«Treue ist ein zweischneidiges Schwert»

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 12.10.2021

Fremdgehen spaltet die Gemüter. Sexualtherapeutin Dania Schiftan erklärt, weshalb das Thema eine Betrachtung jenseits des Schwarz-Weiss-Denkens verdient und die Diskussion um die Treue eine philosophische ist.

Stell dir vor, du bist Teil einer festen, monogamen Partnerschaft und gehst mit deiner Freundesgruppe feiern. An der Bar kommst du mit jemandem ins Gespräch. Ihr lacht, versteht euch gut, flirtet. Wie würde dein Partner oder deine Partnerin dieses Szenario einschätzen: als harmlosen Flirt oder Betrug an eurer Beziehung? Laut einer Studie von Elite-Partner würden 26 Prozent der deutschen Frauen und 20 Prozent der deutschen Männer dieses Szenario als Fremdgehen einstufen.

Die Frage, wo Treue aufhört und Untreue anfängt, ist eine sehr persönliche. Und sie stellt Partnerschaften vor Konflikte. Konflikte, denen auch Sexologin und Psychotherapeutin Dania Schiftan in ihrem Praxisalltag immer wieder begegnet.

Dania, was bedeutet Treue?
Dania Schiftan: Ein Ansatz ist, dass wir darunter die Loyalität der Person gegenüber verstehen, mit der wir eine Beziehung führen. Dabei kann diese Loyalität eine sexuelle als auch eine emotionale Komponente haben. Im allgemeinen Verständnis verwenden wir das Wort Treue jedoch meist als Synonym für sexuelle Loyalität. Aber die Definitionsfrage führt uns direkt zum Kernproblem des Treuekonzepts: Wo fängt Loyalität an und wo hört sie auf? Diese Grenzen definieren alle anders.

Zum Beispiel?
Ich beobachte in meiner Praxis immer wieder Diskussionen zwischen Paaren, die sich nicht einig sind, ab welchem Punkt jemand untreu wird. Für manche beginnt der Betrug mit einer Fantasie, für andere beim Pornokonsum, Flirten, Küssen oder mit dem Sex. Manche erachten es bereits als illoyal, wenn der Partner oder die Partnerin jemand anderen anschaut oder mit einer anderen Person befreundet ist. Die grosse Problematik in Sachen Treue ist also, dass alle darunter ein anderes Level an Verbindlichkeit versteht, was wiederum zu Konflikten in der Partnerschaft führen kann.

Wie kommt es, dass wir die Grenzen so unterschiedlich ziehen?
Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle: Wie ist man aufgewachsen? Welches Verständnis hat man von einer Partnerschaft? Wie selbstsicher ist man? Das Selbstwertgefühl ist ein zentraler Aspekt. Wer Angst hat, dem Partner oder der Partnerin nicht zu genügen, wird auch Angst haben, dass diese:r sich früher oder später jemand anderen sucht.

Weshalb messen wir der Treue überhaupt so viel Bedeutung bei? Was gibt uns die monogame Beziehung?
Auf der einen Seite gibt ein solches Commitment – also, sich komplett auf eine Person einzulassen und sich zu öffnen – den Menschen Intimität, Sicherheit und Kontrolle. Sie geniessen die Vorstellung von langfristiger Stabilität, die sich daraus ergibt, jemanden für sich allein zu haben. Mischen aber noch andere Menschen in einem Beziehungskonstrukt mit, heisst das im Umkehrschluss weniger Aufmerksamkeit und die Angst, nicht zu genügen. Zum Beispiel dann, wenn mein Partner sich bei emotionalen Themen an eine andere Person wendet, weil er mit ihr bessere Gespräche führen kann als mit mir. Dasselbe gilt für Sex. Der Gedanke, dass jemand anderes meinen Partner besser befriedigt als ich, kann in mir die Sorge aufkommen lassen, dass er mich verlässt und sich meine Lebensumstände dadurch schnell verändern.

Für mich klingt das fast so, als wäre eine monogame Beziehung die Konsequenz rein egoistischer Beweggründe.
Es gibt auch andere Argumente für eine monogame Beziehung. Manche sind der Überzeugung, dass sich ohne Exklusivität keine so tiefe Verbindung zu einem anderen Menschen aufbauen lässt. Dass eine Beziehung nur dann innig sein kann und wächst, wenn du dich voll und ganz auf nur eine Person einlässt. Aus meiner Sicht ergeben beide Argumentationen Sinn.

Nun sind eine monogame Beziehung und Treue noch längst kein Garant für langfristiges Glück oder eine tiefe Verbindung, oder?
Nein. Diese Argumente können zwar für eine monogame Beziehung sprechen, funktionieren aber nicht für alle Menschen. Es gibt Paare, die eine offene oder polyamouröse Beziehung führen, sich gegenseitig gerne mehr Spielraum geben und dennoch oder gerade deshalb eine sehr tiefe Verbundenheit empfinden. Genauso wie es Personen gibt, die in monogamen Partnerschaften leben, ohne sich wirklich aufeinander einzulassen. Das bedeutet: Treue kann eine Beziehung und Gefühle zu einer Person zwar vertiefen und bereichern, aber sie kann auch dazu führen, dass ich mich abwende. Bis zu dem Punkt, an dem ich unehrlich werde. Treue, ob emotional oder sexuell, ist ein zweischneidiges Schwert.

Gibt es Faktoren, die meine Einstellung zur Treue unbewusst beeinflussen?
Je nachdem, in welcher Lebensphase du steckst, kann es sein, dass du die Treue anders gewichtest. Als Schwangere oder Mama von kleinen Kindern hast du eventuell ein erhöhtes Bedürfnis nach Kontinuität. Oder wenn du dich selbst gerade nicht so toll findest. In solchen Momenten fühlen wir uns angewiesener auf die Treue eines anderen Menschen. Treue ist ein facettenreiches Konzept, das sich von vielen Seiten beleuchten lässt. Und sie eröffnet viele spannende philosophische Diskussionen.

Die da wären?
Zum Beispiel die Frage von der Schuld und Unschuld. Häufig besetzen wir in einem Fremdgeh-Szenario die betrügende Person mit der Rolle des Bösen und die Person, die betrogen wurde, ist das liebe Opfer. Ein klassisches Schwarz-Weiss-Denken. Dabei sind Partnerschaften, in denen jemand untreu wird, oft von unterschiedlichen Beziehungsdynamiken geprägt, in denen das Verhalten beider Parteien eine Rolle spielt. So kann es beispielsweise sein, dass die vermeintlich liebe Person, die betrogen wurde, jahrelang den Partner gegängelt hat. Trägt sie nun mit Schuld, wenn er sich in eine Affäre flüchtet?

Ein spannender Ansatz ...
Einer von vielen. Eine andere Frage wäre: Wie geht es weiter, wenn sich ein Paar nach einem Treuebruch wieder zusammenrauft? Darf die betrogene Person die Vergangenheit als Druckmittel für Schuldgefühle einsetzen? Oder anders gefragt: Schulde ich als Treuebrecherin meinem Partner etwas? Spannend ist auch die grundlegende Frage: Wie viel soll man sich in der Beziehung überhaupt erzählen?

Wie übersetzt du die philosophischen Überlegungen in die Praxis? Nehmen wir an, ich war untreu. Beichte ich meinem Partner meine Untreue oder behalte ich das für mich?
Es gibt kein Patentrezept. Wichtig ist, dass du deine Motive und die Konsequenzen deines Handelns kennst. Möchtest du ehrlich sein, um dein Gewissen zu erleichtern? Oder um an deiner Beziehung zu arbeiten? Oder behältst du es lieber für dich aus Angst vor der Reaktion deines Partners? Entscheidest du dich dafür, nichts zu sagen, musst du dir sicher sein, damit leben und umgehen zu können, ohne dich weiter von deinem Partner zu entfernen. Schlussendlich muss deine Entscheidung auf dein Motiv einzahlen. Es macht vielleicht wenig Sinn, deinem Partner einen Seitensprung zu beichten, wenn du ihn ohnehin verlassen möchtest und keine Lust auf ein klärendes Gespräch oder «Drama» hast.

Ich muss also in erster Linie ehrlich mit mir selbst sein …
Genau. Wer übers Fremdgehen spricht, muss damit rechnen, heftige Emotionen zu wecken. Die musst du erst mal aushalten können. Es kann auch sein, dass Gefühle zum Vorschein kommen, mit denen du nicht gerechnet hast.

Stichwort Schuldgefühle: Wie gehe ich damit um?
Schuldgefühle machen sich nur dann bemerkbar, wenn etwas geschieht, das nicht vereinbart wurde. Das heisst, dass Schuld ein Indikator dafür ist, dass ich etwas getan habe, was meinem Partner oder meine Partnerin nicht guttut. Das ist für jede Beziehung, die auf Augenhöhe stattfinden soll – egal ob Freundschaft oder Partnerschaft – schädlich. Hier geht es um Respekt und Achtung voreinander.

Heisst das im Umkehrschluss, dass man nichts Unrechtes getan hat, wenn die Schuldgefühle ausbleiben?
Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Denn ausbleibende Schuldgefühle müssen nicht zwingend ein Zeichen dafür sein, dass man im Rahmen der partnerschaftlichen Abmachungen gehandelt hat. Bei narzisstisch veranlagten Menschen ist das immer mal wieder ein Thema. Sie verletzen Menschen, haben dazu aber keinen emotionalen Bezug. Es ist ihnen schlichtweg egal. Dann gibt es noch Menschen, die keine Schuld empfinden, weil sie ihre Handlung rechtfertigen und die Schuld ganz auf den Partner oder die Partnerin abschieben.

Wie meinst du das?
Ich könnte meine Untreue dadurch rechtfertigen, dass mein Partner immer böse zu mir ist. Oder, ich rede mir ein, dass es mein Recht ist, sexuelle Befriedigung ausserhalb meiner Partnerschaft zu suchen, weil mich mein Freund nicht ranlässt. Und wenn er sich deshalb verletzt fühlt, dann ist er selber schuld. Ausbleibende Schuldgefühle sind nur dann wirklich «sauber», wenn alles vereinbart, besprochen und erlaubt war, was vonstattenging. Was ich in der Therapie auch häufig beobachte: Menschen nehmen sich für ihr eigenes Handeln viel mehr heraus, weil sie das Gefühl haben, sie hätten alles im Griff und sie könnten sich selbst gut einschätzen. Dem Partner oder der Partnerin gegenüber ist man hingegen viel kritischer und ungnädiger eingestellt.

Was geht in einem Menschen vor, der von einem Vertrauensbruch erfährt?
Viele, die sich mit einem Vertrauensbruch in der Partnerschaft konfrontiert sehen, hadern zwar mit dem eigentlichen Akt des Betrügens, aber noch mehr mit der Lügerei, die drumherum stattfand. Vor allem dann, wenn die Lügen sich über einen grossen Zeitraum erstrecken. Oder die betrogene Person selbst herausgefunden hat, dass sie betrogen wurde und ihr unklar ist, wie lange das noch so weitergegangen wäre. Gemäss einer Studie von Parship aus dem Jahr 2014 haben 62 Prozent aller betrogenen Schweizer:innen selbst herausgefunden, dass sie hintergangen wurden. Diesen Menschen wird klar: Ich habe mich getäuscht und muss jetzt meine Beziehungsgeschichte umschreiben respektive neu interpretieren. Diese Erkenntnis trifft einen sehr tief. Betrogene beginnen dann, an Ereignisse und Situationen zurückzudenken und diese nun im Wissen um den Betrug anders zu betrachten und einzuordnen. Wie die Momente, in denen der Partner oder die Partnerin die Untreue vehement geleugnet hat.

Inwiefern spielt die Unterscheidung von emotionaler und sexueller Untreue in diesem Fall eine Rolle? Ist die eine Form der Untreue leichter zu verzeihen als die andere?
Aus Studien wissen wir, dass es den Männern tendenziell schwerer fällt, damit umgehen können, wenn Frauen ihnen sexuell untreu waren. Frauen reagieren empfindlicher darauf, wenn Männer ihnen emotional untreu waren.

Was hält uns davon ab, mit unseren Partner:innen präventiv über das Thema zu sprechen? Würde uns das nicht viel Leid ersparen?
In Beziehungen gibt es häufig so etwas wie implizite Regeln. Das sind Regeln, von denen du denkst, dass sie existieren, über die du aber nicht sprichst. Und solange du nicht über sie sprichst, hältst du dir die Option frei, diese zu ignorieren oder so auszulegen, wie du es selber möchtest. Schliesslich sind es keine «offiziellen» Abmachungen. Du sprichst quasi nicht darüber, weil du Angst hast, dass dein:e Partner:in das anders sieht und du nicht das bekommst, was du willst. Ganz nach dem Motto: Schlafende Hunde weckt man nicht.

Und wenn es dann zum Seitensprung kommt?
Dann sind beide schockiert. Befragt man die «Fremdgänger:innen» anschliessend, ob sie wirklich nicht wussten, dass sie etwas tun, dass den Partner oder die Partnerin verletzt, geben die meisten davon zu, dass sie es geahnt hätten. Deshalb ist es wichtig, dass man offen über das Thema spricht, um zu sehen, ob man ein gemeinsames Verständnis von Treue hat. Es gibt zum Beispiel Leute, die es okay finden, wenn der Ehemann gelegentlich zu einer Sexarbeiterin geht, es aber nicht gerne sehen, wenn er sich mit emotionalen Anliegen an einen engen Freund oder Freundin wendet. Das sind sehr spezifische Vorstellungen von Treue, die man ohne ein offenes Gespräch nicht kennen kann.

Laut einer Studie, die im Rahmen der Love-Life-Kampagne des BAG 2016 durchgeführt wurde, gingen 27 Prozent aller Personen in einer festen Beziehung schon einmal fremd. Müssen wir das Konzept Treue überdenken?
Aus sexualtherapeutischer Sicht kann es durchaus Sinn machen, dieses Konstrukt zu hinterfragen. Denn der Mensch kann sich von vielen verschiedenen Dingen angezogen fühlen. Das kann über das hinausgehen, was ein einzelner Mensch zu bieten hat.

Das wäre eine Antwort auf die Frage, weshalb Menschen fremdgehen. Gibt es noch weitere?
Manche Menschen erregt es, «auf der Jagd» zu sein. Andere wiederum fühlen sich emotional vom Partner oder der Partnerin nicht verstanden und fangen dann an, sich mit jemandem anzufreunden, der sie versteht. So flüchten sie sich Schritt für Schritt in eine neue Art von Beziehung. Ein weiterer Grund: Wir haben ein bestimmtes Bild von dem, was unsere Partner und Partnerinnen bereit sind, sexuell mitzumachen und was nicht. Beispielsweise Rollenspiele. Das kann mir gefallen und meinem Partner nicht. Wenn ich das weiss, kann es sein, dass ich meine Fantasie lieber mit jemand anderem auslebe, als mit meinem Partner darüber zu sprechen, weil ich das Risiko nicht eingehen möchte, dass mich mein Partner doof findet oder abwertet. Das sind alles Dinge, die man in einem Gespräch oder im Rahmen einer Therapie anschauen kann.

Wirkt so, als wollten wir uns krampfhaft an dem festhalten, was die Gesellschaft als normal definiert hat ...
Es ist schade, dass es selbst heute noch als Norm gilt, eines Tages zu heiraten und sich von da an nur einem Partner oder einer Partnerin zu verschreiben. Diese Person soll dann unterschiedlichen Rollen – Lover, bester Freund etc. – gerecht werden. Das sind sehr hohe Ansprüche, die an eine einzelne Person gestellt werden und das wiederum kann für eine Beziehung eine unglaubliche Belastung sein. Das Paradoxe ist aber, dass häufig erst mal jemand verletzt werden muss, bevor man sich Gedanken darüber macht, ob die Monogamie die richtige Beziehungsform für einen selbst ist. Ich wünschte, alle hätten die Freiheit sich zuerst auszuprobieren, um für sich selbst herauszufinden: Was tut mir gut? Denn schlussendlich kommt es nur auf eine Frage an: Bist du in deiner Situation und mit deinen Beziehungsregeln glücklich?

Dania Schiftan arbeitet seit 14 Jahren als Sexologin und Psychotherapeutin in eigener Praxis in Zürich. Zudem ist sie auch als Psychologin bei Parship tätig. Mehr über sie und ihren Job erfährst du im Interview mit ihr:

Alle weiteren Beiträge aus der Serie findest du hier:

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Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich. 


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