

Trotz Hitze schlafen wir zugedeckt – warum eigentlich?
Das Schlafzimmer fühlt sich an wie ein Backofen. Der Pyjama klebt am Körper. An Schlaf ist kaum zu denken. Dennoch benutzen wir eine Decke. Das klingt widersprüchlich, aber es gibt gute Gründe dafür.
Ich kann es einfach nicht: ohne Decke einschlafen. Es wäre doch nur logisch, in heissen Sommernächten auf sie zu verzichten. Mein Geist ist also willig, aber der Körper ist schwach. Denn er kühlt sich herunter, bevor wir schlafen. Ein bis zwei Stunden vor der gewohnten Schlafenszeit beginnt die Körperkerntemperatur zu sinken und der Mensch wird müde. Vielleicht hast du vom zirkadianen Rhythmus schon gelesen. Oder du kennst den Begriff der «inneren Uhr».
Das Abkühlen passiert also ganz von selbst, unabhängig von Decke oder Zimmertemperatur. Bei höherer Temperatur fühlen wir uns wacher, beim Abkühlen werden wir müde. Die Decke brauchen wir trotzdem. Ohne sie würde unser schlafender Körper zu weit abkühlen und wir würden aufwachen. Er ist nämlich in REM-Schlafphasen nicht mehr so gut in der Lage, die Temperatur zu regeln. Unter der Decke wird der natürliche Rückgang abgefangen, sie schafft ein wärmeres «Mikroklima» direkt um die Haut.
Vielleicht hast du auch schon die Erfahrung gemacht, dass eine heisse Dusche am Abend geholfen hat. Der Körper kühlt danach sehr rasch ab, das Einschlafsignal wird verstärkt.
200 000 Jahre Gewohnheit
Das Bedürfnis nach einer schützenden Schicht beim Schlafen ist vermutlich uralt. Es gibt archäologische Funde aus Südafrika, die zeigen, dass Menschen schon vor mindestens 200 000 Jahren Schlafunterlagen bauten. Sie bestanden aus Gras und Blättern von Pflanzen, die Insekten fernhalten. Das waren nicht nur einfache Liegeflächen, sondern kleine, geschützte Rückzugsorte. Die Decke von heute ist also der Nachfahre einer ziemlich alten Idee.
Dazu kommt die kulturelle Prägung: Wir wurden als Kind zugedeckt. Zum einen, weil Babys schlecht darin sind, Thermoregulation zu betreiben und noch schneller auskühlen als Erwachsene. Zum anderen ist es ein Akt von Zuneigung und Fürsorge vor dem Einschlafen. Man könnte von «Konditionierung» sprechen oder von einer Gewohnheit, die tiefer sitzt als jede Vernunft. Einschlafen hat mit der Decke zu tun.
Das Gewicht beruhigt
Es gibt noch einen psychologischen Faktor: Das Gewicht einer Decke kann beruhigend wirken, weil es eine Art von sanftem Druck auf den Körper ausübt. Dieser Effekt – bekannt als «Deep Pressure Touch» – kann durch die Aktivierung des parasympathischen Nervensystems stressreduzierend und beruhigend wirken. Das Bedürfnis nach Geborgenheit kann also stärker sein als das Gefühl, zu warm zu sein.
Widersprüchliche Signale
Ist es im Schlafzimmer heiss und versuchst du deshalb zum Einschlafen auf die Decke zu verzichten, verwirrst du deinen Körper. Auf der einen Seite hilfst du ihm, indem du die Wärme nicht unter einer Decke einfängst. Auf der anderen Seite steht die Psyche, die nach der Decke ruft, denn Decke bedeutet ja nun einmal, es ist Zeit zum Einschlafen. Und eben die Sicherheit, nachts nicht zu frieren.
Deshalb sind heisse Sommernächte oft auch weniger erholsam. Du musst dich quasi selbst überlisten und ohne Decke einschlafen. Ziemlich wahrscheinlich wachst du dann aber irgendwann in der Nacht auf und ziehst dir doch noch die Decke über den frierenden Körper.
Sind wir Opfer der Evolution?
Vielleicht könnten wir Menschen uns über Jahrtausende wieder abtrainieren, was Ururururur-Opa und -Oma angefangen haben, also das Schlafen mit Decken. Im Tierreich ist das ja längst nicht bei allen Arten üblich. Und es gibt Bevölkerungsgruppen, die regelmässig ohne Bettdecken schlafen. Gut, das wurden in einer Studie von 2002 nur sehr kleine Gruppen in Südafrika, im Kongo oder in Namibia untersucht. Diese Gemeinschaften von Jägern, Sammlern und Bauern hatten den Vorteil, dass sie in Klimazonen lebten, in denen es nachts oft nicht besonders kalt wurde. Zudem wärmten sie sich an einem Feuer oder dadurch, dass sie nah beieinander lagen.
Wir in Mitteleuropa haben dagegen Jahrtausende in Regionen mit kalten Nächten verbracht, wo eine Decke nicht optional war, sondern schlicht überlebenswichtig. Dazu kommt, dass wir heute in der Regel alleine schlafen, mit wenig bis keinem Körperkontakt. Wo kein Feuer knistert und keine Gruppe kuschelt, ist die Decke quasi Ersatz für Wärme und Sicherheit geworden.
Dass wir mit Decken schlafen, ist also nicht nur eine Art Macht der Gewohnheit mit evolutionärer Wurzel, sondern eine handfeste körperliche Notwendigkeit, da wir im Schlaf unsere Temperatur nicht selbst ausgleichen können. Wir haben eine Anfälligkeit fürs Auskühlen in den Genen. Und in unserer Kultur ist es zur normal geworden, uns zuzudecken, auch wenn das biologisch wie zum Beispiel in Hitzenächten gar nicht mehr nötig wäre.
Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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