

Tippen, Notieren und Weizen ernten: Mein Weg zu mehr Vorlesungs Disziplin
Drei Semester lang habe ich meine Mitschreib-Methode umgebaut: von der Tastatur über den Stift bis dahin, wo die Notizen heute entstehen – nämlich vor der Vorlesung. Das Gerät war nie das Problem.
Alltag im Studentenleben: Ich sitze in der Vorlesung und versuche, mitzuschreiben. Mal fliegen mir die Informationen nur so um die Ohren, mal wirkt die Vorlesung wie eine Schlaftablette. Mein Fokus schwindet dabei schnell. Plötzlich kommen wichtige Fakten oder Zahlen, und ich habe sie verpasst. Denn ich war vertieft in Smartphone-Games wie BlockBlast oder HayDay.
Habe ich vielleicht nur die falsche Hardware? Konzentriere ich mich deshalb nicht genug? Meinungen zur Hardware gibt es viele: Tablet mit Stift ist doch viel besser als ein Notizblock, App A hat weit mehr Funktionen als App B, das Papiergefühl ist unersetzbar, denk doch an die niedrige Akkulaufzeit. Was davon stimmt, ist am Ende egal. Das Problem lag nämlich nie an der genutzten Hard- oder Software. Vielmehr kommt es am Ende auf die Strategie an.
Vorweg: Oftmals musst du Dinge ausprobieren und Strategien entwickeln, damit es für dich stimmt. Ich habe drei Phasen gebraucht, um meine Methode anzupassen. Am Ende habe ich sie so für mich optimiert, dass ich den Studienalltag meistern kann.
Phase 1: Die Tastatur für maximale Effizienz, aber minimalen Effekt
Angefangen habe ich mit Laptop und Tastatur: Zuhören, abtippen und danach zusammenfassen. Beim reinen Mitschreiben ist die Tastatur allem überlegen. Ich komme mit der Tastatur problemlos mit, egal wie schnell die Dozenten reden. Am Ende der Vorlesung habe ich ein Dokument, das nahezu einem 1:1-Protokoll des Vorgetragenen entspricht. Nur liegt der Lerneffekt damit bei null.
Weshalb ist das so? Ich habe gemerkt, dass ich beim Tippen nicht zuhöre, sondern transkribiere. Der Satz geht vom Ohr in die Finger, ohne unterwegs zu verweilen. Es bleibt nichts hängen. Hinzu kam, dass ich nichts gefiltert oder priorisiert habe – ich konnte schliesslich problemlos einfach alles festhalten. Acht Seiten Text nach einer Doppelstunde sind zum Lernen aber zu viel.

Quelle: Joel Brändle
Phase 2: Ich schreibe von Hand
Beim Schreiben von Hand bin ich viel langsamer als beim Tippen. Aber genau das ist der Punkt: Ich muss auswählen, zusammenfassen, das Gehörte in eigene Worte bringen. Was auf der Seite landet, ist wenigstens einmal durch den Kopf gegangen. Also der Wechsel: Das PDF zur Vorlesung kommt aufs Tablet, ich ergänze handschriftlich direkt daneben.
Das hat für mich vieles verbessert. Mehr Übersicht, weniger Text, und alles ist digital abgespeichert. Zusätzlicher Vorteil: Meine digitalen Notizen kann ich bearbeiten. Wenn ich mich verschreibe oder etwas am falschen Ort festhalte, kann ich es direkt wieder löschen oder verschieben. Und falls ich im Verlauf des Studiums etwas suchen muss, finde ich die relevanten Infos ganz einfach per Suchfunktion. Das Beste daran: Es gibt keinen Papierkram, an die Notizen komme ich von überall, sofern ich sie in einer Cloud speichere.
Wenn du diese Methode ausprobierst, solltest du auf zwei Dinge achten. Zum einen auf den Stylus: Ein aktiver Eingabestift mit Neigungs- und Druckerkennung fühlt sich viel natürlicher an als einer, der immer die gleichen Linien zieht.
Da ich viel mit dem Zug unterwegs bin, habe ich mir das Surface Laptop Studio 2 ausgewählt und mit dem Slim Pen von Microsoft gearbeitet. Diese 2-in-1-Geräte finde ich praktisch, und sie sind ausdauernd. Ich habe eine stabile Tastatur, um Texte und E-Mails zu verfassen, und gleichzeitig mit einer kleinen Bewegung ein Tablet, um Handnotizen zu machen.
Ebenso entscheidend ist die Wahl des Displays: Glas ist rutschig. Eine matte Schutzfolie wie die Paperlike bremst die Stiftspitze minimal ab und gibt besseren Halt. So ist die eigene Handschrift auch besser lesbar. Rund 30 Franken für das Gefühl, nicht auf einer unberechenbaren Eisfläche zu schreiben, lohnen sich.
Meine Notizen-Routine hat allerdings auch Grenzen. Manchmal lesen Dozierende die Folien schlicht vor. Wenn das passiert, gibt es nichts zu ergänzen. Die Information steht ja bereits da.
Bei meiner Aufmerksamkeitsspanne ist das keine Pause, sondern eine Einladung. Ich bin dann oft abgedriftet. Konkret: Aus einer Vorlesung wurde eine längere Hay-Day-Session mit Stimmen im Hintergrund. Und wenn ich einmal abhänge, komme ich nicht mehr rein.

Quelle: Joel Brändle
In diesem Moment wurde mir klar: Die Art, wie ich das Problem angegangen bin, war falsch. Denn ich habe mich nie gefragt, was ich mit der Zeit machen soll, in der nichts Neues gesagt wird.
Der Hardware-Umweg, den ich nicht genommen habe
Es gibt eine naheliegende Lösung für das Ablenkungsproblem: ein Gerät, auf dem es gar keine Ablenkung wie Spiele gibt. E-Ink-Tablets wie das Remarkable Paper Pro sind genau dafür gebaut: PDFs lesen, mit dem Stift annotieren. Sonst nichts. Kein App-Store, keine Benachrichtigungen, keine Games. Das kleinere Remarkable Paper Pro Move passt sogar in die Jackentasche.
Ich habe mich gegen diesen Weg entschieden, aus einem simplen Grund: Das Handy liegt am Ende doch daneben. Selbst wenn ich es in den Rucksack packe, habe ich die Tendenz, es hervorzukramen. Ein Gerät ohne Ablenkung löst nur die halbe Gleichung. Solange die andere Hälfte im Rucksack steckt, ist das Problem nicht gelöst.
Phase 3: Vorbereiten statt nachher bereuen
Meine Lösung klingt banal, hat mein letztes Semester aber einfacher gemacht: Ich mache nun meine Notizen vor der Vorlesung, statt währenddessen. Das erfordert viel Disziplin, ist aber machbar.
Ich arbeite die Unterlagen durch, bevor die Vorlesung stattfindet. Dabei schreibe ich auf meinem Surface eine Art Bullet-Point-Liste, handschriftlich und trotzdem digital. Das sind keine Zitate von den Folien, sondern kurze Sätze, die mir erklären, was auf der Folie steht. Also: eine Anleitung oder Theorie in meinen Worten. Wenn ich beim Formulieren merke, dass ich es nicht erklären kann, ist die Lücke bereits markiert.
Während der Vorlesung bleiben die Folien geschlossen. Ich öffne sie schlicht nicht mehr. Auf meinem Laptop ist nur meine eigene Liste geöffnet. Wenn der Dozent oder die Dozentin vorne die Folien vorliest, verpasse ich nichts, denn ich kenne den Inhalt bereits; ich habe ihn ja in meinen Worten aufgeschrieben. Meine Aufgabe im Raum ist eine andere geworden: Ich warte auf das, was nicht auf den Folien steht. Die Erklärungen, die Beispiele, die Einordnung, die Nebensätze.
Genau diese kleinen Informationen schreibe ich dazu. An die Stelle, an der meine Lücke war. Am Ende der Stunde habe ich keine acht Seiten Protokoll, sondern eine verdichtete Liste, die den Stoff auf das Essenzielle reduziert und die zum Lernen bereits fertig ist.

Quelle: Joel Brändle
Warum das den Fokus rettet
Der Nebeneffekt war für mich wichtiger als der Lerneffekt. Mit dieser Methode habe ich in der Vorlesung zum ersten Mal einen Auftrag, der nicht «alles aufnehmen» heisst, sondern «meine Lücken schliessen». Das ist eine aktive Suchhaltung. Ich höre anders zu, wenn ich weiss, wonach ich suche. Und in den Passagen, in denen nichts Neues kommt, drifte ich weniger ab, weil ich auf etwas warte, statt nur dazusitzen.
Der Preis ist ehrlicherweise hoch: Die Vorbereitung kostet Zeit, eine halbe Stunde pro Vorlesung. Das klingt nach viel, ist aber weitaus weniger Zeit, als ich fürs Aufarbeiten der unbrauchbaren Protokolle gebraucht habe. Geschweige denn bei der Folien-Methode, bei der ich danach Lücken hatte, weil ich abgeschweift bin. Und diese Aufarbeitung führte zudem zu deutlich schlechteren Resultaten.
Und im Alltag oder bei der Arbeit?
Das Prinzip lässt sich genauso gut auf den normalen Alltag übertragen. Wer in Meetings Notizen macht, kennt das: Entweder schreibst du fast jedes Wort auf, was am Ende niemand liest, oder du schaltest ab, sobald jemand Folien vorliest, die eh schon alle haben.
So geht es einfacher: Die Themen und Unterlagen vorher kurz anschauen. Falls du keine Unterlagen bekommen hast: Bestenfalls den Chef, die Vortragende – oder wer auch immer später vorne steht – kurz anfragen, ob du die Unterlagen vorab haben kannst. Das hilft dir und zeigt zusätzlich, dass du Interesse hast. Win-win.
Zu jedem Punkt kannst du anschliessend ein paar Zeilen aufschreiben – worum es geht, was dich davon betrifft und was dir noch unklar ist. Im Meeting hast du dann nur diese Notizen offen und ergänzt, was neu dazukommt. Was am Ende dasteht, ist schon die fertige Zusammenfassung und kein langer Text.
Unter dem Strich: Es ist völlig egal, ob du auf einem Tablet, einem E-Ink-Gerät oder auf einem Notizblock schreibst. Wichtig ist vielmehr, was du wann festhältst – und was nicht. Machst du dir schon vorab Gedanken und Notizen, bist du besser im Thema, bekommst schon eine erste Wiederholung des Stoffes geliefert und ergänzt nur noch, was dir zuvor gefehlt hat oder unklar war.
Was hilft dir mehr gegen Ablenkung: das richtige Gerät oder die richtige Methode? Und was hat bei dir konkret funktioniert?
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