
Ratgeber
Bondage für die Socken – die Färbetechnik wird dich fesseln
von Stefanie Lechthaler

Mein Einkauf sieht aus wie die Vorbereitung auf ein Verbrechen. Dabei will ich nur meine Socken bleichen. Reverse Tie-Dye heisst die Technik.
Ich stehe an der Kasse und werde paranoid, weil ich mir einbilde, dass mich der Kassierer für eine Verbrecherin hält. Wer kann es ihm verübeln? Auf dem Kassenband rollen ihm gerade Javel-Wasser, Gummibänder, Haushaltshandschuhe, Atemmaske und Schutzbrille entgegen. Ich will mich rechtfertigen: «Für ein DIY-Projekt», erkläre ich nervös, als müsste ich einen Verdacht von mir ablenken. «Genau das würde eine Täterin sagen», denke ich. Schnell zische ich ab und hole dreiprozentiges Wasserstoffperoxid aus der Apotheke.

Ich plane nicht, ein Verbrechen zu vertuschen, sondern will die neuen Galaxus-Socken reverse Tie-Dyen.
Zuhause ziehe ich mir alte Stofffetzen an, die gerade noch als Kleider durchgehen und nicht zu schade für Flecken wären. Zuerst muss ich die neuen Socken in Wasser tauchen, bis sie komplett durchnässt sind – so kann die Bleiche besser in den Stoff dringen. Doch das Wasser perlt ab. Es bildet sich eine schützende Luftschicht um die Socken. WTF? Also drücke ich sie mit voller Kraft in die Schüssel, als wollte ich ihnen gewalttätig ein Geständnis entlocken.
Das klappt.
Hätte ich die neuen Socken vorher waschen sollen?
Vielleicht.

Dann wringe ich sie aus und beginne mit der Knüpferei. Die meisten Exemplare verzwirble ich wie ein Haardutt und fixiere den Knopf mit einem Gummiband. Ein Paar rolle ich von der Bandspitze Richtung Bund auf und ein weiteres verwurschtle ich ganz zufällig, bevor ich es mit dem Gummi befestige. Am Schluss muss ich mir eingestehen, dass ich die experimentellen Knöpfe ruhig öfter hätte binden sollen, um mehr unterschiedliche Muster zu erhalten.


Sobald ich alle Socken geschnürt habe, ziehe ich die Gummihandschuhe, die Schutzbrille und -maske an und reisse die Fenster auf. Wie in dieser Videoanleitung erklärt, mische ich drei Teile Leitungswasser auf einen Teil Javelwasser in einem Krug.
Die Sockenkneuel begiesse ich mit der Javel-Wassermischung über einem Plastikeimer und stelle den Behälter draussen auf die Fensterbank. Dann warte ich zehn Minuten und … nichts.

Die grossen Geschütze müssen her. Ich rühre das Gemisch nochmals neu an, allerdings mit einem höher konzentrierten Verhältnis von einem Teil Bleiche zu zwei Teilen Leitungswasser. Dann das selbe Prozedere: Javelwasser über die Socken, Kleider in den Plastikkübel, Behälter auf die Fensterbank, Timer auf zehn Minuten und warten.
Als der Wecker läutet, werfe ich wieder einen Blick in den Eimer und verdrehe direkt die Augen. Noch immer sind die meisten Stoffe schwarz. Ein Exemplar spüle ich sogar im Waschbecken aus – es könnte ja sein, dass sich die Farbe erst mit dem Auswaschen zeigt. Fehlanzeige.
In einigen Videoanleitungen heisst es, man dürfe die Textilien nicht länger als fünf Minuten den Chemikalien aussetzen. Andere propagieren Wartezeiten von bis zu einer halben Stunde. Ich komme zum Schluss, dass ich die hartnäckigen Galaxus-Socken länger der Javel-Mischung aussetzen muss. Alle guten Dinge sind drei.
Beim dritten Versuch mit dem zwei zu eins Mischverhältnis und einer Wartezeit von 20 Minuten funktioniert es dann. Das kontrastreiche Muster auf den Socken erscheint und neben Schwarz leuchtet mir ein sattes Orange entgegen.

Mittlerweile riecht die Küche nach Schwimmbad, weil ich die verfärbten Textilien im Spülbecken auswasche. Damit der Bleichvorgang stoppt und das Javelwasser die Stoffe nicht weiter angreift, mische ich in der Schüssel einen Teil Wasserstoffperoxid auf 30 Teile Leitungswasser an und tauche die Socken für einen kurzen Moment hinein. Danach werfe ich sie in die Waschmaschine und überlasse sie bei 40 Grad eine halbe Stunde lang ihrem Schicksal.
Nachdem ich die trockenen Socken vom Wäscheständer nehme, hüpfe ich kurz vor Freude in die Luft. Das Ergebnis sieht genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe: Jede Socke einzigartig und doch mit Wiedererkennungswert. Meine blauen alten Batik-Socken haben nun wirklich ausgedient.


Die basische Natriumhypochloritlösung ist giftig für Wasserorganismen und verursacht schwere Reizungen auf der Haut und an den Augen. Darum haben Kinder nichts in der Nähe von Javelwasser verloren. Javelwasser gehört zum Sonderabfall und darf unverdünnt nicht in den Abfluss. Am besten leerst du die Reste zurück in die Originalverpackung oder in einen gekennzeichneten Behälter und gibst sie in Drogerien, Apotheken oder an der Verkaufsstelle zurück.

Bei Hautkontakt wäschst du die betroffene Stelle sofort gründlich unter fliessendem Wasser mit Seife aus. Um Augenschäden vorzubeugen, spülst du bei Augenkontakt direkt mit Wasser aus. Vermische Javel-Wasser auf keinen Fall mit Säuren oder Reinigungsmitteln, die Säuren enthalten – sonst entsteht giftiges Chlorgas. Je nach Aktivchlor-Anteil können die Gesundheitsrisiken schwerwiegender sein. Im Zweifelsfall erreichst du Hilfe und Auskunft unter der Tox-Nummer 145 oder auf der Webseite von Toxinfo.
Wenn du es weniger chemisch angehen willst, kannst du auch die gewöhnliche Batik-Methode ausprobieren. Ich zeige dir, wie es geht:
Die Wände kurz vor der Wohnungsübergabe streichen? Kimchi selber machen? Einen kaputten Raclette-Ofen löten? Geht nicht – gibts nicht. Also manchmal schon. Aber ich probiere es auf jeden Fall aus.
Praktische Lösungen für alltägliche Fragen zu Technik, Haushaltstricks und vieles mehr.
Alle anzeigen