Wildcards für die Tigerbox: Mit Geld und Geduld kommt das Runde ins Eckige
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Wildcards für die Tigerbox: Mit Geld und Geduld kommt das Runde ins Eckige

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 03.02.2021
Die Tigerbox hat bislang vor allem beim Streaming geglänzt, nun schliesst sie eine Lücke zur Konkurrenz: Mit den Wildcards kannst du eigene Inhalte aufnehmen oder MP3-Dateien abspielen. Ein logisches Angebot, das trotzdem irgendwie absurd ist.

In der freien Wildbahn der Marktwirtschaft heisst es: fressen oder gefressen werden. Das gilt auch für knuffige Kinder-Hörspielsysteme. Der Markt ist so umkämpft wie jeder andere. Entsprechend beäugen sich alle und schauen, was der jeweils andere so drauf hat. Die Tigerbox Touch zeigt nun mit den «Wildcards» Zähne und schnappt nach der Nische der Kreativ-Tonies. Die sind dafür da, um eigene Audiodateien auf der Toniebox abspielen zu können. Im Gegenzug hat die höchste Evolutionsstufe der Tonies gelernt, neue Inhalte aus dem Netz zu ziehen, ohne dass dafür eine neue Figur fällig wird. Im Anbieterdschungel ist einiges los, sie nähern sich an, und ich habe in den letzten Jahren mit Hilfe von zwei Nachwuchswissenschaftler*innen diese beiden Systeme erforscht.

*Das grosse Boxduell:** Tiger vs. Tonie
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Das grosse Boxduell: Tiger vs. Tonie

Folgerichtig schaue ich mir nun an, was die Wildcard kann und vergleiche sie mit den Tonies. Die Wildcard löst ein Problem, das gar nicht existieren müsste. Doch natürlich sind die Hersteller nicht daran interessiert, einen SD- oder USB-Slot einzubauen, über den du abspielen kannst, was du willst. Du sollst ja ein zahlender Kunde bleiben und in diesem schönen, geschlossenen Ökosystem immer wieder etwas Neues kaufen. Deshalb gibt es die Figuren und Karten, die du über ein Web-Portal oder die entsprechende App fütterst. Du rippst also deine CDs und lädst die Dateien auf irgendeinen Server, damit die Box, die neben dir steht, sie wieder runterlädt, wenn du die entsprechende Figur draufstellst oder eine Karte einsteckst.

Wildcard Swiss Edition (3 Stück mit je 120 Minuten)
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Tigermedia Wildcard Swiss Edition (3 Stück mit je 120 Minuten)

All diese Systeme sind immer auch Foltergeräte für Eltern. Die gerechte Strafe für alles, was wir unseren eigenen Erzeugern auf 13-stündigen Ferienfahrten zugemutet haben. Für Globi, Benjamin und Bibi. Für den Bandsalat oder die zerkratzen CDs. Heute bin ich selbst Servicetechniker für zwei Tigerboxen, 24/7 erreichbar unter der Rufnummer «PAPIIIIII!!!» wenn ein Ladekabel fehlt, eine Datei hängt oder das Display zu Bruch geht.

So geht der *Touchscreen-Tausch** bei der Tigerbox
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So geht der Touchscreen-Tausch bei der Tigerbox

Die Boxen werden bei uns in Kombination mit dem Tigerticket von morgens bis abends genutzt, um Hörspiele zu streamen, und nur unter Protest nicht mit ins Bett genommen. Sie haben die Toniebox abgelöst, die mit ihren hübschen Figuren und ohne Display Erwachsenen meist sympathischer ist. Denselben Erwachsenen, die nur schwer die Finger von ihrem Smartphone lassen können und sich nicht wundern dürfen, wenn der Nachwuchs irgendwann all die schönen Hörspiele auf Spotify entdeckt. Für grössere Kinder ist dann die Tigerbox Trumpf. Das Streaming-Angebot bietet reichlich Auswahl, Spotify gehört dafür wieder mir. Mit den Wildcards könnte ich nun die Lücken im Angebot stopfen und den CD-Player endgültig überflüssig machen.

Im Web-Portal oder der App kannst du die Wildcard registrieren, umbenennen, ein Bild auswählen und natürlich Inhalte aufspielen.
Im Web-Portal oder der App kannst du die Wildcard registrieren, umbenennen, ein Bild auswählen und natürlich Inhalte aufspielen.

Dafür aktivierst du die Karte über einen Code in deinem Account und ziehst die gewünschten Dateien (MP3 oder AAC) drauf. Ausserdem kannst du einer Wildcard Inhalte aus der Mediathek zuweisen oder per App selbst etwas aufnehmen. Eine Botschaft, eine Gute-Nacht-Geschichte oder ein Lied, das dein Kind auf seiner Box abhören kann. Das geht bei den Kreativ-Tonies auch. Die bieten Speicherplatz für 90 Minuten, neue Titel lassen sich ergänzen und sortieren.

Auf Wildcards hat es Platz für 120 Minuten, aber sie haben einen Haken: Du kannst keine Inhalte hinzufügen oder die Reihenfolge anpassen, wenn du einmal etwas gespeichert hast. Alles was drauf ist, wird bei der nächsten Änderung überschrieben. In den AGB heisst es: «Die Anzahl von Upload-Vorgängen pro Zeiteinheit ist technisch auf 5 x pro Tag begrenzt, um die Funktion der Wildcard für alle Nutzer zu gewährleisten.» Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Sei's drum. Die meisten werden auf den Wildcards dauerhaft ein paar Lieder oder Geschichten speichern wollen und schicken spontane Grüsse weiterhin per WhatsApp Signal an die Familie. Eines merke ich beim Bespielen der Wildcards schnell: Es ist auf jeden Fall gut, dass ich mich mal wieder um die Boxen kümmere.

Ohne Update geht nichts: Für die Wildcards muss die Software aktuell sein.
Ohne Update geht nichts: Für die Wildcards muss die Software aktuell sein.

Ich stelle fest, dass der 8GB-Speicherplatz der Tigerbox Touch vollständig belegt ist, was ein Grund für die zuletzt häufiger auftretenden Abstürze sein könnte. Ausserdem befindet sie sich in einer energieraubenden Sync-Dauerschleife, die die ständigen Rufe nach dem Ladekabel erklären könnte. Nachdem ich die Downloads gelöscht und die aktuelle Software aufgespielt habe, werden die Wildcards problemlos erkannt. Allerdings dauert es nach dem Bespielen ein paar Minuten, bis die Inhalte sich abspielen lassen. In dieser Zeit könnte dein Kind die Wildcards mit den beiliegenden Stickern verzieren.

In der Warteschlange: Updaten, hochladen, runterladen.
In der Warteschlange: Updaten, hochladen, runterladen.

Ich nutze die Wartezeit, um mich darüber zu informieren, was es mit dem Button «öffentlich» auf sich hat. Wer kann meine Wildcard alles hören, wenn ich ihn aktiviere? Zum Glück nur Tigerbox-Besiter*innen, die die Karte persönlich in die Finger bekommen. «Privat» bedeutet dagegen, dass die entsprechende Box auch mit deinem Account verknüpft sein muss. Nun frage ich mich noch, warum ich Inhalte aus der Tigertones-Mediathek der Karte zuweisen sollte. Wird ein Album länger als eine Minute gehört, lädt die Box es sowieso automatisch runter. Ausserdem wissen die Kinder längst, wie sie sich ihre Lieblingsgeschichten abspeichern können. So richtig erschliesst sich mir der Mehrwert nicht, wenn ich ein paar Favoriten auf der Karte anlege, die dann doch wieder auf die Box geladen werden. Es geht halt, weil es geht. Sehr viel besser fände ich es, wenn sich eigene Inhalte auf den Wildcards ordentlich bearbeiten lassen würden, statt immer gleich alles zu überschreiben.

Fazit

Die Wildcards schliessen eine Lücke im geschlossenen System. Was die Tonies können, kann nun auch die Tigerbox: Dich dazu bringen Geld auszugeben, um über ein paar Umwege das darauf abzuspielen, was du sowieso schon besitzt. Für den Nachwuchs ist das vielleicht ganz schön. Für mich ein Aufwand, den ich nicht häufig betreiben werde. Wir werden nicht viele Wildcards brauchen. Die Kinder sind glücklich mit ihren Boxen und dem Streaming-Angebot, aber vom CD-Player und Omas Kassettenrekorder genauso fasziniert. Sollen sie doch alles haben. Ein paar Jahre noch, dann tragen sie wahrscheinlich Doors-T-Shirts und kaufen sich einen Plattenspieler.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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