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HintergrundFamilie

Anleitung für getrennte Eltern

Thomas Meyer
Thomas Meyer
Zürich, am 01.02.2022

Trennungen sind immer ein einschneidender Prozess. Mit Kindern gestaltet er sich erst recht herausfordernd: Die Beziehung endet nicht, sondern erhält eine neue Form. Wie du diesen psychologischen Extremfall konstruktiv bewältigst, erfährst du hier.

Kinderlose Paare, die sich trennen, haben es gut: Sie können sich voneinander abwenden und brauchen nie wieder ein Wort zu wechseln. Eltern hingegen geniessen diesen Luxus nicht. Sie bleiben über ihre Kinder eng miteinander verbunden und müssen diesen zuliebe einen vernünftigen, respektvollen Umgang pflegen. Leicht gesagt, wo es doch meist genau daran gehapert hat und man nach der Trennung erst mal nur seine Ruhe haben möchte.

Welche Fallen drohen in dieser Situation? Wie vermeidet man sie, und was tun, falls man dennoch hineintappt? Lies hier acht Anregungen, gründend auf zehn Jahren Erfahrung als getrennter Vater.

1. Wissen, wann genug ist

Die Frage, wann die Zeit gekommen sei, eine Beziehung zu beenden, ist eigentlich ganz leicht zu beantworten. «Eigentlich», weil wir zwar alle über eine gute Intuition verfügen und genau wissen, was Sache ist, Ehrlichkeit aber auch immer Konsequenzen hat. Wenn du dir eingestehst, dass du dich in deiner Partnerschaft nicht in ausreichendem Mass geliebt, verstanden und respektiert fühlst, fordert dich das zum sofortigen Handeln auf: Du musst die Trennung aussprechen, dein Umfeld davon in Kenntnis setzen, Kummer ertragen, je nachdem eine neue Wohnung suchen, die Scheidung einreichen, finanzielle Einbussen hinnehmen und dich mit Tinder herumschlagen – lauter unerfreuliche Aussichten. Man kann es verstehen, wenn Menschen davor zurückschrecken und sich ihre inkompatible Beziehung schönreden.

Ist aber die Vermeidung einer wohl schwierigen, aber letztlich kurzen Phase der Umwälzung durch eine Trennung es wirklich wert, sich selbst und seine Kinder auf Jahre hinaus seelisch zu zerrütten durch eine Atmosphäre, die immer wieder von Unaufrichtigkeit, Stress und Frustration geprägt ist?

Du weisst, wann genug ist. Und so beschissen eine Trennung auch sein kann – es ist um Welten beschissener, ein Leben zu führen, indem du unter Qualen etwas aushältst, das dir nicht guttut, weil es nicht mehr zu dir passt.

2. Die Trennung richtig verstehen

Das Unangenehmste an einer Trennung besteht darin, wie wir sie wahrnehmen. Wenn wir uns in jemanden verlieben, setzen wir diesen Hormonschub mit maximaler Kompatibilität gleich sowie mit einer Garantie, dass diese Empfindung ein Leben lang anhalten und all unsere künftigen Schwierigkeiten beseitigen werde. Es ist daher nur logisch, wenn wir auf eine Trennung enttäuscht, wütend und verletzt reagieren. Sie ist das exakte Gegenteil dessen, was wir uns erhofft und von unserer Partnerin oder unserem Partner erwartet haben. Wir fühlen uns ungerecht behandelt, sehen uns als unschuldiges Opfer und den einst geliebten Menschen nur noch als skrupellosen Täter – eine Sichtweise, in der uns unser Umfeld zu allem Übel meist auch noch bestärkt.

Eine Trennung ist jedoch nichts anderes als die simple Erkenntnis, dass unser:e Partner:in entgegen unserer ursprünglichen Überzeugung nicht gut genug zu uns passt. Dafür kann niemand was. Es ist weder der Firma Canon noch der Firma Nikon anzulasten, dass das Canon-Objektiv nicht auf die Nikon-Kamera passt. Die beiden sind einfach nicht füreinander gemacht und gehen nur kaputt, wenn man mit Gewalt versucht, sie zusammenzufügen (oder, David Lee?).

Es ist von grosser Wichtigkeit, dass du eure Trennung richtig verstehst. Sie ist nichts, was du deiner Partnerin oder deinem Partner antust, und nichts, was dir angetan wird, sondern ein notwendiger Entwicklungsschritt, der euch beide an einen besseren Ort führen wird.

3. Das Paradoxon umarmen

Getrennte Eltern sind einerseits Getrennte, die Gefühle von Verletzung, Trauer und Wut in sich tragen, andererseits sind sie Eltern, die den Alltag aufrechterhalten müssen. Das eine scheint das andere zu verunmöglichen: Wie soll man mit jemandem normal umgehen, den man zum Mond schiessen möchte? Und wohin mit all den Emotionen, wenn die Kinderbetreuung diesen kaum Platz lässt?

Umarme dieses Paradoxon. Es ist nicht dein Feind, sondern Teil deines neuen Lebens als getrennter Elternteil, und es hält eine ganze Reihe von wertvollen Lektionen für dich bereit:

  1. Du lernst, wie du deine Gedanken und Emotionen kontrollieren kannst (dazu gleich mehr). 2.Du lernst, wie du konstruktiv kommunizierst (dazu gleich mehr).
  2. Du lernst, Widersprüche auszuhalten.
  3. Du lernst, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
  4. Du lernst, dich auf eigene Beine zu stellen und Verantwortung zu übernehmen für deine Zufriedenheit – finanziell, emotional und sozial.

Natürlich steht es dir frei, diese Lektionen auszuschlagen und stattdessen in Groll und Selbstmitleid zu versinken. Du kannst deinen Expartner dämonisieren, zum Schuldigen für alles erklären, was in deinem Lieben schiefläuft, und bis zum Ende deiner Tage vor dich hinschmollen. Es gibt nicht wenige, die das genauso machen. Unter dieser Entscheidung – und es ist eine Entscheidung – leiden jedoch nebst dir dein:e Expartner:in, eure Kinder und später eure neuen Partner:innen. Versuch also, der Verlockung deines verletzten Stolzes zu widerstehen.

Ein prima Foto, um den Widerspruch getrennter Eltern zu illustrieren: getrennte Herzen, auf immer verbunden.
Ein prima Foto, um den Widerspruch getrennter Eltern zu illustrieren: getrennte Herzen, auf immer verbunden.
Foto: Kelly Sikkema

4. Die Gedanken domestizieren

Die Emotionen, die durch eine Trennung entstehen, sind heftig und wild und sogar körperlich zu spüren, und es ist nur normal, wenn dein Verstand sich mit aller Kraft gegen sie wehrt und ständig »Warum!« und »Aber!« ruft. Es hilft dir aber nichts, wenn du deine neue Lebenssituation sezierst und beklagst, denn erstens macht das die Trennung nicht rückgängig, und zweitens geht es bei diesem Protest nur darum, schwierige Gefühle von sich fernzuhalten.

Was sich jedoch an einer Trennung schlecht anfühlt, ist nicht die Trennung selbst. Die macht einfach traurig. Was sich so schlecht anfühlt, ist der mentale Widerstand, den wir ausüben, um keine Trauer zu fühlen. Sobald du also merkst, dass du dich gedanklich nur noch mit der Trennung beschäftigst und den vielen Möglichkeiten, wie sie hätte vermieden werden können, sag laut «Stopp!» – so oft, bis du dich besserfühlst. Oder überhaupt wieder fühlst.

5. Die Emotionen feiern

Es gibt einen schönen Begriff auf Englisch: «to bottle up emotions». Die deutsche Entsprechung wäre wohl «einkapseln». Genau so gehen wir mit unangenehmen Gefühlen üblicherweise um: gar nicht. Wir wollen «drüberstehen» und «weitergehen». Und tun dann so, als wäre alles in bester Ordnung, als hätten wir alles im Griff. Nach einer Trennung ist aber überhaupt nichts in Ordnung.

Lass die ganze Trauer und die ganze Wut aus dir raus, aber richte sie nicht gegen deine:n Expartner:in, das ist die falsche Adresse, zumal er oder sie mit eigenen Gefühlen beschäftigt ist. Steig stattdessen ins Auto, da lässt es sich prima herumschimpfen (am besten, nachdem du es irgendwo parkiert hast). Schimpf so lange, bis dir nichts mehr einfällt, weine so viel, bis es aufhört, und fahr wieder nach Hause. Geh tanzen, rennen, klettern oder in den Schiesskeller. Wiederhole die Prozedur, bis du dich besserfühlst.

Durch eine Trennung kommen immer auch alte, nicht restlos bewältigte Gefühle wieder an die Oberfläche und vermischen sich mit den aktuellen. Nutze die Gelegenheit zum emotionalen Grossputz, idealerweise unterstützt durch eine Fachperson, und frag dich, wann du dich schon mal so traurig, wütend, verletzt, hilflos oder ängstlich gefühlt hast. Die Reise in deine Gefühlsvergangenheit wird dich über diese, die letzte und weitere Trennungen in deine Kindheit führen – dorthin, wo die meisten unbewältigten Gefühle schlummern. Steig abermals ins Auto und sag deinen Eltern, was du ihnen schon immer mal sagen wolltest.

6. Kommuniziere ausschliesslich konstruktiv

Vorwürfe sind nichts anderes als unglücklich vorgetragene Bedürfnisse. Das hat schon während der Beziehung nicht funktioniert und funktioniert danach erst recht nicht. Es gibt jetzt nichts mehr zu besprechen, das euch als Paar betrifft, denn ihr seid keines mehr. Falls du unbedingt noch etwas loswerden willst, schreibe deiner bzw. deinem Ex einen Brief, schlaf drüber und schick ihn erst dann ab.

Eine der grössten Fallen der getrennten Elternschaft besteht darin, die bisherige Dynamik weiterzuführen, einfach an zwei verschiedenen Adressen. Redet also strikt nur noch über eure Kinder und deren Betreuung und lenkt eure Emotionen konsequent woandershin (Wald, Auto, Schiesskeller, Therapeut:in).

7. Ein Kind hat vier Eltern

Es gibt in der Psychologie den Begriff der emotionalen Brücke, auf der das Kind zwischen den Eltern wandelt. Es spielt dabei keine Rolle, ob die Eltern ein Paar oder getrennt sind – wichtig ist, was sie zur Stabilität der Brücke beitragen. Man kann auch sagen: Ein Kind hat vier Eltern – Mutter, Vater, das Bild, das die Mutter vom Vater hat, und das Bild, das der Vater von der Mutter hat. Und es muss sich bei allen sicher fühlen.

Die emotionale Brücke wird gestärkt durch Vertrauen, Wertschätzung, Toleranz und Kooperationsbereitschaft, während sie durch Abwertung, Misstrauen, Aggression und Sabotage aller Art geschwächt wird. Das heisst, du kannst das Verhalten deines Expartners oder deiner Expartnerin so doof finden, wie du willst – verschone deine Kinder um jeden Preis damit. Du verstörst und verunsicherst sie damit nur und beschwörst im schlimmsten Fall einen Loyalitätskonflikt herauf, in dem alle nur verlieren.

Eltern geraten immer wieder mal aneinander, getrennte Eltern erst recht. Die Kunst besteht darin, den Kindern zu zeigen, dass Konflikte normal sind, und den Respekt voreinander zu wahren.
Eltern geraten immer wieder mal aneinander, getrennte Eltern erst recht. Die Kunst besteht darin, den Kindern zu zeigen, dass Konflikte normal sind, und den Respekt voreinander zu wahren.
Foto: Maxime Gilbert

Wenn das Verhalten deiner bzw. deines Ex dich verärgert, halte kurz inne und frag dich, warum du so empfindest: Gibt es noch etwas Unausgeprochenes zwischen euch? Hast du Erwartungen, die nicht mehr zu eurer neuen Situation passen? Versuchst du insgeheim, dich in das Leben deiner bzw. deines Ex einzumischen? Weigerst du dich weiterzugehen? Wenn du tatsächlich berechtigten Grund zur Klage hast, richte sie an die Person, die sie betrifft. Rede niemals schlecht über deine:n Expartner:in vor deinen Kindern. Sag lieber nichts und geh in den Keller, um dort deine Skiausrüstung zu beleidigen.

Habt stets das Wohl eurer Kinder im Auge, nicht das Wohl eures Egos. Fragt euch: Wäre ich hier das Kind, womit wäre mir jetzt am meisten geholfen? Und womit überhaupt nicht?

8. Zusammenfassung

Es ist schwierig und schmerzhaft, sich zu trennen – vor allem als Eltern. Die Gefühle, die damit verbunden sind, brauchen ihren Raum, aber auch klare Grenzen. Deine Kinder können nichts dafür, dass Ihr euch getrennt habt, und Ihr selbst übrigens auch nicht. Niemand ist schuld, niemand hat versagt, niemand ist böse, niemand ist schlecht. Unterstützt einander, so gut Ihr könnt, und lasst einander ansonsten möglichst in Ruhe. Seid gute Eltern, indem Ihr dafür sorgt, dass die emotionale Brücke immer sicher zu begehen ist – auch wenn es mal windet und stürmt. Nehmt, so oft und so lange wie nötig, externe Hilfe dafür in Anspruch.

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Thomas Meyer
freier Autor

Der Schriftsteller Thomas Meyer wurde 1974 in Zürich geboren. Er arbeitete als Werbetexter, bis 2012 sein erster Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» erschien. Er ist Vater eines Sohnes und hat dadurch immer eine prima Ausrede, um Lego zu kaufen. Mehr von ihm: www.thomasmeyer.ch. 


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