The Marie Project: Wie winzige Bakterien unsere vaginale Gesundheit beeinflussen
Hintergrund

The Marie Project: Wie winzige Bakterien unsere vaginale Gesundheit beeinflussen

Die Vagina ist ein Mikrokosmos für sich, in dem es viel zu entdecken gibt. Nur wurde er bisher kaum wissenschaftlich erforscht – zulasten der vaginalen Gesundheit. Drei Forscherinnen möchten das ändern.

«Eine glückliche Vagina im reproduktiven Alter sollte in etwa so sauer sein wie ein Tomatensaft. Und ein einzelner Vaginalabstrich kann so viele Bakterien enthalten wie ein Zehntel unseres Gehirns Neuronen besitzt.» So ulkig diese Fakten auch klingen mögen: Es gibt vieles, das wir noch nicht über dieses Geschlechtsorgan wissen, denn in Sachen Forschung zur vaginalen Gesundheit ist (noch) nicht sonderlich viel passiert. Deshalb haben drei Wissenschaftlerinnen das «The Marie Project» ins Leben gerufen. Gemeinsam wollen sie im Rahmen dieses Forschungsprojekts der Stigmatisierung der vaginalen Gesundheit in unserer Gesellschaft entgegenwirken. Ich habe Dr. Sonja Merten virtuell zum Gespräch getroffen. Von ihr stammt auch das Zitat oben. Sie leitet die Unit «Society, Gender and Health» am Institut Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) in Basel und betreut das Marie-Projekt.

Sonja, du und dein Team, ihr beschäftigt euch mit dem Mikrokosmos der Vagina. Ist dieser so klein, wie er sich anhört?
Dr. Sonja Merten: Unser Körper beheimatet eine ganze Menge Bakterien, mit denen wir zusammenleben. Der grösste Teil davon sitzt im Darm. In der Vagina finden wir die zweitgrösste Ansammlung. Das sogenannte Mikrobiom. Es besteht aus einer Diversität an Mikroben. Leider wissen wir darüber noch so gut wie nichts.

Aufklärung geht auch via Instagram.
Aufklärung geht auch via Instagram.
Wissenswertes zum Thema findest du auf dem Account @themarieproject_ch
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Wie muss ich mir das vaginale Mikrobiom vorstellen?
Das vaginale Mikrobiom lässt sich am ehesten mit einer Lebensgemeinschaft von ganz vielen verschiedenen Mikroorganismen wie Bakterien beschreiben. Ich vergleiche es auch gerne mit der Erde in meinem Garten. Die Organismen und diversen Prozesse darin lassen meine Pflanzen mal besser, mal weniger gut gedeihen. Auf die Vagina übertragen heisst das: Je nachdem, welche Bakterien in welcher Zusammensetzung in ihr vorkommen, hat das Einfluss auf meine Gesundheit.

Inwiefern beinflusst mein Mikrobiom meine Gesundheit?
Unsere Schleimhäute sind das Tor ins Körperinnere. Hier übernimmt das Mikrobiom eine wichtige Wächterfunktion. Es sorgt dafür, dass schädliche Keime, Bakterien und Einzeller nicht in unseren Körper eindringen. Ist dein Mikrobiom gesund und intakt, schützt es dich sozusagen vor unerwünschten Gästen.

Und die wären?
Zum Beispiel sexuell übertragbare Krankheiten und Infektionen wie Scheidenpilz.

Was bringt denn mein Mikrobiom aus dem Gleichgewicht?
Unterschiedliche Bakterien wachsen in unterschiedlichen Umgebungen unterschiedlich gut. Je nachdem, wie sauer oder basisch die Umgebung ist. Der pH-Wert bestimmt, wie gut der Nährboden für ein Bakterium ist. Verändert sich der Nährboden, hat das Einfluss auf das Verhältnis zwischen guten und schlechten Bakterien. Das Milieu in der Scheide ist von Natur aus sauer. Durch den Einsatz von Seife und Duschgels wird dieser saure pH-Wert gestört, wodurch der Anteil an säureproduzierende Bakterien schrumpft. Dadurch wird das Mikrobiom in seiner Wächterfunktion geschwächt und Pilze können besser wachsen. Es gibt aber noch viel mehr Praktiken und Hausmittel, von denen wir nicht wissen, ob sie häufig angewendet werden und inwiefern sie die Zusammensetzung der vaginalen Bakterien positiv oder negativ beeinflussen.

Sowas wie in Joghurt getränkte Tampons gegen Pilzinfektionen?
Genau, solche Hausmittel sind kaum erforscht. Wir wissen noch zu wenig darüber, wie Frauen mit vaginalen Problemen umgehen: Was unternehmen Frauen gegen störenden Ausfluss? Oder wenn es in der Scheide juckt? Wir reden problemlos darüber, dass wir seit drei Tagen einen Schnupfen haben, weshalb hört unser Mitteilungsbedürfnis beim vaginalen Ausfluss auf?

Wir tauschen uns also zu wenig aus?
Viele sprechen nach wie vor nur ungern über solche Dinge und probieren lieber mal irgendetwas aus, bevor sie sich professionelle Hilfe holen. Ich habe schon erlebt, wie eine junge Teenagerin erst nach drei Wochen Ausharren unter Tränen und mit Schmerzen im Vaginalbereich zu mir gekommen ist. Einfach, weil sie nicht darüber sprechen wollte. Das finde ich schrecklich, so sollte es nicht sein. Wir sollten vaginale Beschwerden ansprechen können. Dazu müssen wir wissen, was es braucht, um diese zu enttabuisieren.

Immer noch ein Tabu: die Vagina.
Immer noch ein Tabu: die Vagina.

Zurück zum Mikrobiom: Sieht dieses bei jeder Vagina anders aus?
Welche Bakterien in welchem Verhältnis vorkommen, ist von Vagina zu Vagina unterschiedlich. Wir wissen zum Beispiel, dass sich das Mikrobiom von Menschen, die an Gebärmutterhalskrebs erkrankt sind, anders zusammensetzt als das einer gesunden Person. Die Frage ist, was war zuerst da: der Krebs oder das andersartige Mikrobiom? Es gibt auch Hinweise darauf, dass ein gesundes Mikrobiom uns vor einer Fehlgeburt schützen und Einfluss auf die Fruchtbarkeit haben kann. Ausserdem konnte man Unterschiede zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen feststellen. Jedoch sind diese wohl eher durch kulturelle Dinge wie Ernährung und Hygiene-Praktiken bedingt als durch die Genetik. Sicher wissen tun wir das aber nicht.

Mehr Forschung in dem Bereich würde uns also helfen?
Richtig. So könnten wir Zusammenhänge erkennen, um potenziellen Problemen präventiv entgegenzuwirken und neue Therapieformen für unterschiedliche Beschwerden zu entwickeln.

**Ich habe auf eurer Webseite gelesen, dass sich in den letzten 70 Jahren nur drei Prozent der Forschungs-Publikationen zum menschlichen Mikrobiom mit dem vaginalen Mikrobiom beschäftigt haben. **
Die vaginale Gesundheit ist nach wie vor ein tabuisierter Nischen-Bereich. Dadurch ist es schwierig, Forschungsgelder dafür zu erhalten. Weshalb das so ist, lässt sich nur schwer sagen. Es ist aber nicht neu, dass in der geschlechterspezifischen Medizin zu wenig geforscht wird und wichtige Aspekte immer wieder vernachlässigt werden. Speziell die Gesundheit älterer Frauen stand lange nicht im Zentrum des Interesses.

Was hat sich verändert?
Heute sind ältere Frauen kaufkräftiger, wodurch ihnen mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um die eigene Gesundheit bis ins hohe Alter zu erhalten. Leider treten viele vaginale Beschwerden erst postmenopausal auf. Früher dachte man: Das gehört halt zum Älterwerden dazu. Heute haben wir eine andere Einstellung. Dadurch entsteht ein neues Interesse und auch ein neuer Markt. Nur stehen wir forschungstechnisch immer noch ganz am Anfang.

Das ist Marie Heim-Vögtlin. Ihr wurde das Marie-Projekt gewidmet.
Das ist Marie Heim-Vögtlin. Ihr wurde das Marie-Projekt gewidmet.

«The Marie Project» ist ein Forschungsprojekt, an dem du zusammen mit zwei weiteren Forscherinnen mitwirkst. Was möchtet ihr herausfinden?
Die Initiantinnen des Grundlagenforschungsprojekts sind zwei junge Frauen: Monica Ticlla Ccenhua und Ethel Mendocilla Sato. Die beiden Wissenschaftlerinnen kamen mit der Idee auf mich zu, ein Grundlagenforschungsprojekt zum Schweizer Mikrobiom als sogenanntes Citizens-Science-Projekt aufzuziehen. Also durch die Mithilfe und das Interesse von Laien. Wir möchten unsere Fragestellungen gemeinsam mit den Teilnehmenden entwickeln und sie mit einbeziehen, um herauszufinden: Was interessiert Menschen mit Vagina überhaupt? Welche Bedürfnisse haben sie? Davon können wir dann ableiten, welche Forschung überhaupt relevant ist und welche Art von Forschung die Teilnehmenden bereit wären, zu unterstützen.

Das Projekt ist in drei Phasen aufgeteilt. Wie sehen diese konkret aus?
In einem ersten Schritt möchten wir Frauen gewinnen, um mehr über ihre Einstellung zur vaginalen Gesundheit zu erfahren. So könnten wir, basierend auf diesen Informationen, in einem zweiten Schritt eine grössere Befragung unter den Frauen starten, um repräsentativere Daten zu erhalten. In der dritten Phase möchten wir Frauen befragen, ob sie ihr Mikrobiom und seine Zusammensetzung kennenlernen wollen und ob sie die Resultate der Forschung zur Verfügung stellen würden und wenn ja, für welche Art der Forschung.

Ganz schön viel Mitspracherecht ...
Teilnehmende können im Rahmen von Forschungsprojekten selten darüber entscheiden, was mit den eigenen Proben passiert. Das möchten wir ändern. Die Teilnehmenden sollen so viel Kontrolle wie möglich über ihre biologischen Samples behalten können. So können sie sichergehen, dass sie nicht plötzlich bei einer kommerziellen Forschung mitwirken, obwohl sie das gar nicht möchten.

Ihr habt das Projekt nach der Schweizer Ärztin Marie Heim-Vögtlin benannt. Weshalb?
Das Projekt ist von Frauen für Frauen und Menschen mit Vagina. Marie Heim-Vögtlin war die erste Ärztin in der Schweiz. Sie war es auch, die hier das erste Frauenspital mitbegründet hat. Ihr widmen wir das Projekt.

Auch dir liegt das Thema der vaginalen Gesundheit am Herzen? Hier kannst du das Marie-Projekt finanziell unterstützen.

Diese Frauen stecken hinter dem Marie-Projekt.
Diese Frauen stecken hinter dem Marie-Projekt.
Illustrationen: Dagmar Bocakova Auftaktbild: cottonbro via Pexels

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Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich. 


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