«Mami, bin ich schön?»: Wie du Body Positivity bereits beim Kleinkind förderst
Ratgeber

«Mami, bin ich schön?»: Wie du Body Positivity bereits beim Kleinkind förderst

Katja Fischer
10.2.2023

Schön, dünn, dick oder lockig. Meine Töchter beginnen, ihren Körper zu bewerten und zu verurteilen – dabei sind wir von Social Media noch weit entfernt. Wie bringe ich meinen Kindern schon früh bei, sich wohl in ihrer Haut zu fühlen? Eine Expertin gibt Tipps.

Meine sechsjährige Tochter steht vor dem Garderobenspiegel und mustert sich von allen Seiten. «Diese Winterjacke macht mich dick», sagt sie. Ich schlucke. «Du bist doch nicht dick. Findest du das wirklich?», hake ich irritiert nach. Und bin sogleich erleichtert über ihre Ausführung: «Nein, aber einfach in dieser Jacke.»

Die Szene führt mir demonstrativ vor Augen: Körper und Aussehen sind grosse Themen bei meiner Tochter. Und es sind nicht mehr nur die pinken Leggins oder der Paillettenpulli an sich, die sie beschäftigen – sondern auch, wie sie darin aussieht und welche Figur sie darin macht. «Jetzt geht’s los», denke ich mir. Und weiss gleichzeitig, dass ich nicht überrascht sein sollte. Es ist einer von vielen Momenten mit Kindern, von denen du weisst, dass sie kommen werden, aber auf die du trotzdem nie perfekt vorbereitet bist.

Andere Situation, ein paar Tage später: «Mami, bin ich schön?», fragt mich meine Dreijährige. «Natürlich, du bist wunderschön!», antworte ich, instinktiv. Sie hakt nach: «Weil ich so schöne Locken habe, gäll?» Ich lache und entgegne: «Nicht nur wegen deiner Locken.»

Ich schmunzle zwar, gleichwohl bin ich irritiert. Jetzt also schon die Dreijährige. Warum fragt sie das? Habe ich richtig reagiert? In der Folge beginne ich mich intensiv damit zu beschäftigen, wie ich meinen Kindern das beste Rüstzeug für ein positives Körperbild mitgeben kann. Und mit der Frage, ob das im Kleinkindalter überhaupt schon möglich ist. Ich hake bei einer Expertin nach.

Einfluss schon im Babyalter

Es sei nie zu früh, ein gesundes Körperbild zu fördern, sagt mir Anja Meier, Verantwortliche Politik & Medien bei der Stiftung Pro Juventute. Denn bereits die Art und Weise, wie Eltern mit ihren Babys sprechen, könne einen Einfluss haben. «Ein positives Körperbild ist ein wichtiger Schutzfaktor für ein gesundes Selbstwertgefühl. Das Selbstbild muss sich zuerst formen, was bereits im Kleinkindalter beginnt.» Die Vorstellung von einem «guten» oder «schönen Körper» werde schon in der Kindheit geprägt. Sobald die Kinder dann anfangen, sich selbst wahrzunehmen und sich mit anderen zu vergleichen, sei das Thema besonders aktuell.

Wie sehr sich schon Kinder mit ihrem äusseren Erscheinungsbild beschäftigen, bestätigt eine Studie aus Deutschland. Knapp 30 Prozent der elfjährigen Mädchen empfinden sich «ein wenig oder viel zu dick», bei den gleichaltrigen Jungen sind es rund 21 Prozent. Noch nachdenklicher stimmen mich die Zahlen bei Jugendlichen, die aus einer Studie von Gesundheitsförderung Schweiz hervorgehen: Fast 60 Prozent der Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren fühlen sich zu dick und 77 Prozent der Jungen wünschen sich mehr Muskeln. Das sind beeindruckende Zahlen – im negativen Sinne. Gleichzeitig erstaunen sie im Zeitalter von Social Media und Optimierungswahn kaum.

Die Eltern machen’s vor

Laut Anja Meier von der Pro Juventute hätten bereits die Spielzeuge einen Einfluss darauf, welche Ideale und Normvorstellungen einem Kleinkind vermittelt werden und wie es seinen eigenen Körper sieht und beurteilt. Aber vor allem die Eltern als Vorbilder – sprich: unser eigenes Verhalten und unsere Äusserungen. Nachfolgend fünf Tipps der Expertin, wie Eltern ein positives Körperbild schon im Kindesalter fördern können.

1. Ver- und Beurteilung vermeiden

Wie oft äusserst du gedankenlos deine Unzufriedenheit über deinen eigenen Körper? Oder beurteilst beim gemeinsamen Fernsehschauen das Aussehen einer anderen Person? Es sind meist dahingesagte und scheinbar lapidare Bemerkungen von Erwachsenen, die doch eine grosse Auswirkungen haben können. «Es gilt, negative Kommentare über den eigenen Körper oder den anderer Menschen zu vermeiden», sagt Anja Meier. Und diese Regel gilt ebenso für Verwandte oder andere Bezugspersonen.

2. (Körper-)Fähigkeiten loben

Bestärkende Kommentare über das Aussehen sind nicht per se schlecht. «Aber ständige Verniedlichungen wie ‹mein Pausbäckchen› oder ‹mein Stupsnäschen› sind nicht ideal», sagt Anja Meier. Statt Komplimente über das Aussehen zu machen, solltest du lieber die innere Schönheit – Taten, Stärken und Fähigkeiten deines Kindes – loben. Oder andere körperliche Fähigkeiten anerkennen: etwa die erfolgreiche Halswehbekämpfung oder die Beine, die den kleinen Körper den ganzen Tag getragen haben.

3. Vielfalt ins Kinderzimmer

Die Vielfalt der Körperformen und -grössen solltest du schon im frühen Kindesalter ins Zentrum rücken und betonen, dass es kein «richtiges» oder «falsches» Aussehen gibt. «Bei der Auswahl an Medieninhalten und Spielzeugen können Eltern darauf achten, eine Vielfalt an Körperformen ins Kinderzimmer zu bringen», erklärt Anja Meier. «Denn Kinder suchen Vorbilder.» Unrealistische Idole könnten dagegen zu einem verzerrten Körperbild und zu einem geringeren Selbstwertgefühl führen, so die Expertin.

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4. Vielfalt zeigen und spielen

Dass Vielfalt die Normalität bedeutet, kannst du deinem Kind im Alltag bewusst zeigen. Im Schwimmbad etwa nehmt ihr verschiedene Körperformen wahr und erlebt, dass nun mal nicht alle gleich aussehen – und dass das eben völlig in Ordnung ist. «Sofern es das Alter zulässt, kann es spannend sein, gemeinsam zu überlegen, ob das, was wir in den Büchern und Medien sehen, Realität ist», sagt Anja Meier. «Zum Beispiel kann man ein Spiel daraus machen, echte und bearbeitete Bilder zu vergleichen.»

5. Körpersignale wahrnehmen

Setze den Fokus auf eine gesunde Lebensweise statt auf das Körpergewicht oder die Körperform. Also auf gesundes Essen und regelmässige Bewegung. Mahlzeiten sollten zudem «in einer entspannten Atmosphäre» stattfinden, führt Anja Meier aus. «Damit das Kind darin unterstützt wird, die natürlichen Signale wahrzunehmen. Etwa: Bin ich müde? Habe ich Hunger? Wann bin ich satt?»

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Die Kinder müssen da durch

Die schlechte Nachricht ist jedoch: Selbst wenn du dein Kind perfekt vorbereitest und es mit dem nötigen Selbstwert-Rüstzeug versorgst – gegen Selbstzweifel und ein negatives Körperbild ist es nie ganz gewappnet. Es gehört auch dazu, diesen Lernprozess selbst zu durchschreiten, sich mit dem Körper in verschiedenen Entwicklungsphasen auseinanderzusetzen und sich ein positives Körpergefühl zu erarbeiten. Die Zweifel und Gefühle ernstnehmen, zuhören und nachfragen sei in dieser Zeit essentiell, sagt Anja Meier. «Eltern, die mit ihren Kindern über die körperlichen Veränderungen sprechen, zeigen, dass das normal ist und dazu gehört.» Indem Verständnis signalisiert werde, werde eine positive Auseinandersetzung mit sich selbst gefördert.

Und das immer wieder von Neuem. Denn Body Positivity ist kein Zustand, der einmal erreicht wird und dann anhält. Das merken wir am allerbesten bei uns selbst. Es ist ein ständiger Prozess, der gepflegt und aufrechterhalten werden muss.

In welchem Fall sollten die Alarmglocken läuten?, will ich von der Expertin wissen. «Wenn ein Kind anfängt, übermässig besorgt über sein Aussehen zu sein oder anfängt, sich ständig selbst zu kritisieren», sagt Anja Meier. Oder wenn ein sozialer Rückzug stattfindet: «Kinder, die unzufrieden mit ihrem Aussehen sind, können sich von Aktivitäten und Freunden zurückziehen.» Spätestens dann sollten Eltern reagieren, das Gespräch suchen und sich Hilfe herbeiziehen.

Noch und zum Glück bin ich bei meinen Töchtern weit davon entfernt. Und werde es hoffentlich auch immer bleiben. Ein Wunsch, den alle Eltern haben, klar. Inzwischen würde ich bei den zwei eingangs erwähnten Szenen wohl etwas anders reagieren – viel mehr die Fähigkeiten und Stärken meiner Mädchen hervorheben, statt auf die körperlichen Unsicherheiten einzugehen. Was ich mir für die Zukunft jedoch vor allen Dingen hinter die Ohren geschrieben habe, ist, mit gutem Beispiel voranzugehen. Und Body Positivity noch stärker vorzuleben.

Titelfoto: Katja Fischer

Ich habe mir einige Body-Positivity-Bücher zugelegt, die ich gemeinsam mit meinen Töchtern anschaue und beurteile. Hier findest du fünf Buchempfehlungen:

  • Produkttest

    Kinder und Körper: 5 Bücher für mehr Selbstakzeptanz

    von Katja Fischer

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Anna- und Elsa-Mami, Apéro-Expertin, Gruppenfitness-Enthusiastin, Möchtegern-Ballerina und Gossip-Liebhaberin. Oft Hochleistungs-Multitaskerin und Alleshaben-Wollerin, manchmal Schoggi-Chefin und Sofa-Heldin.


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