Apple TV Plus: Ist es wirklich so schlecht?

Apple TV Plus: Ist es wirklich so schlecht?

Luca Fontana
Luca Fontana
Zürich, am 18.11.2019
Video: Manuel Wenk
Apples neuer Streamingdienst ist da. Erste Stimmen sprechen vom viel zu kleinen Angebot und einer unübersichtlichen App. Zeit, herauszufinden, was die App wirklich taugt – und wieso Apple überhaupt ins Streaming-Geschäft eingestiegen ist.

Apple TV Plus, Apples hauseigener Streamingdienst, ist seit dem 1. November 2019 auf allen Apple-Geräten verfügbar.

*Apple TV Plus:** Was es kostet und was es zu sehen gibt
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Apple TV Plus: Was es kostet und was es zu sehen gibt

Zusammengefasst: Apple TV Plus ist eine Erweiterung innerhalb der bereits existierenden Apple-TV-App. Die ist auf allen Apple-TV-Boxen, -Smartphones, -Tablets und Macs vorinstalliert, sofern die neueste Version des Betriebssystems darauf läuft. Die App an sich ist gratis. Das Streamen der Inhalte nicht. Für den Kauf von On-Demand-Inhalten zahlst du zwischen 20 und 25 Franken, für die Leihe 7.50 Franken. Anders sieht’s bei Apple-TV-Plus-Inhalten aus – den Apple-Originalen. Für die benötigst du das Apple-TV-Plus-Abo, das 6 Franken pro Monat kostet.

Zum Start hagelte es viel Kritik. Zu wenig Inhalte und zu unkomfortabel die Bedienung der App, so der Konsens. Ich will rausfinden, ob das wirklich stimmt – und versuchen die Frage zu beantworten, warum Apple überhaupt ins Streaming-Geschäft einsteigen will.

Weil: Apple wäre nicht Apple, wenn die nicht genau wüssten, was sie tun.

Erste Schritte: Gar nicht so unübersichtlich, wie alle tun

Das Design ist schlicht: Da sind viele Kacheln auf weissem Hintergrund. Sie zeigen den ganzen Streaming-Katalog, sowohl On-Demand-Inhalte als auch Apple-Originale. Das fanden manche Reviewer Mist, weil die Inhalte nicht klar voneinander unterscheidbar seien. Stimmt aber nicht. Apple-TV-Plus-Inhalte haben in der unteren rechten Ecke der Kachel das Apfel-Logo mit dem Plus. Ähnlich wie das rote «N» bei Netflix, das Netflix Originale vom restlichen Katalog unterscheidet.

Apple Originale haben unten rechts das Apfel-Logo mit Plus. On-Demand-Inhalte nicht.
Apple Originale haben unten rechts das Apfel-Logo mit Plus. On-Demand-Inhalte nicht.

Zudem gibt’s noch den Reiter «Apple-TV+». Mit dem lassen sich ausschliesslich besagte Eigenproduktionen anzeigen. So unübersichtlich ist das nicht.

Der Reiter «Apple TV+» zeigt alle Apple Originale auf einen Blick.
Der Reiter «Apple TV+» zeigt alle Apple Originale auf einen Blick.

Schön: Anders als beispielsweise bei Teleclub zahlst du bei Kauf und Leihe von On-Demand-Inhalten immer den gleichen Preis, unabhängig von Bild- und Tonqualität – auch bei neueren Filmen wie etwa «Spider-Man: Far From Home» oder «John Wick 3». Da gibt’s keinen UHD- oder HDR-Zuschlag. Apple spielt den Inhalt einfach in der bestmöglichen Version ab, die das Wiedergabegerät unterstützt.

Ein Klick auf die Kachel zeigt eine kurze Inhaltsangabe, verfügbare Episoden, wann die nächste Episode erscheint, welche Bild- und Tonqualität verfügbar ist, welche Inhalte auf Apple TV ähnlich sind und welche Schauspieler da überhaupt mitmachen.

Bei allen Filmen und Serien findest du nützliche Infos.
Bei allen Filmen und Serien findest du nützliche Infos.

Ein weiterer Klick auf den Schauspieler führt zu einer Übersicht an verfügbaren Filmen oder Serien, bei denen der Schauspieler ebenfalls mitmacht. Kenne ich so von keinem anderen Streaming-Dienst, ist aber total nützlich, um neue Inhalte zu finden.

So kannst du neue Inhalte bewusster aussuchen.
So kannst du neue Inhalte bewusster aussuchen.

Einverstanden: Bei Netflix kommst du sofort zum nächsten Inhalt. Das ist so gewollt. Binge watching at it’s finest. Apple hingegen setzt auf mehr relevante Informationen zu Inhalt, Cast und Crew, um dir dabei zu helfen, Neues bewusster auszusuchen. Das ist weder richtig noch falsch, sondern einfach anders.

Wie bei Netflix, Prime und Co. lassen sich auch bei Apple Filme oder Serien auf eine Watchlist setzen. Die heisst hier einfach «Als Nächstes». Nicht verwirren lassen. Zudem lassen sich mit einem Klick aufs Wölkchen-Icon einzelne Filme oder Folgen herunterladen. Gut, um unterwegs keine mobilen Daten zu verbrauchen.

Runterladen durch Klick auf die Wolke
Runterladen durch Klick auf die Wolke

Bis jetzt habe ich noch keine «fehlende Komfortfunktionen, die bei der Konkurrenz seit langem üblich sind» – so ein Auszug aus Golems Fazit – entdecken können. Wobei – doch. Etwas: Die Möglichkeit, Profile für unterschiedliche Nutzer zu erstellen. Account Sharing in dem Sinne gibt’s bei Apple nur, wenn du das Abo via Family Sharing mit Nutzern teilst, die im gleichen Haushalt wohnen wie du.

Während dem Gucken: Auch das funktioniert gut

Ich spiele das Apple Original «See» ab. Darin geht’s um Stammeshäuptling Baba Voss (Jason Momoa), der in einer dystopischen Zukunft, in der die ganze Menschheit wegen einem Virus erblindet ist, seinen Stamm vor bösen Hexenverfolgern schützen muss. Denn zwei Kinder sind auf die Welt gekommen, die mit der mystischen Gabe des Sehens gesegnet sind. Götter, sozusagen. In den Augen der Blinden aber Hexen. Sehr spannend gemacht. Mein vorläufiges Fazit nach drei Episoden:

*«See»** ist Apples erste grosse Show – und vielversprechend
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«See» ist Apples erste grosse Show – und vielversprechend

Die Bedienung mit der Fernbedienung auf der Apple-TV-Box ist anfangs etwas fummelig. Wenig Knöpfe. Je nachdem, ob ich ein- oder zweimal kurz drücke, werden unterschiedliche Befehle ausgeführt. An die Empfindlichkeit der Touch-Oberfläche der Fernbedienung muss ich mich auch erstmal gewöhnen. Das braucht eine Weile, bis es sitzt.

Die Apple-Fernbedienung ist minimalistisch, aber funktional.
Die Apple-Fernbedienung ist minimalistisch, aber funktional.

Zum Beispiel: Mit einem seitlichen Druck des Touchpads kann ich 15 Sekunden vor- oder zurückspulen. Wenn ich «Menü» drücke, pausiert das Bild und es erscheint ein «Von Anfang an abspielen»- und ein «Weitere Folgen»-Button, mit dem ich zurück zur Serien-Übersicht gelange. Klicke ich doppelt auf «Menü», gelange ich in die App-Übersicht. Durch Links und Rechts-Streichbewegungen auf dem Touchpad kann ich szenenweise vor- und zurückspulen. Streiche ich von oben nach unten übers Touchpad, lassen sich andere Audio- oder Untertitel-Sprachen einblenden.

Auf der iPad- oder iPhone-App funktioniert das alles noch ein bisschen einfacher, weil ich einfach aufs Bild tippen oder streichen kann. Auch hier also: So weit, so komfortabel.

Die grosse Frage: Wozu das Ganze?

Wirklich Kritik gefallen lassen muss sich Apple TV Plus in Punkto Umfang. Der ist erbärmlich. Acht Serien und ein Dokumentarfilm sind bis jetzt verfügbar. Zum Start vor zwei Wochen gab’s gar nur drei Episoden pro Serie – eine weitere Episode wird jeweils freitags nachgereicht.

So will Apple die anderen Anbieter vom Markt drängen?

Das ist die Frage. Eine mögliche Antwort: Der Computer- und Smartphone-Hersteller aus Kalifornien will seine Konkurrenz gar nicht verdrängen. Nicht in naher Zukunft. Die Entscheidung, ins Streaming-Geschäft einzusteigen, könnte viel mehr der nächste logische Schritt in Apples Bestreben sein, die gesamte Unterhaltungs-Wertschöpfungskette zu kontrollieren: Von der Hardware über die Software bis zu den darauf abgespielten Inhalten.

Ich meine: Apple stellt bereits Hardware her, die mit der eigenen Software betrieben wird. Nun sollen auch die damit abgespielten Inhalte aus Apples «Ökosystem» stammen. Einen Musik-Dienst gibt’s ja schon. Seit kurzem auch einen exklusiven Dienst für Mobile Gaming: Apple Arcade. Da fehlen nur noch Filme und Serien.

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Mit solchen exklusiven Services, die du nur geniessen kannst, wenn du ein Apple-Gerät besitzt, lässt dir Apple fast keine andere Wahl, als selbst dann Apple-Geräte zu behalten, wenn du eigentlich zur Konkurrenz wechseln willst. Du kannst dir zum Beispiel ein Samsung-Handy kaufen – wirst aber das iPhone trotzdem behalten, um weiterhin Apple TV Plus geniessen zu können. Und Apple Arcade. Und Apple Music. Und so weiter.

Oder anders gesagt: Apple TV Plus ist das teuerste Kundenbindungsprogramm, das ich kenne.

Fazit: Wenn Apple den Umfang hochschraubt, dann geil

Die App ist schlicht, dafür übersichtlich. Sowohl auf meinem iPad als auch zuhause auf meinem Fernseher – via Apple-TV-Box – läuft sie geschmeidig wie Seide. Bis auf die Möglichkeit, mehrere Profile mit einem Account zu erstellen, habe ich keine einzige Komfortfunktion vermisst, die ich von anderen Streamingdiensten kennen würde.

Auch die Inhalte überzeugen. Vielleicht nicht wie Gamechanger à la «Breaking Bad» oder «Game of Thrones». Auf Netflix und Prime suche ich allerdings genauso vergeblich nach dem nächsten grossen Ding. Gesehen habe ich bis jetzt «See», «The Morning Show» und «For All Mankind». Letzteres hat mir von der Story her am besten gefallen. «See» hat dafür vom Produktionswert her – Location, Kostüme, Kulissen – den anderen einiges voraus. Das Problem ist also nicht die Qualität der Inhalte, sondern deren Umfang. Der lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: erbärmlich.

Apple TV Plus wird allerdings zumindest anfangs Millionen Nutzer haben. Schliesslich bekommen alle, die sich jetzt ein Apple-Gerät kaufen, Apple TV Plus ein Jahr lang geschenkt. Ein Jahr, in dem Apple beweisen muss, dass sie nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ mit der Konkurrenz mithalten können.

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Luca Fontana
Luca Fontana

Editor, Zürich

Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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