Können wir den Desktop endlich sterben lassen?

Können wir den Desktop endlich sterben lassen?

Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Zürich, am 23.06.2021
Windows 11 will die Widgets zurückbringen. Gut so! Vielleicht wird der Desktop damit endlich wieder nützlich. Seit seiner Einführung ist er nämlich immer mehr zu einer glorifizierten Müllhalde verkommen.

Ich weiss noch genau, also ich bei einem Kumpel das erste Mal Windows 95 gesehen habe. Aus lauter Vorfreude bastelte ich mir bei meinem Windows 3.11 ebenfalls sowas wie einen Desktop zusammen. Das Ergebnis war völlig unbrauchbar, aber ich fühlte mich unglaublich produktiv. Heute, fast 30 Jahre später ist der Desktop das vermeintlich zentrale Element von Windows oder auch MacOS. Dabei ist er kaum nützlicher als meine Windows-3.11-Mutation.

In Windows 3.11 war der Desktop nicht wirklich existent.
In Windows 3.11 war der Desktop nicht wirklich existent.

Das war nicht immer so. Zu Windows-95-Zeiten liefen die meisten Interaktionen über den Desktop. Dort waren meine Verknüpfungen zu Corel Draw, Word oder «Diablo». Mit dem Nachfolger Windows 98 versuchte ich dem zunehmenden Shortcut-Chaos auf meinem Desktop Herr zu werden, indem ich beschriftete Order erstellte und dort meine Programme und Spiele ablegte. Der Grund war primär, dass ich meine schicken «Sleepy Hollow»-Hintergrundbilder zu sehen bekam. Wie in meiner jugendlichen Spielehöhle mangelte es mir auch digital an Ordnung und Disziplin. Bereits wenige Wochen später herrschte wieder Wilder Westen auf meinem Desktop.

So aufgeräumt sah es bei mir nie aus.
So aufgeräumt sah es bei mir nie aus.

Tschüss Desktop, hallo Startmenü

2001 erschien Windows XP. Als junger Adoleszent war ich dem kindischen Desktop mitsamt lustigen «Pulp Fiction»-Themes entwachsen. Ich migrierte zum Startmenü, das ich lässig mit der Windows-Taste öffnete. Nur der Pöbel verwendete dafür die Maustaste. Fein säuberlich erstellte ich für all meine Anwendungen (sprich Games) Ordner und Unterordner, sortiert nach aktuellen Titel, Demos etc. Diese Strategie währte etwas länger als meine Desktop-Ordner, aber mit der wachsenden Zahl an Programmen wurde auch die Startmenü-Navigation zunehmend mühsamer. Wenn du irgendwann beim vierten Ausklappmenü angekommen bist, aber kurz mit der Maus verrutscht, schliessen sich alle Menüs wieder und du darfst von vorne beginnen.

Wirklich besser als Desktop-Ordner waren die Menüs in Windows XP auch nicht.
Wirklich besser als Desktop-Ordner waren die Menüs in Windows XP auch nicht.

Das nächste Kapitel hiess Windows Vista – auch das liess ich nicht aus. Damit hielten Widgets Einzug in Microsofts Betriebssystem. Endlich kam leben zurück auf den verwaisten Desktop. CPU-Temperatur-Anzeige, Wetter und Post-its, ich installierte alles, was auch nur ansatzweise einen Nutzen hatte oder wenigstens cool aussah. Schon damals nahm aber das Internet, respektive der Browser, eine immer zentralere Rolle bei der PC-Benutzung ein. Und weil viele Widgets sogar gewartet werden mussten, rückte der Desktop bald wieder in den Hintergrund.

Ein perfektes Zeitzeugnis der 00er-Jahre.
Ein perfektes Zeitzeugnis der 00er-Jahre.

Auch Windows 7 konnte dem Desktop keine relevante Bedeutung zuweisen. Er war da, um mit einem hübschen Hintergrundbild versehen zu werden und blieb nur so lange sichtbar, wie meine Kiste zum Aufstarten benötigte.

Mit Windows 8 verschwand der Desktop kurzzeitig sogar gänzlich – zumindest sah es Microsoft so vor. Aber wer wie ich auch diese Version auf dem PC installierte, fand schnell einen Workaround, damit Windows wieder direkt zum Desktop mit dem traditionellen Startmenü bootete. An der Verwahrlosung der App-Shortcut-Müllhalde änderte sich somit nichts.

Das Steissbein von Windows

Mittlerweile sind wir bei Windows 10 angelangt und der Desktop ist nutzloser denn je. Wenn ich eine Anwendung starten will, drücke ich die Windows-Taste, tippe die ersten Buchstaben ein und schon wird mir die App angezeigt. Den Desktop verwende ich einzig dafür, um mit einem Rechtsklick die Display-Einstellung zu starten oder ihn für ein Produktfoto als Hintergrund zu verwenden. Erst beim Schreiben dieses Textes ist mir überhaupt aufgefallen, dass sich auf den zwei Desktops – ich arbeite mit zwei Monitoren – unterschiedliche Shortcuts befinden. Aber who cares? Der Desktop ist nutzloser als der Ziffernblock bei der Tastatur. Just Kidding, der spinnt doch, der Kevin 😉.

Windows 11 könnte die Widgets zurückbringen.
Windows 11 könnte die Widgets zurückbringen.

Nun steht Windows 11 vor der Tür und erste Leaks deuten darauf hin, dass Microsoft die Widgets zurückbringt. Zwar ist noch nicht klar, ob sie wie das neue Wetter- und Nachrichtenmenü Teil der Taskleiste werden oder sich doch wie bei Windows Vista auf dem Desktop ansiedeln. Aber selbst damit habe ich wenig Hoffnung, dass der Desktop jemals mehr als ein Ablagefach für vergessene Shortcuts und ungelesene PDFs wird. Vielleicht ist das einfach sein Schicksal.

Kann der Desktop gerettet werden? Oder gehörst du gar zu denjenigen, die ihn jetzt schon nützlich finden? Schreibs in die Kommentarspalte.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg

Senior Editor, Zürich

Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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