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Ascot Elite / A24
Kritik

«Marty Supreme»: Chalamet spielt sich in den Wahnsinn

Luca Fontana
10.3.2026

Josh Safdies «Marty Supreme» ist kein Sportfilm. Er ist ein Fiebertraum, ein Tischtennismatch, eine Tragikomödie – und mit Timothée Chalamet in der Hauptrolle einer der besten Filme des Jahres.

Keine Sorge: Die folgende Filmkritik enthält keine Spoiler. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «Marty Supreme» läuft seit dem 26. Februar im Kino.

Manchmal gibt es Filme, die ich zu kennen glaube, bevor sie beginnen. Das Muster ist ja immer dasselbe: Der Protagonist scheitert, rappelt sich auf, trainiert, triumphiert, Sportfilm. Fertig. Regisseur Josh Safdie, der mit seinem Bruder Benny mit «Uncut Gems» schon einmal bewiesen hat, dass er solche Genre-Schubladen nicht nur ignoriert, sondern mit Vergnügen zerstört, tut genau das auch mit «Marty Supreme».

Und zwar mit einer Energie, die mich noch Tage nach dem Kinobesuch nicht losgelassen hat.

Darum geht’s in «Marty Supreme»

Timothée Chalamet spielt Marty Mauser, einen jüdischen Schuhverkäufer im New York der frühen 1950er-Jahre. Ein Mann, der in seinem Schuhgeschäft schläft, Schulden wie andere Leute Visitenkarten sammelt und trotzdem die unerschütterliche Überzeugung in sich trägt, der beste Tischtennisspieler der Welt zu sein. Und das Verrückte daran: Er ist es vielleicht auch. Oder zumindest fast.

Der Film beginnt dabei wie ein Versprechen auf eine klassische Underdog-Geschichte. Marty reist zu den British Open, tänzelt sich mit Showeinlagen und Trickschlägen ins Finale und trifft dort auf seine Nemesis: den japanischen Spieler Koto Endo. Endo spielt mit einem Penholder-Schläger und einem Gummibelag, damals eine Revolution im Tischtennis, das noch von harten Holzbelägen dominiert wurde. Damit erzeugt der Japaner einen Spin, den Marty schlicht nicht kennt.

So verliert er, wird in Japan bekannt als «the Defeated American» und Endo zum Nationalhelden. Marty fährt zurück nach New York. Pleite, gedemütigt und mit der Nachricht einer ungewollten Schwangerschaft im Gepäck. Als ob das nicht genug wäre, brummt ihm der Tischtennisverband eine heftige Busse auf für seine ungezügelten Ausraster während des Finales. Jetzt bleibt ihm nur noch eine Woche Zeit, um seine Schulden abzutragen, die Busse zu begleichen und ein Flugticket nach Japan zu kaufen, wo die Tischtennis-Weltmeisterschaften stattfinden – und wo er Revanche an seinem neuen Erzfeind nehmen will.

Alles ausser Sportfilm

Hier, nach diesem Prolog, erwartet man die Montagesequenzen à la «Rocky». Oder den weisen Trainer, der unseren Helden am Tiefpunkt seiner Reise wieder aufbaut. Dazu den neuen Schläger. Den neuen Ball. Die Rückkehr. Den Kampf. Den Triumph. Was man stattdessen bekommt, ist etwas völlig anderes – und viel Aufregendes: das miserable, herrlich schizophrene Leben des Marty Mauser.

Safdie dreht ab diesem Moment keinen Sportfilm mehr. Er dreht einen Film, der lose auf der US-Tischtennislegende Marty Reisman basiert – mit dem fiktiven Marty Mauser als Alter Ego. Und er inszeniert die einzelnen Lebensabschnitte so, dass sie sich wie ein Tischtennismatch anfühlen: Jedes Mal, wenn Marty einen Punkt macht – ein kleiner Deal klappt, ein Geldgeber zeigt Interesse, eine Frau fällt auf seinen Charme herein – folgen sofort zwei Punkte auf der Gegenseite. Eine durch die Decke fallende Badewanne. Die Mafia. Eine Lüge, die auffliegt. Das Drehbuch von Safdie und Ronald Bronstein lässt Marty nie zur Ruhe kommen.

Und die Kamera – die Darius Khondji führt, eine Legende des Fachs, bekannt für «Se7en», «Mickey 17» und «The Immigrant» – wackelt und zittert, als käme sie selbst kaum hinterher. Als würde die ganze ästhetische Sprache des Films pulsieren im Rhythmus dieses Mannes, der durch sein eigenes Leben prescht wie durch ein Match, das er partout nicht verlieren darf.

Die Handschrift von Kameramann Darius Khondji: zittrig, schweissgetränkt, atemlos – genau wie Marty selbst.
Die Handschrift von Kameramann Darius Khondji: zittrig, schweissgetränkt, atemlos – genau wie Marty selbst.
Quelle: Ascot Elite / A24

Das Resultat ist ein Film, der sich wie ein Fiebertraum anfühlt. Schnell, wirr, manchmal fast unerträglich, und trotzdem unmöglich wegzuschauen. Safdies Entscheidung, einen Film über die 1950er-Jahre mit der unruhigen Bildsprache der 1970er und dem Soundtrack der 1980er zu drehen, ist dabei überhaupt kein Widerspruch. Es ist eine präzise Aussage: Marty Mauser ist ein Mann, der nirgendwo hingehört, der immer ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt und der trotzdem – oder gerade deshalb – eine Wucht hat, die einen nicht loslässt.

Das Charisma des Widerlings

Grund dafür ist auch Timothée Chalamet. Der spielt hier sowas von auf einem anderen Level. Er spielt einen Mann, den ich eigentlich nicht mögen sollte. Denn Marty ist ein widerlicher Narzisst mit einem Ego so gross wie die Freiheitsstatue. Er lügt, betrügt und nutzt Menschen schamlos aus.

Vorbild für Marty Mauser: der echte Tischtennisprofi Marty Reisman, bekannt für Hustler-Mentalität, Showmanship – und illegale Wetten auf sich selbst.
Vorbild für Marty Mauser: der echte Tischtennisprofi Marty Reisman, bekannt für Hustler-Mentalität, Showmanship – und illegale Wetten auf sich selbst.
Quelle: Ascot Elite / A24

So schläft er etwa mit der Frau seines potenziellen Geldgebers, während er gleichzeitig mit eben diesem Geldgeber Geschäfte verhandelt, und schwängert anderswo seine verheiratete Freundin, bevor er auf der Suche nach dem Hund, den er zum Tierarzt hätte bringen sollen, das Auto seines besten Freundes schrottet.

Trotzdem – das ist das Unglaubliche an dieser Performance – ist er die faszinierendste Person in jedem Raum, den er betritt. Chalamet spielt Marty mit einem Charisma und einer Art Hochspannung, die ihresgleichen sucht. Jede Szene, in der er sich mit irrem Tempo entweder um den eigenen Kragen redet oder in den nächsten Deal schnorrt, fühlt sich wie ein Pulverfass an, das jeden Moment zu explodieren droht.

Und meistens tut es das auch.

Das kommt nicht von ungefähr. Wie gesagt: Marty Mauser ist lose an Marty «The Needle» Reisman angelehnt, der zwar grosse Tischtennis-Erfolge gefeiert hat, aber ebenfalls für seine betrügerische Hustler-Mentalität, sein Showmanship und seine frühe Niederlage gegen einen japanischen Penholder-Spieler bekannt war. «Marty Supreme» ist allerdings keine Biografie – dafür ist der Film zu extrem, zu abgedreht. Aber die Parallelen und die optische Inspiration sind unverkennbar.

Sieben Jahre für den perfekten Aufschlag

Apropos: Als jemand, der selbst Tischtennis spielt, war ich fasziniert davon, wie ernst der Film den Sport nimmt. Die Matches beim British Open sind gefilmt wie Übertragungen aus den 1950er-Jahren: statische Kamerapositionen, kein Schnitt-Chaos, nur das Hin und Her des Balls. Der Spielstil ist akkurat – keine Gummibeläge, kein moderner Topspin, und auch kein Athletikspektakel, wie man das heutzutage sieht.

Das ist kein Zufall: Chalamet trainierte rund sieben Jahre für diese Rolle, hatte etwa während der Dreharbeiten zu «Dune» einen Tisch in der Wüste, einen in Budapest und einen in Abu Dhabi.

Weil der Film in den 1950er-Jahren spielt, musste er zudem die moderne Spieltechnik erst wieder verlernen – und bekam dabei prominente Unterstützung: Der deutsche Tischtennis-Star Timo Boll half ihm, die Szenen zu choreografieren und einzustudieren. Und dort, wo selbst das nicht reichte, half Safdie mit CGI nach, weil er genau wusste, was er wollte, und keinen Kompromiss einging.

Dass Boll dann im Film selbst einen kurzen Cameo als einer von Martys Gegnern hat, ist für Tischtennis-Fans wie mich das Sahnehäubchen.

Fazit

Mehr als «Uncut Gems» mit Tischtennis

«Marty Supreme» wird das Etikett «Uncut Gems mit Tischtennis» bekommen. Das ist verständlich – die filmische DNA ist dieselbe, die Familienähnlichkeit unübersehbar. Aber es wäre auch falsch. Denn während «Uncut Gems» eine Art Panikattacke als Kinoerlebnis war, hat «Marty Supreme» etwas, das ich fast Tragikomödie nennen möchte.

Denn hinter all dem Lärm, all der Energie und all dem schrecklichen Verhalten steckt die Geschichte eines Mannes, der wirklich glaubt, er habe eine Bestimmung. Und der an dieser Überzeugung zugleich leidet und sich nährt. Es ist, wie er selbst im Film sagt: «I have a purpose. You don't. And if you think that's some kind of blessing, it's not.»

Keine Frage: «Marty Supreme» ist ein Film, der sich anfühlt, als hätte man selbst gerade 149 Minuten Tischtennis gespielt. Man ist erschöpft, aufgewühlt – und hoffentlich berauscht vom Sieg. Oder auch nicht. Was am Ende genau herauskommt, müsst ihr schon selbst herausfinden.

Titelbild: Ascot Elite / A24

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


Kritik

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