

«Life is Strange: Reunion» ist Fan-Service pur
Zeitreisen, ein Wiedersehen und jede Menge Nostalgie: «Life is Strange: Reunion» schliesst die Saga von Max und Chloe ab.
Eigentlich hätte die Geschichte von Max und Chloe keine Fortsetzung gebraucht. Die Videospiel-gewordene Polaroid-Werbung fand 2014 einen gelungenen Abschluss. Möglich waren zwei Enden, beide angemessen traurig, egal ob du nun Arcadia Bay oder Chloe geopfert hast.
Hinzu kommt: Ich störe mich daran, dass heutzutage nur wenige Franchises den Mut haben, ein Ende zu finden. Alles, was auch nur ansatzweise funktioniert, bekommt zwölf Fortsetzungen, vier Spin-Offs und zwei «Fortnite»-Skins. In diesem Kontext hat es mich überrascht, wie gut mir «Life is Strange: Double Exposure» gefallen hat. Das Folgekapitel aus Max’ Leben präsentiert sich so charmant unaufdringlich, dass ich gar nicht anders konnte, als mich erneut in diesen unbeholfenen Hipster zu verknallen.
Das Setting hat geholfen: Die Caledon University ist herrlich gemütlich und mein neuer Sehnsuchtsort für einen virtuellen Wintertrip. Der frische Cast ist sympathisch und glaubwürdig geschrieben. Cringey Dialoge, die klingen, als ob sich ein Marketing-Verantwortlicher an Jugend-Slang probiert, gehören weitgehend der Vergangenheit an. Max ist reifer geworden und die Menschen, die sie zum Leben erwecken, haben das verstanden.

Quelle: Square Enix
Kollegin Cassie hat das Spiel damals getestet und vier Sterne vergeben. Eine Wertung, der ich mich anschliessen kann und eine steile Vorlage für «Life is Strange: Reunion».
Alte Freundinnen, neue Probleme
Falls das Intro das nicht bereits klar gemacht hat: «Life is Strange: Reunion» ist eine direkte Fortsetzung von «Double Exposure». Das Sequel bringt nicht nur die Serienheldin zurück, sondern auch ihre Ex-Freundin und Fan-Favoritin Chloe Price. Inwiefern das mit den Enden des Debüts zusammenpasst, will ich nicht spoilern. Wer «Double Exposure» gespielt hat, kann sich allerdings denken, in welche Richtung es geht.

Quelle: Square Enix
Das Spiel startet im Backstage eines Punk Clubs in Indianapolis. Chloe zeigt als Erstes, dass sie in den vergangenen zehn Jahren nichts von ihrer gewinnenden Persönlichkeit eingebüsst hat. Nach einem Wortgefecht mit dem ansässigen Booker bricht sie scheinbar grundlos zusammen und erwacht in einer surrealen Umgebung, wo sie mit Visionen von ihrem eigenen Tod geplagt wird. Nicht zum ersten Mal, wie ihre Reaktion verrät.
Chloe kann nicht zuordnen, was mit ihr passiert. Sie ist sich aber sicher, dass eine Person weiss, was es damit auf sich hat: Max Caulfield.
Ein Wiedersehen zwischen den beiden muss aber vorerst warten.
Zurück in die Vergangenheit
Szenenwechsel nach Vermont. Max macht auf dem Heimweg von ihrem Wochenend-Trip Halt auf einer Aussichtsplattform. Das Panorama kann die Neo-Dozentin jedoch nur kurz geniessen – in der Ferne sieht sie, wie Flammen aus ihrer Universität emporsteigen. Offenbar hat der Kosmos immer noch eine Rechnung mit unserer Protagonistin offen.
Aber was sind schon die vereinten Mächte des Schicksals gegen den Sturkopf einer knipsenden Zeitreisenden?

Quelle: Square Enix
Max erhält in «Reunion» nämlich ihre verloren geglaubten Superkräfte zurück. Wie im Debüt kann sie die Zeit manipulieren und via Fotos zu bestimmten Punkten in der Vergangenheit reisen. Sie hat nun zwei Tage Zeit, um das Feuer zu verhindern, ihre Freunde zu retten und nebenbei eine Verschwörung aufzuklären.
(Fast) alles wie gehabt
Franchise-Fans müssen fürs Gameplay nichts Neues lernen. Als Max versuchst du, anderen Personen Infos zu entlocken. Wenn ein Gespräch schiefläuft oder du die falsche Antwort gewählt hast, drehst du die Zeit zurück und probierst es nochmal. Daneben erkundest du den Campus und suchst nach Hinweisen auf den Auslöser der Katastrophe – sofern du nicht gerade die Textnachrichten abackerst, mit denen dich deine Freunde eindecken.

Quelle: Square Enix
Weiterhin gilt es, Gegenstände zu finden und gelegentlich kleine Rückspul-Rätsel zu lösen, die dich nicht wirklich ins Schwitzen bringen. Dass mir «Reunion» trotz des geringen Anspruchs ständig verbale Stützräder aufdrängt, nervt mich schnell.
«Wahrscheinlich hat die Bar eine Hintertür.» … «Wahrscheinlich hat die Bar eine Hintertür.» .. «Wahrscheinlich hat die ..» GIRL, chill! Ich suche Collectibles. Wenn ich mir alle zwei Sekunden reindrücken lassen will, was ich als Nächstes tun soll, öffne ich Outlook.

Quelle: Square Enix
Zwar lässt sich die Hinweis-Dichte verringern, aber selbst wenn die Funktion komplett ausgestellt ist, erinnern dich die Co-Protagonistinnen regelmässig an deine Hauptmission. Egal, ob du gerade Max oder Chloe steuerst.
Comeback-Star Chloe hat nicht wie Max eine Superpower, dafür aber eine grosse Fresse. Diese kommt im Backtalk-Feature zum Einsatz. Dabei musst du während Dialogen unter Zeitdruck die richtige Antwort wählen, um dein Gegenüber zu überrumpeln. Das läuft genau gleich ab wie im Prequel «Before the Storm».

Quelle: Square Enix
Neu sind hingegen die Konversationen zwischen Max und Chloe. Die Entscheidungen, die du hier triffst, geben die Richtung für die Beziehung zwischen den beiden vor. Dass mir «Reunion» hier die Kontrolle überlässt, gefällt mir, auch wenn es letztendlich ein sehr unsubtiler Fanservice ist.
Technik und Töne
Visuell hat sich seit «Double Exposure» nicht viel getan. «Life is Strange: Reunion» ist ein AA-Game, und das sieht man. Dank hübschem, leicht comic-artigen Grafikstil fällt das aber nicht weiter ins Gewicht.
Störend sind hingegen die zahlreichen Grafikfehler: Texturen poppen merklich später ins Bild, Haare verschwinden in Gesichtsanimationen, und immer wieder flimmern Kanten und Hintergründe.

Quelle: Square Enix
Nichts zu meckern gibt es bezüglich der Musik. Vor einigen Monaten habe ich über den Einsatz von lizenzierten Songs in Videospielen geschrieben. Hier kannst du nachlesen, warum ich der Meinung bin, dass ein Game-Soundtrack genauso hart zünden kann, auch wenn dieser nicht exklusiv für das Spiel komponiert wurde.
Dabei habe ich mich auch auf die Musik vom «Life is Strange»-Debüt bezogen. Die ist für mein Spielerlebnis nicht minder wichtig als die Story oder die Charaktere – und passt perfekt zum Tumblrcore-Vibe des Games.
«Life is Strange» IST Indie-Rock und «Reunion» führt diese Tradition pflichtbewusst fort.
Musste das sein?
Ich habe mich gefreut, als bekannt wurde, dass die Geschichte von Max und Chloe weitergeht. Je nachdem, wen man fragt, ist das aber durchaus ein Hot Take. Ich kann gut verstehen, warum.
Wie eingangs erwähnt, hätte die Story von «Life is Strange» kein Sequel gebraucht. «Double Exposure» enthielt zudem einige narrative Elemente, die – grosszügig betrachtet – fragwürdig waren, objektiv gesehen aber einfach nur dümmlich. Als Safi am Ende des Spiels (Spoiler incoming) eine pathostriefende Ansprache hält, die klingt als ob Nick Fury die Avengers zusammentrommelt, war das Fremdschämen körperlich so spürbar, dass ich kurz an die frische Luft musste.

Quelle: Square Enix
Wer will, findet auch zahlreiche Unstimmigkeiten im neu etablierten Canon. Wenn Zeitreisen und Multiversen zu dramaturgischen Werkzeugen werden, lässt sich das aber ohnehin nie ganz verhindern. Sobald man in die Zeit eingreift, wird Ursache zur Wirkung und Wirkung zur Ursache. Das Logik-Argument zieht dann nur noch bedingt. Weshalb ich überzeugt bin, dass es den Spielenden ein Stück weit selbst überlassen ist, ob «Life is Strange: Double Exposure/Reunion» funktioniert.
Ich kann entweder nach Lücken suchen und die Kohärenz hinterfragen, was unweigerlich dazu führt, dass das Fundament wegbricht. Oder ich kann mich dafür entscheiden, das Finale einer der schönsten und sentimentalsten Geschichten im Gaming zu geniessen.
Meine Wahl fällt auf Letzteres.

Quelle: Square Enix
«Life is Strange: Reunion» ist erhältlich für PC, PS5 und Xbox Series X/S. Ich habe die PS5-Version getestet, die mir Square Enix zur Verfügung gestellt hat.
Fazit
Noch einmal mit Gefühl
Ein Comeback von Max und Chloe war von Anfang an ein Risiko. Auf dem Papier sprachen tausend Gründe dagegen und die meisten davon sind legitim. Entwickler Deck Nine hat darauf gepfiffen und es trotzdem probiert und ich bin ihnen dankbar dafür.
«Life is Strange: Reunion» schliesst ein Kapitel, von dem ich nicht wusste, dass es noch offen lag. Natürlich ist das knallhart berechnender Fanservice, aber ist das denn so schlimm? In einer Zeit, in der die Gaming-Industrie scheinbar bewusst an der Community vorbei produziert, ist das beinahe schon subversiv.
Die Saga von Max und Chloe findet mit «Reunion» ein poetisches Ende. Es ist voller intimer und feinfühliger Momente, die mir länger in Erinnerung bleiben werden, als jeder Grafik-Bug – oder das zweckmässige Gameplay.
Es ist nicht perfekt und das ist gut so. «Life is strange» – das Leben ist seltsam und Videospiel-Kritiken sind es manchmal auch.
Pro
- Max & Chloe
- grossartiger Soundtrack
- gelungener Abschluss der Story
- schönes Setting …
Contra
- das allerdings viel recycelt
- diverse Glitches und Grafikfehler
- keine Herausforderung
- relativ kurz

In den frühen 90er-Jahren vererbte mir mein älterer Bruder sein NES mit «The Legend of Zelda» und startete damit eine Obsession, die bis heute anhält.
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