
Meinung
Android 16 ist da - nur für Pixel-Geräte und noch nicht komplett
von Jan Johannsen

Alternative Launcher für das Smartphone braucht kein Mensch mehr. Davon war ich über ein Jahrzehnt überzeugt. Der Niagara-Launcher hat mich eines Besseren belehrt.
Den letzten Android-Launcher habe ich vor weit über zehn Jahren installiert. Damals herrschte wilder Westen auf Smartphone-Bildschirmen. Launcher wie Nova, Apex und ADW sorgten für mehr Flexibilität und Konsistenz. Erst ab 2013 hat Google mit der Pixel-Serie eine klare Vorlage geliefert, wie die Benutzeroberfläche eines Android-Phones auszusehen hat.
In all den Jahren schüttelte ich nur verständnislos den Kopf, wenn die Mobile-Kollegen Jan oder Michelle von ihren Lieblingslaunchern erzählten. Als Google-Pixel-Besitzer liess ich mich nicht auf solche niedere Sphären herab. «Wer braucht heute noch Launcher?», war denn auch meine Reaktion, als ein Freund im Gruppenchat vom Niagara-Launcher schwärmte. Erst als ein weiterer Kumpel nachdoppelte, dass er diesen auf seinem neuen iPhone schmerzlich vermisse, wurde ich neugierig. Auch Jan hat den Launcher kürzlich in seiner Übersicht gelobt.

Vermutlich hat auch das Timing gepasst. Mit fast 300 Apps (inklusive System-Apps) – ja, ich benötige alle – ist die Navigation meines Pixel 10 träge geworden. Zig Ordner auf mehrere Bildschirme verteilt, dazu Widgets für Musik, Podcast, Kalender etc. sind überwältigend. Darum wurde ich hellhörig, als meine Freunde den Niagara-Launcher anpriesen mit: «weniger Ablenkung durch ätzend viele Icons». Weil ich ganz offensichtlich gerne neue Apps ausprobiere, gab ich mir einen Ruck und installierte nach über einem Jahrzehnt wieder einen Launcher. Und der Niagara überzeugte mich auf Anhieb.

Der grösste Unterschied zwischen Niagara und den Standard-Launchern ist, dass es nur einen einzigen Homescreen gibt. Favorisierte Apps sind vertikal in Listenform angeordnet. Alle übrigen Apps finde ich, indem ich am Displayrand nach oben oder unten wische. Dann erscheint eine alphabetisch sortierte Liste. Ich freue mich, dass das auf beiden Seiten funktioniert. Als Rechtshänder, der sein Telefon mit der linken Hand bedient, nerve ich mich ständig über Navigationen, die nur von einer Seite gut erreichbar sind.

Obwohl die Navigation komplett anders funktioniert, als ich es gewohnt bin, finde ich mich erstaunlich schnell zurecht. Niagara empfiehlt, maximal acht Apps zu favorisieren. Für einen derart drastischen Einschnitt bin ich noch nicht bereit. Mit 30 fühlt es sich im Vergleich zu vorher dennoch deutlich schlanker an. Ich merke, wie ich weniger abgelenkt bin und weniger Zeit mit irgendwelchen Apps verplempere. Vielleicht muss ich meine 300 Apps doch mal ausmisten. Das hätte ich natürlich vorher schon machen können, aber erst der Niagara-Launcher animiert mich dazu.
Einen kleinen Nachteil hat die beschränkte App-Auswahl allerdings. Wenn ich Apps über die alphabetische Liste suche, muss ich ihren Namen kennen. Man könnte meinen, das wäre einfach. Doch gerade Apps, die ich nicht regelmässig nutze, erkenne ich primär am Symbol. Andere wie die verschiedenen Twint-Apps sind überhaupt nicht einheitlich benannt. Mal steht Twint am Anfang, mal der Name der Bank und teilweise nur die Abkürzung. In diesem Fall nutze ich eine weitere nützliche Funktion: Wenn ich vom unteren Bildschirmrand nach oben wische, erscheint die Suche. Die kann ich anpassen, um wahlweise auch das Internet oder meine Kontakte zu durchsuchen.

Zuoberst auf dem Homescreen befindet sich das Niagara-Widget. Es zeigt Zeit und Datum an. Weitere nützliche Funktionen wie Kalender und Wetter gibt es mit der Pro-Version der App. Die kannst du sieben Tage gratis testen. Danach kostet die App 13,50 Franken oder 12,99 Euro pro Jahr oder einmalig 41,95 Franken oder 39,99 Euro. Der Fixpreis ist hoch, aber mir ist es das wert. Und alles ist besser, als wiederkehrende Kosten.
Der Launcher bietet in der kostenlosen Version alle wichtigen Funktionen und verzichtet erst noch auf Werbung – ein grosser Pluspunkt. Auch dass die App zur Abwechslung nicht aus den USA, sondern aus Deutschland stammt, finde ich sympathisch.

Niagara ist ein schlichter Launcher, hat aber einige nützliche Tricks auf Lager. Für vieles benötigst du die Pro-Version. Den Niagara-Button, der unten rechts auf dem Homescreen prangt, kann ich mit einer zusätzlichen Wischfunktion versehen. Ich öffne damit meinen Passwortmanager.
Wische ich rechts über Apps, poppen die Schnellfunktionen auf. Zusätzlich gibt es stapelbare Widgets,damit ich den Homescreen nicht vollpflastere. Mir reicht bisher das integrierte Musik-Widget. Das öffnet sich automatisch, sobald ich meine Musik- oder Podcast-App starte. Verschiedene Apps zeigen zudem Benachrichtigungen unterhalb des Icons an.

Ich nutze den Niagara-Launcher erst seit einigen Wochen, aber ich kann mir eine Rückkehr zur altbackenen Raster-Anordnung nicht mehr vorstellen. Die wichtigsten Apps habe ich schneller griffbereit, Zeitfresser lenken mich weniger ab und selten genutzte Anwendungen finde ich bequem über die Suche. Dazu gibt es eine Vielzahl cleverer Funktionen, die einen echten Mehrwert bieten. Wenn dich das anspricht, kann ich dir als ehemaliger Skeptiker den Niagara-Launcher ans Herz legen. Wer hätte das gedacht?
Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken.
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