirrt noch eine andere Idee im Raum: Ich schlage vor, dass Tom sich selbst als schwebender Astronaut ins Bild montieren soll, um die Idee des schwerelosen Raums zu unterstützen. Das war so halb als Scherz gemeint, doch zu meiner Überraschung will Tom das versuchen.

Völlig losgelöst schwebt Major Tom im Raum. Naja, fast.
Völlig losgelöst schwebt Major Tom im Raum. Naja, fast.

Auch das führt zunächst nicht weiter. Nach einer längeren kreativen Blockade fällt Tom das Hoverboard aus «Zurück in die Zukunft» ein. Er stellt sein Skateboard auf einen Stuhl, den er in Photoshop entfernt. Das Hintergrundbild nimmt er natürlich ohne Stuhl auf.

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Wenn er schon dabei ist, probiert Tom aufs Geratewohl einige Luftsprünge. Zum Glück nicht Sprünge vom Typ «Frau hüpft mit gestreckten Armen in die Luft und dann steht daneben in Schnürchenschrift etwas von Lebensfreude und Achtsamkeit.» Andere Sprünge. Tiefgaragensprünge.

Erst beim Betrachten am Computer stellt Tom fest, dass eines der Sprungbilder gut funktioniert, wenn es um 90 Grad gedreht wird. Das Eingangstor der Garage wird zum Loch, in das Tom hineinfällt. Die Körperhaltung passt dazu. Um die Illusion eines Schachts zu verstärken, kopiert Tom die dunkle Seite und spiegelt sie am anderen Bildrand.

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Gib der Kreativität eine Chance

Wir haben am Ende nicht erreicht, was wir wollten, dafür etwas anderes, mit dem wir zufrieden sind. Für Tom als Profi ist diese Vorgehensweise eher ungewöhnlich. Normalerweise hat er einen Auftrag, den er erledigen muss. Er kann den Auftrag nicht einfach komplett uminterpretieren. Im Privaten jedoch geht das, und es ist für die Kreativität sehr förderlich.

In unseren Fototipps geben wir darum bewusst keine Anleitungen im Stil eines Kochrezepts. Es geht um allgemeine Anregungen und Beispiele, wie du es machen könntest. Mach nicht eins zu eins Dinge nach, das wird dir selten gelingen. Finde deinen eigenen Dreh. Beim Fotografieren kommst du von selbst auf neue Ideen. So entfernst du dich möglicherweise stark vom ursprünglichen Vorhaben. Aber du gibst der Kreativität eine Chance, dich zu finden.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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