Hintergrund

Warum kennen unsere Nachbarn das Kirschkernkissen nicht?

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 06.06.2022

Das Kirschkernkissen. Ein bisschen Baumwollstoff, ein paar Kerne und ein Ofen. Die drei Dinge genügen, um Muskelverspannungen und Bauchschmerzen zu lindern. Eine Schande, kennen es viele Länder gar nicht.

Dieser Text wurde nie veröffentlicht, er ist nun im Rahmen der Galaxus-Paketbeilage erschienen.

Aus dem Nichts verkrampft sich mein Bauch. Eine Art unsichtbares Band schnürt meinen Unterleib so stark zusammen, dass es sich anfühlt, es bestünde dieser aus zwei Teilen. Sofort nehme ich die Fötusposition ein - nur so gekrümmt sind für mich Bauchschmerzen einigermassen erträglich - und werfe als Arztkind aus Reflex erst einmal ein Schmerzmittel ein. Ich warte 15, 30, 45 Minuten. Es hilft nicht. Ich bin der Verzweiflung nahe. Wie von der Tarantel gestochen laufe ich in der Wohnung umher auf der Suche nach irgendetwas, das hilft. In der Schublade unter dem Backofen werde ich fündig. Dort liegt mein altes Kirschkernkissen.

Medizinisch plausibel

Ein paar Minuten im Ofen reichen, um die kleinen Kerne im Innern des Säckchens aufzuheizen. Die gespeicherte Hitze geben sie dann lange und kontinuierlich an deinen Körper ab. So werden die Blutgefässe geweitet, die Haut besser durchblutet, wodurch das Blut langsamer fliesst und die Zellen besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden. Auch die Muskeln entspannen sich. Nicht umsonst wird die Wärmetherapie in der konventionellen westlichen, in der chinesischen und in der Naturheilmedizin eingesetzt.

Nach gut 30 Minuten haben sich meine Krämpfe gelegt. Nur durch Wärme. Weshalb habe ich nicht früher daran gedacht? Als Kind wurde es mir von meinen Eltern aufs Ohr, auf den Bauch oder auf den Nacken gelegt, als ich zum wiederholten Male über Schmerzen klagte. Mein Vater hat sogar extra eines genäht. Schon damals funktionierte es einwandfrei – ausser bei einer schlimmen Mittelohrentzündung.

Unsere Nachbarn tappen im Dunkeln

Kirschkernkissen sind vor allem in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich ein beliebtes Hausmittel. Im Rest von Europa scheint es unverständlicherweise relativ unbekannt zu sein. Das lerne ich zumindest aus der Arte-Sendung «Karambolage», wo regelmässig die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich aufgezeigt werden. Die Wikipedia-Seite zum Thema «Körnerkissen» hat aber immerhin auch einen niederländischen und schwedischen Eintrag. Im Norden scheint man die heilenden Kräfte dieses einfachen und umweltschonenden Produkts also auch erkannt zu haben.

Eine enge Verwandte des Kirschkernkissens, die Wärmflasche, scheint dann aber auch unter anderem in Italien und Frankreich bekannt zu sein. Immerhin. Auch wenn die Flasche dem Kissen klar unterliegt. Wasser bleibt nicht gleich lange warm wie Kirschsteine. Und der hitzebeständige Kunststoff, aus dem Wärmflaschen heute meist gemacht sind, schmiegt sich nicht so flexibel an den Körper.

Ausserdem lässt sich dein Körper mit dem Kirschkernkissen nicht nur wärmen, sondern auch kühlen. Dafür legst du es für ein paar Stunden in den Kühlschrank oder etwa eine halbe in den Tiefkühler. Auf die Kältetherapie solltest du bei akuten Verletzungen wie Prellungen und Verstauchungen zurückgreifen. Die Durchblutung wird verlangsamt, wodurch sich Schwellungen aber auch Entzündungen nicht so schnell ausbreiten. Ein echter Allrounder, das wissen die Menschen hierzulande schon lange.

Wer hat’s erfunden

Der Legende nach soll das Kissen von Schweizer Arbeiterinnen einer Kirschlikörfabrik – vielleicht in der des Churer Rötelis? – erfunden worden sein. Sie sollen die wärmespeichernden Eigenschaften der Steine entdeckt und damit ihre von der harten Arbeit herrührenden Muskelschmerzen gelindert haben. Eine schöne Geschichte, die sich bis heute hält. Unterdessen ist aber klar, dass Kirschsteinkissen schon viel früher bekannt waren.

Archäologen haben bei Ausgrabungen in Münster Ende der 90er etwa 400 Gramm Kirschsteine entdeckt. Da sie eng beieinander lagen, schlussfolgerten die Wissenschaftler, dass die Steine ehemals in einen Stoffbeutel gehüllt waren. Die Funde sind ins Spätmittelalter datiert.

Seit Jahrhunderten hat das Kirschkernkissen in deutschsprachigen Ländern also Tradition. Wie dieses natürliche Heilmittel unterdessen nicht in der ganzen Welt bekannt ist, ist mir ein Rätsel. Haben wir das Geheimnis gehütet wie das Rezept des Appenzeller Käses? Oder wurden wir für die einfachen Inhaltsstoffe belächelt? Ich weiss es nicht. Doch ich finde, es ist längst Zeit, dass auch die Bauchschmerzen des restlichen Europas gelindert werden. Anstatt Schoggi sollten Kirschkernkissen die Koffer von Austauschschüler:innen und Touristen füllen.

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Carolin Teufelberger

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.


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