Xiaomi Mi 10 Pro im Test: Große Erwartungen und ein fehlendes Gefühl

Jan Johannsen
Hamburg, am 09.06.2020

Ein großes Display, vier Kameras und eine Ausstattung, die es zu einem Top-Smartphone macht: Das Xiaomi Mi 10 Pro muss große Erwartungen erfüllen – vor allem da sein Preis nicht mehr so niedrig wie bei den Vorgängern ist.

Xiaomi hat sich mit Smartphones mit einem fast unverschämten Preis-Leistungs-Verhältnis einen Namen gemacht. Diese Zeit neigt sich zumindest bei den Top-Modellen dem Ende entgegen. Das Mi 10 Pro spielt nicht nur bei der Ausstattung, sondern auch beim Preis in einer Liga mit anderen Top-Smartphones.

Großes Display mit runden Kanten und Fingerabdrucksensor

Optisch ist das Mi 10 Pro ein Smartphone unter vielen. Nicht falsch verstehen: Es ist gut verarbeitet und sieht schick aus, aber das gilt für die meisten aktuellen Smartphones und ist nichts Besonderes mehr. Willst du damit auffallen, brauchst du eine Hülle, die Farbvarianten von Xiaomi sind eher klassisch. Ausnahme: Das Xiaomi Mi 10 (ohne Pro) in grün.

Hältst du das Xiaomi Mi 10 Pro in der Hand, schaust du auf ein 6,67 Zoll großes AMOLED-Display. Das hat eine Auflösung von 2340×1080 Pixeln und somit ein scharfes und detailreiches Bild. Es ist hell genug, um auch bei Sonnenschein etwas erkennen zu können. Allerdings gibt es sowohl bei der Helligkeit als auch bei der Auflösung andere Smartphones, die noch mehr bieten.

Links und rechts sind die Seiten des Displays abgerundet. Dadurch wirken die Ränder noch schmaler als sie sind. Bei der Bedienung sind die abgerundeten Kanten kein Problem. Anders als bei anderen Smartphones habe ich keine ungewollten Eingaben durch Finger am Displayrand.

Der Fingerabdrucksensor befindet sich im Display und funktioniert reibungslos. Finger auflegen und in Sekundenbruchteilen ist das Mi 10 Pro entsperrt. Da gibt es eigentlich keinen Grund, die ebenfalls zügig und zuverlässig arbeitende Gesichtserkennung einzurichten.

Schnelle Hardware und Android mit vielen Anpassungen

Über die Leistung des Xiaomi Mi 10 Pro musst du dir keine Sorgen machen. Mit dem Snapdragon 865 ist der aktuell leistungsfähigste Chipsatz von Qualcomm an Bord. Zu ihm gehören der Adreno-650-Grafikchip sowie ein 5G-Modem. Dazu kommen acht Gigabyte Arbeitsspeicher. Damit hast du nicht nur kurze Ladezeiten bei Apps, sondern kannst auch bei Spielen die Grafikqualität hochstellen und VR- sowie AR-Anwendungen ohne Bedenken nutzen. Ja, andere Smartphones haben noch mehr Arbeitsspeicher und schaffen bessere Ergebnisse in Benchmark-Tests, aber trotzdem bleibt das Mi 10 Pro ein Smartphone mit viel Rechenkraft.

Den 256 Gigabyte großen internen Speicher kannst du nicht erweitern. Das Mi 10 Pro hat nur einen Steckplatz für eine SIM-Karte. Für eine Speicherkarte ist kein Platz vorhanden. Dafür hat der Akku mit 4500 mAh eine ordentliche Kapazität und bringt bei mir das Mi 10 Pro problemlos über den Tag. Sollte zwischendurch der Ladestand doch zu niedrig werden, ist die Batterie dank Schnellladetechnologie und einem 65-Watt-Ladegerät schnell wieder aufgeladen. Drahtlos lässt sich der Akku ebenfalls laden, allerdings deutlich langsamer.

Xiaomi kommt zwar wie Huawei aus China, ist aber bisher im Handelsstreit kein Ziel von Donald Trump und kann deswegen nicht nur Android nutzen, sondern auch alle Google-Dienste auf dem Mi 10 Pro vorinstallieren. Mit der MIUI 11 hat der Hersteller aber trotzdem seine eigene Benutzeroberfläche im Angebot, die auch einige eigene Apps enthält. Dazu gehören beispielsweise eine Notizen-App, ein Dateimanager, ein Musikplayer und auch der Browser, der zuletzt für Unmut sorgte, da er selbst im privaten Modus Daten an Xiaomi übermittelt.

Viele Megapixel für bessere Bilder

Ebenfalls Teil der MIUI ist die Kamera-App mit der du Fotos mit insgesamt fünf Kameralinsen aufnehmen kannst. Vier befinden sich auf der Rückseite des Mi 10 Pro und eine auf der Vorderseite.

Die Hauptkamera hat den Bildsensor mit einer Auflösung von 108 Megapixeln, den Xiaomi bereits im Mi Note 10 verbaut. Du kannst zwar mit seiner vollen Auflösung fotografieren, standardmäßig fasst die Software aber immer vier Pixel zu einem zusammen, um so die Bildqualität zu verbessern. Die finalen Bilder sind mit knapp 27 Megapixeln immer noch hoch aufgelöst und vor allem nicht schlechter als bei 108 Megapixeln. Bei voller Auflösung stehen dir zudem der HDR-Modus, der Nacht- und der Porträtmodus nicht zur Verfügung.Du hast zudem nur einen zweifachen Zoom und keine Möglichkeit das Bildformat zu ändern, «Tilt-Shift» zu nutzen oder eine digitale Wasserwaage einzublenden.

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    Lohnen sich 108 Megapixel bei einem Smartphone?

Das liegt teilweise daran, dass die Funktionen eine der anderen drei Linsen nutzen. Bei ihnen handelt es sich um eine Weitwinkelkamera mit einem 20-Megapixel-Sensor, eine 12-Megapixel-Linse für Portraitaufnahmen sowie eine 8-Megapixel-Telelinse.

27 Megapixel
27 Megapixel
108 Megapixel
108 Megapixel

Die volle Auflösung von 108 Megapixeln erlaubt eine noch etwas größere Vergrößerung. Im Vergleich zu den Aufnahmen mit 27 Megapixeln ist der Unterschied aber minimal und vor allem nicht mit einer verbesserten Bildqualität verbunden. Für den direkten Vergleich habe ich einen Ausschnitt jeweils in 100-Prozent-Ansicht ausgeschnitten und vom 27-Megapixel-Foto dann 268 auf 510 Pixel in der Breite für eine bessere Vergleichbarkeit vergrößert. Da wirkt sich in meinen Augen das Zusammenziehen von vier zu einem Pixel nicht aus – weder positiv noch negativ. Allerdings sollten die 27 Megapixel deine erste Wahl bleiben, da du mit ihnen mehr Optionen und Hilfsmittel zur Auswahl hast.

HDR an
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HDR aus
HDR aus

HDR für einen größeren Kontrastumfang kannst du zum Beispiel im 108-Megapixel-Modus nicht aktivieren. Und dass sich das lohnt, zeigt bei den Beispielbildern vor allem der Blick auf den Himmel.

0,6x
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In der Kamera-App kannst du mit einem Klick von der Weitwinkelaufnahme über den Standard-Bildausschnitt zum zwei- und fünffachen Zoom klicken. Für den zehnfachen Hybrid-Zoom und den 50-fachen Digitalzoom musst du den Finger seitlich auf der Leiste mit den Zoomstufen bewegen. Das lohnt sich allerdings nicht wirklich. Der Qualitätsverlust ist groß. Dagegen sind die vier abgebildeten Fotos alle vorzeigbar und überzeugen mich mit genügend Details und natürlich wirkenden Farben – und das trotz der unterschiedlichen Kameralinsen und Auflösungen mit denen sie aufgenommen sind.

Portraitmodus mit Bokeh-Effekt
Portraitmodus mit Bokeh-Effekt

Im Portraitmodus rückst du mit deiner Kamera näher an die fotografierte Person heran als mit der Standard-Kamera. Von der Spiegelung auf meinem Brillenbügel abgesehen bin ich perfekt vom Hintergrund ausgeschnitten. So muss das sein.

Macromodus
Macromodus
Standard-Aufnahme
Standard-Aufnahme

Ein Makromodus ist gefühlt der neueste Schrei, um noch eine weitere Kamera ins Smartphone einbauen zu können. Oft haben diese Makro-Linsen aber eine so geringe Auflösung, dass sie nicht brauchbar sind. Beim Mi 10 Pro ist das anders. Xiaomi nutzt die Weitwinkelkamera, um dich möglichst nah ans Motiv heran zu lassen. Das Ergebnis sieht gut aus und ist im Vergleich zum Standard-Blickwinkel wirklich hilfreich.

Automatik
Automatik
Nachtmodus
Nachtmodus

Bei Dunkelheit gelingt es der Software des Mi 10 Pro, viel aus wenig vorhandenem Licht herauszuholen. Noch beeindruckender wird es, wenn du den Nachtmodus aktivierst. Der macht die Aufnahme nicht heller, sondern klarer und detaillierter. Das ist beeindruckend, allerdings nicht hilfreich, wenn du wirklich Dunkelheit fotografieren willst. In den Nachtmodus hat Xiaomi zuletzt viel Arbeit investiert. Beim Vorgänger, dem Mi 9, sah das noch ganz anders aus.

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    Xiaomi Mi 9 im Test: Top-Smartphone mit nachtblinder Triple-Kamera

Die Frontkamera hat eine Auflösung von 20 Megapixeln und befindet sich in einem Loch im Display, das Xiaomi mit seinen Hintergrundbildern zumindest auf dem Startbildschirm erfolgreich versucht zu verstecken. In etlichen Apps und den Einstellungen fällt die Lücke zwar auf, stört mich aber nicht.

Selfie ohne HDR
Selfie ohne HDR
Selfie mit HDR
Selfie mit HDR

Die hohe Auflösung macht sich mit einer hohen Detailgenauigkeit bei Selfies bemerkbar. Die Farben fallen für meinen Geschmack aber schwächer aus als sie in Wirklichkeit sind. Etwas mehr Sättigung und Kontrast würden nicht schaden, kommen allerdings auch durch den HDR-Modus nicht hinzu. Der macht, anders als bei der Hauptkamera, keinen Unterschied.

Selfie mit Protraitmodus
Selfie mit Protraitmodus

Willst du bei Selfies den Hintergrund unscharf haben, so bekommt das Mi 10 Pro das hin. Zwar nicht wie bei der Hauptkamera mit einer extra Linse, aber die Software leistet gute Arbeit. Ich bin zwar nicht perfekt vom Hintergrund ausgeschnitten, aber solange das Bild nicht zu groß vergrößert wird, reicht das völlig aus.

Während die Hauptkamera bei Nacht im Vergleich zum Mi 9 einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht hat, bereitet Dunkelheit der Frontkamera immer noch Probleme. Die geringe Helligkeit kann die Kamerasoftware zwar in der Regel ausgleichen, aber auf dem Fotos selber treten viele Artefakte auf. Und vor allem ist es mir auch nach unzähligen Versuchen nicht gelungen, dass der Autofokus bei Dunkelheit mein Gesicht scharf stellt.

Fazit: Da fehlt der letzte Kick

Das Xiaomi Mi 10 Pro spielt in der Spitzengruppe der Top-Smartphones mit und muss sich nicht verstecken. Design, Leistung, Hardware, Display, Software und Kamera sind allesamt gut bis sehr gut. Allerdings gibt es in jedem Bereich mindestens ein Smartphone, das besser ist. Insgesamt fehlt der letzte überzeugende Kick, um es wirklich besser als andere zu finden. Früher löste der niedrige Preis bei Xiaomi-Smartphones diesen Kick aus und der fehlt nun, da das Mi 10 Pro preislich mit den Top-Smartphones anderer Hersteller auf einer Höhe liegt.

Mi 10 Pro (256 GB, Solstice Grey, 6.67 ", Single SIM, 108 Mpx, 5G)
Xiaomi Mi 10 Pro (256 GB, Solstice Grey, 6.67 ", Single SIM, 108 Mpx, 5G)
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Mi 10 Pro (256 GB, Alpine White, 6.67 ", Single SIM, 108 Mpx, 5G)
Xiaomi Mi 10 Pro (256 GB, Alpine White, 6.67 ", Single SIM, 108 Mpx, 5G)
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Ja, es gibt mit dem Mi 10 (ohne Pro), noch eine etwas günstigere Alternative, die viele Gemeinsamkeiten mit der Pro-Version hat. Der wesentliche Unterschied sind die jeweils drei Kamera-Linsen neben der Hauptkamera, die auch hier 108 Megapixel hat. Aber auch die günstigere Variante reicht am Ende nicht für diese klammheimliche Freude, ein unverschämtes Schnäppchen gemacht zu haben.

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    Mi 10 und Mi 10 Pro: Das sind die neuen Top-Smartphones von Xiaomi

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Jan Johannsen
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jan.johannsen@galaxus.de

Als Grundschüler saß ich noch mit vielen Mitschülern bei einem Freund im Wohnzimmer, um auf der Super NES zu spielen. Inzwischen bekomme ich die neueste Technik direkt in die Hände und teste sie für euch. In den letzten Jahren bei Curved, Computer Bild und Netzwelt, nun bei Galaxus.de. 


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