
Vor 40 Jahren: WM 86 in Mexiko
Die Fussball-Weltmeisterschaft 1986 hat in meinem Gedächtnis die tiefsten Spuren hinterlassen. Am besten erinnere ich mich aber nicht an die die Spiele, sondern an das Panini-Album.
Bei jüngeren Fussball-Weltmeisterschaften vergesse ich fast alles, sobald das Turnier vorbei ist. 1986 war das ganz anders. Noch immer habe ich lebhafte Erinnerungen daran. Heute jährt sich der Beginn dieser WM zum 40. Mal.
Damals war ich zehn Jahre alt. Natürlich prägen sich in der Kindheit Erlebnisse tiefer ein. Heute ist für mich ein WM-Turnier bloss «mehr vom Gleichen». Ohnehin gibt es heute viel mehr Spiele und Turniere, was die Bedeutung eines einzelnen Spiels zwangsläufig abwertet.
Aber ein weiterer wichtiger Grund für die bleibenden Erinnerungen ist das WM-Heft der Panini-Fussballbilder.

Quelle: Screenshot eBay
Wie Erinnerungen entstehen
Ich sah wenige Spiele live am Fernsehen, und so ein Spiel dauert auch nicht allzu lange. Wer sich nur 90 Minuten mit etwas befasst, vergisst es schnell wieder. Mit den Panini-Bildern beschäftigte ich mich über einen sehr langen Zeitraum, immer und immer wieder. Und das nicht nur passiv. Ich klebte Bilder ein, tauschte mit Freunden, trug Resultate ein und gab mein gesamtes Vermögen dafür aus. Auch nach der WM begleiteten mich das Heft und vor allem die Bilder – auch ausserhalb des Hefts. Eigentlich bis heute.
Das ist der Ikea-Schrank, der in meinem Kinderzimmer stand. Ich benutzte ihn hauptsächlich als Entsorgungsstelle für überzählige Sticker aller Art, darunter auch Panini-Bildern. Er steht jetzt im Keller des Elternhauses, nicht weniger gruselig als eine Leiche im Keller.

Quelle: David Lee
Erst die Fotos, dann die Ereignisse
Fotos dienen oft als Erinnerungsstücke. Im Fall der Panini-Bilder waren diese allerdings schon vor den Ereignissen da und füllten sich erst im Lauf des Turniers mit Erinnerungen.
Allen voran gilt das natürlich für den Fussball-Zauberer Maradona. Nur schon das eine Spiel gegen England. Maradona schoss in diesem Viertelfinale innert nur vier Minuten zwei der denkwürdigsten Tore aller Zeiten. Diese zeigen zwei Seiten von Maradona: Das Fussballgenie, im WM-Tor des Jahrhunderts. Und der Provokateur mit seinem irregulären Hands-Tor. Beteiligt waren nach seiner Aussage «ein bisschen Maradonas Kopf und ein bisschen die Hand Gottes.» Hat sich da einer gerade offiziell als Gott bezeichnet? Mit dem wunderbar doppeldeutigen Spruch ärgerte er die Engländer fast noch mehr als mit seinem irregulären Tor.
Ich konnte ihm dafür nie wirklich böse sein. Maradona hat der Welt gezeigt, wie schön Fussball sein kann. Ein Spieler, bei dem schon das Aufwärmen mehr Spektakel bot als bei vielen Profis die besten Ausschnitte ihrer gesamten Karriere.
Schön spielten auch die Brasilianer, aber leider nicht erfolgreich. Die Viertelfinalpartie Brasilien – Frankreich hätte genauso gut das Finale sein können. Zum zweiten Mal nach 1982 schieden die brasilianischen Sambatänzer vorzeitig aus. Es war das Ende einer Ära. Der moderne Fussball bot keinen Platz mehr für Spieler wie Socrates, die sich mehr als Künstler denn als Athleten verstanden. Doch im Panini-Album blieb auf alle Zeiten ein Ehrenplatz für sie reserviert.
Durch das Heft lernte ich auch etwas über Gastgeber Mexiko. Da war eine Landkarte. Bilder zeigten die Stadien und ihre Kapazität. Das Aztekenstadion fasste 120 000 Menschen. Mit diesem Bild verband ich die brütende Mittagshitze, in der die Fussballer spielen mussten, damit Europa die Spiele zur Hauptsendezeit sehen konnte. Und La Ola – die Publikumswelle, die bis dahin in Europa unbekannt war.
Wie man Minderjährige anfixt
Das Panini-Heft gab es gratis, und es bot genau das, was ich als Zehnjähriger liebte: Zahlen, Fakten und Statistiken. Von jedem Team waren die Resultate der Qualifikation eingetragen. Die Spiele der Gruppenphase konnte ich direkt auf den Teamseiten eintragen; diejenigen der K.O.-Phase auf einer Übersicht.
Dazu alle Stadien, alle bisherigen WM-Turniere mit Veranstalter, Gewinner und Logo. Ich lernte viel durch dieses Heft. Es gab ja kein Internet und mein Vorwissen war gleich null.

Quelle: Screenshot eBay
Auch der Kauf der Bilder machte am Anfang Spass. Am Kiosk kaufte ich einzelne Päckli mit jeweils sechs zufälligen Bildern und klebte sie ein. Am Anfang fühlte sich das befriedigend an – ich sah, wie sich das Album nach und nach füllte. Dann kamen die ersten Bilder, die ich bereits hatte. Je mehr ich kaufte, desto häufiger wurden diese. Trotz unzähliger Tauschaktionen mit Freunden hatte ich am Ende 180 doppelte Bilder, einen Spieler gar in fünffacher Ausführung. Ich weiss nicht mehr, welcher es war, ich glaube ein nordirischer Nobody – aber ich weiss noch, dass ich ihn persönlich dafür hasste, fünffach vorhanden zu sein. Am Ende konnte ich die fehlenden Bilder bestellen, aber nur eine beschränkte Zahl – und sie kosteten viel mehr als die regulär gekauften.
Trotzdem bekam ich das Album voll und behielt es noch viele Jahre – doch leider habe ich es irgendwann entsorgt. Schade eigentlich. Erst recht, wenn ich sehe, welch absurde Summen heute für diese Alben und sogar Einzelbilder verlangt werden.
Porträts aus der Hölle
Schon als Kind irritierte mich, wie blöd einige Spieler aussahen. Bis heute verstehe ich nicht wirklich, warum die Fotos von so schlechter Qualität sind. Dem dänischen Spieler Søren Lerby hängt die Zunge raus. Viele Spieler sind von einer Perspektive von leicht unten fotografiert. In der Regel stehen sie auf einem Fussballfeld vor gefüllten Rängen, soweit der verschwommene Hintergrund das erkennen lässt. Hat man sie einfach beim Abspielen der Nationalhymne abgelichtet? Oder bei einer verpassten Chance? Oder nachdem sie gerade eine gelbe Karte gesehen hatten? So blicken nämlich viele drein.
Wenn man schon so viel Geld mit diesen Bildern verdient, hätte man nicht wenigstens einen richtigen Fototermin machen können?

Quelle: Screenshot eBay
Halbe und ganze Teams
1986 waren nur 24 Teams am Start. An der Europameisterschaft waren es bis 1992 gar nur acht Teams. Das hiess auch: weniger Panini-Bildchen. Die Aufstockung auf 32 und jetzt gar auf 48 Teams kommt dem Geschäft mit den Fussballbildern entgegen. Beim Mammut-Turnier 2026 müssen 980 Sticker gesammelt werden, das sind 553 mehr als 1986.
Erstaunlicherweise beraubte sich Panini 1986 selbst einer Gelegenheit zu mehr Umsatz: Die Anzahl der Bilder wurde künstlich verkleinert, weil fünf Teams nur eine statt zwei Seiten im Heft bekamen. Bei Algerien, Irak, Kanada, Marokko und Südkorea wurden auf jeden Sticker zwei Spieler gepfercht. Ein höchst merkwürdiger Entscheid, zumal er eine fragwürdige Botschaft sendet: Die paar wenigen Teams, die weder aus Europa noch aus Südamerika stammen, sind nicht wichtig. Marokko allerdings wurde in einer starken Gruppe mit England, Portugal und Polen Gruppensieger. Aziz Bouderbala spielte in der Schweiz beim FC Sion und später beim FC St. Gallen.

Quelle: Screenshot eBay
Ein Vermögen für ein Erlebnis und eine Lektion
Eigentlich erlebte ich die WM vor allem über dieses Panini-Heft. Ich erinnere mich bis heute an jedes einzelne Bild von jedem Spieler. Das kommt mir völlig verrückt vor. Vor allem, wenn ich daran denke, wie wenig ich die heutigen Spieler kenne.
So gesehen waren die Bilder vielleicht doch nicht so überteuert. Sie boten mir ein Erlebnis.
Aber ich will nichts schön reden. Das ganze System war schon damals eine perfide Abzocke von ahnungslosen Minderjährigen. Ich neigte eigentlich nie zu exzessiven Kaufräuschen, aber mit dem Panini-System hatten sie mich. Ich gab meine gesamten Ersparnisse für diese Fussballbilder aus. Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben war ich restlos pleite, bis auf den letzten Rappen.
Auch das war eine wichtige Erfahrung. Es hat meinen Blick geschärft. Seither achte ich immer darauf, was für ein System hinter einer Sache steckt, für die ich Geld ausgebe.
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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