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Michelle Brändle
Hintergrund

Apples genialer Fehler: Warum wir ohne den Newton heute kein iPhone hätten

Mit dem MessagePad – besser bekannt als Newton – wagte Apple einen Schritt in die Zukunft und scheiterte grandios. Was 1993 als technischer Flop galt, legte den entscheidenden Grundstein für das iPhone und die Chips von heute.

Das MessagePad kam 1993 auf den Markt und diente als Notizbuch und Terminkalender mit integriertem Stift. Die neue Gerätegattung von Apple war auch bekannt unter dem Namen Newton – was eigentlich die Bezeichnung des Betriebssystems war. Apple pries das Gerät mit einer innovativen Handschrifterkennung an – und scheiterte kläglich.

Ein Rückblick auf ein Gerät, das seiner Zeit so weit voraus war, dass es darüber stolperte.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie zum 50-jährigen Jubiläum von Apple. Die Übersicht mit allen Beiträgen findest du hier:

  • Hintergrund

    50 Jahre Apple

    von Samuel Buchmann

Gespannt lege ich die Batterien ein…

Der Newton, den ich ausprobiere, ist ein MessagePad 120 aus dem Jahre 1994, dem Nachfolger des ursprünglichen MessagePad. Es sollte in erster Linie die Softwarefehler der Vorgänger ausmerzen.

Das erste, was ich über den Newton erfahre, gefällt mir: ein Gerät mit Stift und Notizfunktion? Ich bin dabei!

Dass ich das Minitablet zur Nutzung nicht erst aufladen muss, sondern vier AA-Batterien einlege, weckt nostalgische Gefühle in mir. Und die vielen Knöpfe und Schieberegler überall finde ich grossartig. Mein persönliches Detail-Highlight: das bunte Apple-Logo. Bringt das bitte zurück! Ich liebe es!

Das Logo in Regenbogen-Optik will ich unbedingt zurück.
Das Logo in Regenbogen-Optik will ich unbedingt zurück.

Zuerst möchte ich die Systeminformationen anpassen, wie das heutige Datum – und verzweifle schier. Beim Gerät ist Juni 1997 eingestellt. Irgendwo versteckt in den Extras finde ich die Einstellung mit der Bezeichnung «Eigentümerinfos». Stelle ich das richtige Datum hier ein, wird es allerdings nicht übernommen – und plötzlich lande ich sogar im Jahr 1992. Weil alles so langsam läuft und ich jedes Mal gleich alle Infos zu mir und dem Datum bearbeiten muss, gebe ich nach dem dritten Versuch auf.

Ich kann das aktuelle Datum nicht einstellen
Ich kann das aktuelle Datum nicht einstellen

In meiner Recherche finde ich heraus: Der Newton hat tatsächlich einen Datums-Bug. Die Software war offenbar nicht darauf ausgelegt, so lange zu funktionieren. Deshalb gibt es ab 2010 einen Glitch, der eine aktuelle Datumseingabe verhindert. Letztes Jahr haben User sogar einen zweiten Datums-Bug festgestellt, der den Newton beim Ändern des Datums ganz aufhängt oder zurücksetzt.

Na dann, reisen wir doch gleich direkt zurück ins Jahr 1993 und schauen uns die damalige Werbung für den Newton an. Sie lässt mich schmunzeln: die Kleider von damals wecken allein schon nostalgische Gefühle – und die organische Verbindung von Technik und Natur gefällt mir. Allerdings muss ich lachen, wenn Apple aus dem Off davon redet, wie natürlich sich das Gerät anfühlt.

Meine ersten Versuche zehren an meiner Geduld

Sobald ich alle Funktionen des Newton im Blick habe, bemerke ich, wie ähnlich der Newton einem E-Ink-Tablet ist: ein digitales Notizbuch, ein Terminkalender, E-Mails verfassen, Kontakte verwalten. Als praktische Extras lassen sich Tabellen erstellen, Rechnungen lösen und Spiele spielen.

Der Newton hat so einige Möglichkeiten.
Der Newton hat so einige Möglichkeiten.

Der grosse Unterschied: die Reaktionszeit des Newton ist noch viel langsamer, als mich das schon bei E-Ink-Tablets nervt. Dafür hält die Batterie wahrscheinlich noch für die nächsten 10 Jahre. Der grosse Batteriebalken wird jedenfalls keinen Millimeter kürzer während meines Tests.

Die eingelegten Batterien halten gefühlt eine Ewigkeit.
Die eingelegten Batterien halten gefühlt eine Ewigkeit.

Ich versuche mich an den Möglichkeiten des Newton und scheitere an den meisten. E-Mails darauf verfassen empfehle ich am allerwenigsten: Ich brauche eine Ewigkeit, weil das Gerät so langsam und unzuverlässig reagiert. So viel Geduld habe ich nicht. Auch die Kontakteverwaltung finde ich extrem umständlich. Jede Eingabe braucht einen Atemzug, bis sie vom Gerät registriert wird.

Bei den Spielen ist es noch schwieriger. Die geladene «Battleship»-Version ist abgelaufen, und ich soll 10 US-Dollar einzahlen, um weiterspielen zu können. Da hat sich zu heute wohl nicht viel geändert. Das Würfelspiel «Yazi» funktioniert zwar, ist aber alles andere als intuitiv. Anleitung ist leider keine installiert und so probiere ich ein paar Minuten herum. Als ich herausfinde, dass ich die Würfel über das Symbol mit dem Stift würfeln kann, kommt das Spiel etwas in Fahrt. Allerdings ist alles sehr minimalistisch animiert und verwirrend dargestellt. Nach 10 Minuten bin ich eher genervt als unterhalten und gebe auf.

Seiner Zeit voraus – und was das mit den Simpsons zu tun hat

Apple bewarb das erste MessagePad 1992 mit einer automatischen Handschrifterkennung. Diese war ein Novum, dementsprechend waren die Erwartungen der Leute hoch. Apple liess sich nicht einschüchtern, auch wenn die ersten Prototypen noch voller Bugs waren: Das Gerät ging 1993 in Serienproduktion mit einem Verkaufspreis von damals stolzen 699 US-Dollar. Inflationsbereinigt sind das heute rund 1500 Dollar oder 1190 Franken.

In meinem Testgerät, dem MessagePad 120, befindet sich die überarbeitete Version 2.0 dieser Handschrifterkennung – die leider immer noch nicht überzeugt. Auch wenn ich extrem schön und leserlich schreibe, macht die Software beim Umwandeln in Druckschrift immer Fehler, und zwar reichlich. So macht das Feature keinen Sinn. Und ich bin mir sicher, das war auch damals einer der Gründe für den Flop des Newton.

Meine Handschrift erkennt das Gerät auch nicht, wenn ich schön schreibe.
Meine Handschrift erkennt das Gerät auch nicht, wenn ich schön schreibe.

Das misslungene Feature hat es damals sogar in eine Folge der Simpsons geschafft. Die Figur Kearney versucht in einer Szene eine Notiz in seinen Newton zu schreiben: «Beat up Martin» (Verprügle Martin). Der Newton macht daraus: «Eat up Martha» (Iss Martha auf). Dieser Witz war so prägend, dass Apple ihn intern als Synonym für schlechte Software verwendete. Er zeigt jedenfalls schön auf, warum das Image des Newton so ruiniert war – auch wenn ich die Erkennung glücklicherweise deaktivieren und einfach meine Handschrift verwenden kann.

Die zweite Neuheit, die in Apples Zukunft eine Rolle spielen sollte, ist der Assistent: Wenn ich schreibe «Abendessen mit Alex am Dienstag», erkennt das System die Wörter, öffnet den Kalender, sucht den nächsten Dienstag und erstellt einen Eintrag. Das ist für das Jahr 1994 fast magisch und gilt als Vorfahre von Apples heutiger KI-Assistenz Siri.

Den Eintrag hat der Assistent automatisch erstellt. Nicht schlecht.
Den Eintrag hat der Assistent automatisch erstellt. Nicht schlecht.

Eine dritte, für Apple prägende Neuheit war die Hardware: Apple brauchte für den Newton einen Prozessor, der leistungsstark, aber möglichst energiesparend war. Zu dieser Zeit gab es nichts Passendes auf dem Markt. So investierte Apple in eine kleine britische Firma namens Acorn Computers – später ARM (Advanced RISC Machines).

Apple verbaute im MessagePad 120 dann den ARM-Prozessor 610 mit 20 MHz. Damit wurde zum ersten Mal eine ARM-CPU in ein mobiles Gerät eingesetzt, ein wichtiger Schritt für das iPhone: Heute basieren nämlich die meisten Smartphones auf der ARM-Architektur.

Für heutige Verhältnisse klingt die restliche Hardware dafür fast wie ein Witz: Das 8 Megabyte grosse ROM enthält das Betriebssystem, und als Hauptspeicher (RAM) reichen 2 MB. Das Display löst gerade einmal mit 240 × 320 Pixeln auf – ohne Farbe und ohne Hintergrundbeleuchtung.

Übrigens liess sich der Speicher damals mit einer PCMCIA-Karte erweitern. Quasi die SD-Karte der 90er in Kreditkartengrösse.

Mit einer PCMCIA-Karte steht mehr Speicher nichts im Weg.
Mit einer PCMCIA-Karte steht mehr Speicher nichts im Weg.

Das Ende des Apple Newton

Der Newton klingt als Idee praktisch und innovativ. Allerdings war er zu wenig ausgereift und fand kaum Anklang. Über alle Modelle verteilt gingen insgesamt lediglich 200 000 Stück über die Ladentheke. 1998 wurde Steve Jobs CEO bei Apple und stampfte die Modellreihe ganz ein.

Jobs verabscheute den Gedanken, einen Stift nutzen zu müssen, wie eines seiner berühmtesten Zitate beweist: «Wer will einen Stift? Man verliert ihn... Gott hat uns zehn Stifte gegeben». Es stammt aus der Keynote zum ersten iPhone, wo er den Stylus öffentlich beerdigte. Wohl deshalb stellte er auch das erste iPad 2010 noch ohne Stift vor – nur mit Touchfunktion.

Zu meinem persönlichen Glück änderte sich das 2015 unter CEO Tim Cook: Dann erblickte nämlich das erste iPad Pro das Licht der Welt – mit einem Apple Pencil.

Wie es mit dem Newton weiterging

Der Newton wurde zwar 1998 eingestellt, bekam aber noch einige Jahre lang Patches dank einer treuen Fangemeinde. Diese nutzten die etwas leistungsfähigeren späteren Modelle noch im Alltag. Das führte sogar dazu, dass der Newton sich mit einem Mac per WLAN verbinden liess, um Kalender- und Kontaktdaten zu synchronisieren.

Kaum vorstellbar, wer sich das angetan hat. Ich habe verzweifelt versucht, einzelne Kontakte im digitalen Adressbuch des Geräts abzuspeichern, ohne das Ding beim 10. Tippfehler an die Wand zu schmeissen.

Früher war nämlich nicht alles besser – aber der Newton war wichtig für die Zukunft. Deshalb schnappe ich mir nun mein iPad Pro und male mit neuer Wertschätzung für den Stift und die flüssige Bedienung mein nächstes Kunstwerk.

Titelbild: Michelle Brändle

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Seit ich einen Stift halten kann, kritzel ich die Welt bunt. Dank iPad kommt auch die digitale Kunst nicht zu kurz. Daher teste ich am liebsten Tablets – für die Grafik und normale. Will ich meine Kreativität mit leichtem Gepäck ausleben, schnappe ich mir die neuesten Smartphones und knippse drauf los. 


Hintergrund

Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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