Fototipp: Wenn schon Essen fotografieren, dann richtig

Fototipp: Wenn schon Essen fotografieren, dann richtig

David Lee
David Lee
Zürich, am 24.04.2020
Bilder: Thomas Kunz
Mitarbeit: Thomas Kunz

Wenn es ums Essen geht, sind unsere Sinne empfindlich – das gilt auch fürs Auge. Warum so viele Food-Fotos zum Kotzen aussehen und wie du es besser machen kannst.

Viele Leute sind versessen darauf, ihr Essen zu fotografieren. Warum eigentlich? Ich glaube, es ist eine Mischung aus Angeberei (ob selbst gemacht oder teuer bezahlt), Festhalten eines denkwürdigen Moments, etwa einer Geburtstagsfeier, und der Tatsache, dass das Auge mitisst.

Doch die meisten Food-Fotos auf dem Smartphone wecken weder den Appetit noch schöne Erinnerungen. Das schummrige Licht verschafft zwar beim Nachtessen eine gemütliche Atmosphäre, macht aber aus dem Appetitanreger eine undefinierbare Grütze. Ein falscher Weissabgleich färbt den eigentlich weissen Teller in eine Farbe, die eher Brechreiz denn Appetit auslöst.

Ich sag nicht, wer dieses Bild gemacht hat. Ich sag nur: Es war nicht Tom.
Ich sag nicht, wer dieses Bild gemacht hat. Ich sag nur: Es war nicht Tom.

Im besten Fall schaut man sich solche Bilder nie mehr an.

Es sind immer die gleichen drei Gründe, warum deine Food-Fotos nicht das rüberbringen, was du siehst: Das Licht, der Hintergrund und die fehlende Zeit.

Licht: Wenn möglich bei Tag

Im Restaurant kannst du nicht viel verbessern. Beim Mittagessen stehen die Chancen auf brauchbare Bilder höher, denn Tageslicht wirkt besser. Am Abend kannst du dein Smartphone gleich in der Tasche lassen. Das hat ohnehin mehr Stil. Auf die Idee, im Restaurant mit Blitz oder Beleuchtung zu fotografieren, kommst du ja hoffentlich nicht.

Versuche auch zuhause, wenn immer möglich Tageslicht zu nutzen. Salat und Gemüse wirkt viel frischer, wenn du den Teller ans Fenster stellst.

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Störenden Hintergrund vermeiden

Rund um das Hauptmotiv sieht es oft unruhig und unordentlich aus. Gerade Smartphones mit ihrem Weitwinkel fangen allerlei Dinge ein, die nicht aufs Bild gehören.

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Das einfachste Gegenmittel: Aus der Vogelperspektive fotografieren. Wenn du so professionell tönen willst wie Tom, nennst du die Vogelperspektive «Flat lay». Oder «top down». Jedenfalls kommt so viel weniger Umgebung aufs Bild, was bei engen Platzverhältnissen oder bei Unordnung in der Küche ein grosser Vorteil ist.

Um die 2D-Ansicht etwas spannender zu machen, kannst du das Licht mit einem Vorhang, mit Fensterläden oder Jalousien gestalten.

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Fehlt dir die dreidimensionale Wirkung oder willst du das Foto aus der «Essperspektive» schiessen, ist der 45-Grad-Winkel gefragt. Um wenig störenden Hintergrund zu haben, kannst du natürlich einfach sehr nahe heran. Mit dem typischen Weitwinkelobjektiv eines Smartphones wird dabei aber die Geometrie verzerrt. Du brauchst darum ein Objektiv, mit dem du etwa einen halben Meter entfernt immer noch einen Teller formatfüllend ins Bild kriegst. Technisch gesprochen wäre das eine Kleinbild-Brennweite von 50 Millimetern. Mittlerweile gibt es das auch bei einigen Smartphones, bei Kameras ist dieser Bildausschnitt Standard.

Zeitproblem: Fotografieren und Essen trennen

Wie so oft bei der Fotografie gilt auch hier: Mit viel Zeit und Aufwand kommen die guten Fotos. Beim Essen ist das ein Problem: Kommt der Schmaus auf den Tisch, wollen wir essen, nicht fotografieren, bis es kalt ist.

Wenn du also eine warme Mahlzeit richtig gut fotografieren willst, muss dir klar sein, dass die Mahlzeit primär für das Foto gekocht wird und nicht zum Essen. Im Extremfall wird sie ungeniessbar.

Das ist für den normalen Hausgebrauch unbefriedigend und ausserdem Lebensmittelverschwendung. Ein Ausweg: Fotografiere Lebensmittel, die zumindest ein paar Stunden bei Zimmertemperatur haltbar sind. Zum Beispiel gefüllte Vorratsgläser, Brot, Gewürze, Beeren oder Früchte.

Vom Schnappschuss zur Inszenierung

Hast du dich vom üblichen Zwang befreit, dass alles schnell gehen muss, kannst du mit einem selbstgemachten Hintergrund arbeiten. Der Aufwand dafür ist gar nicht so gross.

Ein einfacher Studio-Hintergrund besteht normalerweise aus einem Boden und einer Seite. Damit keine Kante dazwischen zu sehen ist, sollten Boden und Seite abgerundet miteinander verbunden sein. Das geht ganz einfach durch ein Stück Papier oder ein Stück Stoff, das mit einer Schachtel seitlich aufgetürmt wird.

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In diesem Setup ist nur die Wandseite zu sehen. Dann geht sogar so etwas Simples wie eine aufgeklappte Pizzaschachtel. Der Boden könnte als farbliche Alternative dienen, wenn die Schachtel umgedreht wird. Die Fettflecken und Speisereste hat Tom nur notdürftig überstrichen, aber es reicht. Denn der Hintergrund ist unscharf und Details sind so nicht zu erkennen.

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Studiofotografie ohne Studio

Tom probiert gerne aus, wie weit er ohne Studioausrüstung kommt. Hier hat er mit Dingen, die so zuhause rumliegen, sowohl den Hintergrund als auch das Licht gestaltet. Durch die Kartonbox wird der Lichteinfall begrenzt, um einen Helligkeitsverlauf reinzubringen. Als Hintergrund dient wieder der blaue Stoff – dieses Mal im Flat Lay.

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Dieses Bild ist offensichtlich ebenfalls Flat Lay, und nun wird mir auch klar, warum es der bessere Ausdruck ist als «Vogelperspektive». Denn wir schauen hier nicht auf den Boden, sondern an eine Wand. Das einzige Problem bei einer solchen Anordnung ist die Schwerkraft. Tom hat die Praline mit einem Zahnstocher von der Rückseite her aufgespiesst. Damit das besser hält, klebt das Papier auf einer gebrauchten Milch-Tetrapackung.

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Aber warum dieser Aufwand, wenn er die Praline auch einfach aufs Papier hätte legen können? In diesem speziellen Fall war die Seitenansicht bequemer. Die Beleuchtung stammt von einer Taschenlampe, die sich besser platzieren lässt, wenn die Praline an die Wand geheftet wird. Auch die Kamera konnte so einfacher aufgestellt werden.

Egal ob du eine Taschenlampe oder eine Bürolampe verwendest: Backpapier eignet sich perfekt, um das Licht abzudämpfen und allzu harte Schatten zu vermeiden. Backpapier funktioniert auch bei Lampen, die heiss werden.

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Hier kommt sogar noch ein Reflektor aus Alufolie zum Einsatz. Aber das muss nicht sein. Tom macht solche Sachen einfach, weil er Fotograf ist.

Natürlich kannst du es immer weiter treiben. Bis zum Punkt, wo du die Esswaren speziell präparieren musst, so dass sie nicht mehr essbar sind – oder sie gleich ganz durch etwas anderes ersetzt. Es gibt zum Beispiel künstliche Eiswürfel, da die echten zu schnell schmelzen. Empfohlen wird auch Rasierschaum anstelle von Schlagrahm. Aber was wollen wir eigentlich? Wollen wir unser Essen fotografieren oder ein künstliches Gebilde, von dem wir behaupten, es sei Food? Für mich ist klar: Ich will nur das erstere. Du wahrscheinlich auch. Also lassen wir es gut sein.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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