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Pia Seidel
Hintergrund

Alte Duschen, Unikat-Möbel, geliehene Lieblingsstücke: Highlights der Zurich Design Weeks 2026

Pia Seidel
30.9.2026
Bilder: Pia Seidel

Aus der Serie gebrochen, aus der Zeit geholt, aus dem Abfall gerettet: Das Motto «Out Of…» der Zurich Design Weeks 2026 steckte in jedem meiner Highlights. Drei Orte, sechs Ausstellungen – von den stillgelegten SBB-Duschräumen über das House of Interiors bis in ein Bürogebäude im Kreis 5, das bald saniert wird.

Zum fünften Mal haben die Zurich Design Weeks (ZDW) die Stadt zur Design-Bühne gemacht: 165 Programmpunkte an über 50 Standorten, davon allein 62 Ausstellungen. Das Jahresthema «Out Of…» klang erst mal vage – bis ich merkte, wie viele gute Projekte genau davon lebten. Ein Möbelstück, das aus der Serie ausbricht. Ein Teppich, der den Boden verlässt. Abfall, der zum Wohnobjekt wird. Sechs Ausstellungen an drei Orten sind mir besonders geblieben.

Ort 1: Die alten SBB-Duschräume

Out of Place: Dislocated Utility_Objects out of Place

Kacheln, Rohre, Abflüsse, Gebrauchsspuren: Die historischen Duschräume der ehemaligen SBB-Werkstätten sind kein neutraler White Cube. Genau das war der Punkt. Natascha Madeiski und Paulina Reséndiz versammelten hier Positionen aus Design, Kunst und Handwerk, die sich zwischen Objekt, Skulptur und Installation bewegen. Alle Projekte haben ihren gewohnten Kontext verlassen – so wie der Ort selbst seine ursprüngliche Funktion längst verloren hat.

Die ehemaligen Duschräume der SBB als Schauplatz für Design.
Die ehemaligen Duschräume der SBB als Schauplatz für Design.
Gebrauchsspuren und Fliesen prägen jede Szene.
Gebrauchsspuren und Fliesen prägen jede Szene.
Die ortsspezifische Intervention tritt in Dialog mit Rohren und Abflüssen.
Die ortsspezifische Intervention tritt in Dialog mit Rohren und Abflüssen.
Teppiche von Thea Kuta bringen Wärme in eine alte Nasszelle.
Teppiche von Thea Kuta bringen Wärme in eine alte Nasszelle.
Hanya Leos Lampenserie L04 macht den Duschraum wohnlich.
Hanya Leos Lampenserie L04 macht den Duschraum wohnlich.

Die feuchte Kachelwelt tat den Objekten gut: Ein Teppich von Thea Kuta und Grrrr wirkte hier wie ein kostbarer Fund am Strand, eine Leuchte von Hanya Leo wie eine elegant schwebende Qualle. Selten zeigt sich so deutlich, wie stark ein Raum verändert, wie wir ein Objekt sehen.

Ort 2: House of Interiors

Neun Ausstellungen unter einem Dach – vier davon haben es in meine Auswahl geschafft.

Out of Series: Nils Nova x Iria Degen Interiors

Iria Degen Interiors steht für Design, das flüstert statt schreit: einfache Formen, zurückhaltende Farben. Dass daraus zwölf laute Einzelstücke wurden, verdankt das Studio dem Künstler Nils Nova. Für «Form, Farbe, Unikat» produzierte das Studio einen Couchtisch aus der IDI Collection in einer eigens entwickelten Zwischengrösse und überliess ihn dem Künstler. Er legte seine Kunst wie ein Kleid darüber. Zwölf Stück, jedes nummeriert und von beiden signiert.

12 Unikate von Iria Degen Interiors und Nils Nova.
12 Unikate von Iria Degen Interiors und Nils Nova.
Der Tischfuss sieht von Weitem aus wie Messing, ist aber lackiertes MDF.
Der Tischfuss sieht von Weitem aus wie Messing, ist aber lackiertes MDF.
Dunkler Rand oder Schatten? Der Lack täuscht das Auge.
Dunkler Rand oder Schatten? Der Lack täuscht das Auge.

Jeder MDF-Holz-Korpus wird zuerst grundiert und gespachtelt, dann von Hand geschliffen, bis alle gleich geformt sind. «Es ist beeindruckend, dass er weiss, wie viel weg muss, damit alle gleich werden», sagt Livio Brescancin, Member of the Executive Board bei Iria Degen Interiors. «Lack verzeiht dir nämlich keine Unebenheit.» Erst dann kommt die Farbe – gespritzt in der Kabine wie Autolack, aufgetragen ohne Handschuhe.

Das Resultat spielt mit dem Auge: Was wie ein Schatten aussieht, ist Farbe. Was von Weitem wie ein Messingfuss glänzt, ist lackiertes MDF. Ein Video vor Ort zeigte jeden Schritt von der Werkstatt bis zum fertigen Möbel.

Out of Waste: Enga x Iria Degen Interiors

Der Ausgangspunkt dieser Kooperation ist herrlich unglamourös: ein Abfallkübel. Genauer gesagt der Wunsch nach einem, der schön genug fürs Wohnzimmer ist. «Wir suchen schon länger nach schönen Abfallkübeln für unsere Inneneinrichtungsprojekte», sagt Carla Biasotto, Product und Interior Designerin bei Iria Degen Interiors.

Die Form stammt von botanischen Aufnahmen: Blüten, übersetzt in eine ruhige, filigrane Silhouette. «Wir haben unsere eigenen Blumen ausgewählt und damit die Formensprache entwickelt», so Biasotto. Enga setzte die Idee dann um: 3D-Druck aus recyceltem Polypropylen, kombiniert mit Holz- und Flachsfasern, ebenfalls ein Abfallprodukt aus der Holzproduktion. Daraus entstand ein Faserverbundmaterial, das sich nicht nach Plastik anfühlt.

Die Form stammt von botanischen Aufnahmen.
Die Form stammt von botanischen Aufnahmen.
Recyceltes Polypropylen kombiniert mit Holz und Flachsfasern.
Recyceltes Polypropylen kombiniert mit Holz und Flachsfasern.
Doppelwandig, weil sich das Material nicht auswaschen lässt.
Doppelwandig, weil sich das Material nicht auswaschen lässt.

Genau darin lag die Challenge. «Wir wollten vom cheapen Plastik-Look wegkommen», erklärt Biasotto. Oft wird Recyceltes nämlich mit günstig gleichgesetzt. Weil sich dieses Material nicht auswaschen lässt, entwarf das Team den Kübel doppelwandig. Zu sehen war in der Ausstellung ein Zwischenstand, weitergehen soll es unter anderem Richtung Zerlegbarkeit. Das machte den Besuch spannend: jeder Schritt von der ersten Skizze bis zum Objekt, offen ausgelegt.

Out of Tradition: Where the Hand Remembers

Die Myriem Himmich Gallery aus Casablanca war erstmals an den ZDW dabei und zeigte eine Ausstellung zu Laila Fadaouis Teppichlabel Mrirt. Ihre Arbeiten aus Wolle, Leder und Papier hängen an der Wand statt auf dem Boden: Der marokkanische Teppich verlässt sein Terrain und wird zur textilen Skulptur.

Handgeknüpfte Wandarbeit aus Wolle und Leder von Laila Fadaoui.
Handgeknüpfte Wandarbeit aus Wolle und Leder von Laila Fadaoui.
Aus Leder geformt: die Blüte als plastisches Element im Wollgrund.
Aus Leder geformt: die Blüte als plastisches Element im Wollgrund.
Die Blüte begann als instinktive Zeichnung und wurde zum Leitmotiv.
Die Blüte begann als instinktive Zeichnung und wurde zum Leitmotiv.

Die Knüpftechnik ist die eines klassischen marokkanischen Teppichs – nur bleibt das Ergebnis nicht am Boden liegen, es hängt an der Wand. Handwerkerinnen aus M'rirt im Mittleren Atlas geben dieses Wissen seit Generationen weiter: ein Können, das nicht in Handbüchern steht, sondern in Rhythmus und Handgriffen lebt. Am liebsten berührst du hier alles zuerst, bevor es an die Wand kommt.

Out of Time: Objects of Desire von Nilufar

Nina Yashar hat mit der Mailänder Galerie Nilufar eine der wichtigsten Adressen für Collectible Design aufgebaut. Für Zürich kuratierte sie persönlich eine Auswahl, in der historische Designikonen direkt neben zeitgenössischen Arbeiten stehen: skulpturale Steinformen, glänzendes Metall, zarte Glasarbeiten. Das ist die hochpreisige Ecke des Festivals, aber auch ein gutes Argument dafür, dass gutes Material über Jahrzehnte trägt.

Runde Polsterformen treffen auf einen goldglänzenden Schrank und einen geflochtenen Spiegel.
Runde Polsterformen treffen auf einen goldglänzenden Schrank und einen geflochtenen Spiegel.
Skulpturale Beistelltische aus Stein, dazu ein Lichtstab als Farbakzent.
Skulpturale Beistelltische aus Stein, dazu ein Lichtstab als Farbakzent.
Kleine Glasarbeiten an der Wand, schwere Steinformen am Boden.
Kleine Glasarbeiten an der Wand, schwere Steinformen am Boden.
Oliv, Ocker, Senf: Farbe wird hier zum Möbelkonzept.
Oliv, Ocker, Senf: Farbe wird hier zum Möbelkonzept.
Sieht aus wie eine Formation aus der Tiefsee, ist aber in Bronze gegossenes Wachs: Ceracqua von Tipstudio.
Sieht aus wie eine Formation aus der Tiefsee, ist aber in Bronze gegossenes Wachs: Ceracqua von Tipstudio.

Ort 3: Die Quellenstrasse 27 im Kreis 5

Out of Context: Raw Senses zeigt Selling Sunset

Ein Haus, das über Jahrzehnte Kreative beherbergte und bald saniert wird: Das Zürcher Kuratorenkollektiv Raw Senses nutzte diesen Zwischenzustand für ein Experiment. Hinter der Plattform für zeitgenössisches Design stehen Fabio Hendry, Giovanna Lisignoli, Sarah Quan und Sebastian Vargas.

Kulturschaffende aus Design, Kunst, Journalismus und Kuratorik wurden zu «Temporary Residents». Sie zeigten nicht, was sie geschaffen haben, sondern liehen ein Designobjekt aus ihrem eigenen Zuhause aus: etwas, das sie ausgewählt, behalten und benutzt haben. Genau hier wurde Design nahbar – keine Neuheiten, sondern gelebte und geliehene Objekte.

Geliehene Lieblingsobjekte aus den Wohnungen von Kulturschaffenden.
Geliehene Lieblingsobjekte aus den Wohnungen von Kulturschaffenden.
Ein Wassily-Sessel auf pinkem Teppich: So sieht ein bespielter Quadratmeter aus.
Ein Wassily-Sessel auf pinkem Teppich: So sieht ein bespielter Quadratmeter aus.
Kim Pham überträgt ein Foto mittels Jacquard-Technik auf Stoff.
Kim Pham überträgt ein Foto mittels Jacquard-Technik auf Stoff.
Yael Anders' Gefässe aus 3D-gedrucktem Aluminium haben die Form von Gletschertöpfen.
Yael Anders' Gefässe aus 3D-gedrucktem Aluminium haben die Form von Gletschertöpfen.
Kleine Objekte auf dem Boden: Jeder Quadratmeter wurde anders bespielt.
Kleine Objekte auf dem Boden: Jeder Quadratmeter wurde anders bespielt.

Auch das Publikum durfte ran, allerdings zu einem Preis. Wer als Guest mitmachen wollte, füllte vorab online einen Fragebogen aus und zahlte eine Gebühr von 199 Franken, unabhängig davon, wie viele Quadratmeter er beanspruchte. Der Ausstellungsbesuch selbst war gratis. Insgesamt standen 325 Quadratmeter zur Verfügung, aufgeteilt in Einheiten von je einem Quadratmeter. Was darauf passierte, entschied jede Person selbst: zeigen, machen, verkaufen, auftreten, sich treffen – die Bandbreite war bewusst offen.

Auf zwei dieser Flächen liess sich das gut beobachten. Kim Pham nahm nur drei Quadratmeter und zeigte eine Baumwolldecke: eine ihrer Fotografien, per Jacquard-Technik in Textil übersetzt. Die blauen Farbverläufe wirkten wie eingefangenes Licht. Auf einer anderen Fläche schimmerten die Gefässe von Yael Anders, als hätte sie jemand aus einem Gletscherbach gefischt: 3D-gedrucktes Aluminium in der Form von Gletschertöpfen. Was Wasser über Jahrtausende ausgewaschen hat, erfasst Anders digital und giesst es in Metall.

Ob stillgelegte Dusche, Galerienluft im House of Interiors oder ein Quadratmeter im Rohbau: Die Zurich Design Weeks 2026 haben gezeigt, dass «Out Of…» kein Konzept-Gag ist, sondern ziemlich genau beschreibt, wo gutes Design gerade entsteht: nämlich dort, wo etwas seinen angestammten Platz verlässt.

Die nächste Ausgabe findet im September 2027 statt. Alle Projekte der diesjährigen Ausgabe lassen sich rückblickend auf designweeks.ch einsehen.

Titelbild: Pia Seidel

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Mit der Begeisterung eines Cheerleaders feiere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratiere ich einfache, aber raffinierte Interior-Entdeckungen, spüre Trends auf und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit. 


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Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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