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Pupsen, Blut und Surfbretter: Dinge, die mir vor der Geburt niemand gesagt hat

Katja Fischer
Katja Fischer
Zürich, am 03.03.2022

Wusstest du, dass eine Still-Session etwa eine Dreiviertelstunde dauert? Dass eine Frau nach der Geburt bis zu 30 Prozent ihrer Haare verliert? Und sie erst mal Surfbretter-Binden trägt? Ich auch nicht. Aber ich wünschte, ich hätte es.

Geniess die Zeit, die du noch für dich hast. Schau, dass du noch genügend Schlaf bekommst. Trinke Himbeerblättertee, um die Geburt in Gang zu bringen. Nimm unbedingt Musik mit in den Kreissaal. Die Liste der Ratschläge, die ich kurz vor der Geburt meines ersten Kindes bekam, war lang.

Warum aber sagte niemand etwas über die Zeit kurz danach?

Die weniger romantischen, mitunter schmerzhaften oder ekligen Dinge wagte niemand auszusprechen – und lieferten selbst die sozialen Medien nicht: Die Schwangerschaft wird jeweils in allen Facetten ausgeschlachtet, wöchentliche Bauch-Updates, Ultraschallbilder und perfekt eingerichtete Babyzimmer werden munter geteilt. Kurz nach der Niederkunft aber wird es dann vorübergehend auffällig still auf den meisten Accounts der sonst so zeigefreudigen Instagram-Mütter.

Tabuthemen hin oder her – ich hätte alles wissen und sehen wollen.

Damit zumindest mir niemand vorwerfen kann, nicht vorgewarnt zu haben, teile ich nachfolgend zehn meiner Erfahrungen. Wie immer gilt: Alles ist subjektiv. Meine Meinung muss nicht deine sein.

1. Oh weh, die Nachwehen

Geburtsschmerzen tun verdammt weh. Damit rechnest du und damit setzt du dich in der Regel im Vorfeld intensiv auseinander. Du übst Atemtechniken, machst Hypnobirthing-Übungen und prägst dir Gebärpositionen ein. Dass die Schmerzen nach der Geburt dann noch längst nicht zu Ende sind, ist dir vielleicht ebenfalls bekannt.

Wie heftig die Nachwehen tatsächlich sein würden, war mir jedoch nicht bewusst. Die intervallartigen Krämpfe, die sich während des Stillens noch verstärken, quälten. Beim zweiten noch mehr als beim ersten Kind. Nach ein paar Tagen war der Spuk zum Glück aber vorbei.

2. Stillen ist kein Kinderspiel

Das Baby ist da, du setzt es an deine Brust und geniesst das kleine grosse Naturwunder. So stellst du dir das vor. Und so wird es wahrscheinlich leider nicht. Zumindest nicht von Beginn weg.

Dein Milcheinschuss kommt erst nach ein paar Tagen – schön im Doppelpack mit deinem Babyblues. Deine Brust ist geschwollen, schmerzt und obendrauf hast du vielleicht noch Fieber. Und wenn die Milch dann mal ordentlich fliesst, ist das Stillen noch lange nicht in trockenen Tüchern. Weil es sowohl du als auch das Kind es erst noch richtig lernen müssen. Schmerzende, wunde Brustwarzen gehören zum Trainingseinsatz. Vielleicht sogar kombiniert mit einem Milchstau oder einer Brustentzündung.

Mit Quarkwickeln, Salben und Einweg-Kompressen kommst du über die ersten Trainingsrunden. Und irgendwann klappt das Stillen dann (wortwörtlich) im Schlaf. Und falls nicht: Auch völlig okay. Der Druck auf nicht stillende Frauen sollte aufhören. Manchmal geht es einfach nicht. Oder die Frau will es einfach nicht.

3. Stillen dauert eine Ewigkeit

Falls es mit dem Stillen funktioniert, machst du das ab sofort ungefähr alle zwei, drei Stunden. Für locker 30 bis 45 Minuten. Pro Session. Das ergibt dann rund sechs Stunden pro Tag. Oder anders ausgedrückt: Kaum ist eine Stillsitzung zu Ende, startet auch schon wieder die nächste.

Dazwischen sollst du Spitalgäste empfangen, Kontrolluntersuchungen und Infoveranstaltungen wahrnehmen. Irgendwann auch noch essen und duschen. Zurück zu Hause timst du dann deinen ganzen Tagesablauf nach dem Stilltakt und merkst schnell: Zwischendurch bleibt nicht mehr viel Zeit.

Beim zweiten Kind verbot ich deshalb alle Baby-Begrüssungs-Besuche im Spital. Später begann ich zudem, die Zeit während des Stillens aktiv für mich zu nutzen. Ich las Nachrichten, hörte Podcast und schaffte sogar ein Buch. Tipp: Besorg dir einen E-Reader. Denn einhändig in einem Buch blättern ist extrem lästig.

4. Stilldemenz gibt es wirklich

Du ertappst dich dabei, wie du minutenlang deine Schuhe suchst – obwohl sie dort stehen, wo sie immer stehen. Oder du versorgst deinen Hausschlüssel unbewusst im Kühlschrank. Und weisst plötzlich nicht mehr, wie deine Nachbarin heisst. «Stilldemenz» oder «Mom Brain» nennt sich dieses Phänomen. Es ist kein Hirngespinst.

Schuld sind Hormone, welche die Milchbildung und die Bindung zwischen Mutter und Kind fördern. Die Aufmerksamkeit, so vermutet die Wissenschaft, ist nach der Geburt so sehr auf das Baby gerichtet, dass andere alltägliche Abläufe vergessen gehen. Hinzu kommen ein erhöhtes Stresslevel und Schlafmangel, was die Konzentrationsfähigkeit zusätzlich sinken lässt.

Als Folge verschwitzen oder verlegen Schwangere oder Neo-Mütter die einfachsten Dinge. Das Portemonnaie, den Schlüssel, Wörter. Oder sogar den Geburtstag ihres Kindes: Kürzlich ging das Video einer US-Bloggerin viral, die den Geburtstag ihres Sohnes am falschen Tag feierte. Zahlreiche andere Mütter packten darauf ihrerseits mit Stilldemenz-Storys aus. Ihre lustigen und skurrilen Erfahrungen kannst du im Artikel unten nachlesen.

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    Mom Brain: Bloggerin feiert den Geburtstag ihres Kindes am falschen Tag

5. Peinliches Pupsen

Ein Baby hinterlässt auf seinem Weg nach draussen kleine und grosse Spuren. Das kleine und grosse Geschäft wird deshalb erst einmal brennen und schmerzen. Ausserdem ist es möglich, dass am Anfang unkontrolliert Winde abgehen. Sprich: Du hast deinen Furz nicht im Griff. Im Mehrbettzimmer im Spital kann das grauenhaft peinlich sein. So schnell die Pupse von dir gehen, so schnell ist das Problem aber zum Glück wieder Geschichte. In der Regel innert weniger Tagen.

6. Viel Blut und Windeln

Auch nach der Geburt wird das Blut noch wochenlang in unterschiedlichen Farbtönen, Konsistenzen und Gerüchen aus dir heraus fliessen. Die Wochenbett-Binde ist die erste Zeit deshalb deine treue Begleiterin. Deine neue Freundin wird auch liebevoll «Surfbrett» genannt, ist etwa so gross wie ein Unterarm und hat mit einer anpassungsfähigen, dünnen Menstruationsbinde wenig bis gar nichts zu tun. Die ersten Tage nach dem Gebären brauchst du vielleicht sogar zwei Surfbretter aufs Mal. Plus ein Netzhöschen, damit sie dort bleiben, wo sie hingehören.

Anfühlen tut sie sich das Ganze dann wie eine Windel. Zumindest stelle ich mir das Gehen mit einer Windel so vor: unbequem, umständlich und unhygienisch. Ich habe meinen Kleiderschrank rasch um ein paar weite, lange Oberteile, die bis unter den Po reichen, erweitert. Und vorsichtshalber nur noch dunkle Hosen getragen. Die Wundheilung, den sogenannten Wochenfluss, gibt es übrigens auch nach einem Kaiserschnitt. Er fällt dann meist aber etwas schwächer und kürzer aus.

Seltener Social-Media-Eintrag: Eine Hebamme präsentiert eine übergrosse Wochenbettbinde.
Seltener Social-Media-Eintrag: Eine Hebamme präsentiert eine übergrosse Wochenbettbinde.
Bild: Tiktok

7. Um die Rückbildung kommst du nicht herum

Apropos Körperflüssigkeiten. Beim Niesen, Husten oder Lachen, landen nun vielleicht jeweils ein paar Urintropfen in deinem Slip. Das ist irritierend, aber normal. Jede dritte Frau soll nach der Geburt, zumindest vorübergehend, an Inkontinenz leiden. Vor allem, wenn sie stillt, weil die Stillhormone den Beckenboden zusätzlich auflockern. Bei manchen hält der unkontrollierte Harnverlust auch später noch an.

Konsequente Beckenbodengymnastik hilft. Auch wenn ich’s erst nicht glauben wollte und die Rückkehr zum «richtigen Sport» kaum abwarten konnte. Diese klitzekleinen Bewegungen kamen mir so spanisch wie nutzlos vor. Wenn ich heute Frauen über unkontrollierten Harnverlust klagen höre, bin ich froh, es damals durchgezogen zu haben.

Das Gute: Zu spät dafür ist es nie. Wenn du die ersten Monate nach der Geburt noch keinen Rückbildungskurs besucht hast, kannst du das auch später noch nachholen.

8. Das Kind kommt, die Libido geht

In den ersten Wochen verhindern die Geburtsverletzungen den Sex. Aber auch noch viel später steht der Sex bei den meisten Paaren ganz weit unten auf der Prioritätenliste. Du hast keine Zeit und schon gar keine Lust dafür.

Seien wir realistisch: Zeit hast du ab jetzt sowieso nie mehr dafür. Du wirst sie dir nehmen müssen. Das sagte mir kürzlich die Sexologin und Psychologin Dania Schiftan einem Gespräch. Sie empfiehlt Sex-Dates mit dem Partner oder der Partnerin, auch wenn das wenig lustvoll klingt. Wieso genau und wie das klappen soll, erfährst du im nachfolgenden Interview.

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    Tschüss Sex: Wie Kinder das Liebesleben von Paaren verändern

9. Du verlierst Unmengen Haare

In den Wochen nach der Geburt fällt der Östrogenspiegel auf das «normale» Level zurück. Dass ich infolgedessen Haare lassen muss, war mir bekannt. Da ich mit überdurchschnittlich vollem Schopf gesegnet bin, machte ich mir aber keine grossen Sorgen. Und dachte erst noch triumphierend: Ha! So viele waren es ja gar nicht.

Das Karma schlug schon wenig später zurück. Drei Monate nach der Geburt ging es nämlich erst richtig los, gleich büschelweise fielen sie aus. Es sollen bis zu 30 Prozent werden, las ich und tröstete mich mit dem Gedanken, dass zum Glück ja genug da sind.

Viel übler war dann das, was folgte: das langwierige Nachwachsen. Beziehungsweise die Babyhärchen am Haaransatz, die erst in alle Richtungen abstanden und bald einen sogenannten «Still-Pony» bildeten. Anders ausgedrückt: Du siehst ungefähr ein Jahr lang unfrisiert aus.

Die Schweizer Influencerin Anja Zeidler zeigte ein halbes Jahr nach der Geburt ihrer Tochter ihren Haarausfall und nachwachsenden Härchen.
Die Schweizer Influencerin Anja Zeidler zeigte ein halbes Jahr nach der Geburt ihrer Tochter ihren Haarausfall und nachwachsenden Härchen.
Bild: Instagram

10. Bauch und Füsse wachsen gemeinsam

Die Füsse sollen bei einer Schwangerschaft wachsen, heisst es. Und zwar eine Schuhgrösse pro Kind. Du dachtest genau wie ich, das sei ein Ammenmärchen? Jein. Wegen Wassereinlagerungen haben viele Frauen geschwollen Füsse, die nach der Geburt aber wieder schrumpfen.

Bei einigen jedoch bleiben die grösseren Füsse auch Monate später tatsächlich noch bestehen, wie Forschende der US-Universität Iowa herausgefunden haben. Sie führen die Veränderung auf die starke Belastung der Knochen und Bänder während der Schwangerschaft zurück. Die zusätzlichen Kilos drücken nach unten, ein Spreizfuss – eine Verbreiterung des Vorfusses – kann die Folge sein. Allerdings nur beim ersten Kind.

Grosse Füsse, lange Still-Sessions, riesige Binden: Ich wünschte, ich hätte diese zehn Dinge vor meiner ersten Geburt schon gewusst. Nicht, dass das etwas an meinem Kinderwunsch geändert hätte, aber so hätte ich mich zumindest mental darauf einstellen können. Denn manchmal ist «Sharing is Caring» halt die angenehmere Methode als «Learning by Doing».

Auch deine Erfahrungen sind wichtig: Wovon hattest du keine Ahnung? Was hättest du gerne vor der Geburt gewusst? Teil’s uns in der Kommentarspalte unten mit.

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Katja Fischer

Anna-und Elsa-Mami, Apéro-Expertin, Gruppenfitness-Enthusiastin, Möchtegern-Ballerina und Gossip-Liebhaberin. Oft Hochleistungs-Multitaskerin und Alleshaben-Wollerin, manchmal Schoggi-Chefin und Sofa-Heldin.


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