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Ratgeber

Zahnprobleme: «Die Mehrheit der Kauartikel ist Geldverschwendung»

Warum müssen plötzlich so viele Haustiere zum Zahnarzt? Tierärztin Angela Berchtold klärt auf, sagt, was wirklich hilft, und liefert auch unbequeme Antworten.

Das gibt’s doch nicht! Als Teamkollege Luca von den Zahnsanierungen seiner Katzen erzählt, erlebe ich ein Déjà-vu. In letzter Zeit höre ich ständig von Vierbeinern, die zur Dentalhygiene müssen oder gleich mehrere Zähne gezogen bekommen. Auch mein Kater Jasper musste sich kürzlich von drei Beisserchen trennen.

Wieso häufen sich solche Fälle derart? Dieser Frage gehe ich mit Angela Berchtold nach. Sie ist Tierärztin bei der veterinärmedizinischen Gruppe VetTrust. Ihre Fachleute befrage ich in einer Galaxus-Serie zu tierischen Gesundheitsthemen. Zuletzt ging es um Parasiten:

Angela Berchtold, ich höre ständig von Zahnsanierungen bei Haustieren. In meiner Jugend war das kaum ein Thema. Haben die Probleme zugenommen oder ist daraus ein lukratives Geschäft entstanden?
Weder noch. Vielmehr haben sich das Bewusstsein für Zahnprobleme und die Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten verbessert. Die Tiermedizin hat sich in den letzten zehn Jahren massiv entwickelt, besonders in der Dentalmedizin.

Das heisst, Zahnprobleme gab es schon immer, nur blieben viele unbemerkt?
Ja, in vielen Fällen. Offensichtliche Probleme wie starke Zahnsteinbildung, entzündetes Zahnfleisch oder abgebrochene Zähne wurden zwar erkannt. Lange unterschätzt wurden jedoch ihre Folgen für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere. Zudem werden heute deutlich häufiger Zahnresorptionen diagnostiziert als früher.

Was sind die Ursachen für Zahnresorptionen? Manche Haustierbesitzende verdächtigen immer stärker verarbeitetes Futter.
Nein, das Futter hat nur einen kleinen Einfluss. Zahnresorptionen haben viele mögliche Ursachen. Dazu gehören genetische Faktoren, die vor allem Rassetiere betreffen, das Alter, der Immunstatus, die Zahnstellung und individuelle Veranlagungen.

Wie ist das bei Wildtieren? Weshalb erkranken sie nicht daran?
Das tun sie auch. Wilde Katzen haben allerdings eine durchschnittliche Lebenserwartung von nur etwa 2,5 Jahren. Sie erreichen oft gar nicht das Alter, in dem schwere Zahnerkrankungen auftreten. Zudem wird häufig übersehen, dass Zahnprobleme gravierende Folgen haben: Können sie wegen Schmerzen nicht mehr fressen oder werden sie durch Entzündungen geschwächt, endet das tödlich.

Wie erkennt man denn Zahnresorptionen?
Das ist nicht einfach. Manchmal zeigen sich oberflächliche Hinweise, wie eine Entzündung des Zahnfleisches oder Gewebe, das über den Zahn wächst. Meist beginnen die Resorptionen jedoch an der Wurzel. In den meisten Fällen lassen sie sich deshalb nur mittels Zahnröntgen feststellen.

Zahnresorptionen werden meist nur durchs Röntgen entdeckt.
Zahnresorptionen werden meist nur durchs Röntgen entdeckt.
Quelle: VetTrust

Muss das Tier dafür auch zwingend in Vollnarkose versetzt werden?
Ja. Es ist bei einem wachen Tier nicht möglich, eine gründliche Untersuchung mit der Sonde durchzuführen, Röntgenbilder anzufertigen oder die Zähne professionell dentalhygienisch zu reinigen.

Das erklärt auch die hohen Kosten der Zahnsanierungen. Wie viel übernehmen Haustierversicherungen?
Wenn Zähne gezogen werden müssen, übernehmen sie die Kosten für gewöhnlich. Die alleinige professionelle Zahnreinigung bezahlen sie hingegen oft nicht, da sie als Prophylaxe gilt. Das halte ich für problematisch.

Weshalb?
Weil einige Haustierbesitzende Zahnreinigungen aus Kostengründen vermeiden und erst aktiv werden, wenn Zähne gezogen werden müssen. So leidet das Haustier länger unter Schmerzen und es kommt langfristig zu teureren und risikoreicheren Eingriffen.

Günstigere Zahnreinigungen bieten gewisse Hundesalons an. Was halten Sie davon?
Davon raten wir Tierärzte und Tierärztinnen ausdrücklich ab.

Aus welchem Grund?
Diese Reinigungen finden ohne Narkose statt. Das klingt zunächst verlockend. Jedoch können sie damit nur oberflächlich durchgeführt werden und erreichen die Zahnzwischenräume oder die Innenseite der Zähne nicht. Sie vermitteln den Besitzenden eine trügerische Sicherheit.

Woran erkenne ich als Laie, dass mein Haustier Zahnschmerzen hat?
Oft gar nicht so leicht. Viele Tiere fressen scheinbar normal weiter und verbergen Schmerzen erstaunlich gut. Warnzeichen, wenn sie überhaupt gezeigt werden, sind meist subtil: verändertes Fressverhalten, einseitiges Kauen, Futter, das aus dem Maul fällt, starker Mundgeruch, gerötetes oder blutendes Zahnfleisch, sichtbarer Zahnstein und vermehrter Speichelfluss. Solche Anzeichen sollten tierärztlich kontrolliert werden.

Der Schein trügt: Nicht immer zeigen Haustiere Schmerzen offensichtlich.
Der Schein trügt: Nicht immer zeigen Haustiere Schmerzen offensichtlich.
Quelle: VetTrust

Was kann ich präventiv tun?
Gegen Zahnresorptionen gibt es leider noch keine bekannte Vorbeugung. Gegen Plaque und Zahnstein hilft nur eines effektiv: tägliches Zähneputzen.

Ich bin mir nicht sicher, ob das meine Katze zulassen würde.
Wenn man bereits im Welpenalter damit beginnt, ist es bei fast jedem Hund möglich. Bei Kitten ist es aufwendiger, aber nicht unmöglich. Erst recht nicht, wenn man es positiv durch Klickertraining verstärkt. Ich kenne diverse Fälle, wo es auch bei Strassentieren oder älteren Vierbeinern klappte.

Welche Zahnbürste und -pasta verwende ich am besten?
Es gibt spezielle Bürsten, die auf die Grösse des Tieres abgestimmt sind. Zahnpasta ist nicht zwingend erforderlich. Theoretisch reicht auch Wasser aus. Haustiere lassen sich damit jedoch einfacher die Zähne putzen, da die Paste meist fleischig riecht und schmeckt.

Worauf müssen Haustierbesitzende beim Putzen achten?
Sie sollten keinen Druck auf das Zahnfleisch ausüben. Wir empfehlen einen 45-Grad-Winkel mit kreisenden Bewegungen, ähnlich wie bei der menschlichen Zahnreinigung. Geputzt werden sollte unbedingt jeden Tag. Denn Plaque, der später zu Zahnstein wird, bildet sich schon innerhalb von 24 bis 48 Stunden.

Was halten Sie von Fingerzahnbürsten?
Am besten funktioniert sicher die normale Bürste. Damit kann man den Winkel am flexibelsten an die Zähne anpassen. Jedoch sind auch Fingerzahnbürsten eine Option. Je nach Tierbesitzer und Tier klappt es damit besser als mit der herkömmlichen Zahnbürste.

Wie gut helfen Kauartikel für gesunde Zähne?
Etwas überspitzt formuliert würde ich sagen: Die überwältigend grosse Mehrheit der Produkte, die wahre Wunder versprechen, ist Geldverschwendung. Einige wirken sicher unterstützend. Sie erreichen jedoch beim Kauen nie alle Zähne. Deshalb ersetzen sie keinesfalls das tägliche Zähneputzen oder die professionelle Zahnhygiene in der Tierarztpraxis.

Ich bin noch unschlüssig. Soll ich meinen Katzen wirklich die Zähne putzen? Finanziell würde es sich lohnen. Zahnstein musste ich bei Jasper auch schon für viel Geld entfernen lassen. Vielleicht sollte ich es, einmal mehr, mit Klickertraining versuchen:

Mussten deine Haustiere auch schon Zähne sanieren oder ziehen? Was hältst du davon? Erzähle es mir in einem Kommentar.

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Titelbild: NadyaTk/Shutterstock

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Ich liebe alles, was vier Beine oder Wurzeln hat – besonders meine Tierheimkatzen Jasper und Joy sowie meine Sukkulenten-Sammlung. Am liebsten pirsche ich auf Reportagen mit Polizeihunden und Katzencoiffeurinnen umher oder lasse in Gartenbrockis und Japangärten einfühlsame Geschichten gedeihen. 


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