Wird die Schrift einer Schweizerin zur neuen Microsoft-Standardschrift?
Hintergrund

Wird die Schrift einer Schweizerin zur neuen Microsoft-Standardschrift?

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 17.05.2021
Calibri hat ausgedient, eine neue Standardschrift soll für Microsoft Office her. Zur Auswahl steht unter anderem Seaford, die von der Schweizerin Nina Stössinger mitentwickelt wurde. Im Interview erzählt sie, wie die Schriftentwicklung ablief, warum Menschen Comic Sans missverstehen und weshalb sie gerne Vögel fotografiert.

Ciao, Calibri, 10 Punkt. Die Microsoft-Office-Programme sollen 2022 eine neue Standardschrift erhalten. Fünf Fonts sind im Rennen: Bierstadt, Grandview, Skeena, Tenorite und Seaford. Seit ein paar Tagen kannst du sie im Word, Powerpoint und den anderen Programmen testen und Microsoft dein Feedback abgeben.

Zwar orientiert sich mit Bierstadt eine Schrift an der Mutter aller Schweizer Schriften, Helvetica. Doch an Seaford hat effektiv eine Schweizerin gearbeitet. Nina Stössinger kommt ursprünglich aus Basel, lebt nun seit knapp fünf Jahren im Stadtteil Brooklyn in New York und arbeitet dort in der Schriftgestaltungsagentur Frere-Jones Type.

Nina Stössinger, Bild: Graham MacIndoe
Nina Stössinger, Bild: Graham MacIndoe

Galaxus: Bist du eigentlich Schriftgestalterin oder Typografin? Oder sogar beides?

Nina Stössinger: Ich komme aus dem Bereich Grafikdesign und Typografie. Ich habe also jahrelang mit Schriften gearbeitet, sie aber nicht entworfen. Mit der Zeit bin ich Immer mehr in Richtung Schriftgestaltung gerutscht, weil mich das interessiert hat. Jetzt bin ich Vollzeit Schriftgestalterin. Beide Berufe beschäftigen sich zwar mit Schriften und Buchstaben, sind aber dennoch ganz anders. Im Alltag versuche ich aber noch immer beide zu verbinden; oft geht’s auch gar nicht anders. Wir in der Agentur müssen die Schriften ja auch irgendwie in der Anwendung zeigen können.

Wie bist du zu dem Beruf und auch von Basel nach New York gekommen?

Ursprünglich wollte ich Web Design machen. Ich habe mir das Ende der 90er in Eigenregie beigebracht. Dann bin ich nach Halle an der Saale und habe dort Multimedia Design studiert. Im Grundstudium hatten wir alles von der Farbenlehre bis zum Naturstudium und eben auch Typografie. Das hat mich richtig gepackt. Ich habe auch erst dann erfahren, dass es sogar einen Beruf «Schriftgestalter*in» gibt, wusste aber nicht, wie ich da reinkomme. Zurück in der Schweiz habe ich an der Zürcher Hochschule der Künste einen CAS in Schriftgestaltung belegt und mich dazu selbstständig in Grafik-, Webdesign und Typographie gemacht.

2011 habe ich meine erste eigene Schrift herausgebracht, FF Ernestine. Zwei Jahre später hatte ich die Möglichkeit ein Jahr freizunehmen und in den Haag einen Master in Type and Media zu machen. Ich dachte mir, dass mich durch Spezialisierung und Weiterbildung vielleicht auch mal jemand anstellt im Bereich Schriftgestaltung. Das Feld ist so klein und es gibt kaum Jobs. Ich habe dann aber auch schnell gemerkt, dass ich den Leuten sagen müsste, dass ich überhaupt einen Job will (lacht).

An einer Konferenz im Jahr 2015 habe ich Tobias Frere-Jones kennengelernt und mich gut mit ihm unterhalten. Wir haben dann angefangen auf Freelance-Basis miteinander zu arbeiten. Irgendwann habe ich meinen Mut zusammen genommen und ihn nach einem Job gefragt. Er war ganz überrascht , aber eine Weile später konnte er mir tatsächlich eine Stelle anbieten. Dann noch der ganze Visumskram für die USA. Aber unterdessen bin ich seit fast fünf Jahren in New York in seiner Agentur.

Die Umstellung war kein Problem?

Doch, es war krasser, als ich das erwartet hatte. Ich kannte die Stadt schon und mochte sie auch sehr gerne, kannte ein paar Leute hier und dachte, dass ich wüsste, was auf mich zukommt. Aber schon alleine die Grösse und das Tempo der Stadt war ganz was Neues. Und gleichzeitig war der Schritt in die USA auch ein Schritt zurück in ein Anstellungsverhältnis. Da musste ich mich schon dran gewöhnen. Unterdessen bin ich aber angekommen, auch wenn das letzte Jahr wegen Corona nochmal schwierig war.

Wie läuft die Schriftgestaltung denn genau ab? Gestaltest du aus eigenem Antrieb oder auf Auftrag?

Es gibt zwei Modelle bei uns. Einerseits entwerfen wir Schriften aus eigener Motivation, weil wir meinen, eine gute Idee zu haben. Diese Schriften geben wir auf unserer Website raus, wo sie Grafiker*innen und Typograf*innen lizenzieren und herunterladen können. Das kann Monate bis Jahre dauern, weil diese Projekte im Alltag eher nicht priorisiert werden. Priorisiert werden die Auftragsarbeiten, das zweite Modell. Kund*innen kommen zu uns und brauchen zum Beispiel aufgrund eines Rebrandings eine komplett neue Schrift. Das dauert auch Monate, wir haben aber klare Deadlines. Und die Projektgrösse und Laufzeit ist bei Auftragsarbeiten natürlich sehr variabel, manchmal handelt es sich um eine komplexe Schriftfamilie mit vielen Schnitten und breiter Sprachunterstützung und manchmal geht es «nur» um einen Satz von Grossbuchstaben und Ziffern, dann geht es natürlich schneller. So ein Projekt war die Beschriftung für den Essex Market in Manhattan.

Der wirklich kreative Teil beim Schriften entwerfen, also das Zeichnen, ist ziemlich kompakt. Danach wird die Ausarbeitung der ganzen Zeichensätze sehr systematisch. Klar, können sich die zwei Phasen auch vermischen, wenn etwas nicht funktioniert und überarbeitet werden muss. Grundsätzlich steckt aber viel Fleiss in einer neuen Schrift.

Ein Testausdruck mitten im Entwicklungsprozess. Die grünen Kommentare sind von Nina, die roten von ihrem Chef Tobias Frere-Jones.
Ein Testausdruck mitten im Entwicklungsprozess. Die grünen Kommentare sind von Nina, die roten von ihrem Chef Tobias Frere-Jones.

Und dann muss die Schrift noch programmiert werden?

Das ist möglich. In meinem Workflow kommt es oft vor, dass ich einen kurzen Code schreibe, um zu schauen, ob zum Beispiel alle Akzente der Buchstaben am richtigen Ort sind oder um die technische Produktion schneller und genauer abzuwickeln. Die Arbeit wird sonst schnell unübersichtlich. Aber die Gestaltung überlassen wir nicht dem Programm, die Zeichen werden schon effektiv gezeichnet; wir können nicht nur ein paar Parameter eingeben und dann passiert alles von alleine. So habe ich mir das nämlich früher vorgestellt.

Es gibt aber auch Programme, die die ganze Produktion automatisiert machen, wo niemand etwas programmieren oder scripten muss. wie zum Beispiel Glyphs. Unser Workflow läuft etwas weniger automatisiert, weil wir gerne mehr Kontrolle über den Prozess haben — weshalb ich zum Beispiel die Opentype Features, also Zusatzoptionen und Instruktionen wie eigens gezeichnete Ligaturen, selbst scripte.

Und jetzt also Seaford für Microsoft. Wie ist das abgelaufen? Microsoft klingelt wahrscheinlich nicht einfach an der Tür und sagt: «Mach mir mal eine neue Standardschrift.» Oder doch?

So genau weiss ich nicht, wie das abgelaufen ist. Tobias und seine Partnerin Christine Bateup, die gemeinsam die Firma leiten, haben das alles geklärt, ich kam als Senior Typeface Designer dann ins Spiel, als es um die Gestaltung ging. Nach meinem Verständnis sind aber fünf Firmen direkt von Microsoft beauftragt worden, eine serifenlose Schrift zu entwerfen. Etwas überraschend für mich.

Links die serifenlose Helvetica, rechts die Serifenschrift Times New Roman.
Links die serifenlose Helvetica, rechts die Serifenschrift Times New Roman.

Dich hat überrascht, dass alle serifenlos sein mussten? Magst du Serifen lieber?

Nein, nicht unbedingt lieber, ich verstehe nur nicht ganz, weshalb eine Bildschirmschrift heute noch immer serifenlos sein muss. Dieser Grundsatz machte früher Sinn, weil die Bildschirmauflösungen so übel waren, dass Serifen gar nicht wirklich sichtbar gewesen wären. Allerdings gab es damals schon Gegenbeispiele – sieh dir zum Beispiel «Georgia» an. Das ist eine Serifenschrift für den Bildschirm und sie funktioniert wunderbar. Heute sind die Bildschirme so gestochen scharf, dass es eher mehr Spielraum bei der Schriftgestaltung geben sollte.

Dazu kommt, dass die Schriften vielleicht gar nicht nur am Bildschirm betrachtet werden, sondern teilweise noch immer ausgedruckt werden. Deshalb haben wir bei Frere-Jones beschlossen, uns an Serifenschriften zu orientieren. Wir wollten eine Schrift entwerfen, die sich gut liest und eine Binsenweisheit in der Gestaltung besagt, dass je differenzierter die Form der Buchstaben, desto einfacher sind sie zu Lesen. Wenn “b” und “d” einfach nur spiegelverkehrt sind, aber sonst identisch, fällt es unserem Auge schwerer, diese zu unterscheiden.

Gab’s noch weitere Vorgaben?

Das Briefing war sehr offen. Neben einer serifenlosen sollten wir eine Schrift in aufrecht, fett, kursiv, fettkursiv und als Überschrift in aufrecht und kursiv gestalten. Und die Schrift sollte anders sein als die anderen. Deshalb durften wir die Entwürfe der vier weiteren Agenturen anschauen und haben gemerkt, dass sich die meisten am Schweizer Modell orientieren: klar, symmetrisch, graphisch. Wir wollten weg von dem und eine Leseschrift gestalten.

Und wie seid ihr an die Sache ran? Hattet ihr eine klare Vision?

Tobias hat das ursprüngliche Konzept vorgeschlagen, dass wir bewusst Serifenschriften nehmen und schauen, was passiert, wenn wir die Serifen “abschneiden” und den Kontrast zwischen dicken und dünnen Elementen herunterfahren. Ich habe vor allem an der kursiven Schrift gearbeitet und mir dafür die oft sehr expressiven Kursiven von alten Serifenschriften angeschaut. Am Beispiel des kleinen “n” habe ich gemerkt, dass es gar nicht so klar ist, wie so eine Form aussehen soll, wenn die Serifen und Aufstriche wegfallen. Ich musste ausprobieren, anpassen, eigene Erfahrungen einfliessen lassen.

An solchen Schriften hat sich Nina orientiert.
An solchen Schriften hat sich Nina orientiert.

Warum Seaford?

Die Namenssuche ist immer furchtbar schwierig. In diesem Fall war das Briefing seitens Microsoft für den internen Arbeitstitel der Schrift einen Ortsnamen von der Pazifikküste von Kanada und den USA zu nehmen. Tobias hat eine ganze Liste recherchiert, aus welcher wir den Arbeitstitel Seaford gewählt haben. Das Wort hat eine kompakte Länge, ist gut auszusprechen und zeigt einige charakteristische Buchstaben. Und es gab noch keine Schrift mit dem Namen, was wichtig ist, um sie schützen lassen zu können. Ausserdem glaube ich, dass der Name einfach zu merken ist.

Zudem wollten wir einen Namen mit englischem Sprachhintergrund, da das am ehesten den kulturellen Hintergrund der Schriften ausdrückt, von denen Seaford inspiriert ist. Wir hätten den Namen dann für die Veröffentlichung nochmal ändern können, waren aber mit «Seaford» zufrieden genug, um den ganzen Prozess nicht nochmal aufzurollen (lacht).

Ihr habt Ende 2019 mit dem Entwerfen begonnen. Wann war die Schrift fertig?

Das war so Mitte letzten Jahres. Die Produktion der Schrift wollte Microsoft selbst machen, weil die da ihren ganz eigenen Workflow und ihre eigenen Programme haben.

Was ist der nächste Schritt? Wann wird der Sieger gekürt?

Ich habe ehrlichgesagt keine Ahnung. Ich habe gelesen, dass die neue Standardschrift ab 2022 im Einsatz sein soll. Momentan wird ja User Feedback gesammelt, ich weiss aber auch nicht, wie stark das am Ende gewichtet wird. Auf Twitter hat jemand geschrieben, dass die Schriften doch bitte auch auf ihre Lesbarkeit für beispielsweise Legastheniker*innen überprüft werden soll. Das finde ich einen berechtigten Vorschlag. Allgemein will ich mich aber nicht zu fest auf diese Aussicht versteifen. Es ist schon super, dass wir überhaupt eine Schrift in Microsoft Office drin haben, die jede*r benutzen kann. Für mich ist auch erstaunlich, wie unterschiedlich die Schriften geworden sind.

So sehen die fünf Schriften aus.
So sehen die fünf Schriften aus.

Ich sehe diese Unterschiede als Laie wohl weniger als du.

Und das ist auch gut so. Ich finde es spannend, wie unbewusst Schriften funktionieren. Man stolpert meist nur, wenn sie schlecht gemacht oder sehr speziell sind. Oder wenn man gezielt versucht, auf die Unterschiede zu achten. Leseschriften sollen leserlich sein und wollen gar keine Aufmerksamkeit erregen. Bei Überschriften ist das dann wieder anders, da darf man sich austoben. Aber auch ich bin manchmal erstaunt, wie emotional Menschen auf Schriften reagieren und wie viele auch eine Meinung dazu haben. Wenn jemand Calibri ach so toll findet, kann man sie ja noch immer einstellen, die ist ja nicht weg aus dem Microsoft-Universum.

Ich habe erst kürzlich mit einem Kollegen darüber geredet, wie krass Menschen auf solche Veränderungen reagieren. Wenn Zeitungen ihre Schrift ändern, gehen die Abonnenten auf die Barrikaden. Das ist wohl ein bisschen so, als würde jemand in deine Wohnung einbrechen und einfach alle Möbel umstellen.

Gibt’s Unterschiede zwischen Basel und New York bei der Schriftnutzung?

Ja, finde ich schon, obwohl die Schweizer Typografie hier eine extreme Wirkung hatte und noch immer hat, auch an Hochschulen. Das liegt sicher auch daran, dass einige Schweizer Grafiker an Universitäten in den USA unterrichtet haben. Trotzdem ist das für mich ein wenig befremdlich. Die Glanzzeit der Schweizer Typografie ist jetzt 70 Jahre her, anstatt sich noch immer auf die Gestaltungsprinzipien von damals zu versteifen, könnte man sie durchaus noch mehr hinterfragen und modifizieren.

Andererseits gibt es auch grosse regionale Unterschiede bei der Schriftnutzung. Viele Gestalter in der Schweiz haben mit Schweizer oder deutschen Schriften gearbeitet. Ich glaube, gerade für kleine Länder spielt viel Regionalstolz mit. So wird in der Schweiz viel mehr mit Schriften der Agenturen Lineto und Optimo gearbeitet. Adrian Frutigers Arbeit ist absolut überall, in den USA hingegen sieht man sie viel weniger. Dafür ist Gotham, die übrigens mein Chef Tobias entworfen hat, hier allgegenwärtig. Erst kürzlich habe ich im Fernseher drei Werbungen hintereinander gesehen, die Gotham nutzen. Und zwar aufs ganze Spektrum verteilt. So ungefähr: Versicherungen, Waschmittel und Medikamente.

Du hast es vorher schon angetönt, das letzte Jahr war aufgrund der Pandemie nochmal ganz anders. Ihr habt zu dem Zeitpunkt gerade erst mit dem Projekt begonnen. Hat sich dadurch etwas geändert?

Das letzte Jahr war schwierig. Nicht so sehr die Umstellung ins Homeoffice, dafür musste ich einfach einen Drucker kaufen und so. Aber psychisch war 2020 schon belastend. Zwischendurch gab es in New York wirklich eine akute Bedrohung. Die Fall- und Todeszahlen waren hoch, das Gesundheitssystem komplett überlastet. Ich war richtig froh, zu dem Zeitpunkt an dem Seaford-Projekt zu arbeiten und nicht Werbung für eine neue Schrift von uns machen zu müssen. Das wäre mir in dieser Situation belanglos und falsch vorgekommen. Seaford hingegen haben jetzt alle Office-Nutzer, was nicht wenige sind. Das hat sich mehr so angefühlt, als würde ich etwas für eine breitere Öffentlichkeit machen.

Das offizielle Präsentationsbild der Schrift Seaford.
Das offizielle Präsentationsbild der Schrift Seaford.

Jetzt fällt mir gerade ein, dass es doch eine spezielle Situation im Projekt gab. Microsoft hat seinen Sitz in Seattle, das schon früher von der Pandemie betroffen war als wir hier in New York. Wir haben auf Feedback gewartet und eine Weile lang nichts gehört, weshalb ich bei Tobias mal nachgefragt habe, was da wohl los sei. Er hat mich ganz verdutzt angeschaut und meinte, dass die jetzt wohl alle ins Homeoffice zügeln. Ich habe den Link damals noch gar nicht gemacht.

Viele Menschen haben im letzten Jahr neue Hobbys angefangen. Ich habe meine Recherche betrieben und dich auf Instagram gestalked. Dabei sind mir einige Vogelbilder aufgefallen. Ornithologie als Ausgleich oder gar Inspiration?

Inspiration nicht. Dafür schaue ich mir jedes einzelne Schild und Plakat an (lacht). Egal, ob die Schrift super gemacht ist oder handwerklich schlecht. Die können nämlich trotzdem originell und wahnsinnig interessant sein. Aber schon die Stadt an sich ist für mich noch immer neu und inspiriert mich.

Die Vögel und auch meine Katze sind eher Ausgleich. Ich wohne direkt neben einem, für amerikanische Verhältnisse, sehr alten Friedhof aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seit der Pandemie gehe ich dort sehr oft spazieren. Es gibt unzählige verschiedene Baumarten und viele Vögel, die dort nisten. Es wurden auch eine Vogelbeobachtungstour angeboten, zu der ich mich angemeldet habe. Eigentlich völlig blödsinnig, da ich um 5.30 Uhr aufstehen musste. Aber trotzdem schön, um der Stadt zumindest ein bisschen zu entfliehen.

Du hast gesagt, dass du jedes Schild anschaust und dir deine Gedanken machst. Passiert das auch bei Menschen? Schliesst du anhand der Schriftwahl auf den Charakter?

Ein Stück weit passiert mir das sicher. Ich versuche aber, mir dessen bewusst zu sein und nicht abzuwerten. Hier in Brooklyn gibt’s zum Beispiel einen Laden in der Nachbarschaft, der «Chicken Soup» verkauft. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeilief, war das Gericht auf der Tafel falsch geschrieben. Anfangs habe ich das belächelt, irgendwann aber gemerkt, dass das doch völlig egal ist, solange die Suppe schmeckt.

Ich habe in letzter Zeit auch viel über den Wert von grafischen Traditionen nachgedacht. Hier gibt’s jedes Jahr, also bis vor zwei Jahren, oh Mann… Jedenfalls gab’s bis vor zwei Jahren ein Quartierfest, das mehrheitlich von Leuten mit Wurzeln in der Karibik organisiert wurde. Als ich das erste Mal den Flyer sah, bin ich fast ein wenig erschrocken. Er war bunt, völlig überladen und der Text, der schon in mehreren unterschiedlichen Schriften geschrieben war, war noch zusätzlich mit Schattierungen versehen. Nach dem ersten Schock habe ich dann mehr darüber nachgedacht, dass die grafische Gestaltung auch eine Gruppenzugehörigkeit signalisiert. Dass Design die Macht hat, Leute ein- oder auch auszuschliessen, weil das ästhetische Empfinden sehr oft kulturell verankert ist. Das zeigt auch, dass die Schweizer Gestaltung nicht einfach universell «richtig» und angemessen ist – in diesem Beispiel wäre sie vollkommen fehl am Platz gewesen.

Gibt’s trotzdem eine Schrift, die du niemals benutzen würdest, weil sie so grässlich ist?

Mir fällt gerade kein konkretes Beispiel ein, aber sicher Schriften, die handwerklich schlecht gemacht sind. Wenn der Rhythmus nicht stimmt oder die Formen sich gegen das Lesen sperren, dann macht’s niemandem Spass.

Dann gibt’s aber auch das Thema mit der Angemessenheit. So viele Leute müssen sich ständig über Comic Sans lustig machen. Dabei ist sie eine handwerklich gelungene Schrift, die falsch eingesetzt wird. Das ursprüngliche Briefing, übrigens auch von Microsoft, lautete, eine Schrift für eine Art Comic Interface zu entwerfen. Das Projekt ist dann gestorben, die Schrift aber geblieben. Dafür hätte sie gut funktioniert, und für spielerische/cartoon-artige Anwendungen ist sie auch OK, einfach nicht für geschäftliche E-Mails. Ich habe einmal von einem wissenschaftlichen Verlag einen Brief in Comic Sans erhalten. So unterwanderst du deine eigene Identität. Das wäre so, als wenn ich in unserem Gespräch einen neongrünen Hut tragen und dauernd schreien würde. Das macht einfach keinen Sinn.

So lieber nicht.
So lieber nicht.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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