
Hintergrund
Alles über Rohkaffee: Der Fairste ist nicht Fairtrade
von Simon Balissat

Zichorie war ein Ersatzprodukt für den ehemals teuren und knappen Kaffee. Doch statt nach dem Zweiten Weltkrieg zu verschwinden, hält sich das Getränk hartnäckig. Warum? Ein Selbstversuch.
Die Alten sind ja auch nicht mehr, was sie mal waren. Heute joggen sie dir in pink glitzernden Trainingsanzügen vor der Nase herum und erzählen ungefragt, dass sie später noch an ein Rockkonzert gehen und wie toll das Leben mit 70 ist. In meiner Kindheit war das anders. Da gossen alte Leute Zimmerpflanzen, guckten aus dem Fenster und tranken Zichorienkaffee.
Während des Zweiten Weltkriegs waren in der Schweiz zahlreiche Lebensmittel rationiert. Darunter auch Kaffee. Jede Person durfte nur eine bestimmte Menge Kaffee pro Monat beziehen. Doch schon zuvor war Kaffee teuer und insbesondere die ärmere Bevölkerung suchte nach Ersatzprodukten. Der beliebteste Ersatz war die Zichorienwurzel. In der Regel tranken die Leute ein Gemisch: Echter Kaffee wurde mit Zichorienkaffee gestreckt.
Zichorie klingt nicht zufällig ähnlich wie Chicorée. Es ist die gleiche Pflanzenart. Der Salat bildet eine kultivierte Sorte der Zichorie.
So weit, so klar. Was ich nie verstanden habe: Warum die Leute nach 1945 nicht dazu übergingen, puren Kaffee zu trinken. Okay, viele taten das, aber längst nicht alle.
Nicht alles war früher besser, aber das Design von Lebensmittelverpackungen ganz bestimmt. Darum sehen Verpackungen, die ihr Design nie geändert haben, einfach besser aus. Gilt für die Seehund-Vanilleglace der Migros, die Nivea-Handcreme oder eben auch für die Zichorienkaffee-Packungen. Franck Aroma, das ich hier ausprobiere, ist Kaffeepulverersatz, Incarom dagegen ein direkt lösliches Instantgetränk, das zur Hälfte aus Kaffee und zur Hälfte aus Zichorie besteht.
Geruchstest: Nose says no. Das riecht modrig und hat mit Kaffeegeruch rein gar nichts zu tun.
Laut Verpackung ist die traditionelle Anwendung folgende: ein Drittel Zichorie und zwei Drittel Kaffee. Ich mahle mir frisches Kaffeepulver, fülle damit zwei Drittel meiner Bialetti und den Rest mit dem pulverisierten Anachronismus auf. Das Ergebnis ist trinkbar. Aber nicht so gut wie ein normaler Kaffee. Vom modrigen Geruch merke ich zum Glück kaum etwas.

Ermutigt durch diese Erfahrungen, gebe ich es mir nun hart. Das heisst: hundert Prozent Zichorienkaffee, null Prozent Bohnenkaffee. Bonus: Ich wähle dieselbe Zubereitungsart, die vermutlich auch ein Aktivdienstler bevorzugen würde: mit einem Kaffeefilter. Mit der Espressokanne funktioniert es nämlich nicht immer. Bei meinem zweiten Versuch ejakuliert ein Teil des Zichorienpulvers zusammen mit dem fertigen Kaffee ins obere Fach und es gibt eine ziemliche Schweinerei.
Dem reinen Zichorienkaffee fehlt natürlich das Koffein. Das ist aber noch das kleinste Problem.
Den üblen Geruch nehme ich nun auch beim fertigen Getränk wahr. Ich öffne sogar das Fenster an einem kalten Februartag, weil es mich gruselt. Immerhin: Die Farbe sieht aus wie bei richtigem Kaffee. Sie bleibt bei Zugabe von Milch sogar etwas dunkler.
Bei der Drittel-Mischung habe ich vom Zichorienaroma nicht viel gemerkt. Jetzt schon. Leider.
Das Wurzelgebräu ist bitter, aber auf eine andere Art als Kaffee. Es ist eine Bitterkeit, die noch lange im Mund bleibt. Natürlich ist das Geschmackssache, und einige werden das lieben. Es gibt ja auch Menschen, die lieber Feldschlösschen haben als richtiges Bier.

Ich bin kein Kaffee-Snob. In der Rekrutenschule gab es am Samstagmorgen um halb sechs Uhr ein Getränk, von dem keiner so recht sagen konnte, ob das nun Milchkaffee oder heisse Schokolade darstellen sollte. Ich habe es getrunken, ohne mit der Wimper zu zucken. An der Uni gab es Kaffeeautomaten, die ein suspektes Gemisch aus Instantpulver, Milchpulver und Zucker ausspuckten. Das Zeug war unterste Schublade, aber ich schüttete es literweise in mich hinein. Auch heute noch trinke ich fast jede Art von Kaffee – ausgenommen solcher aus verkalkten, ungewarteten Vollautomaten.
Aber das hier schaffe ich nicht. Ich trinke die Tasse etwa zu zwei Dritteln leer und schütte den Rest ins Spülbecken. Eine halbe Stunde später putze ich mir mitten am Nachmittag die Zähne, weil ich den Nachgeschmack nicht mehr aushalte.
Fairerweise muss ich sagen: Zichorienkaffee pur empfiehlt der Hersteller gar nicht. Daher probiere ich noch eine dritte Variante: Zur Hälfte Kaffee, zur Hälfte Zichorie. Also die gleiche Mischung wie im Incarom. Wieder mit Filter. Beim Zubereiten schliesse ich die Küchentür. Ich will diesen Geruch nicht in der ganzen Wohnung haben.
Und erneut gibt es eine Überraschung. Die Zichorie schmecke ich, anders als beim ersten Mal, deutlich heraus – aber sie stört mich viel weniger als bei der Pur-Variante. Es ist gewöhnungsbedürftig, aber ich verstehe, dass man das mag, wenn man damit aufgewachsen ist.
Der Hersteller behauptet, dass die Zichorie «das Beste aus den Kaffeebohnen herausholt». Das stimmt meiner Meinung nach nicht. Vielmehr neutralisieren die Kaffeebohnen den Geruch und ein Stück weit auch den Geschmack der Zichorie. Diese verleiht dem ganzen noch eine bittersüssliche Note. Was man unter Umständen gut finden kann. Ein Werbetexter, der zu viel echten Kaffee getrunken haben muss, läuft mit folgendem Erguss zur Höchstform auf:
«Indem Sie es mit gemahlenem Kaffee aus echten Bohnen mischen, entfalten Sie eine Symphonie von Aromen, die auf Ihren Geschmacksknospen tanzen.»
Selten so gelacht.
Ich bin erstaunt, wie gross der Unterschied je nach Mischung ist. Als Ergänzung zu richtigem Kaffee ist Zichorienkaffee durchaus geniessbar. Geld sparen kannst du damit allerdings kaum. Der billigste Kaffee kostet weniger als der Zichorienersatz. Und Incarom gibt es sogar als Nespresso-Kapseln, was dann nochmal deutlich teurer ist.
Warum also sollte man das heute noch trinken? Weil man den spezifischen Geschmack mag, so schwer das für mich vorstellbar ist. Oder vielleicht aus gesundheitlichen Gründen. Weniger Koffein, unter Umständen bessere Darmverträglichkeit. Zichorie kann ausserdem auch hierzulande angebaut werden – ein ökologischer Vorteil. Aber letztlich muss man den Geschmack mögen.
Mein sehr subjektives Fazit: fünf Sterne für die Verpackung, zwei für den Geschmack und minus zwei für den Geruch. Wobei die negativen Aspekte zu einem erstaunlich grossen Teil verschwinden, wenn ich richtigen Kaffee beifüge. Es war lustig, das mal auszuprobieren – in Zukunft lasse ich das aber schön bleiben.
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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