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Pia Seidel
Hintergrund

Du dachtest, die Baustelle vor deiner Tür nervt. Dieser Designer freut sich drüber

Pia Seidel
10.9.2026
Bilder: Pia Seidel

Thomas Legler denkt bei Baustellen nicht an Lärm oder Absperrband, sondern an Material. Der Architekt und Keramiker sammelt Lehm, den sonst Bagger aus dem Boden holen, und macht daraus Einzelstücke, die genau den Ort festhalten, aus dem sie kommen. Ein Gespräch über Zürcher Erde, Cargobike-Logistik und warum ein Fund im eigenen Garten genauso viel wert sein kann wie einer von der Baustelle.

In Thomas Leglers Studio in Wipkingen stehen sie in einer Reihe: kleine gebrannte Plättchen, jedes beschriftet mit einem Strassennamen. Josefstrasse. Fellenbergstrasse. Hegianwandweg. Keines sieht aus wie das andere: beige, rostrot, fast schwarz, ein warmes Orange neben einem kühlen Grau. Es ist das Archiv von 31 Zürcher Erden. Wer nicht weiss, was er anschaut, denkt vielleicht an Farbmuster. Wer es weiss, sieht eine Sammlung von Orten.

Legler hat Architektur studiert und danach zehn Jahre als Architekt gearbeitet – in Belgien, in Italien, schliesslich in Zürich. Seit einiger Zeit macht er für sein Studio Arché nur noch das: Erde sammeln, testen, brennen, formen. Die Begriffe Erde und Lehm verwendet er dabei gleichbedeutend – gemeint ist immer dasselbe Rohmaterial, das er direkt aus dem Boden holt. Die Architektur hat er dabei nicht wirklich verlassen.

Wie bist du zur Idee gekommen, Baustellenerde zu verarbeiten?
Thomas Legler: Als Architekt stand ich eines Tages auf einer Baustelle am Uetliberg. Zu viel Lehm im Boden – das ist ein Problem, denn dann brauchst du Pfähle, die 20 Meter tief gehen, um den Hang zu befestigen. Ich nahm den Lehm in die Hand und dachte: Das ist ja fast genau dasselbe Material, das ich im Laden kaufe, um Keramik zu machen. Bewusst geworden ist mir das aber erst an diesem Tag.

Thomas Legler in seinem Studio in Wipkingen.
Thomas Legler in seinem Studio in Wipkingen.
Beistelltische aus Zürcher Baustellenerde an der Ausstellung Layers of Memory in der Galerie Loop.
Beistelltische aus Zürcher Baustellenerde an der Ausstellung Layers of Memory in der Galerie Loop.

Und wie kamst du überhaupt zur Keramik?
Im Studium bin ich mit Francis Kéré nach Burkina Faso gereist. Wir haben dort gebaut, mit Lehm direkt aus dem Boden: Backsteine, Wände, alles – und meine erste Vase habe ich dort gemacht. Meinen ersten richtigen Keramikkurs habe ich dann in Italien besucht. Am Uetliberg sind diese zwei Fäden zusammengekommen.

Du hast 31 verschiedene Erden aus Zürich gesammelt. Was passiert, wenn du eine neue Erde zum ersten Mal in den Händen hältst?
Zuerst schaue ich sie mir genau an. Dann mache ich eine flache Platte, lasse sie trocknen und brenne sie zweimal: einmal ohne Glasur, einmal mit einer transparenten. So werden alle Materialien sichtbar, die im Lehm stecken. Einmal hatte ich eine Erde, die vor dem Brand hellgrün war. Sie enthielt so viel Eisenoxid, dass ich daraus eine schwarze Glasur für einen Beistelltisch machen konnte.

Oberflächendetail: Jedes Stück trägt die Farbe und Textur seiner Herkunft.
Oberflächendetail: Jedes Stück trägt die Farbe und Textur seiner Herkunft.

Du veränderst das Material dabei nicht?
Ich könnte die Plastizität erhöhen oder Zusätze beimischen, aber dann wäre es nicht mehr diese Erde. Das Archiv wäre dann kein Archiv mehr. Diese 31 Plättchen hier sind unberührt.

Ich will die Erde nicht verändern. Das ist wirklich das Archiv des Zürcher Bodens.
Thomas Legler
Kugeln aus verschiedenen Zürcher Erden: jede Farbe entspricht einem anderen Fundort.
Kugeln aus verschiedenen Zürcher Erden: jede Farbe entspricht einem anderen Fundort.
Keramikplättchen mit Aufschrift «Uetliberg»: Ausgangspunkt und Archivstück zugleich.
Keramikplättchen mit Aufschrift «Uetliberg»: Ausgangspunkt und Archivstück zugleich.

Das heisst, du weisst am Anfang nicht, was du am Ende haben wirst.
Genau. Wenn jemand zu mir kommt und eine Terracotta-Vase möchte, kann ich das nicht versprechen. Manche Erden verhalten sich schlecht auf der Drehscheibe, haben aber eine fantastische Glasurfarbe. Bei anderen ist es umgekehrt. Das Material bestimmt die Form, nicht ich.

Roher Lehm, beschriftet mit dem Strassennamen seines Fundorts.
Roher Lehm, beschriftet mit dem Strassennamen seines Fundorts.
Derselbe Lehm nach dem Trocknen: glatte Oberfläche, veränderte Farbe.
Derselbe Lehm nach dem Trocknen: glatte Oberfläche, veränderte Farbe.

Auf deiner Website gibst du für jedes Stück die GPS-Koordinaten der Baustelle an.
Was du kaufst, ist kein Stück aus Laden-Lehm. Es ist ein Stück der Stadt. Und wenn die Baustelle geschlossen ist, ist das Material weg. Die Kronenstrasse gibt es genau einmal. Die Josefstrasse auch. Deswegen sind alle Stücke Einzelstücke. Nicht als Versprechen, sondern weil es nicht anders geht.

Die Kronenstrasse gibt's genau einmal.
So beschriftet Legler seine Stücke im Original: 47° 22′ 25.129″ N 8° 29′ 55.445″ E, Fellenbergstrasse, 1240 °C – 36 × 36 cm.
So beschriftet Legler seine Stücke im Original: 47° 22′ 25.129″ N 8° 29′ 55.445″ E, Fellenbergstrasse, 1240 °C – 36 × 36 cm.

Oft denke ich, Baustellen dauern ewig. Du siehst das anders.
Als Sammler weiss ich: Die Erde ist schneller weg, als du denkst. Ich stoppe mit dem Cargobike, erkläre kurz, was ich mache – die Bauarbeiter lachen meistens – und bitte um eine Probe. Taugt sie, muss ich schnell zurück. Was wir von aussen sehen, diese endlose Absperrung, ist nur die Oberfläche. Darunter verschwinden die Schichten, bevor du es merkst.

Am Anfang warst du auf den Baustellen nicht gerade willkommen.
Nein, eher nicht. Aber das hat sich langsam geändert. Das Büro Pool Architektur hat mich für die Ausstellung «Layers of Memory» direkt auf die Baustelle geholt – mit Helm, alles korrekt. Sie haben mit dem Bagger die Erde direkt zum Auto bewegt. Kein Cargobike, keine kleinen Proben. Das war schön.

Feuchter Lehm vom Uetliberg, abgefüllt in Glas und beschriftet: der Ausgangspunkt jedes Stücks.
Feuchter Lehm vom Uetliberg, abgefüllt in Glas und beschriftet: der Ausgangspunkt jedes Stücks.

Hattest du vor dem Material schon eine Vorstellung vom Objekt, oder hat die Erde die Form bestimmt?
Ich teste zuerst, dann zeichne ich und entwickle daraus die Form. Eigentlich ist das gar nicht so verschieden von der Architektur – auch dort entwickelst du eine Idee, testest sie und arbeitest sie weiter aus. Nur dass es hier mit den Händen passiert und die Erde selbst den Rahmen vorgibt.

Ich zeichne zuerst, aber wirklich verstehen, was ich machen kann, das kommt von der Erde.
Thomas Legler

Was rätst du jemandem, der zu Hause oder im Garten zufällig auf Lehm stösst?
Einfach ausprobieren. Ich habe selbst Lehm bei mir zu Hause gefunden, den ich seither verwende. Und einem Freund in Italien habe ich aus seinem Fund eine Schale für seine Mutter gemacht. Wichtig: erst einweichen, dann trocknen und eine kleine, flache Probeplatte formen. Beim Brennen zeigt sich, ob und wofür sich die Erde eignet.

Am Ende ist das wirklich das Material, auf dem dein Gebäude steht und auf dem dein Leben weitergeht.
Thomas Legler
Fertige Schalen aus verschiedenen Zürcher Erden.
Fertige Schalen aus verschiedenen Zürcher Erden.
Blick ins Studio: Zeichnungen und Rohmaterial nebeneinander.
Blick ins Studio: Zeichnungen und Rohmaterial nebeneinander.

Wie setzt du Preise für Stücke, in die so viel Arbeit geflossen ist?
Beim Verkauf von Kunst und Design funktioniert das nicht im Stundentakt. Jedes Stück trägt den gesamten Prozess in sich – das Sammeln, das Testen, das Kennenlernen einer Erde, die es so nie wieder geben wird. Das lässt sich nicht in eine herkömmliche Kalkulation übersetzen.

Vermisst du die Architektur?
Ja, mit Studium und Arbeit war ich insgesamt 16 Jahre in der Branche. Aber ich vermisse nicht die Arbeit am Computer – ich vermisse das Entwickeln. Eine Idee entwickeln, testen, weiter ausarbeiten. Das mache ich noch immer, nur das Material hat sich geändert.

Keramikstück, gebrannt bei 1040 Grad: eines von Leglers 31 Archivstücken.
Keramikstück, gebrannt bei 1040 Grad: eines von Leglers 31 Archivstücken.
Titelbild: Pia Seidel

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Mit der Begeisterung eines Cheerleaders feiere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratiere ich einfache, aber raffinierte Interior-Entdeckungen, spüre Trends auf und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit. 


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Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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