Wird die Musik immer eintöniger? Teil 2: Die Akkorde

Wird die Musik immer eintöniger? Teil 2: Die Akkorde

David Lee
David Lee
Zürich, am 17.10.2019

Popmusik ist nicht tot, sie riecht nur etwas seltsam. So der Eindruck, den viele haben. Wie lässt sich das fundiert untermauern oder widerlegen? Teil 2 der Serie befasst sich mit der Harmonie, also mit den Akkorden.

Alles dasselbe, alles nur noch Einheitsbrei – stimmt das? Der erste Teil der Serie befasste sich mit den Songtexten. Eine Studie zeigt, dass die Texte immer mehr Wiederholungen aufweisen. Ein Indiz dafür, dass die Vielfalt geringer wird – aber kein eindeutiger Beweis.

*Wird Musik immer eintöniger?** Teil 1: Die Songtexte*Wird Musik immer eintöniger?** Teil 1: Die Songtexte
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Wird Musik immer eintöniger? Teil 1: Die Songtexte

Dieses Mal geht es um die Musik selbst. Hier ist die Analyse schwieriger.

Eigentlich versuche ich, zwei verschiedene Fragen zu beantworten:

  1. Werden die Songs immer simpler? (Wiederholung und Ähnlichkeit innerhalb eines Songs)
  2. Werden sich die Songs immer ähnlicher? (Wiederholung und Ähnlichkeit songübergreifend)

Letztlich geht es um die zweite Frage. Aber um diese zu beantworten, müssen wir zuerst wissen, wie wir die Komplexität und den Charakter eines einzelnen Songs messen können.

Die harmonische Struktur eines Songs

Im Gitarrenunterricht musste ich jeweils die Akkorde eines Songs aufschreiben – als Hörtraining und damit ich den Song so ungefähr nachspielen konnte. Auf diese Weise erhielt ich auch einen recht guten Überblick über die Struktur des Songs – und seine Komplexität.

Es gibt Songs mit nur einem einzigen Akkord, auch wenn das sehr selten ist. Als Beispiel hier «Electric Avenue» von Eddy Grant.

Etwas häufiger, aber immer noch selten sind Songs mit nur zwei Akkorden. Dazu gehört «Born in the USA» von Bruce Springsteen.

Ein typischer Drei-Akkord-Song: «Get Back» von den Beatles.

«Knocking on Heavens Door» von Bob Dylan hat vier Akkorde.

«Knocking on Heavens Door» ist trotz seiner vier Akkorde immer noch ein sehr simpel gestrickter Song, keineswegs abwechslungsreicher als «Electric Avenue» oder «Born in the USA». Die Anzahl Akkorde ist zwar ein Hinweis auf die Komplexität, aber eben nur ein Hinweis – nichts, das für sich alleine schon eindeutig wäre.

Etwas aussagekräftiger wird es, wenn wir nicht nur die Akkorde, sondern die Akkordfolgen zählen. «Knockin On Heavens Door» hat nämlich nur eine einzige, was seine Eintönigkeit erklärt:

G D | Am | G D | C

Ausgedeutscht: Ein Takt G-Dur und D-Dur, ein Takt A-Moll, dann wieder G und D, und dann ein Takt C-Dur.

Leider lässt sich die Anzahl der Akkorde nicht immer eindeutig bestimmen. Je nachdem, ob die Akkorde sehr detailliert oder eher vereinfacht notiert werden, hat der Song mehr oder weniger Akkorde. Hör dir zum Beispiel «Stairway to Heaven» bei Minute 5:35 an:

Das, was in den fünf Sekunden bis 5:40 geschieht, würde ich als drei verschiedene Akkorde einstufen. Du könntest aber auch sagen: Das ist ein einzelner Akkord, über den eine kleine Melodie gespielt wird.

Automatisieren oder selbst machen?

Wer die Entwicklung der Musik über die Jahrzehnte aufzeigen will, braucht viel Material. Wird die Akkordkomplexität untersucht, müsste man mindestens auf eine vierstellige Zahl an Songs zurückgreifen können.

Es gibt Musikanalyse-Tools, welche die Akkorde automatisch erkennen. Der Dienst Chordify verwendet ein solches Tool. So wird es möglich, grosse Mengen an Musikstücken zu analysieren. Ohne Computerhilfe wäre das sehr aufwendig und würde entsprechend lange dauern.

Allerdings machen solche Tools Fehler, und zwar nicht wenige. Die computergenerierte Version von «Killing Me Softly» beispielsweise ist kreuzfalsch. Du erkennst das leicht daran, dass sie auch dort Akkorde einfügt, wo es gar keine hat (nur Drums und Sprechgesang). Nachdem «Killing Me Softly» zwölf Mal (!) von Hand nachbearbeitet wurde, scheinen die Akkorde jetzt zu stimmen. Weniger bekannte Songs bleiben dagegen falsch.

Ein Typ namens Dave Carlton hat sich deshalb die Mühe gemacht, 1300 bekannte Songs Stück für Stück zu analysieren. Sie stammen mehrheitlich aus den Top 100 der US-amerikanischen Charts. Du kannst ihre Strukturen online ansehen und anhören.

Carlton hat ein paar interessante Entdeckungen gemacht. Etwa, welches die häufigste Tonart ist (wenig überraschend: C-Dur), welches die häufigste Akkordfolge ist (I-V-VI-IV, in C-Dur wären das C, G, Am, F) und welche Songs diese Akkordfolge verwenden.

Die Untersuchung berücksichtigt nicht, aus welchem Jahr ein Song stammt. Daher kann sie keine Antwort auf die Frage geben, ob die Harmonien immer simpler und eintöniger werden. Ohnehin wurden die Songs anscheinend recht willkürlich ausgewählt und reichen nur bis ins Jahr 2011.

Standard-Akkordfolgen sind nichts Negatives

Die oben erwähnte Akkordfolge I-V-VI-IV ist die gleiche, die auch im folgenden Video in Dutzenden von Songs angesungen wird. Zum Beispiel «Let It Be» von den Beatles, «No Woman No Cry» von Bob Marley oder «Paparazzi» von Lady Gaga. Danach kommen weitere Songs mit den gleichen Akkorden, einfach in etwas anderer Reihenfolge.

Das Video ist sicher für viele ein Augenöffner. Dass alles gleich klingt, wie es in der Beschreibung zum Video heisst, stimmt aber nicht. Erstens bestehen die meisten dieser Songs nicht nur aus dieser Akkordfolge, es ist lediglich ein Teil, zum Beispiel der Refrain. Zweitens ist die Akkordfolge nicht das einzige, was ein Stück definiert. Ebenso wichtig ist der Rhythmus, das Tempo, die verwendeten Instrumente oder die Art, wie das Stück gesungen wird.

Dass I-V-VI-IV die häufigste Akkordfolge ist, hat einen Grund. Sie klingt einfach gut. Gerade, weil sie unspektakulär ist und nicht auffällt, kann ich sie jeden Tag hören. Die Akkordfolge ist wie gutes Brot. Eine sehr ungewöhnliche Akkordfolge wie die in «Smells Like Teen Spirit» von Nirvana ist dagegen eher wie ein Gewürz. Sie bietet Abwechslung, aber zu viel davon bekommt einem nicht gut. Die vier Akkorde E A G C passen von der Tonart her nicht zusammen und wirken darum nicht besonders harmonisch.

Komponisten müssen das Rad nicht neu erfinden. Alle verwenden die gleichen zwölf Töne. Was wir hier als Wiederholung oder Einheitsbrei bezeichnen, kann auch schlicht Tradition sein, oder die Erkenntnis, dass bestimmte Dinge halt einfach besser funktionieren als andere. Jazz und Blues kennen [Standard-Akkordfolgen]; beim Blues ist das Grundgerüst der Akkordfolge sogar Voraussetzung, dass man überhaupt von einem Blues sprechen kann – auch wenn es zahlreiche Variationen des Standard-Schemas gibt.

Weitere Möglichkeiten

Ich habe keine Studie gefunden, die anhand der Akkorde beantworten könnte, ob populäre Musik immer langweiliger wird. So schnell gebe ich aber nicht auf. Es gibt weitere Studien und andere Möglichkeiten, die Komplexität eines Musikstücks zu bestimmen. Zum Beispiel:

  • Die Songstruktur: Aus wie vielen verschiedenen Teilen besteht der Song? Wie ähnlich oder wie unterschiedlich sind diese Teile?
  • Rhythmische Komplexität: Wie viele unterschiedliche rhythmische Muster gibt es? Hat der Song Synkopen, Triolen oder sogar Tempo- oder Taktwechsel?
  • Sound-Komplexität: Wie viele verschiedene Instrumente kommen vor? Verwenden sie verschiedene Effekte? Wechselt die Instrumentierung oder bleibt sie gleich?

Mehr dazu erfährst du im nächsten Teil dieser Folge (wenn du auf Autor folgen klickst, verpasst du den bestimmt nicht).

Übrigens: Alle in dieser Serie erwähnten Stücke findest du in dieser Spotify-Liste. Sie wird laufend aktualisiert.

Titelbild: Girl’s Generation.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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