Fuck you, Werbung: Die Notwendigkeit eines Adblockers im modernen Internet

Fuck you, Werbung: Die Notwendigkeit eines Adblockers im modernen Internet

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 04.12.2019

Das Internet wird von Werbung angetrieben. Unsinn. Es geht auch ohne. Und es geht auch ohne, dass guter Content darunter leiden muss.

Mir reicht's. Es ist Zeit, gegen irgendwelche Nutzungsbedingungen und sonstigen Stuss irgendwelcher grosser seelenloser Firmen zu verstossen. Denn wenn die selbsternannten Experten der Werbe- und Web-Design-Industrie im Zuge ihrer «Wir versuchen stets, das Nutzererlebnis unserer Website so angenehm wie möglich zu gestalten»-Mission es nicht hinkriegen, dass ihre Website auch nur ansatzweise geniessbar ist, dann müssen wir halt selbst ran.

Erobern wir unser Internet zurück. Es ist höchste Zeit.

Fuck you, Independent.co.uk

Angefangen hat es ganz banal. Mein Newsfeed zeigt mir eine News an, wie er es halt so tut. Es geht um Schauspielerin Maisie Williams, die in einem lustigen Panel auf ihre Zeit als Arya Stark in der Hit-Serie «Game of Thrones» zurückblickt. Publiziert wurde der Artikel in der Englischen Online-Zeitung The Independent.

The Independent ist keine Zeitung mit Website wie die NZZ oder eine Website mit Zeitung wie 20min. Das ganze Blatt der unabhängigen Engländer ist die Website, seit sie anno 2016 die Print-Ausgabe eingestellt hat.

Das Problem: Der Artikel über Maisie Williams und ihre lustigen Peinlichkeiten am Set sieht so aus.

Frechheit. Wie viel vom Screen ist Information und wie viel ist Werbung? Mich interessiert doch der neueste Schmodder der Schweizer Post nicht, wenn ich über die wohl beste Killerin Winterfells lesen will. Mich juckt es doch nicht, was ein recht unelegant aussehender Typ macht, wenn er in einem Video schläft, das sich automatisch abspielt. Und ich brauche Western Union nur dann, wenn ich einem nigerianischen Prinzen zehntausend Stutz schicken muss, damit er mir eine Million rückvergütet, weil sein Land gerade in der Krise steckt. Glücklicherweise hat er mich privat gefunden und mir eine nette Mail geschrieben. Ferner interessiert es mich schon gar nicht, was die Sportmarke Arc'teryx wieder verbrochen hat. Zu teuer.

Am Ende habe ich einen Satz Inhalt auf einem ganzen Bildschirm. Wenn wir jetzt den Header auslassen und dann die Inhalte prozentual auf Werbung und Inhalt – sind wir grosszügig und rechnen den Weissraum zum Inhalt dazu – aufteilen, dann zeigt sich ein tragisches Bild.

  • Gesamthöhe des Screenshots, wie er im Artikel hier zu sehen ist: 1083 Pixel
  • Höhe Header und Android Menü: 134 Pixel
  • Höhe Content inklusive Weissraum: 200 Pixel
  • Werbung oben (schlafender Mann und Post): 424 Pixel
  • Werbung unten (Western Union und Arc'teryx): 325 Pixel

Das ergibt 18.47% Inhalt auf 81.53% Werbung. Wenn wir den Header zum Inhalt dazuzählen, dann sieht es leicht besser aus und macht 30.84% des Bildschirms zu Content.

Aufmerksame Beobachter haben bemerkt, dass The Independent sich nicht mit 81.53% Werbung zufrieden gibt. Der schlafende Mann überlagert die Werbung der Post und Arc'teryx überlagert die Werbung Western Unions.

Geht's noch?

Fuck you, Chrome auf Mobiles

Zum Desktop-PC und Mac kommen wir gleich. Das Hauptproblem sind Smartphones. Jene grossartige Erfindung, die mich überhaupt dazu bringt, morgens im Bus zu denken «Hmmm… Maisie Williams sagt Dinge. Schau ich mir doch mal an», obwohl ich nachher keinen Deut schlauer bin.

Auf Mobiles ist es nicht möglich, einen Adblocker zu installieren und gut ist. Es gibt komplexe Dinge wie PiHole, die eigentlich von jedem Unternehmen zur Einsparung von Bandbreite eingesetzt werden sollten. Dann routest du deinen ganzen mobilen Traffic über einen Raspberry Pi oder etwas Vergleichbares, auf dem PiHole läuft und dann wird die Werbung an dieser Routing-Station rausgefiltert. Zu kompliziert und unpraktisch in den allermeisten Fällen. Googles Chrome mag Werbung offensichtlich so gerne, dass da Werbung über Werbung gelagert wird und Apples Safari hat auch keinen Adblocker installiert.

Aber es geht auch einfacher. Findige Developer haben sich Chromium, die offene Version Google Chromes geschnappt und einen Adblocker fix verbaut.

Für Android und Apple iOS

Auf Android und Apple iOS – also iPhones und iPads – sowie PCs und Macs gibt es Brave. Damit macht der Browser den ganz Grossen starke Konkurrenz, da er überall ähnlich funktioniert.

Das Resultat:

Brave bietet zudem noch einige andere Privatsphären-Tools, die dich etwas freier im Internet machen. Aber nicht anonym. Nur weil du vom Browser nicht getrackt wirst, heisst das nicht, dass du komplett unerkannt surfen kannst. Trotzdem: Brave ist eine super Sache.

Für Android: Kiwi Browser

Auf Android gibt es den Kiwi Browser, der nicht nur einen sehr guten Adblocker verbaut hat, sondern auch noch einen Dark Mode auf Websites erzwingen kann. Der funktioniert seit einigen Versionen ziemlich verlässlich und so kannst du im Dunkeln surfen.

Der Kiwi Browser wird in Estland gecodet und bietet Einstellungen, von denen andere Browser nur träumen können. Du kannst kontrollieren, welche Werbungen du unter welchen Umständen angezeigt haben willst. Und: Du kannst Extensions aus dem Chrome Webstore installieren.

Für iPhones: SnowHaze

Yvan Monneron und seine Crew hatten in Chamonix die Idee, einen privaten Browser für iPhones zu schaffen. Das Resultat: SnowHaze. SnowHaze ist mein Browser of Choice auf iPhones und erlaubt dir eine Vielzahl von Einstellungen, die deine Privatsphäre schützen. Cookies, JavaScript, HTTPS Enforcing und mehr kannst du einfach mit Klick auf das Zahnrädchen unten rechts kontrollieren.

Und Dark Mode hat SnowHaze auch noch. Er ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, aber funktional.

Geld machen Yvan und Co. mit ihrer SnowHaze VPN, was bedeutet, dass sie den Browser gratis anbieten können. Die VPN ist dann auch gleich in die App integriert, was ihre Nutzung zusätzlich vereinfacht.

Fuck you, Werbung auf dem Desktop

Werbung plagt uns aber nicht nur auf dem Handy, sondern auch auf dem Desktop. Wenn du nach wie vor Internet Explorer oder Edge benutzt, dann sei dir zu einem Browser geraten, auf dem du einen Adblocker nachrüsten kannst. Firefox und Google Chrome bieten sich an.

Unter Edge sieht The Independent so aus:

Wingo kann mich mal gern haben. Denn egal, wie gut ihr Surftarif ist, ich will eigentlich über Maisie Williams lesen und nur über Maisie Williams. Nicht irgendwas mit blinkender, animierter Werbung und so.

Adblock unter Google Chrome

Google Chrome hat den hauseigenen Web Store, in dem eine Vielzahl Adblocker angeboten werden. Immer mal wieder mötzelt irgendwer an den Adblockern rum und schreit «Virus» oder dergleichen, aber mit folgendem Setup habe ich seit Jahren kein Problem.

Dann sieht Maisies peinliches Abenteuer so aus:

Passt.

Adblock unter Firefox

Firefox hat ebenfalls eine breite Palette an Add Ons. Darunter ist Adblocker Ultimate. Der löst dein Problem nachhaltig.

Sieht gleich aus wie bei Chrome. Passt also.

Out-of-the-Box Adblocking mit Brave

Brave ist den beiden grossen Browsern um Längen voraus. Denn wenn du Brave installierst – geht übrigens auch im Büro ohne Administratorrechte –, dann blockiert der Browser dir die Werbung standardmässig.

Noch besser: Brave umgeht die meisten Adblocker-Blocker ohne weiteres. Denn einige Websites können nicht gelesen werden, wenn du einen Adblocker installiert hast. Entweder du setzt die Site auf die Whitelist oder deaktivierst deinen Adblocker gleich ganz.

Nein.

Dazu blockiert Brave auch noch gleich das Video, das einfach so von sich alleine aus startet.

Fuck you, Werbeindustrie

Das Internet verlässt sich auf Werbung, heisst es. Werbung fördere den offenen Dialog und die Freiheit im Internet. Werbung halte deine liebsten Youtube Creators über Wasser. Werbung sei das einzige, was den Fortbestand deines liebsten Magazins sichere.

Bullshit.

Weisst du, was den Fortbestand deines liebsten Magazins und deines liebsten Youtube Channels fördert? Geld. Nicht das Popup oder die zwei Werbeclips, die vor deinem eigentlichen Youtube-Video eingespielt werden. Geld. Das, was du im Portemonnaie hast. Oder auf dem Konto.

Weisst du, was du mit dem Geld machen kannst? Du kannst damit deine Inhalte direkt unterstützen. Die Chancen stehen gut, dass deine liebsten Youtuber einen Patreon Account haben. Klar, das Unternehmen Patreon macht dann auch Geld, aber du erlaubst deinen Youtubern auch, der Demonetarisierungsfalle zu entgehen. Denn wenn ein Youtuber gegen eine der von Youtube recht vage aufgestellten Regeln verstösst, dann wird das Video demonetarisiert. Das heisst, dass der Creator kein Geld für das Video erhalten kann, da Youtube meint, dass es zu unsittlich sei, um Werbung davor zu schalten. Wenn du deinen Creator via Patreon unterstützt, dann gibst du ihr oder ihm einen fixen Betrag pro Monat und erhältst vielleicht Goodies oder früheren Zugang zu den Videos. Was tun, wenn dein liebster Creator keinen Patreon Account hat? Frag doch mal, wie du sie oder ihn unterstützen kannst.

Oder: Du machst es wie die Republik. Das Magazin bietet ein 14 Tage kostenfreies Probeabo an, wenn du deine E-Mail-Adresse angibst. Dieser Mechanismus ist übrigens einfach zu umgehen. Danach kostet die Republik 240 Franken im Jahr, bleibt aber werbefrei und offen. Schön.

Kurz: Ein werbefreies Internet ist möglich. Du musst es nur wollen.

131 Personen gefällt dieser Artikel


User Avatar
User Avatar
Dominik Bärlocher

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.


Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

  • Skeleton Loader

    Skeleton Loader

  • Skeleton Loader

    Skeleton Loader

  • Skeleton Loader

    Skeleton Loader