HintergrundSpielzeug

Kennst du noch? Kapla Bausteine

Ramon Schneider
Ramon Schneider
Zürich, am 04.02.2022

Sie haben mich begeistert, geprägt und auch frustriert. Die Spielzeuge meiner Kindheit. Eines davon sind die Holzbausteine von Kapla.

Geht noch eins? Kriege ich hier ein Hölzchen mehr rauf? «Klack, klack, klack!» Alles bricht unter meinen Fingern zusammen. Zwei Stunden Arbeit für die Katz. Und ich? Mich freut’s. Das gehört zum Kapla-Erlebnis dazu.

Mit etwa vier oder fünf Jahren kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit den Hölzchen von Kapla. Noch jung und mit einer eher schlechten Hand-Augen-Koordination baute ich damals meine ersten Konstruktionen auf dem Wohnzimmerboden. Das waren alles andere als architektonische Meisterleistungen. Im Gegenteil: Zu Beginn entstanden hauptsächlich krumme Garagen für meine Spielzeugautos.

Ungefähr ein Jahr später war ich zu Besuch bei meinem Gotti. Sie hatte damals eine ganze Kiste mit mehreren Tausend Kapla-Steinen. Von ihr lernte ich, dass ich damit nicht nur ungerade Mauern hochziehen, sondern ausgefallene Kunstwerke kreieren kann. Meine Hand-Augen-Koordination war zwar ein wenig besser, doch mein Verständnis von Statik alles andere als ausgeprägt. Früher oder später fiel immer alles in sich zusammen.

Irgendwann erhielt ich zum Geburtstag zwei grosse Stoffsäcke voller Kapla-Hölzer. Die Dinger waren so schwer, dass ich sie gefüllt kaum tragen konnte. Keine Ahnung, wie viele Hölzchen es gewesen sind, doch es waren genug, um alle meine Vorstellungen zu verwirklichen. Ich baute alles Mögliche: Türme, Brücken, Schlösser, Kuppeln. Die Konstruktionen wurden immer ausgefallener und riskanter. Ich konnte Stunden oder gar Tage mit dem Bau verbringen, doch eines gefiel mir daran immer am besten: Zuzuschauen, wie am Schluss alles ineinander zusammenfiel. Obwohl ich damals von Physik noch nie was gehört habe, geschweige denn von Isaac Newton, lernte ich durch meine Versuche die grundlegenden Elemente der klassischen Mechanik.

Heute bin ich weder Architekt, noch berechne ich die Statik gigantischer Bauwerke. Das praktische Experimentieren ist mir jedoch geblieben. Sei es in der Schule, im Studium oder am Arbeitsplatz: Theorie lernen ist nichts für mich, ich muss es ausprobieren, scheitern und erneut versuchen. Über das Machen ist schliesslich auch der Kapla-Erfinder auf die Idee der Hölzchen gekommen.

Der Antiquitätenhändler und sein Schloss

Angefangen hat die Geschichte von Kapla Ende der 60er-Jahre, als Tom van der Bruggen nach Südfrankreich reiste. Neben dem submediterran-atlantischen Klima verliebte sich der niederländische Antiquitätenhändler vor allem in eine alte Bauernhofruine. Er setzte sich zum Ziel, sie neu aufzubauen und in ein Schloss zu verwandeln.

Zurück in seiner Heimat bastelte van der Bruggen ein Modell seines Bauprojektes. Da seine damaligen Bauklötze aber zu grob waren, um ein realistisches Modell zu visualisieren, kreierte er kurzerhand seine eigenen Bausteine. Die Ur-Form von Kapla. Ein Akronym von «KAbouter PLAnkjes», was auf Deutsch «Wichtelhölzchen» bedeutet.

Tom van der Bruggen, der Erfinder von Kapla.
Tom van der Bruggen, der Erfinder von Kapla.
Bild: kapla.com

Hergestellt werden die Hölzchen von Kapla aus naturbelassenem und unbehandeltem See-Kiefer. Getreu den Anfängen des Unternehmens, stammt das verwendete Holz bis heute aus Südfrankreich. Genauer gesagt aus dem grössten zusammenhängenden Waldstück Westeuropas, dem Landes de Gascogne. In der Verarbeitung zu den Kapla-Plättchen wird das Holz auf einen Zehntelmillimeter genau geschnitten. Die Seitenverhältnisse von Länge, Breite und Höhe betragen dabei 15 zu 3 zu 1. Legst du also zum Beispiel 15 Hölzchen flach aufeinander, sind sie zusammen gleich hoch wie ein Hölzchen lang ist.

18.76 Meter ist der Rekord

Über die Jahre versuchten verschiedene Leute immer wieder den höchsten Kapla-Turm der Welt zu bauen. Der aktuelle Rekord stammt aus dem Juni 2021 von vier französischen Pfadfindern aus Grenoble. Nach monatelanger Vorbereitung errichteten sie in vier Tagen aus 11’200 Kapla-Hölzchen einen Turm von 18.76 Metern. Die angepeilten 21 Meter haben sie zwar nicht erreicht, trotzdem stellten sie mit ihrem Turm einen neuen Weltrekord auf.

Ich hatte in meiner Kindheit nie die Ambitionen, einen Weltrekord aufzustellen, doch eines habe ich mit den Pfadfindern gemeinsam: Ihr Highlight war, den Turm am Schluss einstürzen zu lassen.

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Bezahlt werde ich dafür, von früh bis spät mit Spielwaren Humbug zu betreiben.


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