Fünf Geschichten, die zeigen, warum das Original-«World of Warcraft» so faszinierend ist
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Fünf Geschichten, die zeigen, warum das Original-«World of Warcraft» so faszinierend ist

Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Zürich, am 16.09.2019

Fast jeder WoW-Spieler wird nostalgisch, wenn es um die 15 Jahr alte Vanilla-Version geht. Auch wir gehören zur Sorte: «Weisst du noch? Früher?». Hier sind fünf Anekdoten, die dazu beigetragen haben, dass uns die Erinnerung an WoW noch immer das Herz erwärmt.

Wenn sich aktive oder ehemalige WoW-Spieler treffen, dauert es selten lange, bis Sätze fallen wie: Weisst du noch früher? Damals, als in der einen Instanz dieses eine blaue Schwert gedroppt ist. Oder als Horde und Allianz sich stundenlang vor Tarrens Mill geprügelt haben. «World of Warcraft» ist zwar schon 15 Jahre alt, aber die Zeit von damals bleibt unvergessen. Darum habe ich die digitec-Mitarbeiter gefragt, was ihre schönsten Erinnerungen aus dem klassischen WoW sind.

Philipp Rüegg: Der Tierflüsterer

Nickname: Philard. Rasse: Taure. Klasse: Jäger
Ein Jäger ist nichts ohne sein Pet. Und mein dicker Taurenstier hatte schon immer ein Auge auf besondere Tierbegleiter. Denn Pet ist nicht gleich Pet. Es gibt solche mit besonders viel Rüstung, andere mit hohen Resistenzen und wieder andere mit hoher Angriffsgeschwindigkeit. Letzteres ist für Damage Dealer das A und O. Als ich eines Tages von einer Bestie hörte, die eine Angriffsgeschwindigkeit hatte von sagenhaften 1.0, war mir klar: Dieses Tier muss ich zähmen.

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Meine Spurensuche führte mich in die Badlands. Hier hiess es, soll ein majestätischer Berglöwe sein Unwesen treiben. Level: 47. Name: Broken Tooth. Im Internet hatte ich mir längst die Orte rausgesucht, wo er gesichtet worden war. Aber auch nach mehrmaligem Absuchen der Gegend gab es von Broken Tooth keine Spur. Also kam ich am Abend wieder. Und am Morgen darauf. Und wieder am Abend. «Hat jemand von euch Broken Tooth gesehen? Ein Rare-Berglöwe», ersuchte ich verzweifelt den lokalen Chat um Hilfe. Fehlanzeige. Als ich schon fast aufgeben wollte, entdeckte ich am Boden die Leiche eines gelb orangen Tieres: Broken Tooth. Er war hier. Aber jemand war mir zuvorgekommen.

Es sollten noch mal zwei Tage verstreichen, bis Broken Tooth und ich uns Auge in Auge gegenüberstanden. Sofort stellte ich eine Eisfalle auf und lockte den Löwen mit einem gezielten Schuss zu mir. Das zähmen eines Tieres war damals theoretisch ganz einfach. Du klickst den «Zämen»-Knopf, Herzchen fliegen durch die Luft und wenn der Ladebalken durch ist, gehört das Pet dir. Leider schauen die Tiere nicht hilflos zu, sondern attackieren dich pausenlos, während du hilflos dastehst. Wirst du gestunnt oder stirbst vorher, hast du Pech gehabt. Und genau das passierte natürlich. Aber nicht Broken Tooth versetzte mir den Todesschlag, sondern ein dummes Add, also ein anderer Gegner, der zufällig vorbeilief.

Im WoW-Vanilla gab es für offensive Jäger kein besseres Pet.
Im WoW-Vanilla gab es für offensive Jäger kein besseres Pet.

Also rannte ich vom Friedhof so schnell es ging zurück zur Leiche. In der Hoffnung, dass mir kein Spieler dazwischen pfuschte. Ich hatte Glück: Broken Tooth war noch da. Also das selbe Spielchen von vorne. Eisfalle, angreifen, zähmen. Meine Lebensanzeige war schon fast wieder am Ende, da fiel mir ein, dass ich noch die Tauren-Volksfähigkeit «Stampfen» hatte. Ein Zwei-Sekunden-Stun. Nicht viel, aber es war genau das Züngelchen an der Waage, das ich gebraucht hatte. Broken Tooth war mein.

Dario Milkovic: Der kleine Hexer und sein Mount

Nickname: Dematrius. Rasse: Mensch. Klasse: Hexer
Geduld war damals eine der wichtigsten Eigenschaften, die man als «World of Warcraft»-Spieler mit sich bringen musste. Vor allem dann, wenn dich der doofe Gakin aus Sturmwind auf die lange Reise ins Brachland zu Takar schickte. Nun gut, einen Weg, den du ohnehin hinter dich bringen musstest. Umso grösser war die Freude mit Stufe 40, als ich mir mit den hart erarbeiteten 100 Goldbatzeli endlich mein Mount kaufen konnte.

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Mein nächstes Ziel war also ohne Umwege das Holzfällerlager des Osttals. Dort befand sich ein Stallmeister, der Mounts verkaufte. Ich rannte so schnell wie noch nie (gar nicht möglich, da der Charakter immer gleich schnell rennt) zu Katie, um mir das langersehnte Pferd zu kaufen. ENDLICH, REITEN!

Die Freude war allerdings nicht von langer Dauer. Beim Klassenausbilder folgte die Ernüchterung….

… das Mount für den Hexer ist kostenlos.

Yep. Was ich damals nicht wusste. Neben dem Paladin war der Hexer nämlich die einzige Klasse, die sich über eine Questreihe ein einzigartiges und erst noch viel günstigeres Reittier erspielen konnte. 100 Gold für die Tonne.

Michael Smith: Zu 40. scheitert es sich am besten

Nickname: Liam. Rasse: Nachtelf. Klasse: Krieger.
Ich erinnere mich gerne 15 Jahre zurück, als ich als Tank mit der ersten Europagruppe Molten Core betreten habe. Mit über 40 Personen im Ventrilo-Voice-Chat haben wir für eine Viertelstunde diskutiert, wie wir die zwei gigantischen Mountain Giants am Eingang bewältigen können. Beim ersten Versuch hab ich innerhalb von wenigen Sekunden die Aggro verloren und der Raid wurde sofort zerschmettert. Wir gaben natürlich nicht auf, versuchten eine neue Taktik und schon der zweite Versuch war mit Erfolg gekrönt.

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Danach stand ein Firelord vor uns und wir starteten unverzögert den Kampf. Unerwarteterweise spawnten kleine Feuerelemente neben dem grossen und im Chat entstand Verwirrung. Die eine Hälfte schrie, dass man den grossen töten solle, dann verschwinden die kleinen. Der Rest war überzeugt, dass man zuerst die Kleinen angreifen müsse, bevor man den Grossen bewältige. Der Raid Leader sprach ein Machtwort und alle fokussierten sich auf den Grossen. Ein Fehler. Kaum war der tot, folgte ihm der Raid kurz darauf ins Jenseits, weil sich die kleinen Feuerelemente nicht wie erwartet in Luft auflösten.

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So ging es für mehrere Stunden weiter bis wir beim ersten Boss angelangt waren. Als wir da mehrmals scheiterten, kam nicht viel später eine noch bösere Überraschung hinzu: Die vorher bewältigten Trashmobs am Eingang der Instanz waren alle wieder da… Respawn. Fuck.

Auch wenn das vielleicht sehr ermüdend klingt, war es die beste Gaming-Zeit, die ich je hatte. Mit einer Gruppe neue Taktiken erforschen, viel Zeit investieren, indem man neue Gegenstände sammelt und verschiedene Tränke farmt, um den Raid zu pushen, war ein Erlebnis, wie ich es nie mehr hatte.

Stéphanie Quintana: Bambi stirbt zweimal

Nickname: Alequa. Rasse: Nachtelfe. Klasse: Druide
Ein bleibendes Erlebnis war eine Startquest, für die ich ein Reh umbringen musste. Ich war damals elf Jahre alt und schrieb erst kürzlich für eine Klassenarbeit über Rehe. Das hat mich wieder voll ins Bambi-Fieber versetzt. Und als ich dann in WoW ein Reh jagen musste, hat mich das viele Tränen gekostet und regelrecht traumatisiert.

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Luca Fontana: Die Reise nach Ashenvale

Nickname: Alodon. Rasse: Mensch. Klasse: Paladin
Es muss Weihnachten gewesen sein. Mein bester Freund und ich hatten Ferien und zockten bis tief in die Nacht. Einmal, da hatten wir Pläne. Reisepläne. Wir wollten unbedingt ins Gebiet der Nachtelfen – nach Ashenvale. Problem: Das befindet sich in Kalimdor, am Arsch der Welt. Jedenfalls vom Elwynn Forest aus gesehen, unserem Startgebiet. Und wir waren kaum höher als Stufe 10. Uns stand also ein langer, gefährlicher Weg durchs Unbekannte bevor.

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Mit der unterirdischen Bahn fuhren wir von Stormwind nach Ironforge, dann stapften durch den ewigen Schnee nach Loch Modan – am Damm vorbei –, durchs Sumpfgebiet, dann mit dem Schiff nach Theramore und ab durch einen düsteren Morast hindurch, wo Spinnen und Krokodile ihr Unwesen trieben. Stufe? Keine Ahnung, da waren nur Totenköpfe neben ihren Charakterportraits. Wir waren schon Stunden unterwegs, ohne Pferde und immer wieder von viel zu hochstufigen NPCs getötet. Egal. Das Abenteuer-Fieber hatte uns längst gepackt. Wir erforschten neue Welten. Das war viel zu aufregend, um umzukehren.

Dann das Brachland, eine schier unendlich weite Ebene. Schlimmer noch: Horde Gebiet. Wir bewegten uns bewusst abseits der Wege, um ja keine gegnerischen Fraktionsmitglieder auf uns aufmerksam zu machen. Erfolglos. Tauren und Orks eröffneten die Jagd auf uns. Adrenalin. Es war das erste Mal, dass wir auf gegnerische Horde-Charaktere trafen. Angst. Ich höre meinen Kumpel heute noch via Teamspeak-Server schreien: «Lauuuuuf!».

Aber wir entkamen. Irgendwie.

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Es war spät, der Mond stand an seinem höchsten Punkt. Endlich betraten wir Ashenvale. Den wunderschönsten und magischsten Ort in ganz Azeroth, mit all seinen lieblichen musikalischen Klängen und Waldgeräuschen. Ohne Horde im Nacken. Wir fühlten uns erschöpft. Aber die Harmonie in diesem Wald, das zufriedene Gefühl, angekommen zu sein und ein riesengrosses Abenteuer erfolgreich bestanden zu haben – wir waren einfach nur glücklich. So glücklich, dass ich mich noch heute bildhaft an diese Reise erinnere, als wär’s gestern gewesen.

«Luca, ich glaube, ich will für immer in diesem Wald bleiben», meine ich meinen Kumpel noch heute durchs Headset murmeln zu hören.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg

Senior Editor, Zürich

Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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